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Der Israelit · 1935-04-11 · Heft 15 (11.4.1935) · page 3

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Journal
Der Israelit
Volume
76 (1935)
Issue
Heft 15 (11.4.1935)
Date
1935-04-11
Page
– (sequence 3)
Language
German
Belongs to
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11. April 1935 D er. I s r a e 1 1 t Nr. 15 Seite 3 Rabbi Mosche bar Mamuin. (Fortsetzung von Seite 1.) /■ ■ mals und auch später in Verbindung bringen, im Gefühle der Unsicherheit sich immer in der Nähe des Hafens zu halten. Der Wanderstab, der rettende Schiffsplanken durfte für den Fall neuer Stürme nicht aus dem Auge gelassen werden. Wer aber Maimonides kennt, weiß, daß äußere Gründe allein seine Wege nie bestimmten. Maimun, Vater und Sohn, suchten ihre Brüder, wollten ihnen da am nächsten sein, wo die Not am größten war. Moses Sohn Maimuns ging, kaum erwachsen, zu seinen Brüdern hinaus, um ihnen bei ihren Lasten und Leiden beizustehen. . Hier gab es im Ringen zwischen Islam und Christentum für die Juden neben Armut, politischer und "sozialer Knechtung, auch noch die Not aller Nöte, eine religiöse und Gewissensnot, die Not, an die der Verfasser unserer Pessachhaggada vielleicht denkt, wenn er die Worte prägt: j?mn IT UHrrV« Kein Marranentum, wie unter dem Zwange der christlichen Inquisition dreihundert - Jahre später in der Urheimat Rambams, Aber die Gefahr der Verwirrung und Assimilation an die islamitische Welt lag hier in Marokko gerade in der Minimalforderung der mohammedanischen Machthaber. Die Juden* mußten die Moschee besuchen und sich zu Mohammed als zu einem Propheten bekennen, ansonst war ihre Religionsfreiheit in Haus und Synagoge nicht -behindert. Trotzdem nennt die Geschichte die Juden, die in der Moschee, indem die Anderen ihr Bekenntnis zu Allah und seinem Propheten im Chore sangen, vielleicht leise ihr „Schma Israel" murmelten, S c.h e. i n m o h a mm e d a n e f.. Und es fehlte nicht an Eiferern, die die Gewissensnot ihrer Brüder noch verschärften, ihre Schuld im Vergrößerungsglase des frommen Jüifers maßlos streckten und ihnen rieten, wenn sie schon nicht den Mut zum Öpfertode hätten, ganz den Sinai mit Mekka zu vertauschen . . . Der Dualismus führe, nach Ansicht dieser Männer, zum körperlichen und seelischen Untergang, Scheiterhaufen hier bei Entdecktwerden, Höllenflammen dort für die. feige Verleugnung G'ttes, für die Weigerung des ihnen auferlegten Opfers. Hier erleben wir das erste öffentliche Auftreten des jungen Maimonides. Wie vorher sein Vater schon, tritt er mit Sendschreiben .-hervor, mit einem Kapitel über _die G'ttesheiligung ät^TtPVPj? löitö'. einem Sendschreiben über die Zwangsbekehrung la^nniÄK und einer Botschaft an die Jemeniten, ljaTi.niJlK' die alle, so sehr sie sich nach Stil, Form und Inhalt unterscheiden, auf den Ton gestimmt sind: G'tt Wünscht, so lange es nicht um jene bekannten Gebote geht, für die man sein Leben hingeben m u ß , den Opfertöd nicht. Große, Erkorene können ihr Leben auch in diesem Falle als nail flViy' als freiwilliges Emporopfer, hingeben, von der großen- Masse verlangt es aber G'tt nicht. Und dann'' der Appell an diejenigen in der Welt, die unter einer günstigeren Sonne leben, nicht lieblos gegen .ihre Brüder zu verfahren, die unter Not und Gefahr ihren G'tt im Herzen bewahrt haben. Belege aus der Königsgeschichte in der Bibel (Jerobeam und Achab), ."wie auch aus späteren Zeiten der Geschichte führt er zur Bekräftigung der ewigen jüdischen Verbindlichkeit an. Und in überströmender Liebe beschwört er die Unglücklichen selbst, sich nicht" als ein vom jüdischen Organismus losgelöstes Glied zu fühlen, sich nicht verloren zu geben.. ' •: ■ iwsk 'S "p rrapn bw wrtpsa.-tojn'v •wök ntw im 'D?wn p fojarm naiuw ViWie das Wesen und die Existenz G'ttes nie aufhören kann, so unmöglich und undenkbar ist es, daß wir als Volk verloren gehen und verschwinden vfrn der Erde." Sie mögen sich nunmehr, da ihnen so,vieles verloren gehe, mit um so mehr -Liebe und Inbrunst an d i e Vorschriften klammern, die einzuhalten^ ihnen gegeben ist. "Es gelte hier das Wort der Schrift» 'Dssavna^r yiaxai *]b nxa\ l „Wenn du aus Not und Bedrängnis am Ende der Tage zu G'tt zurückkehrst, dann findest du Ihn, so du Ihn mit ganzem Herzen und mit ganzer Seele suchst." Diese aus glühender Liebe zu seinem leidenden Volke geborenen ersten Dokumente des jungen Meisters legen Zeugnis ab gegen jene Geschichtsfälscher, die behaupteten, Maimonides selbst habe als Scheinmohammedaner eine Zeitlang in Marokko gelebt. Nicht allein, daß für diese Annahme jede historische Handhabe fehlt, das Gegenteil ergibt sich aus den Sendschreiben für jeden, der ein Ohr für das Pochen dieses großen jüdischen Herzens durch die Jahrhunderte hat. Von der Masse verlangt G'tt dieses letzte Opfer unter den Umständen, wie sie das in die islamitische Welt eingebaute Judenschicksal schuf, nicht. Große und Fromme, als" Zeugen G'ttes Berufene und Erkorene mögen das Opfer bringen.. Er war ein Großer,-ein von G'tt Erkorener, damals schon, und später, als ihn eine höhere Vorsehung dahin und dorthin zu großen Aufgaben rief. Er für seine Person hätte das Opfer leichten Herzens gebracht, wäre die Versuchung auch an ihn herangetreten. nn"?s; töi '«nr ja psw ""D wjr nmn ,,Vielewollten es Rabbi Schimon ben Jochi gleichmachen, und es gelang ihnen nicht." Hier ist vielleicht der Ausdruck auf das „Viele" zu legen. Was dem Einen zukommt, ziemt für die Vielen nicht. Und wie nun die Versuchung wirklich an ihn herantritt, ergreift er, — es war 1165 — mit seiner Familie die Flucht. Es soll eine Flucht in die Heimat sein, denn das Schiff, das die Flüchtlinge in letzter Minute aufnimmt, hat den Kurs nach Israels Land. Seine Mission an den Last- und Leidensstätten der Brüder in Nordafrika ist erfüllt. Er sucht die Brüder an?. derenorts auf und zugleich das heilige Land. G'tt scheint es anders zu wollen. Der Sturm auf dem Meere, den er in seinen Privatbriefen an Rabbi Elijahu, Sohn Japhets, mit erschütternder Realität schildert, scheint G'ttesbote zu sein,' der Genug! ruft. Aber der Sturm und Schöpferdrang im großen Herzen ist noch größer. Es kann nicht das Ende sein. Das Mischnahexemplar, das einzige Buch, das er mit auf der Reise hat, ist am Rande von oben bis unten voll mit Glossen und Bemerkungen bedeckt. Es ist nicht das Lebenswerk, nur das Vorwerk, seine Disposition, der jede freie Minute auf der Wanderschaft gehört. Nein,' es kann nicht das Ende sein, da sein Werk kaum begonnen hatte, Und nach einem vollen Monat, zu Anfang Siwan, fährt das Schiff in den ruhigen Hafen von Akka ein. Ein halbes Jahr vergeht, bis ihm die Wege nach Jerusalem und zu den heiligen Grabstätten der' Väter freigelegt wird; Neue Gefahren, erheute Flucht. Nicht ein volles Jahr durfte er im Lande, durch dessen Straßen die Propheten wandelten, bleiben. Schon zu Beginn des Jahres 1166 -— er ist damals ein Dreißiger >— sehen wir ihn mit Familie in Aegypten, zuerst kurze Zeit in Alexandria, dann in F o s t a t, der Vorstadt von Kairo, die auserkoren ist, Residenz und Wirkungsstätte eines der größten Geistesheroen der Geschichte - - \ zu sein. Persönliches Leid, Ungemach und Sorgen um den. kleinen Tag drücken ihn darnieder. Der Tod des frommen Vaters, das Unglück, das den einzigen Bruder und Ernährer der Familie David Maimun trifft, als er auf einer Geschäftsreise nach Indien ein Grab in den Fluten findet. Moses muß zum ersten Male zur Fristung seines Da- - seins und Erhaltung seiner und seines Bruders Familie sein Wissen verwerten. Nicht das Thorawissen, das man unentgeltlich weitergeben muß, wie es Moses von G'tt empfangen und weitergegeben hat, sondern das weltliche Wissen. Er hatte sich in den schweren Werde- und Wanderjahren nicht umsonst, wie mit allen anderen weltlichen Wissenschaften," auch mit der Heilkunde befaßt und kann sich als zunächst ganz unbekannter Arzt ein spärliches Einkommen sichern. Sein Herz aber schlägt, wie immer und überall, für die Brüder, Noch ist er in der Phase seines Lebens, die Israel heißt. Aegyptens Juden haben unter dem guten und großzügigen Sultan Saladin über Verfolgungen nicht zu klagen. Um so größer die Not des Geistes. Erschreckend, so klagt er in seinen ersten Briefen aus Aegypten, ist die krasse Unwissenheit in allen jüdischen Dingen. Man kennt nicht die Thora, noch den Talmud und weiß nicht die Grenze zwischen Erlaubt und Verboten. Die Sekte der Karäer, selber unwissend und von Herrschsucht beseelt, übt eine unheilvolle Macht aus. Einmal im Jahre, am 7. Adar, versammelt sich das ganze Volk in und. vor einer alten Synagoge bei Kairo, die im Schatten einer Pyramide und im Schutze eines wundersamen Baumes, der aus dem Stabe Mosis hervorgewachsen sein soll, als die Gebet- und Lehrstätte von Moses verehrt wird. Dort wird unter freiem Himmel ein Volksfest gefeiert, dem ein großes Fasten und Beten vorangeht, Das war alles. Moses, Sohn Maimuns, der größte Sachwalter des ersten Moses, will aber zeigen, daß Moses hier am 7. .Adar nicht allein gestorben, sondern auch geboren wurde. Mosche muß in Mizrajim noch einmal geboren werden. Nach wenigen Jahren ist die Macht der Karäer gebrochen und er, Maimonides, hat die Führung in der Hand. Der -Bau muß mit den Grundmauern beginnen, mit den Schulen, den Gemeinden, den Lehrhäusern. Er weiß, daß er für sein Weltwirken, für seine Berufung, hier auf ruhigem Boden die Operationsbasis haben muß, daß er aber andererseits die geistige Führung in Aegypten und im Orient mit einem gewissen Maß von Weltgeltung zu stützen hatte. Hier an diesem Punkte sehen wir nun Maimonides in die zweite Phase seines Lebens eintreten. Vom Dienste an Israel geht er über zum Dienste an der Thora. Es erscheint sein erstes grundlegendes Werk, der Mischnahkommentar, II. Maimonides am Werke der Thora. Seihen Ruhm als Lehrer und Kommentator begründet Maimonides 1168 mit dem in arabischer Sprache abgefaßten Kommentar zu allen sechs Ordnungen der Mischna, „Serag" (Licht oder Leuchte) genannt. Mischnakommentar! Der Talmud selbst ist und will ja nichts anderes sein als ein Kommentar zur Mischna. Der Talmud aber war seit gut 700 Jahren abgeschlossen, die babylonischen Gaonimschulen seit einem Jahrhundert, schon äußer Wirkung. In Deutschland leuchtete nach Rabb.enu Gerschom mit Raschi und den Tossofisten das neue Licht in vollstem Glänze, bis zum Oriente reichte aber dieses , Licht nicht. In Spanien, dem Lande der >Säriger und Denker, war damals die -eigentliche Thorafors c h u n g noch in den ersten Anfängen. Für den Orient schien der Talmud verloren. Und in dieser Dämmerstunde der Geschichte, zwischen Babylonien und Spanien, geht mit dem „Serag" ein neues Licht auf. Der Talmud in seinem Urgründe, der Mischna, ist für den Orient gerettet. Wann und wie wurde dieses Werk abgefaßt? Er ist erst zwei Jahre in Aegypten, da er diesen umfassenden Mischnakommentar abgeschlossen, der jüdischen Welt vorlegen kann. Zehn Jahre brauchte er, wie. er selber angibt, für die Zusammenstellung. Wie schwer muß da Moses Maimun schon von frühester Kindheit her gerungen und gearbeitet haben! Wenn er in seinem Kommentar zu der uns auch aus der Sederlektüre bekannten Mischnahstelle in „Brachoth" ■.'»38'-.^rl yain '*1»K . 'Tim o^ai? vom „Wunder der grauen Haare" ganz schweigt und nur sachlich bemerkt:

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