Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 76 (1935)
- Issue
- Heft 12 (21.3.1935)
- Date
- 1935-03-21
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
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21. März 1935 Oer Israelit Nr. 12 Seite 3 Die Flucht vor G'tt. (Fortsetzung von Seit« 1.) sind. In eindringlicher Formulierung zeichnet er die Struktur der Flucht, die zum Stigma der Zeit geworden ist: das Amorphe, Eklektische, Schattenhafte, Abstrakte, das Ausweichen vor dem Ernst der Entscheidung, vor der Notwendigkeit in die Möglichkeit, vor dem konkreten Inhalt in das bloß Formale,- die fortwährende Degradierung von Inhalt zu Rand und die sich dadurch immer steigernde Entseelung und Entwirklichung der Welt Mit erbarmungslos durchdringenden Röntgenstrahlen stöbert Picard das Gebilde der Flucht in den geheimsten und unverdächtigsten Schlupfwinkeln auf. Alles, das öffentliche Leben, die Wirtschaft, die Technik, die Kunst, die Wissenschaft, selbst die persönlichsten, intimsten Bezirke des Menschlichen, das freie Denken, die Leidenschaft, die Liebe, ja, selbst die Städte und die dem Menschen unterworfene Natur sind von dieser grausigen Krankheit der Zeit befallen. Er stellt dar, welche raffinierten Apparaturen sich die Menschheit für dieses ihr gigantisches Abenteuer geschaffen hat: wie die höchsten Werte innerlich ausgehöhlt werden, um mit ihren Schalen die Flucht zu maskieren, wie neue Modetheorien gebildet werden, um das wilde Entlaufen vor dem Glauben zu legitimieren und mit irgend einem Sinn zu versehen. Radikalität und „Einfühlungswesen", Typologie und Schlagwortsymbolik dienen der flüchtenden Masse als orientierende Stützpunkte. In der Pathologie dieser Erscheinung entdeckt Picards grausam kritisches Auge noch eine besonders bemerkenswerte Form: die Imitation G'ttes auf der Flucht. Man versucht, das Phänomen der Flucht mit den Eigenschaften G'ttes auszustatten, man imitiert sie. Die ganze Flucht ist als eine ungeheure Atrappe eingerichtet, an der die Fliehenden, immer seiner Eigenschaften eingedenk, sich gegen G'tt, den großen Verfolger üben. Man verleiht ihr eine Pseudo-Irrationalität, eine künstliche Unbegreiflichkeit und Unberechenbarkeit, eine Unbegrenztheit in Zeit und Raum, umgibt sie mit einer imitierten Autorität und gefällt sich darin, ihr das Schöpferische, Zeugungshafte, Anfangshafte zuzusprechen. Mit ungeheurer Macht hat das Phänomen der Flucht die Menschheit gefangen genommen. Die Flucht vor G'tt ist das Schicksal der Zeit Man kann nicht sagen, daß die Lektüre des Picard'schen Buches ein literarischer Genuß wäre. Die Sprache ist spröde, ohne Musik und etwas quälend. Aber gerade der Verzicht auf literarische Finesse macht das Buch so außerordentlich wirksam und hebt es weit über die übliche literarische Kost hinaus. Man hat nicht den Eindruck, eine abgeklärte literarische Ausarbeitung zu lesen, sondern eher den Bericht eines sehr klugen und sofort das Wesentliche erfassenden Augenzeugen von irgend einem schrecklichen Ereignis. Es ist, als ob einer mit weit aufgerissenen Augen ein aufregendes Geschehen verfolgt und davon, sichtlich erschüttert, den Umstehenden in stammelnden, sich oft wiederholenden Worten Kenntnis gibt. Für üns; Juden ist das von Picard aufgegriffene Thema von besonders schmerzlicher Aktualität. Nirgends tritt ja das Phänomen der Flucht so deutlich, so rein, in Erscheinung wie beim jüdischen Volk; nirgends stellen sich die verschiedenen politischen und geistigen Bewegungen so uhverhüllt als Etappen dieser gewaltigen Fluchterscheinung dar wie; in der modernen jüdischen Geschichte.. Die panische FluchtweÜe, die das Abendland in den letzten Jahrhunderten ergriffen hat, hat lange. den hartnäckig widerstehenden Block des Judenvolkes vergeblich umspült. Als es ihr dann doch, nach unaufhörlichem Anbranden, gelungen war, auch ihn in den allgemeinen Wirbel hineinzureißen, machte der Ruck, der mit der plötzlichen Loslösung aus der innigsten Gemeinschaft verbunden war, das eifrige Bemühen, die weit vorausgeeilten Anderen schnellstens einzuholen, bei den Juden die zentrifugale Tendenz noch heftiger, die Fluchterscheinung noch wilder. Nirgends wurden auch die Apparaturen, mit denen diese Flucht versehen ist, so kompliziert und so vollkommen ausgebildet, nirgends war die ideologische Umkleidung so vielfältig und einfallsreich, und nirgends wurde insbesondere jene raffinierte Kriegslist der Imitation des Verfolgers so kunstvoll und virtuos gehandhabt wie bei uns. Die Treugebliebenen, die sich von dem wilden Strom der Flüchtlinge nicht haben mitreißen lassen, versuchten sich und die Ihren in abseits gelegenen Zufluchtsstätten in Sicherheit zu bringen und begnügten sich damit, dem seltsamen Schauspiel erstaunt und kopfschüttelnd zuzuschauen. Sie gaben die Hoffnung nicht auf, daß das tolle Abenteuer doch irgend einmal ein Ende nehmen, und das Volk von selbst wieder den Weg zurück finden wird. Aber nun werden sie mit Schrecken gewahr, daß der Fluchtprozeß ein anderes, gefährlicheres Stadium erreicht hat. Der breite Strom der Fliehenden hat die glatte gebahnte Straße verlassen und wälzt sich zusehends dem Abgrund zu. Die Flüchtenden wissen zwar noch, vor wem sie fliehen, aber nicht mehrwohin. Und die Fluchtwelle schlägt auch schon gegen die Zufluchtsstätten der Treugebliebenen. Wie einst die Flucht der anderen das ganze jüdische Volk umdroht hat, so brandet heute die flüchtende Judenmasse gegen die Trotzburgen der Treuen an. Sie will auch sie mit hineinziehen in den Wirbel, will auch sie hineinzwingen in das allgemeine Schicksal. Jetzt hat das passive Abseitsstehen jeden Sinn verloren; jetzt heißt es, sich retten und die anderen. Jetzt gilt es, sich dem ins Chaos mündenden Strom mit aller Gewalt entgegenzustemmen und der rasenden Fluchtbewegung Einhalt zu gebieten, — denn sonst sind Schuldige und Unschuldige allesamt verloren. Und es bedeutet zugleich eine Aufgabe von weltgeschichtlichem Ausmaß, durch Einleitung der rückläufigen Bewegung im jüdischen Volk auch der übrigen Menschheit das Signal zur Umkehr zu geben. Gewiß, die Aufgabe ist nicht leicht. Wer sich einem in panischem Schrecken Flüchtenden in den Weg stellt, ist in Gefahr, rücksichtslos niedergetreten zu werden; dem unliebsam störenden Hindernis brüllen Haß, Wut und Verachtung entgegen. Aber immer noch war eine Handvoll entschlossener Männer, die genau wissen, was sie wollen, einem Haufen regellos Entlaufener überlegen, die höchstens zu wissen glauben, was sie nicht wollen. Und wenn diese Männer, aus ihrer Vereinsamung heraustretend, sich endlich an die Hände fassen und mit ihren Leibern eine feste geschlossene Kette bilden, vermögen sie auch dem Ansturm einer vielfachen Uebermacht zu trotzen. Denn Einer ist da, der ihnen hilft: der große Verfolger. „Die Fliehenden wissen," so schließt Picard seine große Anklage mit einer prophetenhaft anmutenden Tröstung, „daß sie nur fliehen können, weil G'tt hinter ihnen her ist. Sie riskieren es nur zu fliehen, weil sie vor G'tt fliehen, und weil G'tt geschwinder ist als sie. Sie wissen, daß sie in jedem Augenblick die Bewegung zu G'tt machen können, daß sie in jedem Augenblick bei ihm sein können, und darum lassen sie es darauf ankommen, keinen Augenblick bei ihm zu sein . . . Das eben ist G'ttes Liebe, daß er die Fliehenden verfolgen will, er und kein anderer, damit er, der Schnellste, den fliehenden Menschen am nächsten sei . . . Und auch dies ist G'ttes Liebe: er ist so rasch, daß die Fliehenden wie Folgende sind, — und das ist das Ende der Flucht." In tausendfacher Variierung sprechen es unsere Propheten und unsere alten Meister immer wieder aus: daß auch das irrende jüdische Volk immer nahe ist bei seinem Schöpfer, daß es jeden Augenblick wieder bei ihm sein kann, daß es seinen Jugendgeliebten nicht vergißt. Diese tröstliche Gewißheit ist es, die den Treugebliebenen den Mut und die Kraft gibt, an ihre schwere, kleingläubigen Gemüter fast unlösbar scheinende Aufgabe siegesgewiß heranzugehen. Sie wissen, daß Er rasch ist und nah, und sie glauben, daß eines, vielleicht nicht allzu fernen, Tages das Wunder Wirklichkeit werden kann: daß aus den Fliehenden Folgende werden, und daß sie mit der gleichen Leidenschaft, mit der sie einst geflohen sind, den Weg zurückschreiten zu ihrem ureigensten Heim. Wochenrundschaa „Illegal". Im neueren Vokabularium des jüdischen Galuth spielt neben dem Schicksalsworte „Zertifikat" auch die Bezeichnimg „illegal" eine verhängnisvolle Rolle. Das Wort bedeutet für Hunderte der Einwanderer in Palästina stete Gefahr und panische Angst, Gefängnis, freiwilligen Hunger und Deportation. In einem Berichte der Palästinaregierung wird das mit der jüdischen Einwanderang im Jahre 1934 (über 42 000) ins Land eingeflossene Kapital mit 7 bis 8 Millionen Pfund angegeben. Nicht gezählt werden aber im Berichte die Tränen und Seufzer derer, die in den Gefängnissen von Akko, Bethlehem und Jerusalem, nur weil sie zu jenem Kapital nichts anderes als ihren Willen, ihre Liebe und Arbeitskraft beitragen konnten, in unbeschreiblicher leiblicher undseelischer Pein ihrer Austreibung entgegenharren. Wir haben im englischen Unterhause einen aufrichtigen Freund sitzen, der in der Galerie der unsterblichen D^ljn mal» "»"POn seinen Ehrenplatz behaupten wird. Er heißt Colonel Josiah Wedgew jod. Er ist in Sachen der Juden und Palästinas das wachende Gewissen im englischen Parlamente, das sich von keinem Spotte und keiner hämischen Bemerkung eines Ministers oder Abgeordneten zum Schweigen bringen läßt. Es vergeht keine Sitzung, in der er nicht Palästina in Beziehung zur Not der Juden in der Welt in den Mittelpunkt der Verhandlung rückt. Er ist auch der einzige Dolmetsch der Tränen hinter den Gefängnismauern von Akko, Bethlehem und Jerusalem, der den Standpunkt vertritt, daß kein Jude illegal sei im Lande seiner Väter. Der Minister für die Kolonien, Sir Philip L i s t e r , wußte aber auch am 13. März allen Attacken Wedgewoods mit der stereotypen Bemerkung zu begegnen, er wisse nichts und habe keinen Grund, anzunehmen, daß die palästinensischen Gerichte Unschuldige ins Gefängnis schickten. Das Gewissen mahnt aber weiter. Wenige Tage später hielt Wedgewood sogar ein Bankett, das ihm zu Ehren gefeiert wurde und bei dem Lord Churchill und andere Mitglieder der Regierung zugegen waren, für den geeigneten Anlaß, mit einer scharfen Anklage gegen die englische Regierung wegen ihrer Palästinapolitik und ihrer Passivität gegenüber der Not des jüdischen Volkes hervorzutreten. Das starke Gewissen läßt sich auch durch gerade in England geheiligte Höflichkeitsrücksichten nicht zurückdrängen.