Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 76 (1935)
- Issue
- Heft 12 (21.3.1935)
- Date
- 1935-03-21
- Page
- – (sequence 13)
- Language
- German
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* ff Feuilleton- Beilage Der Israelit Nummer 12 1935 Flucht in die Heimat. Eine Erzählung aus unseren Tagen. (Fortsetzung.) Nun standen alle um den langen Tisch herum und reichten sich die Hand zu einem Kreise. Herr Wilde, der mit der Rechten die Linke seiner Frau wärmer denn sonst umfaßte, tastete unsicher mit der Linken und erwischte endlich die Hand von Tante Rosinchen. „Man ja nicht eifersüchtig," flüsterte er seiner Frau ins Ohr. Und nur die Feierlichkeit des Momentes half Frau Ida, daß sie nicht mit lautem Lachen herausplatzte. Nachdem Klein-Mira zwischen Mama und Großvater auch noch ihren Teddybär eingeschaltet hatte, konnte der Reigen beginnen. In den wuchtigen Baß Vater Jakobs klangen die Alt- und Sopranstimmen der Frauen und Kinder wie helle Glocken hinein, aufgegriffen und temperiert von den -Baritons der Söhne Berches. Es war immer das Gleiche, dreimal jede Strophe, und dennoch jedesmal um einen Grad lauter, wärmer, getragener, als ließen sich die so begrüßten Engel immer tiefer zur Erde herab. Bei der dritten und vierten Wiederholung summten Herr und Frau Wilde die Melodie mit, die Worte blieben ihnen fremd und unverständlich; bis auf das immer wiederkehrende „Scholaum". Aber dieses eine Wort genügte, um ihnen zu sagen, daß hier Menschen Frieden geschlossen hatten mit der Welt, Frieden auch mit dem Draußen, der grauen Woche. Es war, als bekämen die alten Familienbilder an der Wand Leben und sängen mit. Es wurde ihnen plötzlich ganz warm ums Herz. Am oberen Tischende stand ein großer hochbeiniger silberner Pokal mit hebräischer Inschrift in einem schwersilbernen flachen Teller voll hebräischer Zeichen, vor den Broten, die wie ein noch zu enthüllendes Denkmal unter der kunstvoll gestickten dunkelbraunen Samtdecke ruhten. Der Wein schillerte in der Kristallkaraffe, die einen Sabbatspruch auf silbernem Anhängsel wie ein Amulett an der Brust trug. Vater Berches glättete kosend den Becher und schenkte langsam und bedächtig den Wein ein. „Ich wußte nicht, daß Ihr jede Woche Seder habt," entrang es sich Herrn Wilde, und er hielt erschrocken ein, als er merkte, wie stumm und feierlich sich die ganze Tischgesellschaft/um,, den Senior gruppierte, der das Gebet sang. Auch die Waschprozedur wickelte sich nach einem bestimmten Zeremoniell ab. Warum man" in diesem ganz modernen Hause mit dem 'bequemen Bade- und Waschräumen, wo das kalte und warme Wasser willig aus den Röhren floß, sich die Hände wie dazumal auf dem Dorfe an einem einfachen Becken miteinem Messingbecher waschen mußte, blieb Herrn Wilde unverständlich, auch nach den späteren Erklärungen. ■; Daß -die Damen beim Waschen die Ringe in den Mund nahmen, mutete sogar .komisch an. „Es hat keinen Zweck, vor dem lieben G'tt den Trauring abzulegen, er weiß es ja doch . . »" scherzte Herr Wilde, wie ihm gleich schien, wieder sehr unpassend, und freute sich, als die-drei jungen Fraüen dennoch aus vollem Herzen lachten und Tante Rosinchen einen solchen Lachkrampf bekam, daß sie den Segensspruch nicht sagen konnte; obwohl sie dabei stark an ihren Seligen denken mußte . . . „Sie haben wohl immer englische Tischzeit," suchte Herr Wilde eine Plattform für eine gemeinsame Unterhaltung zu schaffen, als jetzt kein Zweifel für ihn mehr bestehen konnte, daß das richtige Essen begann. „An Werktagen nicht," antwortete der Hausherr, „und am Freitagabend haben wir die j ü - d i s c h e Tischzeit." Und nun mußte Herr Wilde erfahren, wie selbst diese banale, ums Essen sich drehende Frage Vater Berches dazu dienen konnte, eine tiefreligiöse Belehrung über die höhere Bedeutung der Sabbatmahlzeit zu geben, der alle andächtig lauschten.. Was hier in das einfache Essen, sozusagen in den Suppenteller, nicht alles hineingeheimnist wurde! Von einem Tische, der ein Altar ist, wurde gesprochen, von Speisen, die Opfer bedeuten, von den Sabbatbroten, die die Schaubrote auf dem goldenen Tisch im Heiligtum ersetzen und vom Weine, der als Gußopfer zu der Weihe die Freude bringt. Sogar das Salz stand auf diesem Tische, nicht, um laxen Neigungen der Köchin nachzuhelfen, sondern hatte seine eigene höhere Bedeutung. „Und wenn es ein Sabbatopfer sein soll," belehrte der Hausherr, „dann soll es eben gleich mit Sabbatbeginn einsetzen, nicht, wie es leider auch in vielen modernen religiösen Häusern geschieht, erst wenn nach vielen Stunden die Weihe längst verflogen ist. Soll der Sabbat da sein und lange Stunden auf uns warten, bis wir uns dazu herablassen, ihn durch Wein und Brot zu weihen?", ärgerte sich Jakob Berches. „Nein, wir kommen ihm entgegen, wir warten auf ihn und begrüßen ihn, sobald er da ist. Was würden Sie, Herr Wilde, von mir halten, wenn ich, nachdem Sie heute unser lieber Gast sind, erst nach Stunden käme, um Sie zu bewillkommnen?" Dagegen war nichts zu sagen. Es war schlagend. Die englische und holländische Tischzeit war restlos erledigt und vergessen. Die Suppe war gegessen. Tante Rosinchen räusperte sich. Aber Fredi, der Frechdachs und Anführer der Jugendschar, kam ihr zuvor. „Nun werden wir alle Rosinchen gern haben," kündigte er den Fisch an, und alle lachten, am meisten Tante Rosinchen selbst, dankbar, aus der allzulangen Vergessenheit gerettet zu sein. Erich, der Jüngere, protestierte: „Erst singen, wie wir es immer machen." Und so geschah es auch. Ein Sabbatlied erhob sich im Chore, ähnlich wie vorhin," aber weniger getragen und weihevoll, ein Jubellied in vollen Akkorden, darin immer' und immer wieder die Worte „Licht", „Freude" und „Sabbat" wiederkehrten. Nach _dem zweiten Gange packte aber Fredi aus. Er;wvu3te viel mehr zu erzählen, als im Wochenabschnitte von Abraham geschrieben stand. Wie Abraham schon mit drei Jahren über die Welt und ihren Schöpfer grübelte; wie er die Bilder in der Götzengalerie seines Vaters zertrümmerte . . i Es war sogar eine ganz lustige Geschichte, über die alle lachen mußten, obwohl sie sie längst kannten. Fredi fuhr mit der Faust aus, um es ganz plastisch zu gestalten und Erich, der jüngere und auch Franz, der noch jüngere, unterstützten ihn dabei emsig. Es war ein förmliches Jugendkomplott gegen Götzen und Bilder. Herr Wilde, der einzige, der diese Geschichte nicht kannte, hörte ihr mit größter Aufmerksamkeit zu.' Er kannte sie nicht? Vielleicht noch mehr alsalle anderen im Hause. Ja, er wußte schein, wie Kinder die Götzenbilder des Vaters zer trüm m e r n! Baruch, früher Boris, der ihm den ganzen Abend nicht aus dem Sinne kam, stand ihm wieder leibhaftig vor Augen, mit Axt und Hammer in der Hand. Bums fiel ein Stück nach dem ande ren von den alten Götzen und Bildern . . , Wieder wurde gesungen, getragene und lustige Weisen, melodische und weniger melodische. Wieder wurden Speisen aufgetragen. In den längeren Pausen wechselte die Unterhaltung zwischen ernsten Belehrungen und heiteren Gesprächen. Nur von Geschäften wurde nichts gesprochen. Aus Büchern, aus Welt und Leben, aus Vergangenheit und Zukunft drangen warme Strahlen in die Sabbatstube, nur kein Schatten von der Politik oder dem grauen Werktag draußen hatte Zutritt. Als das Mädchen die Abendzeitung heraufholte, wanderte sie vollkommen unbeachtet in den Zeitungshalter. Der Sabbatbachur lernte zwischendurch mit den Jungen. Der Großvater trug etwas aus alten Büchern zum Wochenabschnitt vor. Der fremde Gast erzählte aus der Not in den alten Gassen, den Anstalten und Lehrhäusern in der heiligen Stadt. Not in Palästina? Herr Wilde war erstaunt, er hatte bis jetzt nur von Prosperität, Aufbau und Aufblühen gehört. „Das mag wohl für das neue Palästina stimmen," belehrte Vater Berches. „Das alte Palästina, der alte Jischuw genannt, mit seinen frommen Menschen, seinen Lehrhäusern und Wohltätigkeitsanstalten leidet Not, mehr denn je." „Und warum unterstützt das neue Palästina nicht das alte?" fragte Herr Wilde, kaufmännisch auf den Ausgleich bedacht. „Und w i r sollten uns von dem neuen Palästina um das heilige, seit Jahrhunderten uns verbürgte Recht bringen lassen, Zion und Jerusalem beizustehen?" ereiferte sich der alte Zionsfreund Jacob Berches. Der Sendbote aus Jerusalem hatte aber andere Antwort, voller Klagen und Anklagen gegen das neue Palästina, das sich zu wenig um die alten Menschen und Häuser in den heiligen Städten kümmere. So ging die Unterhaltung bis sie vom Stufengesange „der Heimkehrer nach Zion" zur Einleitung des Tischgebetes abgelöst wurde. Mit dem Tischgebete war die Tafel offiziell aufgehoben; man verteilte sich auf die anderen Zimmer, als neue Gäste kamen, Freunde der alten und jungen Berches. Die Lichter brannten fort, auch in den Herzen. Auch der von Wildes erwartete „Teeabend" kam noch, wenn auch in vorgerückter Stunde, zu seinem Rechte. Gespräche ernster und heiterer Prägung kamen in Fluß. Reißmann, ein Reisender der Firma Berches, erzählte, da er nicht von Geschäften reden durfte, die „neuesten Witze". Er pflegte sie immer in Beziehung auf sich zu erzählen, als hätte er selbst sie auf Reisen erlebt, was den alten Berches zuweilen zu der staunenden Bemerkung veranlaßte: „Merkwürdig, genau das Gleiche hat schon mein Urgroßvater erlebt . . ." Oft genug war es erst diese Nachbemerkung, die dem Witze nachträglich den Lacherfolg sicherte. Die Kinder ärgerten Tante Rosinchen im Spiele „Mensch ärgere dich nicht" so gründlich, daß sie von Zeit zu Zeit aufsprang und laut aufschrie. Als nun die Kinder einen Wink bekamen, ins Bett zu gehen, protestierte Fredi: „Ist ja noch gar nicht so spät, Tante Rosinchen ist ja noch jung und schön . Dieser gute Einfall brachte den Kindern noch eine Bewährungsfrist von einer halben Stunde ein. Als nun die Wildes aufbrachen und sich anerboten, Tante Rosinchen, da sie den gleichen Weg hätten, nach Hause zu bringen, konnte sie es aber nicht lassen, zu behaupten, „sie wäre weder jung noch schön, könnte allein nach Hause i gehen," nahm aber trotzdem die Begleitung an. Herr Wilde ergriff, nachdem sie Tante Rosinchen an ihr Ziel gebracht hatten, den Arm seiner Frau. „Wollte Philipp heute nicht hier-