Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 76 (1935)
- Issue
- Heft 16-17 (17.4.1935)
- Date
- 1935-04-17
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
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17. April 1935 Der. 1,8 r a. eilt Nr. 16/17 Seite 3 Rabbi Mosche bar Maimun. dem Ha lach ist e n und Maimun - dem Philosophen aufkommen ließen. Kein Geringerer als Samson R a p h a e 1 Hirsch nimmt im achtzehnten seiner „Neunzehn Briefe" Stellung gegen den großen Mann im 12. Jahr- ' hundert, der mit seinem letzten Buche Verwirrung in die Gehirne getragen hätte. Dieses etwas harte Wort kann nur mit den Verheerungen erklärt werden, die die Führer und Verführer in der nachmendelssohnschen Zeit unter fälschlicher Berufung auf Maimonides im jüdischen Leben anrichteten. Wenn der gleiche Maimonides, der in seinem großen halachischen Werke alle Satzungen, auch, die unverständlichen, in allen Details mit gleicher Liebe kodifiziert, später in seinem philosophischen Werke Einrichtungen wie Opfer, Schaatnes, das Verbot des Schweinefleisches, aVna *11P3«« va. mit an Zeit und Ort gebundenen Gründen zu erklären sucht, so ist es nicht zu verwundern, daß sich auf der einen Seite alle Verfechter der „zeitbedingten undwandlungsfähigen Thora" auf diese Beute warfen und, über Ramban hinweg, Maimonides zu ihrem Schutzpatron machten, und auf der andern Seite die Besten den Wunsch äußerten, ein Werk, das zu solchen Mißverständnissen und Mißdeutungen führen konnte, wäre lieber-nie und nimmer erschienen. Mißverständnisse waren es auf alle Fälle, wo es sich bei den Liberalen nicht um bewußten Mißbrauch handelte. Die grundsätzliche Frage, "ob man nach den Gründen der Thoragebote forschen soll oder nicht, ist für uns längst entschieden. Wer von der Erforschung des Gebotes dessen Erfüllung erst abhängig macht, ist ein OTIlp'flXI ein G'ttesleugner; gerade nach der Anschauung von Maimonides. Wer aber sich dem Diktat und Primat des Thoragebot.es bedingungslos unterwirft, dann aber bescheiden nach dem tieferen Grund des „königlichen Befehles" fragt, der hält es eben nicht allein mit Maimonides, sondern erst recht mit R a m b a m , der sein großes Werk mit „Wissen und Erkennen" beginnt und schließt. Pflicht erfüllen heißt G'tt lieben, und G'tt lieben ist gleichbedeutend mit G'tt erkennen! Es wird im „Moreh" nicht danach geforscht, ob dieses und jenes Gebot „begründet" sei, sondern wie es zu ergründen sei — es ist nur ein Suchen nach den g ' 111 i c h e n-Motiv e n. Und wo der „Moreh", anscheinend sich über talmudische Auffassung hinwegsetzend, nur den Wortlaut des Thorasatzes zur Grundlage seiner philosophischen Betrachtung macht, so soll damit keineswegs die talmudische Ausdeutung negiert, sondern, wie er selber sagt, tPpUDSn'ttPW nnb' nur erklärt werden, warum die Schrift diesen deutbaren Ausdruck wählte und nicht durch präzisere Angabe die talmudische Ausdeutung überflüssig machte. (Weiteres über diesen letzteren Punkt siehe in der instruktiven Arbeit „Maimonides oder Rambam?" von Herrn Rabbiner Dr, Klein, Nürnberg in der Rosenheim-Jubiläumsschrift). Es sind die gleichen Quellen, aus der R amb am und Maimonides schöpften, die gleichen Flammen, an denen das Gold der Halacha und das Eisen der Weltanschauung geschmiedet ist: Liebe und Erkenntnis G'ttes. Und es ist bezeichnend, daß das philosophische Werk als letztes zum Abschluß kommt. Es ist der G'tt, den er im Herzen trägt, den er in den Tagen des Alters auf den Wegen der Erkenntnis Anderen vermitteln will. Erst die Halacha, dann die Philosophie! U'pVlO pK, erst die Ueberzeugung, daß es keinen G'tt gibt wie den unsrigen7 dann die leise, vorsichtige Frage lrp^KS ">»' wer und wie -ist unser G'tt? Das mzwa £eht dem voran. Seit zehn Jahren war mit dem gewaltigen halachistheh.;Werke das nwyi dröhnend und unüberhörbar in die jüdische Welt gerufen, nun durfte mit dem „Moreh", bedeutend leiser, auch das yntfj ertönen. Freilich hat das Tribunal der Geschichte das Urteil über "das rationale Denken in Spanien, das nicht erst mit dem „Moreh" angefangen hat - — der „Kusari", eine allgemein anerkannte Philosophie des Judentums, aber immerhin Anerkennung des menschlichen Anspruchs auf das freie Denken, ist fünfzig Jahre älter als der Moreh — und später aus anderen Quellen genährt wurde, gesprochen. Im deutschen Mittelalter kannte man dieses selbständige, dem Tun übergeordnete religiöse Denken nicht, und hier g ab e s auch k e in M a rranentum. Dieses konnte nur unter der Sonne Spaniens, wo man allezeit im Denkgebäude einen selbständigen Oberstock des Tatlebens und nicht die Wurzel desselben sah, blühen. Dort glaubte man in der furchtbaren Raumnot sich auch mit einem Zimmer begnügen zu dürfen; wähnte, Kopf und Herz könnten jüdisch bleiben, indem sich die Knie vor fremden Kulten beugten und die Hand zum Zeichen des Kreuzes sich streckte. Solche Anschauung konnte in den Talmudschulen, auch in den Massen der deutschen Lande gar nicht aufkommen — weil hier Denken Fundament der Tat war und man nicht das Haus abreißen und in Grundmauern wohnen konnte . . . Hier konnte es nur entweder Märtyrer oder Apostaten, ganze Juden oder-ganze Ueb erlauf er geben, für einen Dualismus fehlte der Boden. In der Feuerprobe der Geschichte hat sich die deutsche Methode besser bewährt! IV. A u s g 1 e i c h. An Maimonides selbst hat die Geschichte alles wieder gut gemacht. Es hat sich alles wieder herrlich eingerenkt und eingelenkt im Reiche des jüdischen Geistes. Kein Wort wurde von ihm ohne Widerspruch aufgenommen, und kein Wort von ihm, das nicht heute Grundlage unseres Tuns und Denkens wäre. Seine „Dreizehn Glaubensartikel", bekämpft von Albo und Abarbanel, sind der Inhalt unseres Glaubensbekenntnisses in Prosa und Dichtung (pöNO 'JH und *np> Seine Anordnung der 613 G e - und Verbote besteht, entgegen allen anderen Aufstellungen, zu Recht. Den Hauptrufer im Kampfe gegen sein halachisches Werk, Rabbi Abraham Sohn David, hat die Nachwelt mit ins Werk hineingenommen, so daß Rambam und Rabad nebeneinander auf dem gleichen Folio stehen, und die Konfrontation ist ihnen wie uns gut bekommen . . . Man rief die Weisen von Frankreich und Deutschland gegen ihn und sein Werk auf — sie haben Kommentare zu diesem Werke geschrieben. (Einer Sieser Kommentare ^lö^a rJVWn' ist vom großen Deutschen, Rabbi Meier von Rothenburg, mindestens inspiriert.) Er wollte mit seinem Werke den lebendigen Fluß des Talmudstudiums abschneiden, sagte man. Die „Waffenträger", die Erklärer und Kommentatoren, trugen aber in ihren Bemerkungen und Randglossen alles so gründlich zur Stelle zusammen, daß wer heute'Rambam lernt, sich erst recht so mutig und herzhaft in das offene Meer des Talmuds stürzen!muß, wie er es ohne Rambam nie getan hätte. Auch über den „Moreh", seine sittliche und moralische Wirkung muß doch 300 Jähre später das Urteil abgeschlossen gewesen sein, wenn es Rabbi Mosche Isseries, genannt „Remo",:1für .gut findet, ein Zitat gerade aus diesem B u c he, einen Weckruf zur Lieb e un d zum Dienste G 'ttes, an d i je Spitzte unseres Schulchan A r u, erh z ü setzen. Es renkt si'^h auch''^mancherlei in der großen Welt wieder 0in. Achthundert Jahre nach der Geburt, 730 Jahre nach dem Tode des großen Juden huidigt\eine!Wel.t seinen Manen. Spall i e n , das d^i dreizehnjährigen Knaben lieblos aus seinen Töreri: gestoßen hatte, das ein paar Jahrhunderte später für die Glaubensbrüder des Maimonides Scheiterhaufen anzündete, dieses gleiche Spanien feiert mit Staatsakten seinen großen Sohn. Es gibt wahrlich, wie es Maimonide.s selbst in seinen nawn TWShtl andeutet, auch so etwas wie eine Welt- und Volk erteschuwah, die uns einige Trostblicke für die Zukunft eröffnet. , Es hat sich schon zu Lebzeiten Maimonides' vieles wieder eingerenkt. Von Kampf umtobt, steht er doch als Fürst und Führer auf sichtbarer Stelle unerschütterlich da. Er ist in den letzten zwanzig Jahren seines Lebens Oberrabbiner von Aegypten und anerkannter Führer (TJÜl')" des Orientes, zu dem aber auch das jüdische Abendland oft genug hilfesuchend die Blicke erhebt. Er ist Leibarzt des Graß wesirs und gelegentlich auch des Sultan Salad i n , aber er nutzt seine hohen Beziehungen einzig für seine Brüder aus, vorab für die Jemeniten, denen er die Pforten des heiligen Landes öffnet. Wie haben ihm diese Unglücklichen bis auf den heutigen Tag gedankt, mit dem bekannten Maimonidessatz, den sie in ihr Kaddischgebet einschalten! Er wirkt in den letzten Jahrzehnten seines Lebens für Israel, Thora und G'tt zugleich. „Wenn ich am Nachmittag müde und erschöpft vom Sultan nach Hause komme," schreibt er an seinen Freund Samuel eben Tibon, „ist mein Hof von einer Menschenmenge belagert, Juden und Nichtjuden, Füjrsten und Bettlern, die Rat, Heilung und Hilfe bei mir suchen. Nur am Sabbat kann ich meine Gemeinde um mich sammeln, um sie zu unterweisen und die religiösen Anordnungen für die ganze Woche zu treffen." Von überall her, wo Juden leben, leiden und lernen, kommen Anfragen an ihn. Eine kleine Auslese dieser vorhandenen und noch täglich aus dem Staube der Archive auftauchenden Responsenschätze würde uns Kulturbilder aus der jüdischen Vergangenheit in einer bunten Fülle vor Augen zaubern, wie sie uns bis jetzt alle Bücher der Historie nicht zu beschreiben vermochten. Lebte, wirkte, lehrte und schrieb er nur für seine Zeit? V. Rambamheute. . Was hat uns Rambam heute zu sagen? Schlechthin alles. ' Rambam, der Halachist, spricht aus jeder halachischen Entscheidung zu uns, aber es gibt keinen Punkt in der jüdischen Problematik unserer Zeit, zu dem nicht auch Maimonides, der Philosoph und Führer, in großer prophetischer Schau a priori Stellung genommen hätte. Greifen wir aus der Fülle der verwirrend auf uns einstürzenden Fragen nur einige wenige aufs geratewohl heraus, und lassen wir dann Maimonides sprechen: E r e z I s r a e 1. Es ist heute für uns das Problem der Probleme, ein Bodenproblem und ein Problem der geistigen Existenz. Es war Maimonides nicht gegönnt, in Erez Israel Boden zu fassen, aber er sorgt rechtzeitig dafür, daß seine Gebeine in heiliger Erde ruhen. Die Flucht in die Heimat geht auf stürmischer See vor sich, . der Sturm fegt ihn aus der Heimat auf fremde Erde wieder. Seine Sehnsucht verzehrt sich nicht, etwa wie bei Jehuda Halevi, in Liedern und Tranen, sondern findet den realen Boden in den Gesetzen, Geboten und Vorschriften über Schmitah und Jowel, Tempel und Altar, Terumah und Maasser, Königtum und Opfer, die er alle bis ins kleinste Detail so licht- und liebevoll kodifiziert, als hätte es nie einen Titus, ein Exil und eine Tempelzerstörung gegeben. Während der Schulchan Aruch 300 Jahre später doch nur^ein Köder des Galuth ist, will Maimonides auf keinen Deut des Gesetzeslebens in seiner Totalität verzichten. Denn Erez Israel ist für; ihn keine Sehnsucht nur, sondern eine lebendige Realität, das unterbrochene nationale Leben, das jede Minute von neuem aufgenomm n werden kann. „Ich glaube mit vollkommenem Glauben an des Messias' Ankunft und wenn er auch noch säumet, so harre ich doch seiner alle Tage, daß er komme ..."