Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 76 (1935)
- Issue
- Heft 16-17 (17.4.1935)
- Date
- 1935-04-17
- Page
- – (sequence 24)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 4 Nr. 16/17 Israelit 17. April 1935, Leiden ertragen als „Leiden der Liebe". Siewerden sich bewußt, daß, wenn der Körper noch so krank und noch so hilflos sein mag, die reine Seele sich zu G'tt erheben kann, daß das Geistige und G'ttliche im Menschen siegen muß und wird! Deshalb ist es gar nicht zu verwundern, daß am Freitagabend, wenn alle Lichter hell und feierlich in dem kleinen Gebetraum brennen, die Gesichter der Kranken und Siechen mit ihnen tun die Wette leuchten. Und wenn sie gemeinsam ihre Gebete zum Himmel richten, sollten nicht gerade diese Gebete, die aus so reinem und wehen Herzen emporsteigen, besondere Erhörung finden?! Eine jüdische Geschichte.*) Von Oberrabbiner Dr, Jos, Carlebach in Altona. Ein Buch von 230 Seiten, voll Schmiß und Schneid. Glänzend illustriert, herrlich gedruckt, übersichtlich gegliedert, leicht lesbar, immer Span-, nend und interessant. Was könnte ein Autor solcher Begabung, in so glücklicher Einrahmung der jüdischen Welt geben! Wie könnte er für die schwere religiöse jüdische Aufgabe, für die Bereitschaft jüdischen Schicksals aus geschichtlicher Selbsterkenntnis den Menschen Flügel geben, sie begeistern und beschwingen! Aber leider, diesem Ziel will das Buch nicht zum geringsten Teile dienen. Es ist für die Bedürfnisse von Herrn Parvenü am Kurfürstendamm und Frau Oberflächlich in der Prinz- Regentenstraße zurechtgemacht. Es werden spielerisch die großen Fragen der religiösen Erweckungen, mit bibelkritischem Leichtsinn die ernsten religiösen Anliegen Israels behandelt. So heißt es von Moses: „Mose begegnet uns in seiner Jugendzeit als ein Page des ägyptischen Hofes. Kein Diener — ein Höfling mit höfischen Gewohnheiten. Mit höfischen Manieren. Mit höfischer Erziehung. Aegypten ist nicht die rohe Macht, als die es von der Bibel und von der jüdischen Tradition geschildert wird. M i z r a j i m ist für den Juden ein hassenswerter Begriff, und wir können das gut verstehen. Aber wir von heute dürfen nicht vergessen, daß dieses Aegypten etwas ganz anderes gewesen ist. Es ist nicht nur das Land der Fronvögte, der Menschenp einiger, der Arbeiterschinder. Sondern es ist das Land einer hohen Kultur. Das Land der stillen und ruhigen Plastik. Das Land der gigantischen Architektur. Ein Land ungewöhnlicher Kultur in Mathematik und Astronomie, in Technik und Wissenschaft." (S. 18.) ,,Es gibt, so denkt es in Mose, einen Genius dieses Volkes, Einer von ihnen hat einen Bund mit G'tt geschlossen. Dieser Genius wirkt. Er muß sich auswirken, selbst in den Versklavten. Und so glaubt er an dieses Volk. So glaubt er fest, daß dieses Volk nur ein Ziel haben kann: Sinai. G'ttes Volkschaft, G'ttes Gefolgschaft. Das hat das Volk nie begriffen. Welten lagen zwischen dem Volk und dem Führer. Aaron hat ihn nicht verstanden, die Priester haben ihn nicht verstanden, die Aeltesten haben ihn nicht verstanden, das Volk hat ihn nicht verstanden- Mose ist » einsam geblieben mit seinem Gedanken. Er wußte, er hat Sklaven vor sich. Er mußte streng sein. A u s dieser Sorge **)• floß sein unerbittliches und weises Gesetz." (S. 22—23.) Oder über den Talmud: „Das Problem des neuen, nachbiblischen Judentums besteht darin, die wiederentdeckte Thora zur Grundlage des Lebens zu machen. Aber wie? Die Wirtschaft hatte sich seit jener Zeit verändert. Die religiösen Anschauungen hatten sich geändert. Die Sprache war eine andere geworden. Die Erkenntnisse hatten sich gewandelt. Und so entsteht das, was man „die Auslegung" nennt und was bedeutet: den wörtlichen Sinn der Thora bestehen zu lassen und dennoch für die Praxis zu ändrn. Man muß das Grandiose dieses Werkes erkennen, um es zu verstehen: Fiktiv**) wird eine große Autorität angenommen — das ist die Thora. Denn die Gesetze der Gegenwart haben nur dann ihre Geltung und ihre I danke lebendig, der auch schon an manchen Stellen.- Bedeutung, wenn sie auch dieselbe Autorität besitzen der Thöra ausgesprochen wird, und der später zu wie die Thoragesetze. Nun kann man doch nicht das einem typischen jüdischen Gedanken wurde: daß am Ereignis am Sinai wiederholen! Die Zeit der großen Sinai alle Generationen gestanden haben; Auch wir Erlebnisse ist vorbei. Es wird nicht mehr geoffenbart, —bis in alle Zukunft hinein, und solange Juden leben, und es wird nicht-mehr prophezeit. So wird ein Ge- Man verstehe recht: es handelt sich hier um eine Metaphysik der jüdischen Geschichte, die zugleich das autoritative Recht jeder Gegenwart, ihre eigenen Gesetze zu haben, festlegt. Jedes'in einer bestimmten Zeit1 von den autorisierten Trägern des Gesetzes aufgestellte neue Gesetz ist „halacha lemosche misinai", am Sinai dem Mose geöffenbartes Gesetz." (S, 69.) In solcher Weise wird die jüdische Geschichte hier in hingeworfenen Sät- O l zen modern aufgemacht, mit dem Phantom einer freien Religiosität als Tendenz, alles zumeist in weißblauer Sauce serviert. Sie hört auf, Geschichte zu sein, Sie wird Feuilleton, Kino, Kitsch, Der Verfasser schreibt nicht als Rabbiner, als Lehrer, als Forscher; er schreibt als Blender, als Artist, Sportler. Ihm wird man ob seines schriftstellerischen Geschickes, seiner verblüffenden Antithesen zujubeln und mit frenetischem Beifall Applaus klatschen. Wir können es nicht. Wir glauben es der Würde unsres -Standes, der Weihe unsrer Historie schuldig zu sein, solches Literatentum zurückzuxveisen. Die jüdische Geschichte ist. heiliger Boden. Man muß die Schuhe des Alltags ausziehen, wenn man ihn .betritt. Die Donner des Allmächtigen müssen zur Ehrfurcht zwingen in Stil und Wendung, in Selbstzucht und Wahrheitsernst. Besonders, wer sich ans Volk, an das unkritische, an das schlichte, noch immer dem gedruckten Worte gläubige,' wendet, muß gewissenhaft sein in jedem Worte, darf nicht Phantasie statt Forschung, nicht Steine statt Bfbt, nicht Schattenrisse und Theaterfiguren statt geschichtlicher Persönlichkeiten bieten. Solche Bücher sind ähnlich den Propagandareden des Verfassers, von denen ein Parteiführer angesichts des Begeisterungstaumels einer hingerissenen Masse sagte; das ist Kaviar für das Volk! Aber er wußte und bedachte nicht: Kaviar ist trefo. Max Liebermann; "Porträt eines altem Juden (Nach einem Originalbild) tKctu^ Z*j++fi* k^fr ZY? iyS» ptU^-ÜU ^UMT- . ^^a+M^^^f"^ sfitUM DA rf^. y JfatU c^y p«'- /^fa r:r~ Zr-yt tu** <~uC ^WwV , 0KU & **' A*A^r f^** ./ r^U^ U ~*v*i- ^^/W^ W^L J» ^^y, /t*-r Aj^uj.-*»^ W^/xv*v^-a~,~ **-~W &Vu«fa. ^}^u>, Amju <u*y 6j St~s cutsu^S /fav<j~t-r ^UsJ^ ds<~£< yfi ^"rz* V£ ^tV^A-, u*-ls£ Jty«, *-s 1"*-"* Sit ■^(i/u^ Oy >^«£y» c^i?^<fc<^^yr*-tt_. t^C^~if<A W a n n s e e 24 große Seestr. 25. 9. 24. Sehr geehrter Herr! In Beantwortung Ihres Briefes vom 23, 9. theile ich Ihnen mit, daß das _ gen. Pastell 1894 gemalt ist und zwar unmittelbar nach dem Tode meines Vaters. Was Sie über däs Modell zu dem Bilde schreiben, ist richtig; es war ein ebenso frommer wie armer Jude, der die Synagoge meines Großvaters leitete und zwar nicht des Gelderwerbs wegen, sondern aus reiner Frömmigkeit, Aus demselben Grunde betete er auch bei der Leiche meines Vaters. Hierbei lernte ich ihn kennen und als ich ihn ersuchte, mir zu sitzen, sagte er nur zu, um die Existenz der Synagoge zu sichern. Hochachtungsvoll Dr. Max Liebermann Migrasch-Humor. Facsimile und Uebersetzung eines Originalbrieies Max Liebermanns zu seinem Pastell: Porträt eines alten Juden *) Joachim Prinz, Illustrierte jüdische Geschichte. Brandus'sche Verlagsbuchhandlung, Berlin, 1933. **) Von uns gesperr't.- Im Gumpertz'scheia Siechenhause Frankfurt a. M. (Siehe: „Das Märchenschloß" von Rüth Seckbach, S. 3) Ein wohlhabender Jude in Warschau wurde schon vor vielen Jahren von einem Verwandten in Tel Awiw förmlich bestürmt, sich dort ein Grundstück zu erwerben. Der Warschauer hielt von der Sache nichts, ließ sich aber doch schließlich auf das unaufhörliche Drängen des Tel Awiwer Verwandten dazu bewegen, ein paar tausend Zloty in das seiner Ansicht nach völlig aussichtslose Unternehmen zu stecken, Die Zeiten änderten sich rasch. In Palästina und Tel Awiw .eine große Blütezeit auf allen Gebieten, in Warschau wirtschaftlicher Niedergang bis zur völligen Verarmung des Mittelstandes. Man erinnerte sich an den Kauf in Tel Awiw und schrieb an den Verwandten, ob män nicht hinkommen könne, um sich dort auf dem gekauften Platz irgendwie anzubauen. Der Verwandte schrieb zurück, das damals gekaufte Grundstück habe heute den zwanzigfachen Wert, aber für ihn, den Warschauer, sei der Platz wenig geeignet. Er rate daher, das Gelände zu dem höhen Preise zu verkaufen und;für den Erlös ein anderes Grundstück zu erwerben, wie es sich für das von ihm beabsichtigte Unternehmen eigne. Damit war der Warschauer einverstanden, und der Vertrauensmann in Tel Awiw inserierte das Grundstück zum Verkaufe. Inzwischen kam ein betriebsamer Agent aus Tel Awiw nach Warschau, Seine Taschen steckten voller Pläne, Mappen und Karten. Er verkaufte und vermittelte Grundstücke in und um Tel Awiw an polnische Auswanderer. Selbstverständlich fand er auch den Weg zum Helden dieser kleinen Geschichte. Dieser kaufte gern. [; Nach zwei oder drei Monaten war. unser Warschauer mit Familie in Tel Awiw. Wiev überrascht waren sie nun alle zu entdecken, daß' d^r gute Warschauer sein eigenes altes Grundstück nochmals gegen gutes Geld gekauft hätte; Der rühri'ge Agent hätte, nämlich das Inserat gelesen und das Objekt in sein Buch eingetragen.