Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 76 (1935)
- Issue
- Heft 12 (21.3.1935)
- Date
- 1935-03-21
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
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21. März 1935 Der Israelit Nr. 12 Seite 9 Der Bericht des Völkerbundskommissars hebt hervor, daß die Hilfe von den deutschen Gelehrten mehr als vergolten worden sei. Schon jetzt verdanke man ihnen eine Reihe von bedeutenden Entdeckungen, wertvolle Beiträge zur Forschung seien von ihnen geliefert worden. (ITA.) Holland. Die Berücksichtigung des Sabbats in Holland. Amsterdam, 17. März. Der Stadtrat von Amsterdam hat über die Berücksichtigung der am Schabbos geschlossenen Geschäfte bei der Sonntagsruhe eine neue Verordnung erlassen, in der folgendes bestimmt wird: Die Geschäfte, die, weil sie am Sabbat geschlossen siryä, am Sonntag 6 Stunden geöffnet sein dürfen, müssen hierfür entweder die Zeit von 11—17 Uhr oder von 14—20 Uhr wählen. Der Inhaber mehrerer Geschäftsfilialen darf von der Vergünstigung der Verordnung über am Sabbat geschlossene Geschäfte nur dann Gebrauch machen, wenn er sämtliche Filialen am Sabbat geschlossen hält. Als Vergünstigung dafür, daß ein Geschäft an einem jüdischen Feiertag geschlossen bleibt, darf es an dem dem jüdischen Feiertag vorangehenden Tag (beim Pesachfest an den beiden vorangehenden Tagen) zwei Stunden länger offen bleiben, ebenso auch abends nach Schluß des Feiertags, auch wenn dieser Tag auf Samstag oder Sonntag fällt. An dem Tage, an dem der Versöhnungstag beginnt, dürfen alle Friseurgeschäfte auch über Mittag geöffnet sein. Der Straßenhandel mit Fischen und Petroleum in denjenigen Vierteln, in denen hauptsächlich Juden wohnen, ist am Sonntag nicht mehr verboten, so daß diejenigen Straßenhändler, die den Sabbat als Ruhetag begehen, am Sonntag ihrem Berufe nachgehen können. Oberrabbiner Dr. Ritter 80 Jahre alt ray- Amsterdam, 15. März. Wie die Amsterdamer Blätter melden, begeht der Senior der holländischen Rabbiner, der in der ganzen Welt vermöge seiner Gelehrsamkeit und Wirksamkeit hochgeehrte ehemalige Oberrabbiner von Rotterdam, Dr. J. B. Ritter, in diesen Tagen seinen 80. Geburtstag. Dr. Ritter gehört zu den gezählten Absolventen des Breslauer Rabbinerseminars, denen der Aufenthalt in dieser Anstalt an ihrer unbedingten G'ttesfurcht und Glaubenstreue nichts geraubt hat, die vielmehr ihr ganzes Lieben und ihre ganze Tatkraft in den Dienst des alten, orthodoxen Judentums gestellt haben. Nach einer kurzen, sich über vier Jahre erstreckenden Wirksamkeit in Prenzlau kam Dr. Ritter vor mehr als 45 Jahren nach Rotterdam, wo er fast ein halbes Jahrhundert wirkte. Mit einem scharfen Verstände, einem eisernen Gedächtnis und profunder talmudischer Gelehrsamkeit ausgestattet, hat Dr. Ritter, obgleich ganz ein Kind des Westens und im äußersten europäischen Westen wirkend, sein ganzes Leben lang die intimsten Beziehungen zu der talmudischen Welt des Ostens aufr recht erhalten und eine weit verzweigte Korrespondenz mit allen großen Persönlichkeiten des alten Rußland, an ihrer Spitze Rabbi Jizchok Elchonon Spektor, dem Brisker Raw, später mit dem Gerer Rabbi geführt. Viel diskutiert wurde vor drei Jahrzehnten Dr. Ritters scharfsinnige Entlarvung der damals unternommenen literarischen Fälschung des Jeruschalmi Kodoschim, die Dr. Ritter in einer im „Israelit" erschienenen Aufsatzreihe als Falsifikat erwies. In den jüdisch-politischen Fragen kannte und kennt Dr. Ritter kein Kompromiß. Diese ^aufrechte Haltung, die naturgemäß oft Anstoß erregen mußte, obgleich sie sich mit einer tiefen Menschenliebe und einem liebenswürdigen Temperament verbindet, hat schließlich auch dazu geführt, daß Dr. Ritter nach 43jähriger Tätigkeit sein rabbinisches Amt in Rotterdam niederlegte, weil die Gemeinde sich weigerte, in einer grundlegenden ' Prinzipienfrage seiner rabbinischen Entscheidung, die aus der Tiefe der Ueberzeugung floß, zu gehorchen. Seitdem hat sich Dr. Ritter ganz ins Privtaleben nach einer Vorstadt Antwerpens zurückgezogen und lebt dort völHg dem Glücke des Lernens und Forschens in der G'tteslehre. Möchte ihm dieses Glück weiter n» diwi nun ty zum Besten seiner Umgebung, zum Besten der jüdischen Gesamtheit, in Gesundheit und Jugendfrische, beschieden sein. Polen. Warschauer Jüdische Gemeinde ehrt das Andenken Baron Rothschilds. Warschau, 13. März. Der Vorstand der Warschauer Jüdischen Gemeinde hat beschlossen, das Andenken Baron Edmond de Rothschilds durch Eintragung seines Namens in das Goldene Buch des Jüdischen Nationalfonds zu ehren. Gleichzeitig wurde vom Vorstand derselbe Betrag wie der zur Eintragung erforderliche dem Keren Hajischuw, dem Palästinafonds der Agudas Jisroel, zugeführt. Sejm-Kommission lehnt Errichtung staatlicher jüdischer Schulen ab. Warschau, 17. März. Die Bildungskommission des Sejm befaßte sich mit einem noch vor fünf Jahren eingebrachten, aber immer wieder zurückgestellten Antrag des Jüdischen Klubs auf Errichtung staatlicher Schulen mit hebräascher und jiddischer Unterrichtssprache. Der Antrag wurde mit den Stimmen der Regierungsfront und der Nationaldemokraten abgelehnt. Abg. Sommerstein erklärte, er werde den Antrag als Minderheitsvorschlag dem Plenum des Sejm vorlegen. Entsendung jüdischer Delegationen nach Spanien vom religiösen Standpunkt unzulässig? Warschau, 17. März. Im Zusammenhang mit der an die misrachistische Kulturorganisation „Jabneh" gerichteten Einladung des Zentralkomitees für die Maimonides-Feier in Cordova, eine Abordnung zu dieser Feier zu entsenden, waren Zweifel bezüglich der Möglichkeit, einer solchen Einladung Folge zu leisten, aufgetaucht, da durch einen rabbinischen Cherem-Bannspruch aus alter Zeit Juden das Betreten des spanischen Bodens verboten ist. Der Rogatschower Gaon hat nun wie die ITA. zu berichten weiß, in dieser Sache entschieden, daß Einzelpersonen zwar nach Spanien reisen dürfen, daß es aber unzulässig sei, Delegationen oder Gruppen von jüdischer Seite nach Spanien zu entsenden. Litauen. Eine Beth Jacob-Zeitschrift in Litauen. Kaunas, 10. März. Ein erfreuliches Zeichen des sich steigerndes Interesses für die öffentlichen Angelegenheiten der Orthodoxie in Litauen ist das Erscheinen einer der Beth Jacob-Bewegung gewidmeten Monatsschrift „Beth Jacob", die teils in hebräischer, teils in jiddischer Sprache die Frauenwelt Litauens zur organisierten Arbeit an den Klall-Interessen aufruft und die, soweit wir nach der vorliegenden Nummer urteilen können, beachtenswertes geistiges Niveau aufweist. An einen flammenden Aufruf der Beth Jacob- Zentrale schließen sich Aufsätze von ernstem, allgemeinen wie auch von belletristischem und poetischem Charakter an. Die Herausgeberin, Ella Schmulowitz, steuert einen Artikel über „Taharas Hamischpocho und Familienglück" bei. Ueber „Schule und Leben" äußert sich Sara Channanowitz, eine Besprechung des Schwab'schen Buches „Heimkehr" wird zum Anlaß eines Mussaraufrufs auch für die litauische Frauenweit genommen. Eine Reihe Nachrichten aus dem orthodoxen Leben der litauischen Hauptstadt zeugen dafür, daß sich dort mancherlei im agudistischen Kreise regt, das zu Hoffnungen für eine weitere Entwicklung Anlaß gibt. Nach den Berichten des Blattes bestehen Beth Jacob-Gruppen außer in Kowno auch in Telsiai, Schedawe, Janichkis, Mariampole, Wirballen, Keim, Titwannai, GarÜjowa, Alikija und Kaivaria. Rumänien. Aus dem agudistischen Leben Rumäniens. Oradea Mare, 18. März. Im Festsaal des Rathauses fand eine agudistische Massenversammlung statt, in der als Hauptredner Oberrabbiner Ch. M. L a u aus Presov auftrat. Das Referat nahm zu allen jüdischen Problemen auf Grund des agudistischen Programms Stellung und erzielte auf die ganze jüdische Bevölkerung der Stadt einen nachhaltigen Eindruck. Geleitet wurde die Versammlung von Oberrabbiner Benjamin Fuchs. — Tm Agudo-Heim sprach Herr David Bondy, Wien über die Grundzüge der orthodoxen Weltanschauung. Auf Initiative der Keren Hajischuw-Zentrale in Klaus e n b u r g fand in Des am 3. März eine größere Agudo-Versammlung statt, in der die Herren Ferdinand Berger, Sekretär Levisohn und Kultuspräsident Ordentlich sprachen. Frankreich. Auswandereriürsorgearbeit in Frankreich. Paris, 8. März. Wie die Leitung des Verbandes für Auswandererfürsorge, HICEM, mitteilt, hat das Pariser Auswandererhilfskomitee, die französische HICEM-Abteilung, im Jahre 1934 eine umfangreiche Arbeit geleistet, die dadurch unter besonderen Schwierigkeiten vor sich ging, daß die Zuwanderung zwar schwächer geworden ist, keineswegs aber aufgehört hat und andererseits die Verschärfung der Wirtschaftskrise in Frankreich eine Rückwanderung bereits jahrelang in Frankreich ansässiger Juden aus Osteuropa notwendig gemacht hat. Das Pariser Zentralkomitee wurde in der Berichtszeit von Ausgewanderten aus Deutschland und Osteuropa in 13.551 Fällen in Anspruch genommen. Untei Hinzurechnung der Vorsprachen bei den Komitees is Marseille, Lille und Straßburg betrug die Gesamtzahl der behandelten Fälle 17.866. 4114 Personen wurden beim Pariser Komitee neu registriert; hierzu kommen weitere 2480 Personen, die bei den Provinzkomitees neu eingetragen wurden. Für etwa 1500 Personen wurden beim Innen- und Außenministerium 704 Interventionen durchgeführt. In 1647 Fällen wurden Angelegenheiten Ausgewanderter bei den verschiedenen Konsulaten erledigt, die sich in jeder Weise bemüht haben, die Arbeit des Zentralkomitees zu erleichtern. Weiterbefördert wurden mit Hilfe des Komitees 3630 Presonen, davon 2102 Ausgewanderte aus Deutschland und 1528 Rückwanderer. Von diesen 2102 Ausgewanderten wurden 916 nach Uebersee weitergeleitet, 397 hauptsächlich zwecks beruflicher Umschulung in der Provinz untergebracht, 131 Personen haben sich in andere europäische Länder mit Hilfe des Zentralkomitees begeben, 658 wurden in ihre Herkunftsländer gebracht. Von den 1528 Rückwanderern haben sich 1012 in ihre Herkunftsländer, 259 in die Provinz, 191 in verschiedene Länder Europas und 66 in überseeische Länder begeben. Die Kosten für diese Transporte betrugen bei den Ausgewanderten 1.765.000, bei den Rückwanderern 119.000 Frcs. Fast sämtliche Transporte wurden durch HICEM mit Hilfe der vom Joint Distribution Commitee, der ICA. und dem Central British Fund for German Jewry zur Verfügung gestellten Gelder durchgeführt. England. Die Neufassung des Ausländerbegriiis in Palastina und die Rechte englischer Staatsbürger. London, 15. März. In der letzten Sitzung des Unterhauses beantwortete der Kolonienminister eine Anfrage des Abgeordneten Wedgewood betreffend die neue palästinensische Verordnung über die Gerichtszuständigkeit für Inländer und Ausländer. Der Abgeordnete fragte, ob durch diese Verordnung das Recht englischer Bürger, in Streitfällen, an denen sie beteiligt sind, einen englischen Richter zu verlangen, sowie ihr weiteres Recht, die palästinensische Landesbürgerschaft ohne Aufgabe der englischen Staatsangehörigkeit zu erwerben, berührt werde.