Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 76 (1935)
- Issue
- Heft 13 (28.3.1935)
- Date
- 1935-03-28
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
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28. März J935 Oer Israeli* Nr. 13 Seite 9 Bundeskanzler in seiner Londoner Erklärung zur Judenfrage die Wünsche der orthodoxen Juden Wiens besonders hervorgehoben und sie als berechtigt anerkannt hat. Es dürfte seit Franz Deak, der den orthodoxen Juden in Ungarn zu ihrem Rechte verholfen hat, das erste Mal der Fall sein, daß ein Regierungschef sich mit den Belangen der orthodoxen Juden beschäftigt. Gleiche Pflichten bedingen auch gleiche Rechte. Wien, 22. März. In der soeben erschienenen Sondernummer „Balkan und naher Orient" der „Allgemeinen Handelszeitung" schreibt Bundeskanzler Dr. Kurt von Schuschnigg über Probleme des wirtschaftlichen Wiederaufbaus und schließt seinen Aufsatz mit folgenden auch für die Stellung der Juden in Oesterreich bedeutsamen Sätzen: *'" „Wir haben deshalb auch in die neue österreichische Bundesverfassung alle jene Bestimmungen der alten Verfassung übernommen, die sich auf die volle Gleichheit aller vor dem Gesetze beziehen. Gleiche Pflichten bedingen unserer Ansicht nach gleiche Rechte." Holland. Die jüdische Immigration in Holland. Amsterdam, 21. März. Unter dem Vorsitz des bekannten verdienstvollen Industriellen Mr. van den B e r g h , hat eine hier gebildete Kommission sich der interessanten Aufgabe gewidmet, die von den jüdischen Immigranten im Verlaufe von 1}4 Jahren geschaffenen neuen Industriebetriebe statistisch zu erfassen. Aus dieser Statistik ergibt sich, wie in einer Publikation der Zeitschrift „Der Ausweg" dargelegt wird, daß die Einwanderung dazu geführt hat, 5000 holländischen Arbeitern neue Arbeitsstellen zu schaffen. Ueber die Zahl der Industriebetriebe, die von diesen Einwanderern geschaffen wurde, wird gesagt, daß es sich um 68 Betriebe der Textilindustrie handelt, 15 der chemischen, je 7 der Metall- und der Lederindustrie und 30 sonstige industrielle Betriebe. Das darin angelegte Kapital beläuft sich auf 2li\ Millionen Gulden. Eine Nickelfabrik mit einem Kapital von einer halben Million Gulden bildet die vornehmste Repräsentantin der von jüdischen Immigranten in Holland errichteten Metallfabriken. Die oben erwähnte Zahl von 5000 Arbeitern ergab sich im Herbst 1934. Indessen finden fortwährend industrielle Neugründungen statt und die Mehrzahl der Betriebe", die natürlich zunächst sehr vorsichtig auf bescheidener Basis mit der Produktion begannen, baut sie allmählich aus. Die erwähnte Zeitschrift schätzt bis zum Frühjahr 1935 die Erhöhung der neubeschäftigten holländischen Arbeitnehmer gegen den Herbst 1934 auf mindestens 20 Proz. Aus dem agudistischen Leben in Holland. Amsterdam, 19. März. In der Jahresversammlung der Rotterdamer Agudas Jisroel-Ortsgruppe, die am letzten Sonntag stattfand, berichtet der Vorsitzende Joz. V r o m e n, in einem reichhaltigen allgemeinen Ueberblick über die Entwicklung der agudistischen Arbeit während der letzten Monate." An der Aussprache beteiligten sich eine große Zahl von Mitgliedern, wobei neben mancher Kritik wertvolle Anregungen vorgebracht wurden. Im Anschluß an die geschäftlichen Verhandlungen hielt More J. Vredenburg einen gedankenreichen Vortrag über die Pflichten des Golusjuden gegenüber der Umwelt. Redner wandte sich u. a. scharf gegen das Schlagwort von einer angeblich „assimilierten Orthodoxie". Das Leben in der T h o r a ist die beste und einzige Gewähr gegen jede assimilatorische Tendenz und wer tief im Thorageist, im Lernen und Ueben wurzelt, darf sich staatsrechtlich und sozial dem Vaterlande innig verbunden fühlen, ohne Assimilation im schlechten Sinne befürchten zu müssen. Ende Februar hatte die Haag'sche Agudas Jisroel die Freude, den Leiter der Hachscharah Enschede, Dr. A. Stessmann, sprechen zu hören. In schlichten und um so eindrucksvolleren Worten schilderte der Redner die in Erez Jisroel von der agudistischen Arbeiterjugend zu Neueste Wirtschaftsnachrichten aus Erez Jisroel. (Nach Palnews.) N a t a n i a. Unter der Firma Primas o n Ltd. wurde eine Konservenfabrik für Gemüse, Früchte und Fische mit 15.000 Lst. Kapital von Rigaer Fachleuten gegründet. Es werden nur palästinensische Früchte und Gemüsearten konserviert. Die Umgebung des Fabrikortes, der Emek Chefer, ist zum Gemüseanbau großen Stiles besonders geeignet. Die Fische sollen zunächst aus Portsaid und anderen Orten bezogen werden. In der Orangensaison wird eine Spezialabteilung Orangensäfte und Grapefruit konservieren. Für den Anfang werden 150 Arbeiter benötigt. Haifa. Die im April vorigen Jahres gegründete Haifa Metal Works Ltd., die 20 Arbeiter beschäftigen, stellen Stahlmöbel und feinmetallische Arbeiten her und betreiben eine Galvanisieranstalt. Das Unternehmen hat das neue Savoy-Hotel und auch das neue Ruthenbergwerk mit ihren Erzeugnissen installiert. Der Export nach Aegypten und Syrien beginnt langsam. Tel A w i w Die Buttereinfuhr für die ersten 11 Monate des Jahres entspricht einer Milchproduktion von etwa 37 Millionen Litern. Gegenüber dem Jahre 1933 hat sich die Buttereinfuhr verdoppelt. Auch die Biereinfuhr hat sich 1934 sehr stark gesteigert und zwar auf 1,43 Millionen Liter im Werte von Lst. 36.000. Haifa. Eine offizielle Veröffentlichung über den Außenhandel Palästinas für 1934 ergibt, daß an erster Stelle der Import aus England steht mit 3 Millionen Pfund gleich 20 Proz. des Gesamtimports, an zweiter Stelle folgt Deutschland mit 11 Proz., Amerika mit 8J4 Proz., Syrien 7 Proz., Rumänien 61/» Proz., Belgien, Japan und Slovakei mit einem Export nach Palästina von je 5—600.000 Lst. Der palästinensische Export ist bisher lediglich nach England, Deutschland und Syrien von größerer Bedeutung. Tel A w i w. Die palästinensische Mazzosausfuhr nach Polen ist seit dem Jahre 1933 vollständig zum Erliegen gekommen, obgleich die palästinensisch-polnische Handelsbilanz stark passiv ist. Da, wie gemeldet wird, das polnische Handelsministerium einen Import von 25.000 kg Mazzos aus den Vereinigten Staaten von Nordamerika bewilligt hat, so müßte auch für Palästina die Gewährung eines Kontingents erreichbar sein. Tel A w i w. Die Firma Siemens- Orient hat sich verpflichtet, alle Zahlungen für Warenimporte nach Palästina bis 31. 12. 35 an die Haavara zu überweisen. Jerusalem. Die im Mai 1934 gegründete Industrial und Financial Corporation of Palestine Ltd., die über ein einbezahltes Kapital von vorläufig Lst. 50.000 verfügt, verfolgt den Zweck für gesunde, gut geleitete Unternehmungen oder fundierte Projekte durch Aktienemissionen das erforderliche Kapital zu beschaffen. Die Gesellschaft hat sich an der Neugründung von fünf großen Unternehmungen beteiligt, in deren Verwaltung sie dann auch sich dauernd vertreten läßt. Sie hat jetzt aktiven Anteil an der zur Ausbeutung der heißen Quellen in T i b e r i a s gegründeten Tiberias Hot Springs Ltd. genommen, für die Lst. 55.000 eingezahlt worden sind. Auch hat die Gesellschaft darüebr hinaus die Werte zahlreicher palästinensischer Unternehmungen erfolgreich zu plazieren sich bemüht. Bodengeschäfte sind von ihrer Tätigkeit ausgeschlossen. Haifa. Die Gesamtziffern des palästinensischen Außenhandels für 1934 liegen jetzt vor. Es sind über 15 Millionen Pfund Waren eingeführt worden, während der Export nur 3J/> Millionen Pfund ausmacht. Das Defizit der Handelsbilanz hat sich im Laufe der beiden letzten Jahre um das 2l/»-fache gesteigert, gegenüber dem Vorjahre um 42 Proz. Jerusalem. Die Zentralbank für Kooperativgenossenschaften hat Ende 1934 an 114 Genossenschaften rund Lst. 300.000 ausgeliehen. Seit ihrer Gründung im Jahre 1922 hat die Bank annähernd 2 Millionen Pfund ausgeliehen und ihre Verluste beliefen sich in den 13% Jahren ihres Bestehens nur auf Lst. 6600. Das Jahr 1934 brachte überhaupt keine Ausfälle. Jerusalem. Die neue palästinensische Portland Zement-Fabrik „Shimshon" ist mit einem Kapital von Lst. 250.000 ins Handelsregister eingetragen. leistende religiöse Pionierarbeit. Das seit zwei Jahren von unserer Jugendorganisation eingerichtete Büro zur Förderung des Thorastudiums entfaltet eine fruchtbare Wirksamkeit im Sinne des Keren Hathora. Es sucht nicht nur Limud Hathora in den Jugendgruppen selbst zu vertiefen, sondern wendet die verschiedensten Mittel an, um darüber hinaus durch finanzielle Subventionen den Jeschiwobesuch zu fördern, wobei insbesondere die Jeschiwo Ejz Chajim in Heide bei Antwerpen in Betracht kommt, durch allgemeine Zusammenkünfte das Interesse am Lernen zu stärken und zu propagieren, durch Preiswettbewerbe und ö f - fentliche Prüfungen zum Wetteifer auf diesem Gebiete anzuregen und auf dem Wege der Einrichtung der Mischna Jomis und des Tnach Jomi neben dem Daf Jomi immer weitere Kreise für das Lernen zu gewinnen. Die Jahresversammlung der niederländischen Agudas Jisroel - Jugendorganisation fand am 24. Februar im Haag statt, wobei die verschiedenen Abteilungen über ihre Versuche und Erfolge berichteten. Für die Hachscharah in Enschede sind von der Jugendorganisation fl. 1100.— aufgebracht worden. Am 10. März fand ein Agudo-Tag in Lochern statt, der von Herrn E 1 z a s aus Boculo vortrefflich vorbereitet worden war. Er diente ganz der geistigen Propaganda für die Ideen der Agudas Jisroel und mündete in einer Gedenkfeier für Frau Schenirer, die verdienstvolle Gründerin der Beth Jacob-Bewegung. Ueber die Einrichtung einer agudistischen Hachscharah in Heide bei Antwerpen ist bereits berichtet worden. Im Augenblick können dort 10 Hachscharisten aufgenommen werden. Polen. Die Arier-Klausel in Polen verfassungswidrig. Warschau, 22. März. In der Vollversammlung des Lodzer Stadtrats wurde von der nationaldemokratischen Mehrheit der vor kurzem in einer Stadtratskommission gefaßte Beschluß, die städtischen Preise für Kunst, Wissenschaft und Literatur nur an Arier zu verleihen, bestätigt. Der in der Versammlung den Vorsitz führende Regierungskommissar erklärte, daß dieser Beschluß verfassungswidrig sei. Da sämtliche Stadtratsbeschlüsse der Bestätigung der Regierung unterliegen, wird die neue Bestimmung nicht in Kraft treten. Einen zum zweiten Mal eingebrachten Antrag dar Nationaldemokraten, in dem die Entlassung aller jüdischen Beamten und Funktionäre des Magistrats und der städtischen Unternehmungen gefordert wird, li-jß der Regierungskommissar als verfassungswidrig nicht zur Abstimmung zu, was von den Nationaldemokraten mit Protestrufen aufgenommen wurde. Ungarn. Das Ergebnis des Neologen-Kongresses und die allgemeine Lage. Budapest. 21. März. Die orthodoxen-neologen Verhandlungen dauern noch an. Vorläufig ist aber kein Resultat zu verzeichnen. Die offiziöse neologe Presse läßt kein Wort über diese wichtige Frage fallen. Nur der in Opposition befindliche neologe „Zsido Elet" will wissen, daß eine Annäherung der Standpunkte in der Frage der Austritte und in derjenigen der Tempelvereine stattgefunden habe, in allen anderen Fragen beständen die Gegensätze in unveränderter Schärfe fort. Der orthodoxe „Zsido Ujsag" betont nochmals, daß die Orthodoxie, da es sich für sie um religiöse Gewissensfragen handele, unter keinen Umständen nachgeben könne. Man spricht von einem nochmaligen Zusammentritt des orthodoxen Zentralkomitees. Auch innerhalb des neologen Lagers spitzen sich die Gegensätze hinsichtlich der Unifikation der Budapester neologen Gemeinden beträchtlich zu. Der Präsident der Ofener Gemeinde droht mit dem Austritt aus der neologen Organisation. Auch der Kongreß selbst ist die Zielscheibe verschiedener Angriffe geworden und eine jüdische Zeitung nennt ihn geradezu ein „Purimspiel". Das läßt sich insofern rechtfertigen, als in der ausländischen Presse fortgesetzt versucht wird, den Kongreß als einen allgemeinen jü-