Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 76 (1935)
- Issue
- Heft 13 (28.3.1935)
- Date
- 1935-03-28
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
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spse$^sea(|M!S^8^s j^i^^^^^S^S^P^^wg^g^j^^^P^^lP^^^P^^^^yg^gf ^mSS^S^l^w^^g^^sKwir^^^^^^^^^ 28. März 1935 11 t Nr. 13 Seite 3 Erez Jisroel-Probleme. .;(Fortsetzung von Seite 1.) Gefahr gewarnt: Erez Jisroel darf nicht' als — .Kolonialland behandelt werden. Eine Kolonialmacht pflegt ihr Kolonialland-meist nicht nach dessen eigenen Bedürfnissen und Notwendigkeiten zu Verwalten,-sondern ihren Maßnahmen Gesichtspunkte zugrunde zu legen; die bei ihr selber gelten und vor allem geeignet sind, ihren egoistischen Interessen zu dienen. Die Orthodoxie war bisher nur zu sehr ,geneigt, Erez Jisroel nicht aus sich heraus, sondern vom Standort der jeweiligen Gola zu beurteilen und bei jedem Entschluß nicht etwa in .allererster Reihe seine Konsequenzen für Erez Jisroel selber, son- , dern vor «allen Dingen für die jeweiligen Teile der Gola in Betracht zu ziehen. Es trieb die - deutsche Orthodoxie in Erez Jisroel deutsch-jüdische Politik, die tschecho-slovakische Orthodoxie tschecho-slovakisch-jüdische Politik, die polnische Orthodoxie polnisch-jüdische Politik. In Wirklichkeit aber läßt sich in Erez Jisroel nur Erez Jisroel-Politik treiben. Dies bedeutet, daß "alle unsere Schritte in Erez Jisroel zunächst die Förderung der Thora in Erez Jisroel selber bezwecken müssen. Dies bedeutet, daß alle unsere. Schritte in Erez Jisroel die genaueste Kenntnis der Verhältnisse in Erez Jisroel zur unerläßlichen Voraussetzung haben. Dies bedeutet namentlich, daß alle Entscheidungen unserer religiösen Autoritäten, wenn sie nicht ins Blaue hinein ergehen sollen, die besonderen V er - hältnisse in Erez Jisroel als Tatbestand in sich aufnehmen müssen. Jede Entscheidung eines praktischen Falles kommt auf •dlem Wege eines Schlusses zustande: der aus dem Inbegriff der ewigen Thora zu entnehmende Rechtssatz bildet den logischen Obersatzj'ider auf Grund genauester und gewissenhaftester Tatsachenfor- -schung zu ermittelnde Tatbestand bildet den logischen Untersatz; die konkrete. Entscheidung wird durch einen logischen. Schluß gefällt, der die Allgemeinheit des Obersatzes auf die Besonderheit des Untersatzes erstreckt. Trotz Richtigkeit des Obersatzes kann der ScHuß völlig falsch sein, wenn der Untersatz fehlerhaft ermittelt ist. Die .größte Gelehrsamkeit schützt nicht vor gröbstem Irrtum, wenn der Wille oder die Fähigkeit zur Aufstellung des Untersatzes, also zur Tat-, sacheiifors c h u n g , nicht in genügen/dem Maße vorhanden ist. Ewig ist nur der Obersatz. Der Untersatz hingegen unterliegt e'wiger Ent: wicklung und ist darum seinem ganzen Wesennach variabel. In der Fähigkeit der Thora, für jedweden Untersatz den Obersatz bilden zu können, ist ihre Ewigkeit begründet und zugleich ihre Fortentwickelb arkeit. Ihre Ewigkeit liegt in der Unabänderlichkeit des aus ihr entnommenen Obersatzes. Ihre Fortentwickelbarkeit liegt in der Neuheit des. den Obersatz auf jlen neu festgestellten Untersatz anwendenden ^Schlusses. [ Wer den Obersatz für variabel halt,, ist ein Abtrünniger. Wer den Untersatz für *ewig hält, ist ein Narr.; "l'/ :? . ' ' .'; •' - . - Gewiß ist der Wunsch begreiflich, von vornherein.in' Erez Jisroel nur einen solchen Tatbestand entstehfeii ZU; lassen, der sich (als Untersatz) am mühelosesten dem Obersatz der Thora unterordnen kann. Aber der Wunsch allein genügt nicht, um den der Thora am meisten entsprechenden Tatbestand zur Entstehung: zu bringen. An der Fähigkeit' des Wünschens hat es der Welt-; Orthodoxie nicht gefehlt, wohl aber an der Fähigkeit zur Tat.; Noch vor-15 Jahren hätte die Weltorthodoxie in Erez Jisroel einen in allem, wesentlichen der Thora zugeneigten Tatbestand : schaffen können, wenn sie sicl||ie;fhstlich und unwiderruflich zu dem:tätenfrohen11 Entschluß hätte I j_ : aufraffen können, Land, und Volk für die; Herrschaft der Thora bereitzustellend Als "damals der zionistische'Waad Leumi die Hand über Erez Jisroel ausstreckte, war noch die große Mehrheit seiner Insassen thoratreü oder zum mindesten der Thora zugetan. Unsere Gegnerschaft gegen den Waad 'Leumi fand in weitesten Kreisen Verständnis und Unterstützung. Allein wir waren stark nur in der Verneinung. Wir verneinten den Waad Leumi und verneinten die noch gar nicht ins Leben getretene Kenesseth Jißrael. Aber schon die gegen Waad Leumi und gegen Kenesseth Jißrael gerichtete Erklärung der' Thoravertreter des Landers ließ die Aufförderung zur Gründung einer thorägemäßen Landesorgänisätion, einer thorägemäßen^ Kenesseth Jißrael, thörage mäßer Gemeinden vermissen. Und hierbei ist es in der Hauptsache geblieben. Der Austritt wurde zum Kampf signal gegen den Waad. Leumi, zu .einem reinen Prinzip der Verrieinung, zu einem Asyl wirklichkeitabgewandter Tatenlosigkeit. In Deutschland und Ungarn, den Heimatländern der „Trennung", bedeutete der Austritt nicht nur die Verneinung der thörawidrigen Gemeinschaft, sondern auch, ja vor allem, die energischste, die opferf r oh e s t e B e jahung der thoragemäßeo Gemeinschaft, die Schaffung und- Aüfrechterhaltung thörage mäßer Gemeinden zeitlich dem Austritt voraus, war der Austritt wirklich .nur eine juristische, dem Staat gegenüber zu wahrende Form, deren eigentlicher Inhalt die völlige Bejahung der thorägemäßen Gemeinschaft, der Eintritt in sie, das ausschließliche Verbleiben in ihr war. Zumal in Ungarn war es ganz und gar die lebenerfüllte, die durchaus positive thoragemäße Gemeinschaft, die sich von der thörawidrigen Gemeinschaft trennte und in der Trennung und durch die^ Trennung lediglich die thoragemäße Gemeinschaft bejahte und rettete. Erez Jisroel aber ist das einzige Land, das den Austritt gewissermaßen zum — Selbstzweck hat werden lassen, ohne die Pflicht zum'— Eintritt zu betonen, ohne alsbald die — Möglichkeit zum Ei ntr i 11 zu schaffen, So ist in Erez Jisroel der Austritt in der Tat vielfach zu einer leeren Formel erstarrt. Außer in Jerus c h o 1 a j i m ist es in all den vergangenen Jahren nirgends., nachhaltig zur Bildung thoragemäßer Gemeinschaften gekommen. Und selbst der Waad Hair Aschkenasi in Jeruscholajim hat bis jetzt ein wirklich lebendiges Gemeindewesen' :£icht zu entfaltenvermocht. Die Negation war auch hier bei weitem stärker, als die Position. Daß die „Söhne der Stadt" einander zu zwingen haben, in wechselseitiger Opferleistung der Thora die Gemeinschaft zu errichten*, nicht einmal in Jeruscholajim ist diese Erkenntnis in den Herzen der „Ausgetretenen" wirklich lebendig. Noch istselbst der Waad Hair Aschkenasi weit, entfernti -eine jüdische Gemeinde nach dem Muster .'einer jüdischen Gemeinde in Deutschland oder in'Ungarn zu sein. Denkt man etwa; an die schw.ere'n Opfer, die heute in Deutschlandsi fürj die Auf rechter hältüng' der Gemeinden!; und ihrer.; Institutionen gebracht werdeni so müßte gar manches Mitglied unserer Gemeinde in Jeruscholajim schamvöll: sein Haupt verhüllen. Die Fähigkeit der leitenden Herren in Jeruscholajim ist eben nach der negativen Seite entwickelter, als nach der positiven. Immerhin gibt es wenigstens in Jeruscholajim die Fassade j^ner thopatreuen Gemeinde. In Tel Awiw und in: Haifa aber ist es- bis jetzt nicht einmal hierzu gekommen. (Von dem skandalösen Schild eines tägüdistischen Rabbinats, das während meiner 'letzten Anwesenheit im Lande in Tel Awiw — ob jetzt noch; weiß ich nicht —• als wahrer Hohn auf den Austrittsgedanken aushing, möchte meine;!.Höflichkeit lieber schweigen!) Die Dinge jedoch jltaten uns. nicht den Gefallen, auf uns zu warten. Sie entwickelten sich:—ohne uns. Immer neue jüdische' Menschen strömten in die Städte. Das inzwischen in Kraft getretene Gemeindegesetz konstituierte sie zu Gemeinden. Es entstand eine Art von Gemeindeleben, zwar wirklich noch nicht musterhaft, wirklich nicht vorbildlich, aber immerhin doch weit mehr, als ein—r . Schild. Unser ganzer Beitrag zur Förderung der Thoratreue in Tel Awjw, einer Stadt von mehr als 100 000 jüdischen Menschen, bestand in der bis zur Formelhaftigkeit erstarrten Mahnung zum — Austritt. Irgend eine Leistung stand dieser Mahnung nicht zur Seite. Einst von blutvoller Leidenschaft getragen und, weil gegen den Waad Leumi sich kehrend, allseitig verstanden, ward sie in ihrer Richtung gegen die Gemeinde von Tel Awiwj die freilich zur Kenesseth Jißrael gehört und daher dem Waad Leumi unterstellt ist, zu einer gespensterhaften Vogelscheuche. Was sollte sich denn eigentlich der , durchschnittliche Jehudi in Tel Awiw, dem die Geheimnisse höchster Politik ein Dunst sind, bei xdieser Mahnung denken? Bedeutete sie, daß die Gemeinde in Tel Awiw als trepha zu erachten sei? Dann durfte man, unter Zugrundelegung ungarischer oder deutscher Ehrlichkeit und Konsequenz, von ihren sämtlichen Institutionen nicht den mindesten Gebrauch machen, durfte von ihrer Schechita weder das Fleisch von Großvieh noch von Kleinvieh oder selbst von Geflügel genießen und tat gut daran, den völlig unwirtlichen Ort schleunigst zu verlassen. Dann war eine Stadt von mehr als 100 000 jüdischen Menschen einfach preisgegeben. Oder bedeutete etwa die Mahnung nur, daß man die — Steuerzahlung zu verweigern habe, im übrigen aber die Institutionen weiter benutzen könne, deren geldliche Unterhaltung man aus — Gewissensbedenken ablehnt? Ich muß schon gestehen, daß ich für einen solchen „Austrittstandpunkt" Verständnis nicht aufzubringen vermag. Für mich war dieser Standpunkt stets aufs engste mit dem Grundwesen des jüdischen Volkes als einer von der Thora und nur von der Thora konstituierten Menschengemeinschaft verknüpft. In Heiligkeit und Reinheit hatten Chatham Szofer in Ungarn und Rabbiner Hirsch in Deutschland das gesellschaftliche Herrschaftsrecht der Thora und die Abkehr von den Gemeihscbaftsbildungen des Unrechts gelehrt und mit ihrem Herzblut sich für ihre klaren und großen Forderungen eingesetzt, hatten starke und lebenskräftige Gemeinwesen der Thora gerettet oder unter unsäglichen Opfern neu hingestellt, aber hatten niemals leere und ungemein — billige Demonstrationen getrieben und das Gewissen tausender von Menschen , beschwert, ohne ihnen einen in der Welt der Wirklichkeit gangbaren Weg zu' weisen,' der'dem 'Gewissen Genüge tut. Sollen denn am Ende die großen Grundsätze des Chatham Szofer und Rabbiner Hirschs, in Reinheit und Heiligkeit aufgestellt und in ihrer Tragweite, geschichtlich gesehen, gerade für Erez Jisroel von unermeßlicher Bedeutung, durch eine wahrhaft barbarische Handhabung gerade in Erez Jisroel — ad absurdum geführt werden? Darf man vom sicheren Hafen' Jeruscholajims, wo man, nicht , ohne fortgesetzte Hilfe vom Ausland, wenigstens die Fassade einer unabhängigen ..Gemeinde besitzt, auf die übrigen Städte unseres Landes aussprechen^, daß sie '— trepha seien? Hat Frankfurt je rgewagt, München als trepha zu erklären? Gewiß ist nicht Jeruscholajim allein daran schuld, daß in Tel Awiw nicht seit 15 . Jahren eine zukunftsichere Gemeinde der Thora in Freiheit und Unabhängigkeit besteht; gewiß trifft die Verantwortung hierfür die ganze Weltorthodoxie, die in dieser Hinsicht immer nur zu wünschen und zu fordernverstand, aber, die Energie entschlossener und opferbereiter Tat nicht aufbrachte.. Aber nun besteht doch einmal der einfach nicht wegzuleugnende Tatbestand, daß die vielen Tausende thoratreuer Juden in Tel Awiw, seit Jahren gezwungen und gewohnt, von den Institutionen der vorhandenen Gemeinde Gebrauch zu machen, seit Jahren immer wieder nur um einen bis zur leeren Formel erstarrten und mit allen Mitteln ideenfremder Politik gehandhabten „Austritt" angegangen, vom wahren Wesen einer tatenfrohen, zukunftsicheren, opfer-