Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 76 (1935)
- Issue
- Heft 12 (21.3.1935)
- Date
- 1935-03-21
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/2446951-2450858-2450870--81139-2538995- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Seite 4 Nr. 12 Oer Israelit 21. März 1935 Werden Regierung, Parlament und Gesellschaft in England durch diese Weckrufe die Augen über das zwar legale, aber dem. Geiste des Mandats widersprechende Verhalten der palästinensischen Behörden gegen die „Illegalen" aufgehen? Für Ende der Woche wird eine Antwort des High Commissioner in Jerusalem auf eine Eingabe des Komitees der jüdischen Anwälte Palästinas erwartet, in welcher die Freilassung aller „Illegalen" verlangt und juristisch begründet wird. Wie die Antwort auch ausfällt, der tapfere und unerschrockene Anwalt und Wortführer unseres Rechtes in London, Colonel Josiah W e dg e w o o d , darf unseres Dankes sicher sein. Palästinabürger. Auf einer großen zionistischen Kundgebung in London hielt Professor Brodetzki ein großes Referat über den Zusammenhang zwischen Judenfrage und Einwanderungsproblem wie auch über den politischen Status der Juden in Palästina. Er sagte u. a. über diesen letzten Punkt folgendes: „Unserer gesamten Politik muß die Auffassung zugrunde liegen, daß alles, was wir tun, der Vorstellung eines politischen Status der Juden in Palästina entspricht, der in Wahrheit ein nationales jüdisches Leben bedeutet. Ich bin kein Gegner jüdischer Ansiedlung in Biro-Bidschan oder irgendwo sonst. Ich bin nicht dagegen, daß man Juden überall da ansiedelt, wo sie Existenzmöglichkeiten finden. In Palästina aber muß noch anderes hinzukommen. In Palästina muß es einen politischen Status der Juden geben, der niemals zu dem einer Mniderheit herabgedrückt werden darf, die ihre Rechte aus den Händen einer Mehrheit empfängt, und der niemals zu dem Status einzelner Juden, die in ein Land einwandern, verkleinert werden darf. In Palästina muß Einwanderung die Rückkehr des jüdischen Volkes zum Aufbau eines nationalen jüdischen Lebens bedeuten. Darum wenden wir uns dagegen, daß Juden in Palästina die Bürgerschaft aberkannt wird. Jedermann erkennt an, daß Gesetze befolgt und Gesetzesverletzungen bestraft werden müssen. Aber ein Jude, der nach Palästina gegangen ist und sein Heim dort aufgeschlagen hat, darf, gleichgültig, was er getan haben mag, seiner Bürgerschaft nicht in der Art beraubt werden, wie eine Naturalisierung in irgendeinem anderen Lande wi- Des Sabbats PHD Sinn und Bedeutung. Von Rabbiner Dr. M. Lewin in Hamborg. In der Reihe der vier „großen Sabbate", die uns alljährlich zum Peßach hinleiten und uns für das empfänglich machen wollen, was uns das Fest des Frühlings und der Freiheit zu künden hat, ist es gerade der nie mv, der unsere Aufmerksamkeit besonders beansprucht und mit Eindringlichkeit mahnt: "op 5>api em „Erschließe seinen Sinn dir, das soll dir zum Segen werden!" Solange Israel den Vorabend des heiligen noo-Festes besonders friedlich und wirksam unter Opfern und Lobgesang begehen konnte, war die Verlesung des Kapitels von hotk nie mit allen seinen mannigfachen Bestimmungen von praktischer Bedeutung. Alle sollten rechtzeitig gemahnt werden, sich von jeder Unreinheit zu befreien, um das Peßachopfer in Reinheit darbringen zu können. Was bedeutet uns aber, die wir nicht mehr Opfer bringen dürfen, dieser Abschnitt? Ist es nur die Erinnerung an ehemaliges Glück und an einstigen Glanz, die aufrechterhalten werden soll? Das wohl bestimmt auch, aber unser Gesetz von der Gesetzlosigkeit hat auch für uns Ewigkeitsbedeutung und seinen besonderen Wert. derrüfen werden kann. Palästina muß als seine Heimat angesehen werden. Die vollständige Identifizierung der Palästina-Bürgerschaft mit der Tatsache, daß jemand Jude ist, ist noch nicht erreicht worden; doch darf nichts geschehen, was diesem Grundsatz widerspricht." Diese Aeußerung deckt sich fast wortwörtlich mit dem, was auch wir vor einigen Wochen an dieser Stelle über Ein - und Ausbürgerung von Juden in Palästina zum Ausdruck brachten. Jeder Jude bringt seinen Bürgerbrief nach Erez Jisroel mit. Er ist ihm von der Geschichte, von der Thora, also von G'tt ausgestellt, und g'ttgegebene Rechte können behördliche Federstriche nicht annullieren. Freilich ergibt sich aus diesem Rechte auch die Verpflichtung des palästinensischen Juden auf das Gesetz, das Israel und sein Land heiligt. Die Gegensätze im Misrachi. Rabbiner A m i e 1 hat nun in dem Jerusalemer Misrachi-Organ „Hator" seine 15 Aufsätze umfassende Artikelserie, die sich erneut aufs eingehendste mit den ideologischen Grundlagen des Misrachi und gleichzeitig mit den an die Amiel'sche Broschüre sich anknüpfenden agudistischen Aeußerungen auseinandersetzt, zu Ende geführt. Wir behalten uns vor, auf den Inhalt dieser Auseinandersetzungen, die zweifellos ernste Beachtung beanspruchen, zurückzukommen. Für heute sei es uns gestattet, aus dem Schlußartikel einige Sätze wiederzugeben, die deshalb hochaktuell sind, weil sie so recht den abgrundtiefen Gegensatz zeigen, in dem hervorragende Führer des Misrachi heute in den fundamentalsten Fragen zueinander stehen. Während in diesen Tagen hier in Frankfurt Herr Rabbiner Dr. Jacob Hoffmann in einer öffentlichen Versammlung ein für das orthodoxe Empfinden geradezu erschütterndes Treuegelöbnis gegenüber der areligiösen zionistischen Organisation ablegte, schreibt sein Kollege und Parteigenosse in der Nummer des „Hator" vom 24. Adar I folgendes: „Daß uns das Programm des Misrachi ganz und gar nicht genügt, haben wir in ausreichender Klarheit auseinandergesetzt. Wie sehr bei uns die Begriffe sich verwirrt haben infolge dieses ursprünglichen Programms, beweist unser „Misrachi Hawatik". Der Grundgedanke und das Hauptprinzip dieses Misrachi Hawatik ist, daß der Misrachi ein „unlösbarer Bestandteil der zionistischen Organisation" sei! Aus dieser Bejahung folgt sofort Ein Rätsel für uns, mit unserm unzulänglichen Verstände undeutbar, bleibt das Gesetz, daß derselbe Stoff .n'iwon n* waom o'kbbh jik mon wohl rein macht die Unreinen, verunreinigt aber die Reinen. Keine menschliche Weisheit, und wäre sie auch die eines Salomo, vermag das Geheimnis zu enthüllen, das dieser „Satzung" anhaftet. Und doch ist es G'ttes Weisheit, die solche Forderung aufgestellt. Unserm menschlichen Verstände sind Grenzen gezogen, die wir nie verrücken können. Sovieles wir auch zu ergründen vermögen, im letzten kommen wir an einen Punkt, wo wir mit demutsvollem Sinne bekennen müssen: ua» nprn rnn naanit „Ich dachte, ich wäre weise, ich erkenne nun, wie fern mir doch die Weisheit ist." König Salomo war eben der Weise, weil er die Grenzen seines menschlichen Könnens und Wissens erkannte und erfaßte. Sollten nun nicht wir da auch die Mahnung hören und beherzigen: Ordne dich unter deinem Schöpfer und Meister in der Höhe, laß von dem Lichte seiner Lehre dir deinen Lebensweg erleuchten und deine Daseinsgestaltung-, dir vorzeichnen. Meistere nicht mit deinem schwachen Wissen und Vermögen den, der gesprochen in jedem Satze, in jedem Wort, in jedem Buchstaben seiner Thora. •»nun bv masb »*«n nmt nc vn« mn »nppn npn „Was als Satzung ich bestimmt, als Anordnung erlassen, das ist dir und soll dir bleiben unverrückbares Gesetz." Das ist die Voraussetzung für die rechte Einstellung zu unserm Judentum. Als G'ttes Schöpfung steht es festgefügt da und ist jeder Kritik entzogen. Wir können G'ttliches niemals mit irdischen Maßstäben messen. Solche Ueberzeugung will uns ms rav stärken, damit wir in unserm Seelenleben rein und frei werden von jedem Zweifel und ewig eine Verneinung — daß der Misrachi nämlich kein unablösbarer Bestand des orthodoxen Judentums mehr ist, mit dem er nichts zu tun hat. Bisher haben wir immer, nur von einemyaiWintPJtt gewußt, daß der am Sinai gegebenen Thora gegenüber gesprochen wurde. 'Jetzt kommt aber der Misrachi Hawatik und verkündet ein ganz neues yaffTirHPJtt! Diese syaPJinEWJ- Gelöbnis wird aber gegenüber einer neuen Organisation geleistet, die vor ein paar Dezennien in Basel gegründet worden ist. „Ein unablösbarer Bestandteil der zionistischen Organisation", das bedeutet also, daß wenn auch diese Organisation, sich G'tt behüte völlig trennen sollte von unserer ganzen Thora und Tradition, ja auch wenn sie öffentlich und erhobenen Hauptes den offenen Kampf gegen alle Heiligtümer Israels verkünden sollte, daß auch dann der Misrachi für immer und ewig ihr unablösbarer Bestandteil bliebe. Er ist ihr gefesselter Sklave, ein Sklave, dessen Ohr an den Pfosten gebohrt ist, für ewige Zeiten. Die Thora aber, für die wir durch Feuer und Wasser gegangen sind, was soll aus ihr werden? Das scheint diese Watikim nicht zu interessieren! Dazu sind sie gelangt durch unser altes Programm, das das Baseler Programm mehr betont als das Programm vom Berge Sinai und der Misrachi Hawatik hat nur die letzten Konsequenzen hieraus gezogen und hat gesagt: wenn dem so ist, dann muß der Misrachi ein unablösbarer Bestandteil der zionistischen Organisation bleiben, möge diese ausschauen wie sie wolle." Es ist wahrlich zu wünschen, daß diese klaren und mannhaften Worte ein etwas stärkeres Echo in misrachistischen Kreisen fänden, als es bisher der Fall war. Daß Rabbiner Amiel auch mit der „Agudas Jisroel" nicht zufrieden ist, liegt auf der Hand. Er bemüht sich, Licht und Schatten gleichmäßig zu verteilen. Das Programm der Agudas Jisroel sei in keiner Weise hinreichend gegenüber der derzeitigen Lage der Kneses Israel. Es genüge nicht, im Geiste der Thora alle Zeitfragen lösen zu wollen, wenn gar niemand mehr da ist, der sich bemüßigt fühlt, diese Fragen aufzuwerfen und ihre Lösung zu fordern. Daher sei die Einheitsfront aller G'ttesfürchtigen die Forderung der Stunde und diese Einheitsfront müsse über die Parteigrenzen hinweg gebildet werden, die heute Agudas Jisroel und Misrachi voneinander trennen. zugänglich bleiben den Segnungen, die dieses Sichgeborgenfühlen im Schatten des Lebensbaumes unserer heiligen Lehre einem jeden verheißt. „Sag an," so schärft der Midrasch ein, 13 1» 'n p mi 'D ja nwy ">a „Wer wirkt, wer schafft, wer ordnets an, daß aus dem Unreinen das Reine ersteht oder sich scheidet in der Natur, in der Geschichte, im Reiche der Menschen und Völker? obv> bv mr> *b Nicht der, der als Einig-Einziger die Welt geschaffen und sie und alles, was sie füllt, trägt und hält? Du wolltest da klügeln bei G'ttes Wort und scheiden zwischen dem, was dir und deinem Verstände einleuchtet und dem, was du nicht zu deuten vermagst." Folgen wir den Spuren des Midrasch bis zum vollen, unser ganzes Tun und Lassen, unser stetes Sinnen und Fühlen beherrschenden Bekenntnis: rax vnwi naK np& „Moscheist wahr und wahr die Lehre, die er von G'tt uns. gebracht hat.". So werden wir gesühnt und geläutert und befähigt, Peßach als linnn ]&t als Befreiungsfest. zu begehen.__ Kleines Feuilleton* Sara Schenirer zum Gedenken! Von W. S. J. Wir schreiben Sara Schenirer keinen Nachruf, weif wir glauben, sie muß in unserer Presse verewigt werden, weil wir glauben,' mit unsern Worten die Trauer um sie erhöhen zu können! Nein, Sara Schenirer hat das seltene, aber verdiente Glück, daß zehrtausende von Menschen, von Frauen zumal, die sie persönlich gekannt, hunderttausende von Men-