Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 76 (1935)
- Issue
- Heft 14 (4.4.1935)
- Date
- 1935-04-04
- Page
- – (sequence 13)
- Language
- German
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jFSüilleten- Beilage Nummer 14 1935 Flucht in die Eine Erzählung jius unseren Tagen. (Fortsetzung.) .. Von anderes- Artwar Ra^bLNachtun Cha^ b a d. Inhaber "eines Amtes in der Gemeinde, gewöhnte er sich auch ruhigere Manieren^ an, wenn . es auch in ihmIzuweilen brodelte ünd überkochte. . Er hörte aufmerksam den Ausführungen zu, glät tete, -wie es Seine Art war, mit der Linken den gepflegten J5art unter dem Kinn nach oben, so daß dieser ganz in die Luft, stach und wie eine Wetterfahne den Wind , andeutete. Kenner der Chabad'schen Art konnten nach dem Stande der Bartspitzen, genau: beurteilen, ob Rabbi Nachum im Momente die Ausführungen billigte oder ab lehnte. Zwischendurch brummte, jßs aber auS Lesern Barte etwas heraus, Widerspruch oder Be stätigüng; Dehn auch Nachum Chabad wüßte mit Meisterschaft an Klippen und Riffen im weiten Meere des Talmuds vorbeizusteuern. Ganz ruhig und würdig saß Herr Jakob Ber c h e s da. ^us dem Memelgebiet stammend, hielt er.so ungefähr die Mitte zwischen Ost und West, fühlte sich auch als' Brücke, die nicht wanken durfte. Er hatte nicht;mit dareinzureden, sondern sich zur Vermittlung bereitzuhalten, wenn der Streit einmal ins Persönliche^ übergreifen sollte, Er saß mit verschränkten Armen und zeigte nur durch eifriges Kopfnicken, daß er schweigend dem Gang der Schlacht genau ,in. allen Teilen folgte. .; . v Nicht ganz so ruhig und gemessen horchte aber Berl Genauer» Auch er war wie Rabbi Schmuhl .Karpfenteich ein Logiker, der allem auf den Grund gehen müßte, aber von einer modern übertünchten" Art, Er liebte nicht ,das «viele Dareinreden und dämpfte auch manchen Uebereifer mit' einem ^abwehrenden „Scha!" . . .. Aber war ein Gedankengang zu Ende, liebte er es, ihn zu resümieren, zu prüfen. Kaufmann von Beruf war Herr Genauer; aber nach Vorbildung und Neigung doch Gelehrter und nur Gelehrter. Fragte man ihnTAbendsj wie er heute mit denf Geschäftsgang im Laden zufrieden war, so lautete seine Antwort: T»G'tt sei es gedankt, es kam heute kein Mensch,' und ich konhte ungestört den ganzen Tag beim1 Rainbam bleiben ..." Die Stärke Und zugleich Schwäche, des Herrn Genauer war seine. übersteigerte Korrektheit. Im östliche.^ ihm eiit weqig, daß er bei .seinem Lehren sjo viel Wert auf Form und . auf .gute deutsche Ausdrucksweise -legte; Daß es ihm dabei" zuweilen '%ie einem unsicheiien Musiker ergmg, -defemie-'Oktave zu hoch greift und^daß sich die fataleia Fremdwörter in der Regel zur ganz unrechten Zeit.. einstellten, merkte1'; man auf dieser Seite nicht. All das minderte die" Bedeutung Bferl Genauers nicht, gab ihr im Gegenteil eine ganz besondere Note, die man in den östlichen wie westlichen Kreisen hoch zu schätzen wußte. In Rabbi Karpfenteich hatte er einen Partner., mit dem er sich ^im... Logisc^heri .,ti?af, undso hatte,. er hier eig^ viel einzuwenden»* J >; v '! :r .' Selbstverständlich fehlte in dieser Festver-- sammluhg auch i.General Kleinöw*' nicht Ein richtiger General mit. Schwert und Sporen war ör nicht, rm"ö£geü^; chen, ,|ih^dem alles, ypni;Hut bis zum Bart und; ,pis zuni ^l^kaft lassen ^tind ätich' hetfte%fi^ö'gf pechschw^^ 'wär. Wieset^Männ5;^ätte e^ne geheimnisvolle,. Vej^ 'genheitj' von der mannur.iin- •Zeichen.rund "Andeutungen sprach, „Es war einmal . . sö^4ing d jj it - * ■ ,(i ' . auch die Legende, seines Lebens an, In der; russischen; Großstadt' war er, in -den guten Zeiten." erfolgreicher Heereslieferant und hatte als solcher sozusagen alle > militärischen- und Zivilbehörden in der Hand oder, wie er selber sagte und wasr ■ wohl richtiger ist, in der Jasche . . . Am" reiehgedeckten Tische seines!, schönen Hauses speisten täglich Dutzende von Armen, Jüngern und Meistern der Thora; und, wer ein Anliegen bei der Behörde hatte, wer unverschuldet in eine Affäre, in Konflikt mit den Rayongesetzen gekommen war, .kam zu ihm, General Klemow, wie ihn: der Volksmund bald nannte; und der kleine Mann ohne Spur von Rechtskenntnis, ohne volle Beherrschungder russischen Sprache, liquidierte die Angelegenheit mit spielerischer Leichtigkeit in wenigen Minuten. Der Bolschewismus, der das Erbe des Zarismus antrat, spie mit vielem Wertvollen und Wertlosen auch diesen kleinen General aus. Er wollte im Auslande das Vor üb erstürmen der roten Welle in seinem Heimatlande abwarten, und so wartete er immer noch, seit vielen Jahren schon. _ ■ " Inzwischen hatte er Heim und Haus und Vermögen bis auf den letzten Groschen und Ansehen und Einfluß dazu eingebüßt. Seitdem führte General Kleinow hier Krieg gegen den roten Bolschewismus, Krieg auf 'eigene Faust, Krieg aus seiner Busentäsche heraus, wo sich die Briefe und Dokumente zu Berge häuften. Ein wandelndes Archiv und von einem einzigen Bestreben beseelt, den Brüdern in diesem Reiche Brot zu verschaffen, sie äüs der Hölle zu befreien. Von allen jüdischen Nöten sprach er, nur .nicht; von der eigenen in seinem Hause, wo es vielleicht auch manchesmal am Nötigsten mangelte, Er( gab keine Ruhe, er ließ nicht locker. Er erschien angerufen und ungebeten in jüdischen Versammlungen und klopfte, wie ein echter erzürnter General, auf den Tisch: „Und die russischen Juden? Wollt ihr sie mit ihren Kindern verhungern lassen?" ... . Erlief von einem zum andern,.kein Prominenter hatte, nur .einen Tag Ruhe vor ihm. Er nahm Abweisungen und Verspottungen auf sich, aber es war doch letztlich sein Verdienst, daß alljährlich zur Pessächzeit unzählige Päkete mit Mazzoth :ünd änderen Lebensmittel^,n'ich,Ruß.7. land abgingen, daß das Jahr hindurch auch Gelder für die Notleidenden gesammelt wurden, daß Unzähligen, besonders Rabbinern, dort aus Todesnot der Weg nach Palästina geebnet, wurde. Hier, in diesem Kreise, bei diesem Festanlasse,; hatte er nicht zu wecken und zu werben, auch nicht zu kämpfen. Er hatte für einen Abend Waffenstillstand geschlossen, und so saß,;, er \ da und verfolgte mit lachendem Gesichte, mit den glücklichen Augen eines aus mancher Schlacht siegreich hervorgegangenen Generals* den ^äihpf auf einem Schlacht^elände, wo er sich nicht zuständig -^fühlte! - \ r Nun .hatte Rabbi S^ seine Reji^na^ den unzähligen«?Störungen und Zwischenfällen beendet} isein- SchiffItkn aus allen |efährtichen Brandungen; in den. ruhige^Hafen ^es^iXQti, ifG'^i' ^öüte 'seinem Volkes l&.afi. ver-1 leihen, so segnete er es mit Frieden . . " Und das Wunder trat ein, denn nun waren alle wilden Kämpen einig, und einmütig erhob sich der Dankeschor „Jejascher kochachoh!" Es wachse^.deine Kraft; ^Keinei'KrWft im :Reiche de§ jüdischen , t . . . . '. ..... •. .. .. . - i .-• i r Geistes'Ist groß^ gentigj ■ daß sie, nicht noch weiter wachsen und;steigen könnte >b». . : ' >; Nucl,;wusch imatr-sich die Hände und ging zu Tisch. Ein solennes" Mahl; konnte esf nicht: genannt w'eirden, werin; vor jedem der jGäste;zwei belebte; Brötchen lagen, . dazu r)noch je ''ein Glas, schäumenden. Bieres. Zuletzt tauchte hbcn' einei d&kbäuchig,^ die leidef1 'von | zu, wenig' [Dläschefc,. t^mgeb'en ' war. Bier und Schnaps hatte Herr Jakob Berehes gestiftet; Die ~ Brötchen-,* eine» Spende ndes Bäckers Pösner, ^ä- '■' ren gut und reichlich von David G u t h e f z^belegt worden. Gutherz, seines Zeichens Metzger und Wurstler, sah in der Wurstküche, in der er Sommer wie" Winter schon fünf Uhr morgens die Arbeit begann, nur den etwas glitschigen-Boden, von dein er sich in die Höhe erheben konnte. Die Höhe, war hier, wo gelernt und von Thora so gesprochen würde, daß er nur wenig davon verstand. Die Höhe war für ihn auch, da, wo er mit Hand und Herz helfen konnte, wenn er etwas Freude in Armenstuben, so ganz unauffällig und von ungefähr, tragen konnte. Gutherz war* wie er selber oft sagte und ihm Andere iern bezeugten, vielleicht der einzige, der aus der Inflation sein ganzes Vermögen, sogar noch mit hohem "Zuwachs, rettete — indem er die damaligen Millionen und Milliarden fast restlos in Lehrhäusern, auch in kleiner und' großer Wohltätigkeit investierte, also so anlegte, daß sie für alle Zeiten reiche Früchte trugen. Man konnte ihn in den schlimmen Notzeiten" bei stechendem Winterfrost hoch auf einem Kohlenwagen sehen, um armen Leuten Brennmaterial in den Keller zu schaffen, und er war glücklich, wenn ihn einmal eine verärgerte Frau, die ihn für einen Kohlenknecht hielt, mit Schimpfreden empfing, weil er so zur Unzeit komme, oder ihm gar, gutgestimmt, ein Trinkgeld in die Hand drückte, das er in allen Fällen, auch gutmütig annahm. Notleidende Familien bekamen die Knochen aus seinem Fleischladen, die aber gerade sc* gut „Fleisch mit Knochen" genannt Werden konnten, jünger einer ganzen Lehranstalt wurden durch ihn ift den schweren Tagen der Brotkarte aus Eigenem und durch Sammlungen ausgehalten. Also hatte er sein Millionenvermögen besser verwaltet als alle Anderen, die heute auch nichts mehr davon besaßen, aber auch die Freude nicht hatten, die Meister Gutherz empfand, wenn er sich, wie heute Abend, bei einem solchen Feste Rechenschaft ablegte über all das; was er zur Erhaltung dieses kleinen Reiches beigetragen hatte. Er pflegte, obwohl kein Jüngling mehr, auch jetzt noch von-Morgengrauen bis in die tiefe Nacht schwer zu arbeiten, so daß er abends vor Müdigkeit umfiel. Aber er blieb wach und frisch bei einem solchen Anlaß, der ihm gewissermaßen die Bj^anz seiner Millionenernte in jenen^.Jahren■ der,, Geldflut zeigte. Der von ihm gestiftete Aufschnitt mundete güt.' David Gutherz freute sich. Rabbi Nathan Eilgut begann gerade mit seiner Begrüßungsrede. Eine Exkursion durch den Woohenabschnitt, durch alle .Wochenabschnitte, dujxh Midrasch, durch alle Midraschim, die etwas von Thora und Erez Israel enthielten. Ohne Formalitäten biß man in die Brötchen hinein und trank das schäumende Bier dazu und ließ sich alles wohl schmecken. Gleich nach" dieser Rede stimmte Rabbi Nachum ^Chabad, ein g'ttbegnadeter Sänger, der im gleichen Räume an den hohen Feiertagen am 'Vorbeterpulte den Betern sozusageh' das Herz aus der Brust riß, einen Psalm an. „Ein Lobgesang von David, G'tt ist mein Hirte, mir wird an nichts mangeln . . ." Immer höher, immer lauter, in wachsender Inbrunst erscholl der \ Gesang im Chore, Und als Rabbi Nachum zum dritten Male den Psalm begann, stets die gleiche Melodie und doch inimer in anderer höherer Tonlage, da standen die Gäste wie auf Kommando auf und reichten sich die Hände. Bei den Psalmgesängen entwickelte sich ein Tänzchen um den J'isch herum, das sich rauschend zu einem kultischen Tanze steigerte* einem Gebete in Gesten und Bewegungen, da'S1 Rabbi Eilgut in immer rascheres Tempo zu treiben bemüht war, während ,'Rabbi Karpfenteich und Genauer gemessen, aber gründlich mit Nachdruck auf den Boden stampften. Nachums Stimme erreichte beträchtliche Höhen un'd schien nicht/aus der,,Kehle, sondern •£on unien her,^aus einer Kammer, im Herzen zu kommen. : :; 1 (r^ortsetzung föIgL)