Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 76 (1935)
- Issue
- Heft 13 (28.3.1935)
- Date
- 1935-03-28
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
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Seite 4 Nr. 13 Der Israelit 28. März 1935 willigen Unabhängigen Orthodoxie einfach keine Ahnung besitzen (zumal das Vorbild in Jeruscholajim nicht gerade hinreißend wirkt) und für den agudistischen Grundgedanken der von der souveränen Thora beherrschten Volksgemeinschaft allererst — erzogen werden müßten. Nun besteht doch einmal der einfach nicht wegzuleugnende Tatbestand, daß ernsthafte, zielbewußte und entschlossene Versuche, die Gemeinde in Tel Awiw, die, bei aller Unzulänglichkeit, auch dem gewöhnlichen Mann ins Auge springende Reformen nicht aufweist, zu einer wirklichen Thoragemeinde auszugestalten, sie vom Waad Leumiabzulösen odermit ihr und durch sie Kenesseth Jißrael selber in EinklangmitdenGesetzen der Thora zu bringen, bis zur Stunde überhaupt noch nicht angestellt worden sind. Nun besteht doch einmal der einfach nicht wegzuleugnende Tatbestand, daß esnicht mehr um die Tiennung von Waad Leumi geht, wie damals, als die Rabbiner ihre Erklärung veröffentlichten, sondern um die Trennung von Tausenden, an sich thoratreuen Juden in Tel Awiw, die hilflos dem rasenden Zeitenstrem ausgesetzt sind und unserer Hilfe dringender bedürfen, als je. Wir selber sind schuld, daß sie durch Vermittlung der Gemeinde in Tel Awiw in Kenesseth Jißrael hineinfielen, und wir sollen ihnen nun aus unserer Schuld ein Makel anheften, weil sie uns nicht, nach 15 Jahren nicht sofort verstehen, wenn wir wirklich — endlich einmal! —- zur Aktivität übergehen? Und schließlich und endlich: Erez Jisroel ist nicht Deutschland und erst recht nicht Ungarn. E'.cz Jisroel hat Gemeinden nach deutschem oder ungarischem Muster im letzten Jahrhundert überhaupt nicht gekannt. Die Gola sandte ihre Vertreter nach Erez Jisroel und sorgte schlecht und recht für ihre Einzel- und Gesamtbedürfnisse. Es gab in Erez Jisroel keine eigentlichen Gemeinden, sondern im wesentlichen — Stiftungen. Noch heute hat selbst der Waad Hair Aschkenasi den ^tiitungscharakter nicht abgestreift. Gemeindei aditienen fehlen in Erez Jisroel fast völlig. Nicht nur in wirtschaftlicher Hinsicht, sondern auch im Gemeindewesen muß Erez Jisroel allererst aufgebaut werden. Der alte Jischuw ist vielfach in Stiltungsvcrstellungen befangen. Der neue Jischuw. zusammengewürfelt aus aller Herren Lände; , bringt keine einheitlichen Vorstellungen aus der Heimat mit und ist zudem meist von Wirtschaftssorgen in Beschlag gelegt. Ungeheure Erziehungsarbeit ist zu leisten, um ein Gemeindelcbcn im Sinne der Gola zur Entwicklung zu bringen. Kann und darf diese Erziehungsarbeit Bemerkungen zu flEHD* Im vrm -Kapitel (M. II, 12J sind die Vorbereitangen für den Auszug festgelegt. Zu diesen gehört die Anordnung im Salz 7, mn ]a mpt>v daß sie vom Blute des Pessachlamms nehmen und es geben /iininn *nv bs f\ipvi:n «v an die beiden Pfosten und an die Oberychwelle. In der Weitergabe des g'ttlichen Befehls durch Moses ans Volk heißt es aber umgekehrt (Satz 23j ninian vv bm t^ppan erst an die Oberschwelle und dann an die beiden Pfosten. Wenn wir Zufälligkeiten in den Formulierungen der Thora nicht gelten lassen, dann bedarf diese auffällige Variierung dar Erklärung. Es spielt sich hier eine Zwiesprache zwischen G'tt und Moses ab. G'tt ruft ^'K1P, nairc „zurück Israel, zu mir!" Israel aber fleht: m'sn ..bringe uns zu Dir zurück, strecke uns die Hand entgegen!" Man einigt sich auf der Basis von "]^K nawm naic?/ des gegenseitigen Sichentgegsnkommens. nxmV)mra3Pn-„ziehe mich heran, ich eile Dir in die Arme." Nahmen wir „Oberschwelle" als Symbol der g'ttlichen Vorsehung und Waltung, „Pfosten". als den Ausdruck für Leben und Leistung unseres Hauses, dann versteht man die Abweichung. G'tt spricht zu Moses von mntB und tppP»' er will erst unsere Hand, unser Haus, unser Ich haben, dann wird sein »ppro in Tel Awiw und Haifa damit beginnen, daß die Wenigen, die heute schon wirkliches Verständnis für ein wahrhaft jüdisches Gemeinwesen haben, sich von der Masse der Thoratreuen. lossagen und ihnen damit den Weg zur Selbstbesinnung verrammeln? Darf die Erziehung ihr Ziel vorwegnehmen? Darf sie 15jährige Unterlassungssünde an denen rächen, gegen die sie geübt worden ist? Und wenn selbst die Wenigen dazu imstande wären, eine eigene Schechita einzurichten und sich vielleicht auch ein Rabbinat zu setzen: ist das die Gemeinde, deren das werdende Erez Jisroel bedarf? Hat man sich denn noch gar nicht die Frage vorgelegt, ob nicht die Gemeinde des werdenden Erez Jisroel am Ende einen ganz anderen, am Ende einen neuartigen Typus zeitigen muß, wie ihn die Gola selber kaum je gekannt hat? Erschöpft sich denn wirklich das Wesen der jüdischen Gemeinde in der Sorge um die „religiösen" Dinge im europäischen Sinne des Wortes? Stellt nicht vielmehr die Einschränkung des Aufgabenkreises der jüdischen Gemeinde in Europa eine Galutherscheinung dar, die nicht nur eine Verkümmerung ihres ursprünglichen Wesens als Gemeinde, sondern im Grunde eine unsäglich traurige Verkümmerung der Thora selber bedeutet? Gehört nicht, wenn die Möglichkeit dazu vorhanden ist, die ganze Fülle des menschlichen Nebeneinander, das ganze Gebiet der Wirtschaft und der sozialen Gerechtigkeit zu den Objekten der herrschenden Thora, die sie durch Vermittlung der Thoragemeinde zu erfassen hat? Dürfen wir im werdenden Erez Jisroel auch nur einen Augenblick den Glauben aufkemmen lassen und den Anschein erwecken, als ob im Zentrum der weltbestimmenden, der weltumfassenden Thcra die Schechita allein stehe und eine jüdische Gemeinde im werdenden Erez Jisroel, im brandenden Leben von Tel Awiw und Haifa im selben Augenblick vorhanden sei, da ein eigener Schächter Großvieh ausgetreten schächtet? Kommt es nicht vielmehr, nach 15jährjger unendlich kompromittierender Untätigkeit, ver allem darauf an, die Menschenherzen für die lebenzugewandte, weil lebenbeherrschende Thc:a, für die Thora als stärkste gemeinschaftsbildende und gemeinschafttragende soziale Kraft zu gewinnen und dergestalt durch Belehrung und Tat — ja vor allem durch Tat! — von innen heraus den Tag vorzubereiten, der mit G'ttes Hilfe der Thcra im Lande der Thora den Sieg bringt? Ich möchte nicht mißverstanden sein; wenigstens ven denen nicht, die mich verstehen wollen. Es ist und bleibt das historische Verdienst des Waad Hair Aschkenasi, daß er gegenüber der Flutwelle des Zionismus in Erez Jisroel die Idee im Sinne des nD'pirn, seines huldvollen Herabschauens nicht ausbleiben. Moses aber spricht zu schwachen Menschen und sagt mman?vi cppBran iy, versichert sie erst dar g'ttlichen Huld und Hilfe. In der Gewißheit des «iiftf». des g'ttlichen Beistandes, dürfen sie getrost an den Aufbau ihres jüdischen Hauses herangehen. Ein Wortspiel, fast anekdotisch, aber losgelöst vom Wortsinne, nicht minder tief: ovon t>y nii6 oa^> am 'vn „Es sei das Blut des Pessachlamms euch zum Zeichen für die Häuser." Zweifler wiesen die Verkündung des „dritten Tempels" zurück, unter Berufung auf das Wort |wmn p iimun jran iiaa "n> Wagrößer wird die Pracht des letzten Hauses sein"; danach, deduzieren sie, sei der zweite Tempel der letzte gewesen und es folge ihm keiner mehr. Wie heißt es aber bei der Verkündung der zehn Plagen? •■[■nrmn mxn bipb wasm "iai u'bk' vb dk ">ni „Und so sie dir nicht vertrauen und nicht hören werden, auf die Stimme des ersten Zeichens, so werden sie der Stimme dieses letzten Zeichens glauben." „Kann hier v-i-ik mit „letztem" übersetzt werden, nachdem doch den zwei zehn weitere Zeichen, mit o*i beginnend, gefolgt sind? Somit ist yrwx nicht ein Letztes, sondern ein Anderes, ein Späteres. In diesem Sinne ist auch das rnnKn n'an Tiaa ">rp br\i zu verstehen. Es war der andere, aber nicht „der letzte" Tempel. Nun: Dm '>m, es sei die Ankündigung der Blutplage, wobei Jim* nicht das Letzte ist, rmb oa\ auch der beste Beweis n'nan b9. für die „Häuser", zeuge dafür, daß dem zweiten ein drittes Haus G'ttes vom ewigen Bestände folgt. der souveränen Thora als Gemeinschaftsherrscherin vertreten und trotz unsäglicher Anfeindungen behauptet hat: Daß er dieser Idee praktische Folge nur gegeben hat durch Schaffung einer eigenen Schechita und Behauptung eines eigenen Rabbinats, ist wahrlich nicht nur seine eigene Schuld. .Seine öffentlich-rechtliche Anerkennung ist und bleibt eine wichtige Forderung der agudistischen Weltorganisation. Aber die 15 jährige Identifizierung de s Ag u - dismus selber mit dem Waad Hair Aschkenasi ist nicht länger tragbar. Niemals wird der Agudismus sich zu einer Fraktion des Zionismus verflüchtigen. Den Leidensweg des Misrachi wird er niemals gehen. Niemals wird er aufhören, mit aller Kraft die Organisation der Kenesseth Jißrael in ihrer heutigen Gestalt zu bekämpfen. Unabänderjich bleibt auch sein Ziel: die Thora als einzig mögliche und einzig denkbare Form des jüdischen Volkes, das ohne sie dem Chaos anheimfäl lt. Aber der Besitzstand des Agudismus in Erez Jisroel ist dermaßen zusammengeschrumpft, die positiven Leistungen des Zionismus gegenüber unserem eigenen Leistungsdefizit üben eine solche Werbekraft auch auf die Thoratreuen aus, die ja gleichfalls vielfach die Nutznießer sind, daß der Agudismus sich nicht daiauf beschränken darf, lediglich die Menschen organisatorisch zu erfassen, die er bereits besitzt, sondern daß er gewissermaßen von vorn beginnen, daß er nicht nur gegen Menschen, sondern — um Menschen kämpfen muß. Historisch steht folgendes fest: Nicht der „Austritt" erzeugt eine starke Orthodoxie, sondern umgekehrt, eine starke Orthodoxie erzeugt den ,-,Austritt". So war es in Ungarn, und so war es namentlich in Frankfurt. Nicht durch den „Austritt" und erst recht nicht durch die öffentlich-rechtliche Anerkennung, sondern aus eigener Kraft ist die Frankfurter Gemeinde groß geworden, durch die Macht der Idee, die in Reinheit und Ehrlichkeit und Opferfreude um M enschen warb, und durch die Gnade G'ttes, die ihr zur Seite stand. Die Orthodoxie im heutigen Erez Jisroel aber ist schwach. Nicht als ob es nicht immer noch viele Mensehen gäbe, die thoratreu, und noch mehr solche, die der Thora zugetan sind und von einer Strömung, die zur Thora führt, sich gerne leiten ließen. Aber eben an dieser Strömung fehlt es. In diesem Lande, wo alles versucht, schöpferisch zu sein, hat die Orthodoxie bis jetzt weder auf Die ältesten Kommentare mühen sich, die Motive für die so ungeheure Ausweitung des Chomezverbotas am Pessach zu ergründen. Darf man doch sonst Trepbarubstanzen im Hause behalten, auch gilt da vielfach das dto ^ea, während Chomez am Pessach mit Stumpf und Stiel so ausgerottet werden muß, daß es im Hause „nicht mehr gesehen noch gefunden werden darf." Warum? Es treten darüber zwei Meinungen auf, 1. Weil auf Chomez die Koreßstrafe steht; 2. Nach Tossofisten, weil ''J'a 'W« '^'na *b. weil bei Gegenständen, die uns das ganze Jahr hindurch erlaubt und nur an wenigen Tagen zum Genüsse „verboten sind, größere Vorsicht geboten ist. Beide Gründe scheinen im Satze 15. Kap. 12 angedeutet zu sein, oa'nan *iuw vrowv „Wegschaffen (gänzlich ausrotten) sollt ihr Sauerteig aus euren Häusern", erstens 'in nmairfan bau? i>a -a« weil die Koreßstrafe auf den Chomezgenuß steht; zweites aber'yapn dt ~n iis»nn ovo» weil sich dieses Genußverbot nur auf eine Woche, „vom ersten bis zum siebenten" beschränkt und somit größere Vorsicht beansprucht. _'__ Kleines Feuilleton. Die Adar-Aktion zur Zeit des Tempelheiligtums, (Nach Maimonides Mischne Thora, Vorschriften über Schekolim, Kap. I, 1, 9.) „Es ist ein Gebot der Thora, daß jeder jüdische Mann den halben Schekel alljährlich gebe, sogar der Arme, der sich durch Almosen