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Der Israelit · 1935-04-17 · Heft 16-17 (17.4.1935) · page 23

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Journal
Der Israelit
Volume
76 (1935)
Issue
Heft 16-17 (17.4.1935)
Date
1935-04-17
Page
– (sequence 23)
Language
German
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^ß^^^m^^^ 17. April 1935 I s 1 i t Nr. 16/17 Seite 3 rieht mit der Ueberschrift: „Philosophie und Stierkampf." — Wir möchten dabei an das Zitat aus Jesajas erinnern, mit dem Maimonides' „Mischne Thora" schließt: "in irrw «5>i lyr *b „Am Ende der Zeiten werden auch die Tiere nichts übles anrichten und nichts verderben usw." Wäre die Zeit schon da, der gereizte Stier würde das gespannte Publikum gründlich enttäuschen . . . 19 ein Brief unsres unvergeßlichen Martin Feist 5>*st aus Frankfurt a. M. vom 2. 11. 1914. (Er fiel am 7. 2. 1915 in Frankreich.) Der Brief hat folgenden Wortlaut: Im Schützengraben bei Andochy, 2. 11. 14. . . . Ich will in meinem gestrigen Bericht fortfahren. Die Nacht vom Donnerstag auf Freitag verlief wider Erwarten ruhig. Der Freitag selbst brachte uns Unsere Bilder. 1. Wir bringen an erster Stelle ein Bildnis von Rabbi Mosche ben Maimon (Rämbam), wie es von altersher in Kupferstichen und Zeichnungen zu sehen ist. Ob das Bild uns wirklich die Züge des vor 800 Jahren in Cordova geborenen Meisters der Halacha und Philosophie vermittelt, kann nicht mit Sicherheit geasgt werden, da man zu Lebzeiten Rambams die Photokunst noch nicht kannte und Zeichnungen von Menschengesichtern in jüdischem Kreis nicht beliebt waren. Immerhin ist man seit undenklichen Zeiten gewöhnt, Rambam in dieser Gestalt zu sehen. Ueber das Leben und Wirken Maimonides' referieren wir in einem eingehenden Artikel an leitender Stelle. 2. Toledo, in der hebräischen Literatur auch „Tolitulo" genannt, war nicht die Heimat des Maimonides (seine Heimat Cordova verließ er als junges Kind und sah sie nie wieder), aber diese kastilische Residenz war auserkoren, anderen großen jüdischen Meistern Basis ihrer Wirksamkeit zu sein, so Rabbi Jehuda Haie v i, der hier seinen K u s a r i schrieb und seine unvergeßlichen Lieder sang. Die Geschichte der jüdischen Gemeinde in Toledo, bis auf 550 nach der üblichen Zeitrechnung zurückgehend, ist reich an Glück und Tränen. Alfassi verzeichnet blutige. Judenverfolgungen aus dem Jahre 1090 (Responsen Alfassi 217). Auch das 13. und 14. Jahrhundert sah in Toledo viele jüdische Märtyrer. Die Inquisition, die in Toledo 1484 kam, forderte dann ihre Opfer auch in Toledo in reicher Anzahl. In ruhigen Zeiten^ aber schlug das jüdische Leben in der Gemeinde hohe Wellen. Neben Jehuda Halevi ist auch Rabbi Abraham Sohn Esras in Toledo geboren. Samuel Halevi Abulefja, der Führer der Gemeinde im 13. Jahrhundert, erbaute die historisch berühmte Synagoge Del Transito, die später in eine Kirche verwandelt wurde. 1305 kam Rabbi Ascher ben J e c h i e 1 (Rosch), als er nach dem Tode von Rabbi Meier von Rothenburg aus der deutschen Heimat zu flüchten gezwungen war, nach Spanien und ließ sich auf Veranlassung des Rabbi Schlome ben Adereth (Raschbo) in Toledo nieder, wo er das Rabbinat verwaltete und ein großes Lehrhaus gründete. Nach ihm verwalteten Rabbinat und Lehrhaus seine Söhne Rabbi Jehuda und Rabbi Jakob baal Haturim. Nachweislich lebte auch Rabbi J i z c h o k , der Vater von Rabbi Jossef Caro, in Toledo. Die Bilder 2, 3, 4, 5 und 6 zeigen uns das Judenviertel von Toledo, einen Heiligenschrein in der in eine Kirche umgewandelten Synagoge, ferner das Haustor am Palaste des Rabbi Samuel Halevi Abulefja, wie die letzten jüdischen Reliquien in der von ihm errichteten Synagoge, die heute als eine der ältesten Kirchen besichtigt wird, nämlich die hebräische Widmungstafel und die hebräischen Frescen an der heutigen Kirche del Transito. Max Liebermann. Max Liebermann, den wir hier im Bilde zeigen, war als Künstler größer denn als Jude. Von seidem Judesein spricht man nur in Beziehung zum Judenschicksal, das er in den alten Tagen, nach einem Leben höchster .Ehren, zu tragen hatte. Man. würde aber doch dem Künstler Unrecht tun, wollte man die jüdischen Impulse, die zuweilen sein künstlerisches Schaffen befruchteten, ganz übersehen. Abgesehen von dem hier gezeigten Erinnerungsblatt für die Kriegsbriefe gefallener deutscher Juden, sind wir in der Lage, den einzig bekannten jüdischen Kopf aus dem Griffel Liebermanns nach dem in Frankfurter Privatbesitz sich befindenden Original zu reproduzieren. Wie dieses Judenbild entstanden ist, geht aus dem Briefe Liebermanns hervor, den wir zusammen mit dem Bilde in Facsimile bringen. Im Blute dieses großen Künstlers lebten doch Erinnerungen an jüdische Kindheit. Vaters. Grab, Großvaters Synagoge und die ergreifenden Züge ejnes alten Judengesichtes gaben ihm die Inspiration für dieses Meisterwerk. Brief fius dem Felde von Martin Feist In ' den vom R. J. R neu herausgegebenen „Kriegsbriefen gefallener deutscher Juden" (Vortrupp-Verlag), befindet sich auf Seite Max Liebermann etwas Ruhe, und ermattet von den Strapazen, ruhten wir ermüdet in unseren Gräben. Der Schabbos begann, und wieder hieß es, leise sich von einem Schützengraben zum anderen wiederholend: „Tornister packen, alles gefechtsbereit, Seitengewehr aufpflanzen". Ein Gefühl des Schauerns durchzog mich, als Max Liebermann: Erinnerungsblatt für die „Kriegsbriefe gefallener Jaden" ich auf diese Weise den Befehl ermittelte: „Heute nacht Sturm". Stumm lehnte ich mich an die Brüstung des Schützengrabens, scharf nach vorn auslugend, Von wo wir den Feind erwarteten: der volle eben aufgegangene Mond erleichterte die Aufgabe, das hügelige Gelände zu überschauen. Ich sprach mein Maariwgebet, und dann schweiften meine' Gedanken zurück'z_u Euch meine Lieben. Ich sah'Euch vereint um '4«a rSabljatlichen,', Tisch, weihevoll und doch besimchoh sehet Mizvroi aufgehend! ' :; "' Ich. dachte an alle Freunde und Verwandte, an ihn .vor allem, den teuren Freund, mit dem warmen Herzen und glühenden Idealen in der Brust . . . . Fettab von der Heimat traf ihn' die Kugel 'des Feindes und machte seinem jungen Leben ein allzufrühes Ende; nichts blieb mir von ihm zurück als die Erinnerung an die frohen und trüben Tage der Jugend, die wir gemeinsam verbrachten. G'ttes Ratschluß ist unerforschten. Und so zogen stundenlang meine Gedanken. Sie hielten inne, als ich der Entsetzlichkeiten gedacht, die meine Augen geschaut haben. Ihr Zuhausegebliebenen, was könnt Ihr von Glück sagen, daß es Euch erspart blieb, die Schrecken des Krieges zu erfahren . . . Möge auch diese Zeit, so gingen meine Gedanken weiter, reinigend hineinfahren in unsere Frankfurter Gassen, möge man verstehen lernen, daß man bisher zuviel danach gefragt, wer reich, wer arm ist. Weg mit der Anbeterei des Reichtums, entfernen wir diesen Götzen aus unserem Herzen, und unser Frankfurt wird sehen, daß es noch ein Höheres gibt, und das heißt ,,Mensch sein". Möge dieser Moment ein großes Geschlecht finden, möge er uns veranlassen, uns selbst zu erziehen, daß wir nach dem Kriege ein Leben mit neuen Begriffen, neuen Vorstellungen beginnen können. Der Mond verschwand hinter inzwischen düster aufgezogenen Wolken, meine Blicke verfolgten ihn, wie er sich immer wieder durch die Wolken emporzuarbeiten versuchte. Still und schwarz wurde es um mich her, da setzte rechts von mir ein heftiges Gewehrfeuer ein, die Kanonen donnerten, Maschinengewehre ratterten unaufhörlich, der Angriff der Franzosen begann. Der Morgen fand uns als Sieker; aber manch braven Kameraden hatte er das Leben gekostet. Den Samstag verbrachten wir in Ruhe. Ich machte abends Hawdoloh mit altem Kaffee aus meiner Feldflasche, einer alten Petroleumfunzel und Zigarre als Besomim, und sang dann für mich allein die Semiraus. Das Vertrauen zu Hakodausch boruchhu begleitet mich von diesem Schabbos in die Woche hinaus, er wird mich behüten und beschützen, und mit seiner Hilfe werden wir uns gesund wiedersehen . . . Das Marienschloß. Von Ruth Seckbach. Mitten in der Frühlingssonne, umgeben von einem herrlichen Park, in dem jetzt alles grünt und blüht, liegt einsam, abgeschieden von der lärmenden Stadt, ein Haus. Schon von weitem fällt der große, weiße Neubau auf, der einladend durch das saftige Grün der dichtbelaubten Bäume lugt. Ist dort in jener blühenden, von fröhlichem Vogelgezwitscher erfüllten Welt ein Märchenschloß versteckt? Oder ist vielleicht inmitten der üppigen Frühlingsnatur ein schlafendes Dornröschen verborgen? Eine Biegung um die Ecke, und wir stehen vor einem großen eisernen Tor, das uns von jenem Märchenschlosse trennt. Hellgrüne Weidenzweige, die sich wunderhübsch von dem blauen, strahlenden Himmel abheben, beugen sich neugierig über die Steinmauer. Ueberall, wohin das umherspähende Auge auch blickt, herrlich blühende, grünende Natur! Im Park selbst hohe alte Bäume, durch deren dichtbelaubte Wipfel der Frühlingswind sanft streicht. Frieden liegt in der wiedererstehenden Natur! Das Haus selbst liegt inmitten all dieser Pracht behaglich in der Sonne. Verschlafen blinzelt es durch die herabgelassenen Markisen in die singende, klingende Welt hinein. Alles scheint in tiefer Ruhe gebettet zu Hegen. Denn kein Laut wird vernommen, der uns von dem Leben der Bewohner hätte künden können. Fröhlich spiegelt sich die Sonne in blanken, großen Glasfenstern, die die Zierde des Hauses sind. Vielleicht ist es eines von jenen vornehmen Sanatorien, die man sonst so oft in Badeorten findet? Manch neidvoll verlangender Blick wird von Passanten auf das Haus in der Sonne geworfen. Welch glückliche Menschen mögen dort wohl in solcher Schönheit leben! Glück, Reichtum, Zufriedenheit? Ja, all dies herrscht da, wenn auch in ganz eigener Art, wie Ihr es euch gar nicht vorstellen könnt! Laßt mich euch ein bißchen von den Bewohnern und ihrem Leben erzählen. Laßt mich den feinen Ton, das Grundmotiv besingen, das jenes Haus durchtönt und uns einen Gang durch seine hellen, freundlichen Räume zum Erlebnis macht! Denn dies kleine abgeschlossene Reich, das verborgene Märchenschloß im Park — ist mein Heim! Ja, dies Haus ist wahrlich ein Heim des Glückes, des inneren Reichtums und der Zufriedenheit, aber auch — des schweren Leidens. Arme, hilflose und kranke Menschen, die verlassen in der weiten und harten Welt zugrunde gehen würden, haben hier eine Zufluchtsstätte gefunden, und nicht nur das, sondern auch wahrhaft gütige Menschen, die es als ihre Aufgabe betrachten, mit den Heilmitteln der Thora und des G'ttvertrauens ihre Leiden, seien es körperliche oder seelische, erträglich zu machen. Alle, die dort unglücklich und niedergeschlagen landen und vor lauter physischem Schmerze glauben, den Blick nicht mehr heben zu können und zu dürfen, weil sie der Menschheit doch nichts mehr nützen, sie lernen in jenem vonecht jüdischem Geiste erfüllten Hause sich abzufinden mit ihrem Schicksal. Sie lernen, daß sie ihre

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