Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 76 (1935)
- Issue
- Heft 12 (21.3.1935)
- Date
- 1935-03-21
- Page
- – (sequence 11)
- Language
- German
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21. März 1935 Oer Israelit Nr. 12 Seite 11;schaft im Zusammenhang mit den Folgen des Arbeitermangels in Palästina vortrug. Die Abordnung wies darauf hin, daß der Arbeitermangel in der Landwirtschaft sich besonders dadurch außerordentlich fühlbar mache, daß in diesem Jahre neue Pflanzungen auf einem Gebiet von 20.000 Dunam angelegt wurden, so daß das Gesamtausmaß der Citruspflanzungen auf 170.000 Dunam angewachsen ist. Außerdem würden von bisherigen Landarbeitern in steigendem -Maße eigene Kleinsiedlungen geschaffen und es sei Ersatz für diese Arbeitskräfte notwendig. Der High Commissioner nahm die Zahl der angeforderten landwirtschaftlichen. Arbeiter zur Kenntnis und versprach, er werde einen Teil der Zertifikate aus der nächsten Schedule ausschließlich für landwirtschaftliche Arbeiter bestimmen. Den Grundsatz, daß in jüdischen Unternehmungen jüdische Arbeiter beschäftigt werden sollen, erkannte der High Commissioner als gerecht an. Die von der Abordnung erstatteten Vorschläge betreffend Verbesserung der Transportverhältnisse und Straßen von den Kolonien zu den Häfen und Beginn der Steuerpflicht für Pardessim vom 9. Jahr nach der Pflanzung anstatt wie bisher vom 6. Jahr an versprach der High Commissioner, einer wohlwollenden Prüfung unterziehen 2U wollen. Der High Commissioner empfing ferner eine Abordnung von Kolonisten aus dem Scharon, die um Erhöhung der Arbeitereinwanderung baten, da sonst eine Wirtschaftskatastrophe drohe. Aus dem agudistischen Leben Erez Jisroels. Wiederaufnahme der Verhandlungen über die Gemeinden. — Die Delegation bei der Arbeit. — Empiatng beim High Commissioner. — Rückreise der slovakischen Delegierten. — Eine beschämende Gerichtsentscheidung gegen die Sabbatdemonstranten in Tel Awiw. Jerusalem, 15. März. Wie bekannt, hat die Palästina-Regierung im vorigen Jahre längere Verhandlungen zwischen der „Kneses Israel" und der „Agudas Jisroel" in Bezug auf die Bildung eines einheitlichen Oberrabbinats veranlaßt. Die Verhandlungen wurden dann abgebrochen, weil sich heraustellte, daß es, insbesondere für Agudas Jisroel, ein Ding der Unmöglichkeit war, ohne gründliche Lösung der Gemeindefrage selbst auf Vereinbarungen, die sich lediglich auf die oberste Spitze, das Obrerabbinat, bezogen, einzugehen. Nunmehr hat der High Commissioner durch die Palästina- Regierung den beiden Parteien mitteilen lassen, daß er die Wiederaufnahme der Verhandlungen a u f b r e iterer Grundlage wünsche. Auf beiden Seiten ist man mit Erwägungen darüber beschäftigt, auf welchem Wege eine Annäherung der Standpunkte ohne Preisgabe der Prinzipien denkbar ist. Während der ganzen Woche haben die Mitglieder der Agudo-Delegation fleißig gearbeitet und sich mit der Ausarbeitung eines allgemeinen Reorganisationsplanes für die palästinensische Agudas Jisroel und mit der Bildung einer ständigen Vertretung der Welt-Agudo in Jerusalem beschäftigt. Eine der Sitzungen fand unter dem Vorsitz von Oberräbbiner Duschinski statt, der zu den verschiedenen Plänen Stellung nahm. Im Laufe der Woche reiste die Delegation in Begleitung von Rabbi Jonathan Horovicz nach Tel Awiw und den Kolonien. Am Montag wurden die Delegierten in Gemeinschaft mit den Vertretern der Jerusalemer Agudas Jisroel zunächst von Seiten der Palästina-Regierung, vertreten durch Mr. Moody, empfangen und alsdann, wie bereits kurz.gemeldet, vom High Co mmissioner Sir Arthur Wauchope. Rabbiner Jonathan Horovicz stellte die Delegierten vor. Rabbiner Soroczkin, Luck entbot dem High Commissioner den üblichen Segensgruß in hebräischer Sprache, den alle Anwesenden und der High Commissioner selbst stehend anhörten. Rabbiner J. M. B i ed e r m a n n sprach namens des Rabbinischen Rates der Welt-Agudo dem High Commissioner den Dank für seine verständnisvolle Arbeit zu Gunsten des Aufbaus des jüdischen Nationalheims aus. Oberrabbiner Ungar, Nitra begrüßte namens der slovakischen Judenheit und wies darauf hin, daß in seinem Heimatlande die Orthodoxie sich völliger öffentlichrechtlich anerkannter Autonomie in allen Gemeindeangelegenheiten erfreue. Herr J. M. L e w i n skizzierte in längerer Rede die Forderungen, die Agudas Jisroel an die Palästina-Regierung zu stellen habe. Er verweilte insbesondere bei der immer noch nicht erreichten öffentlich-rechtlichen Anerkennung der orthodoxen Gemeinschaften des heiligen Landes und ging dann auf die Zertifikatfrage über. Der High Commissioner dankte für die Begrüßungen und betonte, daß er aus seiner eigenen religiösen Einstellung heraus sich dem orthodoxen Judentum besonders nahe fühle, daß er sich aufrichtig freue, Gelegenheit gehabt zu haben, in Bezug auf die Zertifikate den Wünschen der thoratreuen Kreise doch bis zu einem gewissen Grade Erfüllung zu verschaffen. In Bezug auf die Anerkennung der Gemeinden der Agudas Jisroel habe er das aufrichtige Bestreben, den Wünschen der Agudo-Führer in Erez Jisroel gerecht zu werden, er beschäftige sich intensiv mit der Frage und hoffe, daß die jetzt zu erneuernden Verhandlungen zu einer erwünschten Lösung führen würden. Rabbi Mosche Blau dankte dem High Commissioner für sein Interesse und bat, daß Seine Excellenz der Delegation nach dieser offiziellen Begrüßungsaudienz eine geeignete "Zeit bestimmen möge, in der die einzelnen auf der Tagesordnung stehenden politischen, wirtschaftlichen und kulturellen Fragen eingehender erörtert werden können. Der High Commissioner erklärte sich hiermit gerne einverstanden. Nachdem die Delegation in den wichtigsten prinzipiellen Fragen eine Annäherung der Ansichten herbeigeführt zu haben scheint, sind Oberrabbiner Ungar, Nitra und Jacob Joel Braun am Mittwoch nach ihrer Heimat zurückgekehrt. Oberrabbiner Duschinski und eine große Menschenmenge hatten sich zum Abschied am Bahnhof eingefunden. Die Persönlichkeit des Nitraer Raws hat hier in allen Kreisen des orthodoxen Judentums einen gewaltigen Eindruck gemacht. Diese. Woche fand vor dem englischen Richter Bodilly die Verhandlung gegen 12 Zeirim statt, die bei der letzten Demonstration für den Sabbat in Tel Awiw am 27. Adar nach der großen Versammlung von der Polizei verhaftet worden waren. Einige wurden mit Lst. 7.— bestraft und Hinterlegung einer Bürgschaftssumme von Lst. 20.— für ihr Wohlverhalten während eiens ganzen Jahfes, einer hat Lst. 12.— Strafe zu zahlen. Der Richter hielt es für angebracht, an die Angeklagten eine Ermahnungsrede zu richten, in der er etwa folgendes ausführte: „Niemand beabsichtigt die Angeklagten und ihre Kreise in ihrer g'ttesdienstlichen Betätigung zu stören. Aber sie hätten auch nicht das Recht, andere in deren g'ttesdienstlicher Betätigung zu stören. Es sei schön und gut, daß sie ihre Religion gewissenhaft beobachten und gewiß brave Menschen seien. Aber es handele sich gar nicht um eine religiöse Frage, sondern um verschiedene Auffassungen in rituellen Angelegenheiten. Wenn andere Leute, die am Sabbat Automobil führen, glaubten, damit'kein Unrecht zu tun, so könnten sie nach ihrem Ermessen verfahren. Dadurch, daß die Angeklagten Sabbat hielten, seien sie nicht besser als die anderen. Er, der Richter, ziehe jemand, der den Sabbat entweiht, aber ein guter Mensch sei, einem Sabbatbeobachter vor, wenn dieser einen schlechten Charakter habe. Alle derartigen Konflikte rührten daher, daß die Leute von Tel Awiw nicht jeden nach seiner Fasson selig werden lassen wollen. Wenn jemand vor der Synagoge Musik mache, so sei es gewiß nicht verboten, ihn daran zu hindern, aber man müsse wissen, auf welche Weise diese Verhinderung vor sich gehen könne." Diese richterliche Mussarrede muß starkes Befremden erregen. Man kann von einem englischen Richter gewiß nicht verlangen, daß er Verständnis für die Bedeutung der Sabbathut als oberstes nationales Gesetz des jüdischen Volkes besitze, obgleich es wahrscheinlich hochstehende englische Persönlichkeiten genug geben wird, die die Bedeutung des Sabbats in höherem Grade würdigen, als es bei Mr. Bodilly der Fall zu sein scheint. Aber die englische Justizverwaltung sollte dafür sorgen, daß in einer rein jüdischen Stadt, wie Tel Awiw, Richter tätig sind, die ein intimeres Verständnis für den Geist der Bibel und für den Sinn eine's jüdischen N a t iona1heims überhaupt ihr eigen nennen. Die Demonstration für den Sabbat in Tel Awiw. Tel Awiw, 10. März. So schmerzlich es ist, daß in der ersten jüdischen Stadt in Palästina eine Propaganda für den Sabbat erst einsetzen muß, so kann auf der anderen Seite das Erwachen des öffentlichen Gewissens für das verletzte Heiligtum des Volkes, wie wir es bei der jüngsten Massenversammlung im Beth Am erlebt haben, mit Freuden konstatiert werden. Riesenplakate riefen die Menschen auf, mit Schofartönen in den Straßen wurden die Massen aufgerüttelt, so daß schon eine Stunde vor Beginn der große Saal die Menge nicht mehr fassen konnte und viele Hunderte draußen unter freiem Himmel, bei strömendem Regen, ausharrten. Um 8.30 Uhr eröffnete der Vorsitzende des Waad Hakehillah, Herr Daniel S i r k i s , die Versammlung mit einigen kurzen Worten über den Sabbat, worauf Rabbi. Meier Berlin das Wort zum ersten Referate erhielt. Er schildert den Zweck der Versammlung. Es bedürfe keiner Massendemonstration für den Sabbat, noch sei es ein Protest gegen die Sabbatentweiher. Zu protestieren pflegte immer nur eine Minderheit, wenn sie sich von der Majorität benachteiligt fühlte. Die Majorität halte aber den Sabbat und könnte, wenn sie wollte, einen Druck auf das Häuflein der Sabbatschänder ausübe.n Sie habe es bis jetzt nicht getan, folglich könne die Versammlung nur im Sinne einer Einkehr, eines Protestes gegen die eigene Gleichgültigkeit und Lässigkeit angesehen werden. Die Straße müsse für den Sabbat gewonnen, ja erzwungen werden. Er sei gegen jede Art von Gewalttaten, aber das spontane Vorgehen gegen die Autofahrer an einem der letzten Sabbate vor der großen Synagoge müsse als die gerechte Abwehr des gesunden Volksinstinktes geachtet werden. Diese Vorkommnisse müßten auch unsere Stadtväter überzeugen, daß es so nicht mehr weiter gehe. Es sei schon so weit gekommen, daß die Völker in Europa über den mangelhaften Sabbat in Tel Awiw staunten. In den linken Kreisen werde behauptet, daß es eine eigentliche Sabbatarbeit noch nicht gäbe, aber auch die Antisabbatströmung mache Fortschritte und in einigen Kolonien sei schon die „Siebentagwoche" auf dem Felde eingeführt, auch in Tel Awiw werde bereits stellenweise am Sabbat gebaut (Bus-Rufe aus dem Publikum.) Redner schließt mit einem Appell an die Vertreter der Stadt, die am Ehrentische anwesend sind. Zweiter Redner ist der Vizebürgermeister Israel R o k e a c h. Er teilt zuerst den Beschluß der Irijah mit, Oberrabbiner Kuk zum Ehrenbürger der Stadt Tel Awiw zu ernennen (stürmischer Beifall). Er sagt dann, die Zahl der Sabbatentweiher in Tel Awiw sei nicht so groß, wie die Welt glaubt. Die Irijah tue alles, könne aber nicht auf jeden Einzelnen aufpassen. Ein einheitliches Sabbat£esetz werde bei der Regierung angestrebt. Die Regierung sträube sich dagegen mit der Begründung, das Mandat sehe Gewissensfreiheit vor. Im weiteren hat er herzliche Worte für den Sabbat, der durch kein nationales Fest nach Art der Kulturwelt ersetzt werden könne, und hofft, daß die jetzt eingesetzte Propaganda ihre Wirkung in der Bevölkerung, aber auch bei der Regierung nicht verfehlen werde. Von der Menge stürmisch begrüßt, ergreift Oberrabbiner Kuk das Wort, um zunächst für den Ehrenbürgerbrief zu danken. Darauf hält er eine tiefe religionsphilosophische Rede, deren Grundton darauf hinausgeht, daß unser Recht auf Erez Jisroel nur in der Thora, auch in der Sabbathaltung begründet sei und wir uns mit der Entfernung von der Religion unseres Rechtes auf die Heimat gegenüber G'tt wie der Welt begäben. Der Sabbat stütze sich in den Bundestafeln auf die Weltschöpfung und den Auszug aus Mizrajim. Natur und Geschichte zeugten für den Sabbat und auch die Geullah könne nur auf dem Wege über den Sabbat kommen. Von Oberrabbiner Aronsohn, der wegen Krankheit am Erscheinen verhindert war, wird ein längeres Schreiben verlesen, in dem er auf die negative und die positive Seite der Sabbatheiligung hinweist, durch Arbeitsruhe und durch geistige Beschäl-