Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 76 (1935)
- Issue
- Heft 16-17 (17.4.1935)
- Date
- 1935-04-17
- Page
- – (sequence 11)
- Language
- German
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Der Israelit Nummer 16/17 1935 Feuilleton- Beilage Vor dem Fest. Von Fritz Rosenthal«*) In dieses Raumes dämmernder Verschönung Einzig des Tisches glänzender Damast Und in der Vase jener Blütenast Gemahnen an des Festes Krönung. Sie lehren dich die Heimlichkeit der Zimmer, Darin das Fest Schon wie ein' Ahnen liegt: Wie man zum Diadem die Perle fügt, So leuchtet auf der Kerzen lichter Flimmer. Und strahlt dem Fest, dem nähenden, entgegen, Indes der Herrin feingeformte Hände Um sie die mütterliche Weihe legen. Der Abend. deckt den Alltag und die Wände, Auf den Jasmin im Garten fällt der Regen, Der läuternde, und rüstet das Gelände. Flucht in die Heimat« Eine Erzählung aus unseren Tagen. (Fortsetzung.) '" „Herr Wilde möchte, sprechen," riefen welche. „Ich?" erschrak Norbert Wilde. „Es wird Ihnen nichts ausmachen und wir alle werden eine große Freude haben," bat Rabbi Schmuel Karpfenteich. Da stellte sich Herr Norbert Wilde nach einigem Zögern feierlich auf und nahm das Glas in die Hand: . „Ich habe hier eigentlich nichts zu suchen und noch weniger was zu sagen. Da aber hier von einer A. G. gesprochen wurde, so darf ich als Fachmann, vielleicht' doch etwas bemerken. Merkt eine Gesellschaft, daß ihre Aktien faul werden, so versucht sie es, mit der Ausgabe junger Aktien das Unternehmen zu retten. Es scheint, meine Herren, nicht gut zu stehen um die A k t i e n d e r d e u t s c h e n J u d e n - h e i t. Und da Sie mit uns Alten nicht mehr viel anfangen können, so haben Sie es auf die Jugend abgesehen. Möglich, daß die Jung - a k t i e n die Sache noch schmeißen - . -, . Und nun, — Herr Wilde zögerte ein wenig — da ich selberim Besitze einer solchen Jungaktie bin ..." „Baruch, er sei gesegnet!" unterbrachen einige, gut aufgelegt, voller JubeL „Und da' ich nun einmal selber im glücklichen' Besitze vein«r solchen Jungaktie - bin;!' schloß Herr Wilde, „mag sie meinetwegen gesegnet sein und bleiben, so darf ich auf Ihr Wohl das Glas erheben! .■ Aber keiner stieß an, keiner stimmte in das Hoch ein. Sie gingen vielmehr an ihn heran, drückten ihm die Hand und tranken „Lethajim!" Nun war es höchste Zeit; daß sich Norbert Wilde des eigentlichen Zweckes seines Herkom^ mens erinnerte. , Er zog Rabbi Schmuhl in. eine Ecke und zeigte ihm den'' Brief. Ein hebräischer Frief aus der Hauptstadt Brasiliens. ' Rabbi iSchmühl überflog* die barocken Zeilen und' hatte •im Nu die Situation:< erfaßt. Er handelte von James, dem : ältesten Sohne der Wildes.,. Der *) Aus „Die Lieder des ewigen Brunnens". Verlag- R. Löwit,: Wien und Leipzig. ■ dortige Rabbiner schrieb,; daß er sich wohl befinde. Er habe^ sich bis jetzt redlich bemüht, ein ehrlichesf arbeitsames. Leben zu führen, habe es mit allem versucht, als Büroarbeiter, als Händler, sogar als Chauffeur, aber es wollte nicht recht glücken. llNun entschloß er sich, Brasilien zu verlassen und anderswo sein Glück zu versuchen,'^vielleicht in Palästina. Da nun seine Vorräte aufgezehrt waren, verschaffte ihm der Rabbiner die nötigen Mittel. Er aber, James oder Jakob, wie er sich jetzt nannte, be- , schwor ihn, den Rabbiner, es seinem Vater zu melden, der es gewiß nicht dulden werde, daß sein Sohn öffentliche Unterstützung in Anspruch nehme. Es sei ihm freigestellt, den Betrag zurückzuerstatten oder'nicht. Es gäbe viel Not und Armut auch in Brasilien und man könne das Geld brauchen. Das alles freilich nur, weil es sein Sohn unbedingt wünsche ... Er, der Rabbiner, zweifele nicht daran, daß sein Sohn mit seinen großen Fähigkeiten undseinem starken Willen zur ehrlichen Arbeit einer glücklichen Zukunft entgegengehe ... „Sind Siegel und Unterschrift auch echt?" forschte Herr Wilde als erfahrener Kaufmann. Sie wären echt.. Der Name des Rabbiners war Rabbi Schmuhl als der eines vertrauenswürdigen Mannes, wohl bekannt. " Herr Wilde steckte den Brief ein und verabschiedete sich rasch von Rabbi Schmuhl Karpfenteich. Drinnen im Festraume formierte sich ein neuer Reigen mit lauten Gesängen unter Anführung von Nachum Chabad. Man merkte den Weggang des deutschen Gastes gar nicht. Philipp erzählte, am folgenden Tage dem Tippfräulein Selma und dem Lehrling Walter im Bankhaus, der Herr Chef suche jetzt schon sogar s p i r i t i s t i s c h e S i t z u n g e n auf, wo mit Tanz und Tischklopfen Geisterbeschwörungen veranstaltet werden. „Aber," er 'legte die flache Hand mahnend an den Mund, „wehe, wenn Ihr darüber ein Wort verlauten laßt! . . ." VII. - Zum Pessachfeste kam Baruch nach Hause, frisch, stämmig, braungebrannt, wie nach lärir gerem Aufenthalt an der Riviera, voller Freude und Beweglichkeit. Der Mutter Angst, daß er ihr und dem Hause entfremdet sei, war grundlos. Er war der liebe Junge von früher und kehrte sein Anderssein wenig und nur unauffällig ■. hervor. Daß er die weichen, warmen Ober- und Unterdecken aus dem Bette entfernte und mit diesen auch eines der zwei Kissen, mußte ja die Mutter nicht merken, es ging eigentlich nur das Hausmädchen an. Seine Weigerung, Fleisch und Wein zu genießen, führte die Mutter, auf seine in der Lehrfarm .angenommene einfache Lebensweise zurück. Als er aber für die Pessachwoche bati siqh jbei Familie Berches einmieten und verpflegen lassen zu dürfen, fingen die Eltern erst an, den Zusammenhang zu erahnen. Also hatte Hachschara doch etwas mit „koscher" zu tun ■■. . . , „Für die Sederabende sind wir ohnehin alle drei Gäste der Familie Berches, ich freue mich kindlich darauf," sagte Frau Wilde, „und auch Vater freut sich, er möchte es nur nicht wahrs haben; Im weiteren,' Verlasse dich darauf, Junge, ist bei ams in dejrijiKüche alles. in bester. Ordnung, haben i Mazien aus g|eich'er Bezugsquelle wie die Berches,; sogar de|e' Wein ist aus Palästina und koscher: für .Pessacn. Ob" auch Kornkaffee uhd Siebkäs.6 füi; Pessach zu jhaben sein. ■ werden, ist freilich fraglich," scherzte die Mutter. „Pessach erför'^Ört1 mehr s als Mazzoh und KoscherWein," erjfcjiärte Bariich, »erfaßt das ganze Haus, Küche,'»Kammer; mnd Keller."' : i i . Frau Wilde hatte schon lange das Gefühl, daß ihr Haus eine Reform an Haupt und Gliedern vertragen könnte, Sie selber war aber zu schwach dafür. Da wußte Baruch Rat. Ha n n a, die, seit Wochen auf der Hachschara mit der Ausbildung fertig, sich in der Stadt auf einer Haushaltungsschule die letzte Oelung für Palästina holte, erklärte sich bereit, in das Haus Wildes für einige Wochen einzutreten, und die Umwandlung des Haushaltes bis zum letzten Teller und Messer begann sogleich. Hanna, das dunkeläugige Mädchen, das sich mit unerhörter Energie von Schreibmaschine und Karthotek zu Kuhstall und Küche durchgearbeitet hatte, war auch hier die unermüdliche und unerbittliche lachende DiktatorinrDie Schlüssel zu den Kammern vertraute sie nicht einmal Frau Wilde an. Sie krempelte alles um, stellte das Haus auf den Kopf, daß das Oberste nach unten und das Unterste nach oben kam. Sie_raste und riß alles mit. Zwei Hausmädchen liefen in einer Woche nacheinander davon, „weil sie es nicht nötig hätten, sich von dieser Gör schikanieren zu lassen.'^ Als zu Anfang der nächsten Woche auch das dritte ging, band Hanna das bekannte bunte Tuch um den Kopf und sah genau so aus, wie damals im Stalle der Hachschara, kroch förmlich die Wände hinauf und sang dabei hebräische Lieder. Herr Wilde, der sich Sinn für Jugend und Kraft bis in die. reifen Jahre bewahrt hatte, sah mit stillem Vergnügen diesem emsigen Schaffen zu. Diese Jugend, dachte er, reißt die Welt aus den Fugen? ist weiter nicht schade um diese Welt . . . Auch Frau Ida lächelte still,, wiewohl beide innerlich an einen Spleen bei dem Mädchen glaubten. Als aber am Rüstetage zum Feste alles im Hause in neuem Glänze prangte, hatte auch Frau Ida seltsamen Glanz in den Augen, der aus verschütteten Quellen kindlichen Erlebens kommen mochte. Damals gab Baruch seine vegetarischen Gepflogenheiten im Elternhause auf. Als an den Sederab enden Hanna, nun als Bestandteil der Familie Wilde Gast am Tische der Berches war und sich auch als gute Sängerin Wie anregende Erzählerin entpuppte, hatte sie die Liebe aller, Berches bis auf Tante Rösinchen und die kleine Miri, sich im Fluge erobert. Baruch gab sich nach dem Feste auf der Talmudhochschule ganz dem Studium hin. Er hatte sich bei Rabbi Schmuhl Karpfenteich und anderen Lehrern Vorkenntnisse genug angeeignet, um in die höhere Gruppe eingereiht zu werden. Er sah erst jetzt, was intensives Lernen im Kreise gleichaltriger und gleichgesinnter Kameraden unter Leitung ernster, der Lehre und der Jugend ganz ergebener Männer bedeutete. Schon das gemeinsame Gebet morgens und abends im geräumigen Rundräume des Lehrhauses war ein Gemeinschaftserlebnis. Der Tag zwischen Gebet und Gebet gehörte dem Buche, dem Folianten, wie dort auf der Hachschara dem Acker. Man pflügte, da wie dort, und hart war zuweilen der Boden und steinig auch hier. Man säte und erntete und freute sich - . . Unkraut auszujäten gab es auch hier — dazu waren die Prophetenkurse des obersten Leiters, der die Verse so prophetisch vortrug, daß schon die: bloße Uebersetzung sinnvoller Kommentar war, dazu dienten die schlichten Mussarvorträge eines Dozenten im Nebenfache, der selber lange ge- ' nug an der Quelle der Lehre und des Mussar i sein Ich geformt hatte. In Arbeitsgemeinschafhtent geleitet von Kundigen, kam man in Berührung mit den Geistesheroen der jüdischen Geschichte, mit den Problemen der Zeit, den jüdi*