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Der Israelit · 1935-03-28 · Heft 13 (28.3.1935) · page 13

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Journal
Der Israelit
Volume
76 (1935)
Issue
Heft 13 (28.3.1935)
Date
1935-03-28
Page
– (sequence 13)
Language
German
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Feuilleton- Beilage Der Israelit Nummer 13 1935 Flucht in die Heimat. Eine Erzählung aus unseren Tagen. (Fortsetzung.) „Zu weit," wiederholte Norbert Wilde nachdenklich die Worte seiner Frau. Und da sie gerade eine Trambahnhaltestelle erreicht hatten, fügte er hinzu: „Die Elektrische haben wir doch wirklich nicht bestellt, sie fährt nicht unseretwegen. Hast du immer noch Bedenken, liebe Ida?" Fast" mitleidig klang die letzte Frage. Nein, so weit war der Einfluß der „schwarzen Berches" auf sie denn doch noch nicht. Sie stiegen in den Wagen ein. Der Wagen war um diese Abendstunde gut besetzt. Sie fanden durch Einrücken der Fahrgäste noch gerade zwei Plätze. Herr Wilde hielt immer noch den Hut in der Hand. Frau Ida saß still da, gesenkten Hauptes, ihre Gedanken gingen in weite Gefilde der Vergangenheit zurück. „Alles schön und gut^ dachte Herr Wilde. „Aber wozu hat diese religiöse. Romantik geführt, was hat sie uns gegeben? Opium zur Betäubung, etwas Narkose, weiter nichts . . ." Da fiel ihm ein, daß er die gleiche Ansicht vor kurzem auch im Gespräche mit Rabbi Schmuhl Karpfenteich geäußert hatte. Und Rabbi Schmuhl? Er stand auf und rief: „Opium, Narkose, sagen Sie, Herr Wilde? Gut! Wie unglücklich aber wäre die Menschheit, hätte sie für ihre Krankheiten, Leiden und Gebrechen nicht das Heilmittel des Opiums, wie groß ihre Schmerzen,* müßte man ihre Wunden ohne Narkose heilen!" Merkwürdiger De.bätteur dieser -Rabbi Schmuhl! Er hatte immer die Antwort parat auf den Lippen, als wartete er auf die Frage, und sie war so, daß man im ersten Augenblicke verblüfft nichts erwidern konnte. Er wollte noch über diesen Casus nachdenken. Nach einer Weile flüsterte Herr Wilde seiner Frau zu: „Sage mal, Ida, habe ich mich heute Abend bei den Berches so verändert, daß ich ganz anders aussehe? Es ist mir, als schauten alle im Wagen nach mir hin." „Einbildung!" lachte Frau Ida und nahm ihre stillen Gedanken wieder auf. Nach einer kurzen Weile: „Liebe Ida, da ist etwas nicht in Ordnung. Hast du einen Taschenspiegel? Alles mustert mich. Dort deutete sogar jemand mit den Fingern nach mir und die Anderen lachten." Frau Ida hob ein wenig den Kopf. „G'tt im Himmel!"t -entrang sich; ein Schreckensruf ihrem MunÜe. Eilig''fuhr sie mit der Rechten nach dem Hinterkopfe des Gatten' und entfernte etwas. Dort saß noch das Käppchen, das schwarze Käppchen der schwarzen Berches. Da die Leute jetzt erst recht die enthüllte Glatze des Herrn Wilde zur Zielscheibe ihrer Blicke nahmen, stiegen sie an der nächsten Haltestelle aus. „Die Juden haben wohl jetzt schon Fastnacht," spottete ihnen ein Halbwüchsiger nach, und alle anderen lachten. „Kommt davon," machte Herr .Wilde auf der Straße seinem Aerger Luft. Er; sagte nicht, w o - von. ''" " Sie legten nun den größten Rest des Weges bis zu ihrer Wohnung, zu Fuß zurück. Im Briefkasten lag ein Brief. Die Abendpost hatte ihn gebracht. Aus Brasilien. Herr Wilde stutzte. Er hatte keine Beziehungen zu Brasilien. Er machte den Brief auf. Ein neues Verhängnis. Die Schrift unleserlich, überhaupt keine Schrift, eckige und verschlungene Striche und Punkte, wohl hebräisch oder arabisch. Er War heute von „Koscher" verfolgt. Erst die Berches, dann das Käppchen und nun Hebräisch, aus Brasilien . . . „Wird ein Schnorrbrief sein," vermutete Frau Ida. „Nein, die kommen nicht aus Brasilien, die kommen auch ins Geschäft. Hier schrieb Jemand, der unser Heim kennt," sagte Herr Wilde, und beide dachten an ihren Sohn James, von dem sie seit seinem plötzlichen Weggange k-in Lebenszeichen erhielten. Rabbi Schmuhl, dachte Herr Wilde, er wird den Brief entziffern. Aber er wußte, daß er am Freitagabend und Sabbat Rabbi Schmuhl nicht auftreiben werde. Nicht ohne Scham dachte er daran, daß er so wenig vom Leben dieses seines Rabbi wußte, daß er jetzt, da er ihn dringend benötigte, nicht einmal seine Adresse kannte. Man mußte sich schon bis Sabbatausgang gedulden. VI. Die vollbeladenen Last- und Kohlenwagen, die, von keiner Straßenbahnklingel gestört, durch die breite, farblose Straße des Ostviertels rollen, passen in ihrer schweren graüen Werktägigkeit, besonders an Sabbattagen, schlecht zu der beschaulichen Geruhigkeit in und vor den Häusern. Die auf dem Wege zur Synagoge ihnen ausweichenden Juden mit ihren sabbatlich herausgeputzten Kindern nehmen sich wie irrende Lichter einer fernen Welt aus. Gut ein halbes Dutzend solcher. Bethäuser, deutscher und östlicher Art, führen hier auf engem Räume zwischen Fluß, Promenade und Straße, zum Teile im Verborgenen der Höfe hinter Mauern, ihr geweihtes Dasein. Schon in einem der ersten Häuser, das sich von den anderen der grauen Front in nichts auszeichnet, blüht solch g'ttgeweihtes Leben im Stillen. In dieser kleinen Bet- und Lehrstätte fand sich eine Gruppe von Menschen zusammen, die für die chassidischen Riten der östlichen Bethäuser kein Verständnis hatten, sich aber auch an die ewig gleichgestellte Uhr der offiziellen Synagogen nicht halten mochten und sich hier auf ihre gut litauische Art ausleben konnten. Mehr als die anderen östlichen „Schuten" zog diese mit ihrem deutschen Ritus und ihrer deutschen Ruhe und Ordnung auch eine Anzahl westlicher Beter an. In diesem aus drei einfachen, kahlen Zimmern bestehenden -G'tteshaus.e strahlten nach Ausgang dieses Sabbats alle drei Birnen an der Decke von neuem auf und noch einige Stearinkerzen dazu wie an einem Feste. Es war auch ein solches, und sogar ein Doppelfest. Man hatte mit verteilten Rollen alle Talmudtraktate zu Ende gelernt, und es war gewiß kein Zufall, .daß das Auslernen mit der Abschiedsfeier zusammenhing, die zwei nach Palästina ausreisenden wertvollen; Mitgliedern der Corona galt. Eigentlicher .Gastgeber war Rabbi Nathan Eilgui t. Er war es, der sogar ganz allein heute-, und nicht zum ersten Male, alle „sechs Ordnungen" des babylonischen Talmuds zu Ende gelernt und damit sozusagen seine Arbeit in der „Fremde" beendet hatte. Denn nun ging er „heim", wollte sich schon in wenigen Tagen mit dem gleichen Schiffe wie Rabbi Schpauel Karpr fenteich, der darum an der Festtafel den Ehrenplatz neben .Nathan Eilgut, einnahm,, nach dem heiligen Lande begeben. i: ' Rabbi Nathan Eilgut lebte und lehrte bereits seit Jahrzehnten in, der großen deutschen Gemeinde, so daß die jüngere Generation ihn längst als den ihrigen angesehen hätte, wären nicht die Tücken und Fallen der Sprache gewesen, die die Scheidewand'in ihren letzten Resten immer noch , aufrecht erhielten. Das tat der Achtung und Liebe, die er in seinem Kreise genoß, keinerlei Abbruch, verlieh ihm sogar in mancher Augen etwas wie Raritätswert. Goldsauber, ohne Makel und Stäubchen wie sein schwarzer, halblanger Rock, war sein Charakter, sein Herz, waren seine Lippen, über die nie Unreines oder Unwahres, Unrechtes oder Abfälliges gegen jemand kam. Kindliches Gemüt sprach aus der milden leisen Rede und spiegelte sich in den blaugrauen, rein und hilflos dareinschauenden Augen. Obwohl alle Welt wußte, daß er den gesamten Talmud von Anfang bis zu Ende so geläufig beherrschte, wie ein beständiger Synagogenbesucher das „Aschrtfgebet", nahm er nie den Rabbititel oder andere Ehrungen für sich in Anspruch. Er war Talmudlehrer und wollte nichts anderes sein. Freilich hatte seine große Beschlagenheit und seine intime Vertrautheit mit der gesamten Materie den Nachteil, daß er dieses Verhältnis zur Lehre auch bei den Schülern voraussetzte. Vor ihm selbst lag das ganze endlose Meer so frei und offen und übersichtlich von Ufer zu Ufer ausgebreitet, daß er glaubte, auch seine Jünger mit in den Strudel hineinreißen zu dürfen. Ob sie mitkamen oder nicht, er raste weiter, raste durch die Folien, daß der Besharaidraschwitz das Wort vom „rollenden Eilgut" aufbrachte. Man hatte bei diesem beschleunigten Verfahren und diesen Rekordleistungen sehr oft Anlaß, mit Rabbi Eilgut Sijum zu feiern. Nun war es der letzte Sijum, Sijum aller Sijumim in der ihm zur Heimat gewordenen und letztens dennoch fremd i>ebliebenen Stadt. Es gab bisher gute Jahre in Arbeit und Ehren, aber rasch hatte sich das Blättchen gedreht, so rasch, wie Rabbi Eilgut die Blätter der Folianten zu wenden pflegte. Nun hatte Rabbi Nathan Eilgut, wie viele Andere seines Gleichen, in materieller Hinsicht noch so wenig hier zu verlieren, daß er seinen Traum, nach dem heiligen Lande zu übersiedeln, ohne Bedenken zur Erfüllung bringen durfte. Zu diesem Feste war die ganze Elite der östlichen Gelehrtenwelt erschienen und auch vieie Einheimische aus dem Schüler- und Freundeskreise Rabbi Nathans. Rabbi Schmuhl Karpfenteich, einer der hervorragendsten Gelehrten und zugleich Wegegenosse des Gastgebers, war mit dem Vortrag der halachischen Abhandlung, genannt „Hadran", betraut worden. Es war dies kein leichtes Spiel in dieser Arena von geübten und erprobten geistigen Meisterkämpfern. Er konnte gar nicht tief genug schürfen und sich hoch genug erheben, gar nicht genug Gedankenbrücken bauen und sie wieder abreißen, um dieses illustre Auditorium zu interessieren und zum Mitgehen zu zwingen. Fernliegende Welten hatte er zu verbinden und verschüttete Wege bloßzulegen, und dennoch gab es Einwand und Widerspruch. Rabbi Schmuhl Karpfenteich hatte Zeit, die Eile lag ihm nicht, er liebte solide Grundlagen, logischen Aufbau von der Grundmauer bis zur Dachzinne. Dieses langsame, bedächtige Voranschreiten reizte aber gerade Rabbi Eilgut, jedes angeschlagene Wort aufzugreifen und ganze Partien vorauszuzitieren. Rabbi Schmuhl ließ sich nicht irre machen, nicht vorwärtstreiben. Er baute weiter, fest und sicher, Ziegel auf Ziegel, Stein auf Stein. Noch einmal Und noch einmal, wenn Stürmer die Steine abrissen. Eine wilde Geistesschlacht war im vollen Gange. Besonders erregte sich der alte Rabbi Jekele Krakauer, ein kleines Männchen, fast ein Krüppel, der am Stocke wie an einer Krücke auch bei Tische hing, dem aber im Geistesstreite zusehends Kräfte und Schwingen anwuchsen. Er glühte förmlich, sprach und sprang auf, zitterte vor Erregung, und das welke verhutzelte Gesicht; bekam Feuer und Farbe, die alle grauen Falten überdeckten. Nicht ein Wort, nicht einen

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