Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 76 (1935)
- Issue
- Heft 15 (11.4.1935)
- Date
- 1935-04-11
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
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11/April 1935 Der Israelit Nr. 15 Seite 5 Wöehenrundschau. In diesem Zeichen---- „Die zweite „Makkabiah" wurde unter Beteiligung von schätzungsweise 50.000 Menschen eröffnet, die den Einzug der Ländermannschaften in das Stadion bejubelten. Allgemein wird die Strammheit und die Disziplin der deutschen Mannschaft bewundert. In der. Ehrenloge hatten Vertreter der Palästinaregierung neben Weizmann, Sokolow und Lord -Melchett, die alle stark l)ejubelt werden, ihren Platz. Die ersten Vorkämpfe brachten einen Sieg der deutschen Mannschaft. Im- Zeichen der Festlichkeit und der Kämpfe fand auch eine Aus s_ö hnun g zwischen den Arbeiterspqrtlern und den Revisionisten statt, so daß „Bethar" an den Wettkämpfen teilnimmt." So weit die Kampf- und Siegesberichte aus Tel Awiw. Wir freuen Ulis, daß das neue Palästina so "viele gesunde, frische, frohe, freie jüdische Menschen aufweisen kann; wir freuen uns auch,. daß ein langwieriger Bruderkampf in der jüdischen Arbeiterschaft wenigstens für eine Woche beigelegt wurde. Der Zusammenhang, in dem beide erfreulichen Ereignisse stehen, wirkt nicht unbedingt erhebend und zukunftverheißen(L Man schließt Frieden oder Waffenstillstand, der ernste Kampf ruht im Zeichen des allen gleich wichtig und heilig erscheinenden Kampfspieles. Was Vernunft, die Interessen des Landes, das Gebot der Bruderliebe nicht vermochten, der Fußball und die Arena der Boxerei orachten es spiele n,d zustande. Im Zeichen der Religion, die dV?W nicht als leere Grußformel, sondern als grundlegendes Postulat kennt, fanden sich die Brüder nicht, nur auf dem Sportplatz fanden und verstanden sie sich gleich. Synagoge und Lehrhaüs haben ihre einigende Kraft auf diese jungen Menschen verloren, im Stadion aber messen sie ihre Kraft und reichen sich die Hand. Besser und deutlicher könnte der an der Spitze aller Belange stehende Sportkult nicht hervorgekehrt werden, als durch diese Notbrücke, die man über klaffende Gegensätze ad hoc geschlagen hat. Wenn auch alle das eine^ Ziel hatten, Israel zu . unterdrücken und niederzuhalten, so zeigt sich doch in den Formen, die die einzelnen Völker für die Unterdrükkung wählten, eine gewisse Nuancierung. Wenn sie das Gleiche taten, so war es doch nicht immer das Gleiche. "In M i z r a j i m brauchte man Fronarb e i t e r zur Errichtung der. Bauten, und dafür waren die Juden, schütz- und wehrlos, wie sie dastanden, gut gemig. Aus verschiedenen Bibelversen ergibt sich, daß das ägyptische Galuthleid in der Hauptsache in der „schweren bitteren Arbeit" bestand. In Babylon i e n wie im Lande der Perser, und Medier suchte man die Juden, wie aus zahlreichen Bibelstellen hervorgeht, mit Steuern und Abgaben auszupressen. Hä- : man will den Entgangder Judensteuern mit seinen „zehntausend Kikar" ersetzen. Jav an , d. h. die hellenische Kultur wiederum, hatte das Ziel, Israel von seinem G'tte abwendig zu machen, die Vernichtung: der jüdischen Seele,herbeizuführen. E d o m schließlich, geht auf ErobeTiung aus. Seine Weltmachtpläne sehei-. nen ihm durch das kleine,, zähe Judäa bedroht, darum muß Jerusalem erobert, der Tempel zerstört werden. Zusammenfassend ging es in den vier Nächten des Galuth gegen Israels; Kraft, Israels Besitz, Israels Seele, Israels Selbständigkeit. Diese vier Arten werden — in anderer Reihenfolge — in den vier Erlösungsformeln angedeutet. 'n^STO DJrrosn aan« ist die Befreiung vom ägyptischen Frondienst. viKSim in Verbindung mit ,n»*«a wi»ao weist auf Babylonien hin und auf die von diesem Volke Israel auf erlegten Steuerlast. * mjir. 'flh'f&i und osV vp'm d^KS» hat; Jäwän im Auge, das r Vpik\ ] das gegen Israels G-tt anstürmte "itt syiTai npin i»a pann?n>wv besagt, daß. uns G'tt schützte. vor dem ausgestreckten Map^t^irjPtt Edoms. '•. Wir -danken'' für -die vier Er-, lösungen mit den vier; Bechern, so ' wie wir auch Wir mißgönnen der jüdischen Jugend Palästinas nicht ihren Anteil an Kraft, Freude und Frieden, wünschen ihr aber zu ihrem Feste, daß sie ihre Kraft auch auf geistigem Gebiet in jüdischem Sinne erprobe, daß sie ihre Freude auch da finde und zum Ausdruck bringe, wo sie unsere Väter stets suchten und fänden und daß sie den Frieden auch über diese Sportwoche hinaus wahre, zum Segen für das Land und zur Ehre für Israel. Dann könnten späterhin auch wir an den sportlichen Leistungen unserer Jugend unsere ungetrübte Freude haben. Zweierlei Sabbat. Bei einer Urteilsverkündung in Tel Awiw gegen orthodoxe Demonstranten, die am Sabbat vor der großen Synagoge sich etwas spontan und handgreiflich die Störung der Ruhe und Sabbatweihe verbaten, hielt der englische Richter eine kleine Moralpredigt an die Verurteilten, die schmerzlicher wirkt, als die an sich geringfügigen .Geldstrafen. Er bestreite nicht das Recht der jungen Leute, sagte der Richter, ihren Sabbat zu wahren, sie müßten aber auch den Anderen das Recht zugestehen, den Sabbat nach ihrem Gusto zu halten. Wenn Jene der Meinung seien, daß man guter Jude sein und den Sabbat auch mit Autospazierfahrt feiern könne, so hätten die Angeklagten kein Recht, dieser Meinung und Ueberzeugung die ihrige in gewaltsamer Weise entgegenzusetzen. Man könne den Sabbat so und .so halten und dabei guter Jude und guter Palästinabürger sein. So weit ungefähr der Hüter des Rechtes aus England, dem Lande, wo die Sonntagsruhe schon beinahe den Charakter der Sabbatruhe, bei aller Toleranz für die Angehörigen anderer Konfessionen, hat. Wie kommt dieser Engländer, der gewiß keine Voreingenommenheit gegen die Religion hat, zu solcher Ansicht und Anschauung? Antwort: Der Mann sieht im Lande, das das englische Mandat zum Teil zum Lande der Juden machte, Sabbat für Sabbat stillstehende Betriebe, aber von Juden vollbesetzte Autos und Autobusse. Er sieht zwar keine rauchende Schlote, aber er bekommt Einladungen zu Fußballmatchs am Sabbat, wo von Juden an Juden Eintrittskarten, Erfrischungen und Anderes verkauft werden. Er sieht Arbeiterscharen, die am siebenten . Tage die Arbeitsstätte nicht aufsuchen, durch die Straßen mit Fahnen ziehen, hebräische Lieder im Munde. Wie soll dieser Nichtjude aus England wissen, daß Fahne, und Hebräisch nicht Judentum sind, wie soll er nicht zu der Ueberzeugung komvier Mal die Worte sagen non D^3>V,3 „ewiglich währet sedne Liebe." - - Eine'Formel, nämlich 'fiHnm und ein Becher, nämlich der des Propheten Elijahu, weisen aber auf die fünfte, 4ie Enderlösung, hin. Noch dürfen wir diesen Kelch nicht leeren, denn noch ist Elijahu, der große Künder auf dem Berge, nicht erschienen, aber wir sehen ihn, hören seinen Flügelschlag.- Der Becher steht bereit und wir sagen cbvmz jikm natfrS ^■^^■^■■^■^^■^■■■■^"■^■■■■™'^^^B"™SS"^™^H^™ " (Semitische Siedlungen in Polen vor 2000 Jahren?) Nach zweijähriger Arbeit ist es polnischen Archäologen gelungen, aus einem Berg in der Gegend von Wloclawek Ueberreste... einer Stadt auszugraben, deren Alter auf 2000 Jahre geschätzt wird. Der Ausgrabungshügel wird auf drei Seiten von einem ausgetrockneten Flußbett umgeben. Es wurden 22 Häuser, freigelegt, von denen jedes 40 Meter lang ist; sie sind fensterlos und aus aneinandergefügten langen Balken errichtet. In den Häusern wurden zahlreiche aus Knochen, Stein und Kupfer verfertigte Geräte gefunden. I Vorgefundene Zeichnungen weisen darauf hin, daß die Bewohner diesef Örfschaft weder Slawen noch Ger- : manen waren, vermutlich einem semitischen. Stamm; angehörten. Die Ausgrabungen haben auch in archäologischen Kreisen des Auslandes^ Aufsehen erregt. Demnächst .sollen Gelehrte vom ^ritish Museum* und französische Archäologen zur Besijchugung "der Aus-, h ir,v;..»vi!r-<?-'■'•-„■.>■■■•. ■> '£t-'i; > -1:j«t?" ".?it "i •'*i$'"v : i grajbun^en .emtrenen.; ■ . men, daß es zwei Nuancen im Judentum gibt, zweierlei Sabbat, einen Sabbat in der Synagoge und einen auf dem Spiel- und Sportplatze, einen Sabbat der Ruhe und Weihe und einen Sabbat unter der Begleitmusik der Autohupe?! Für diese sonderbare Moralrede des englischen Richters in der jüdischen Stadt hat die Stadt selbst, der neue Jischuw ihm den Text geliefert. Bedenklich genug, wenn die Doktrin des „zweierlei Sabbat" sich im jüdischen Kreise festsetzte! In der Diaspora hat der am Sabbat arbeitende Jude immer noch ein gewisses Maß von Schuldbewußtsein. Er weiß, daß er den Sabbat nicht hält. Wo aber, was G'tt verhüten mag, jene richterliche Anschauung sich durchsetzt, ist der letzte Rest von Schuldbewußtsein geschwunden. Eine Generation, die in die Anschauung hineingeboren ist, man könnte im Auto über den Sabbat hinwegrasen und ihn damit sogar ehren, wird leicht geneigt sein, aus der Sabbatentweihung eine „Sabbathuldigung" zu machen. Und darin liegt die Gefahr. Wenn jene richterliche Rede eine Mahnung sein soll, so nicht an die „Armensünder", die ihren Sabbat verteidigten, sondern an den neuen Jischuw, den Sabbat, und damit das Judentum 'hVid nnnn im rat? nVipw nicht in Stücke zu zerreißen, und endlich der Welt und der eigenen Jugend den ganzen jüdischen Sabbat zu zeigen. Lodz eine Musterstadt... Im Polenreiche hat die Industriestadt Lodz die hohe Ehre, Hochburg und Zentrum des Antisemitismus zu sein. Der Stadtrat wird von den National demokraten beherrscht, die die Entrechtung der Juden auf ihren Schild geschrieben haben. Ihre wiederholten Attacken scheiterten am festen Willen der Regierung und ihrer Parteien. Auch die Juden selbst, die im Lodzer Stadtrat vertreten sind, stellten ihren Mann. Die antisemitischen Beschlüsse, die die Nationaldemokraten mit Hilfe einer zufälligen Mehrheit durchgedrückt hatte«, wurden von Warschau aus als verfassungswidrig annulliert." Da blieb den Herren nichts anderes übrig, als in der Dienstagsitzung eine „Debatte mit Stuhlbeinen und Tintenfässern" in Fluß zu bringen, so daß es auf jüdischer Seite und auch in den Bänken der Regierungspartei blutige Köpfe gab.^Die Sitzung wurde geschlossen, die Keilerei ging weiter — ohne Präsidium und parlamentarische Formalitäten, Zu registrieren ist, daß bei dieser Campagne, die seit Wochen und Monaten geht, und oft das Lodzer Rathaus in eine Boxerarena verwandelte, gerade die orthodoxen Ratmänner aus der Agudäfraktion unter größter Aufopferung mutig und unerschrocken auf dem Posten ausharrten und für die Belange .der jüdischen Bevölkerung eintraten. Das mannhafte Verhalten -des Herrn Minzberg, über das an anderer Stelle berichtet wird, erregt allgemeine Bewunderung. Um so bedauerlicher ist es, daß einer aus diesem Bünde, A. M. K a p 1-a n , ohne jede- Verständigung mit der Agudäfraktion nach den letzten turbulenten Vorkommnissen einfach sein Mandat niederlegte. Es ist ein älterer Herr, der den Aufregungen solcher rohen Kämpfe nicht gewachsen ist. Aber ein einheitliches Vorgehen nicht nur der Aguda, sondern des gesamten Jüdischen Klubs wäre doch in diesem Falle eher zu empfehlen, etwa in der Art, daß die jüdischen Ratmänner insgesamt von den Sitzungen fern bleiben und nicht eher erscheinen, als bis vom Präsidium genügende Gewähr für ihre Sicherheit geboten wird. Eine andere Lösung liegt im Bereiche der Möglichkeit] Tis ist zu erwarten, daß der Stadtrat nach den letzten. Vorgängen aufgelöst wird. Ne u w a h 1 e n, — daran kann nach den letzten Vorgängen. keiner zweifeln — werden .'die; N^tion.a|demo^atie, .dieLodz dermaßen. in