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Der Israelit · 1935-04-11 · Heft 15 (11.4.1935) · page 7

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Journal
Der Israelit
Volume
76 (1935)
Issue
Heft 15 (11.4.1935)
Date
1935-04-11
Page
– (sequence 7)
Language
German
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Feuilleton- Beilage Nummer 15 1935 Flucht in die Heimat« Eine .Erzählung aus unseren Tagen . (F ortsetzung.) Meiere Hai fuß, ein junger Bochur, rief mitten in Gesang und Tanz hinein: „Ein Auto ist vorgefahren, ein Herr ist da und fragt nach Reb Schmuhl." . „Was heißt ein Herr?" fuhr ihn Rabbi -Nachtun Chabad, noch in singender Melodie, an. „Ist; es. ein Jude, dann red' doch deutsch, Chamer! Man sagt, ein Jüd oder ein Orach. Was heißt ein Herr? Soll kommen und mittanzen."; Es war bekannt, daß wenn Nachum Chabad ein ganz es ' Glas Bi er und noch' einen Schnaps dazu getrunken, was natürlich sonst nur am Purim und Simchasthora geschah, er sich eines barsehen, burlesken Tones bediente und Jeden duzte. Der Fremde trat ein. „Ach, Her/r Wilde," begrüßte Rabbi Schmuhl 'den unsicher und verlegen auf 'der ». Schwellestehenden Bankier.. Willkommen, Herr Wilde!", rief er noch einmal und, ließ; in. sprachlosem Staunen die Hand seines 'Nebenmannes lös, wodurch er den ganzen Ring aüseinanderriß. ' Es traf ihn ein tadelnder Blick Nachum Chabads. Da ergriff Rabbi Schmuhl kurzentschlossen die Hand Norbert Wildes und ließ sie nicht, mehr los. Und da seine Linke in der Rechten von Nathan Eilgut hängte, wari der Ring wieder geschlossen und der Tanz ging weiter. : Herr Wilde würde, er wußte nicht, wie ihm geschehen war, mitgezerrt. und mitgeschoben; .Ganz schwindelig wurde/es ihm-im wilden Wirbel, und Schweiß"trat ihm auf die Stirne. So mußte es wohl sein, dachte er, wenn man im R;aketenauto durch' die Luft schwebte, und er atmete erleichtert auf, als der Gesang mittendrin abbrach, und er am Tische zwischen Rabbi Schmuhl Karpfenteich und Nathan Eilgut glücklich landete. „Ich gehöre nicht hierher, verzeiht," flüsterte Herr Wilde Rabbi Schmuhl zu. „Ich kam nur, Sie zu suchen — wegen eines hebräischen Briefes ..." - Darauf ging Rabbi Schmuhl. izunächst gar nicht ein.; .... ■ ' „Was^ heißtt , Sie ^gehören nicht hierher? Ein Jude gehört zu Juden/'1 Und schon, lag auf satibörem Kajcjipnteller ein belegtes Brötchen und stand ein Glas Bier vor Herrn'Wilde, als gehörte er wirklich ganzi^a^.; 'Rabbj. Schmuht erlda'rlfe ihm dann die Bedeutung des Festes und auch den sonderbaren Tanz. „Wir tanzen -bei uns im Ringe, in der Runde, da gibt es kein Oben und kein Unten," mischte sich auch Jekele, Krakauer,! der chassidische Rabbi, ins Gespräch. _ si' i " ' | ■'; •.n5,^V Herr Wilde' sah sich den Tischl an. Wie kahl und mager. Die Brötchen vwaren gegessen, t das Bier war, wo noch nichtr ■ausgetrunken, schal und abgestanden. Jedert hätte Lkaum :-e i n halb*- volles Glas getrunken und sile> sangen; tollten und. tanzten/alsvitatten sie ganze-Fässer geleert. ■ '- ... ' ' „Es ist .die Freude injuja s , die Freude an: der Thora,,r erklärte Rabbi Schmuhl. ' - •<•-;.- •: *• ■■ >- '-""„Aber dürfte ich nicht von mir aus zur neuefr Ankurbelung.jder Freude/ etwas beitragen, nachdem ich einmal Ihr Gast bin?" fragte der Bankier "unsicher. . , „Warum'auch nicht?" griff Rabbi Nathan Eilgut hastig ein. „Ein Jude ist bei uns, feiert mit uns und will teilhaben an der Freude, warum denn nicht?" . Und schon liefen Meier Haifuß, der Bochur, und sein Freund Ber Fuchs mit den Körben davon und stießen in der Eile im düsteren Vorräume mit Philipp zusammen, der durch den Türspalt interessiert und verwirrt in den Saal spähte, wo sein Herr mit „exotischen Menschen" so etwas wie Karneval feierte . .,. Vor dem Eingang stand mit abgeblendetem Lichte, das Auto. Als die Jünglinge zurückkamen, standen bald mehrere' Flaschen süßen Palästinaweines und . kunstvoll geformte Torten aus der nahen jüdischen Konditorei auf dem Tische — alles auf Rechnung des Herrn Bankier Norbert Wilde. " Rabbi Schmuhl Karpfenteich erhob das mit Wein halbgefüllte Bierglas und sprach neben dem •üblichen noch einen' eigenen Segen, in den alle Gäste stehend und feierlich mit einem jubilierenden Omen einfielen, bevor sie das halbvolle Glas an die Lippen setzten. Wohl ein kleines Kiddtisch, ein. Wochentagskiddusch, dachte Herr Wilde. Aber Rabbi Schmuhl, der :*hellhörig schien -für ungestellte Fragen, erklärte: „Es ist ein guter, ein köstlicher Wein und kommt noch dazu aus dem Heiligen Lande, da sagen wir „Hatow w'Hametiv", danken dem Allgütigen, der Gutes erweist,' uns und den Anderen mit. Der Jude: soll sich nur richtig freuen, wenn sich Äud'ere mit ihm freuen, sein Glück ist voll, wenn auch Andere glücklich sind. Darum kann dieser Segensspruch nur bei. gemeinsamer Freude gesagt werden." Herr Wilde wurde nachdenklich. Im Leben draußen-hießen sie den glücklich, der vor Anr deren etwas voraus hatte - / . Merkwürdige Ansichten herrschten hier,' merkwürdige Menschen waren es. Er sah sich sie alle nacheinander, an. Er kannte bisher, nur einen, aber hier war jeder ein Rabbi Schmuhl Karpfenteich, und doch jeder anders . . . Und wie sie ihn, den Fremden, empfingen! Ihn, den sie doch gar nicht kannten, oder, was noch schlimmer wäre, vielleicht \i. kannten . * -. - Er mußte sich den umgekehrten Fall ausmalen: wenn so einer dieser Leute plötzlich. in seinen Kreis hineingeschneit käme! Etwa auf die Börse, oder in eine -Aufsichtsratsitzung, oder gar in den \ Salon "zu einer gesellschaftlichen Veranstaltung. ... i Einfach unvorstellbar . ... Und . e r hier'-genoß selbstverständliches, ungeschmälertes 'Br>uderrecht. Etwas wie.^Schamn schlich sichü in sein Herz. ■'' ■ ■ ' «d--: ' " ■ / - o.- :i;V ( .Indest waren-?die,'Anderen) mit Hilfe'dies prikkelnden würzigen. Weines immer mehr in Stimmung gekommen. Eine neue Welle der Freude ergoß sich durch den Raum. Nachum Chabad begnügte sich nicht mehr mit dem Gesänge,.son^., dern sang sogar eine Rede, . eine' Rede5 in jRejfi;, men,, die-einige Gäste scharf mitnahm ujidderen;. Refrain alle laut mitsangen. Herr Genauer hielte jetzt eine-Ansprache in höchstem Hochdeutsch, wie es schien, eigens für den hochdeutschen Gast zugeschnitten,'":. aber die: fatalen^ Fremdwörter, verdarben wieder mit dämonischer Tücke das ganze* Konzept Er lobte die 1 deutschen Juden über alle Maßen, verstieg sich^aber zu der Behauptung, sie hätten zu wenig „Temperatur" und müßten endlich -aus der „Liturgie" erwachen ... Da stellte sich Meier Haifuß, der dienstfertige und sangesfrohe Bochur, auf einen Stuhl und sang-ein Lied, und noch eins, und noch eins. Von dem „Rebben Rabbi Menasche", den sein Weib Slate „fragt die harbe Kasche, wo man nimmt zu borgen etwas auf Schabbos.'1 Und Jeder im Kreise dachte wohl an seine eigene Slate daheim, die tagtäglich, ohne Gesang, die gleiche "schwere Frage an ihn richtete, Und voller Ueberzeugung sangen sie im Chore; -„Und haben wir nichts für heute und nichts für morgen, So haben wir einen großen G'tt, der wird schon sorgen!" Und dann sang Meier Haifuß von „Jeckei, der fährt a heim ..." „Genug, ich will nicht mehr Sein a Ger". „Da nimmt Rebb Jeckei auf die Schulter das Päckel Und fährt aheim,---" ' „Aheim, aheim," fiel der Chor begeistert ein. Alle wollten sie heim, alle waren sie eigentlich schon seit Jahren auf dem Wege nach Hause. Wie wären sie sonst hier? Und nun fuhren ihrer zwei wirklich „aheim", ihnen voraus. Es war Grund genug zum Singen. „Aheim, aheim!" jubelten sie, beteten sie, weinten sie. Ein anderer Bochur stimmte das „Jißmach Mausche" an. „Oi, wie hast du ihn gerufen? Ki ewed neemon, treuer Diener hast du ihn genannt . . . Was hast du ihm auf de.n Kopf gesetzt? Klil tifereth, eine prachtvolle Krone hast du ihm auf den Kopf gesetzt.---" Und anschließend ^alle. im'Chore: „Wetaher libbenu, reinige-Herr unser Herz, daß wir Dir in Treue dienen . . Und nun klatschen sie gar in die Hände. „Boruch elaukenu, gelobt unser G'tt, der uns zu seinem Ruhme, geschaffen hat . ...-"• .... ' „Was mir., seinen,'seinen mir, Aber Jiden seinenmir! . . Wieder traten Redner auf. Sogar der ganz in Stimmung geratene Gutherz, dessen beste Leistung ja schließlich der Aufschnitt auf den Brötchen blieb,. ergriff das Wort, um in barocken, aber sehr gut gemeinten Sätzen an seiner eigenen Lebensgeschichte zu beweisen, wie gut man mit G'ttvertrauen vorankomme ... Auch Herr Max I c h m e i e r, in guten Zeiten ein Macen und jetzt , noch ein Freund —: „Sympathiker," sagten sie hiei*—des Lehrhauses, hielt eine seiner schönsten -Rfeden,, mit. denen er in seinem deutschen- Kt^eise bei' Festanlässeh den größten Eindruck zu machen pflegte. Er begann: „So unvorbereitet wie ich mich habe . . ." Das sollte ein Witz sein^'aber keiner lachte. Denn irr' m^sem Hause wußten die wenigsten, daß man ^unvorbereitet" nur sein, aber nicht „sich haben" kann. Dann erwog er minutenlang die Frage, ob man an den vorhergehenden oder . kommenden Wpchenabschnitt anknüpfen _ müsse; Auch' das verstand'man hier nicht. Denn hier knüpfte man,/an vorhergehende undr. nachfolgend^ an alle, und gar keine Texte an und nahm, was man gerade aufgabelte. Darauf sprach "er ergreifend von der: ausgestandenen Angst,, es : könnte ihm Jemand von den Rednern, . dcn; Pössük, den Text, wegnehmen . . . Wiederum ein Blindgänger! Penn hier, wo alles aus dem Vollen schöpfte, nahm Niemand Jemand etwas weg. Und hatte einer eines Anderen Gedanken vorweggenommen, so freute sich der Andere, es noch einmal sagen und ganz anders sagen zu dürfen . . . Und wie nun Herr Max Ichmeter

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