Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 76 (1935)
- Issue
- Heft 12 (21.3.1935)
- Date
- 1935-03-21
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
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Seite 2 Nr. 12 Oer Israelit Nr. 12 Seite 13 „Makedonia" und Mitherausgeber des „Eleutheros Typos" Nico F a r d i s , bekannt aus dem Prozeß nach dem Pogrom im Salonikier Campbell-Viertel. Fardis, der der geistigen Urheberschaft dieses Pogroms und der Niederbrennung des Viertels beschuldigt war, wurde damals freigesprochen. Der französische Innenminister empfängt Vertreter der Juden und Mohammedaner in Constantine. Paris, 12. März. Aus Constantine in Algerien, wo unlängst Ausschreitungen arabischer Nationalisten gegen Juden stattgefunden haben, wird gemeldet: Der französische Innenminister Marcel R e gn i e r setzte in Constantine seine Verhandlungen mit den Vertretern der Bevölkerung fort. Er empfing zunächst eine jüdische Delegation unter Führung des Generalrats Lellouche, die ihm ihre Loyalität gegenüber Frankreich versicherte und noch einmal die Entstehungsgeschichte der schweren Zusammenstöße vom 5. August 1934 darlegte. Die Delegationsmitglieder erklärten, die Juden von Constantine betrieben keineswegs Wucher, wie man ihnen vorgeworfen habe. Minister Regnier empfahl der Delegation, ihre Glaubensgenossen sollten gegenüber den Muselmanen besondere Zurückhaltung üben. Das wichtigste Gespräch des Tages führte der Innenminister mit dem Oppositionsführer Dr. Ben-Djelloul und seinen politischen Freunden. Der eingeborene Oppositionsführer beteuerte seine vollkommene Loyalität gegeünber Frankreich und erklärte, die Vorgänge in Constantine hätten nur lokalen Charakter getragen. Sie seien nicht das Resultat einer antisemitischen oder antifranzösischen Bewegung. Er kämpfe zwar für die Gleichheit der Rechte der Eingeborenen, werde sich aber stets vor den Entscheidungen des französischen Parlaments beugen, gleichgültig, wie diese ausfallen mögen. Regnier führte im Anschluß daran mit Ben-Djelloul noch eine Privatunterhaltung, in der dieser abermals die Beschuldigung, er mache gemeinsame Sache mit ausländischen Kreisen, weit von sich wies. Vom neologen Landeskongreß in Budapest. Budapest, 11. März. Der neologe Landeskongreß ist im allgemeinen programmgemäß abgelaufen. Nur drei- oder viermal versagte die Kunst der Regie. Für den Geist des Kongresses ist -das Schicksal eines Antrages bezeichnend, den der Oberrabbiner Dr. Isaak Pfeifer-Monor stellte. Dieser neologe Oberrabbiner schlug vor, daß auch in den neologen Gemeinden Personen, deren Familienmitglieder getauft sind, die keine religiöse Eheschließung vorgenommen haben, oder deren Kinder nicht in den Bund Abrahams aufgenommen wurden, keine Vorstandsämter in den Gemeinden bekleiden dürften. Er blieb selbstverständlich in der Minorität und auch der Vorsitzende des neologen Rabbinerverbandes und der Rektor des Rabbinerseminars stimmten gegen den Antrag. Für die Orthodoxie ist am wichtigsten der Ausgang des Kampfes um die von orthodoxer Seite beanstandeten neuen Satzungsbestimmungen. Der unerbittliche Widerstand der Orthodoxie, nicht minder aber auch die Ermahnungen von höchster Staatsstelle belehrten die Neologie eines Besseren, so daß zwei der beanstandeten Satzungsparagraphen noch vor Eröffnung des Kongresses abgeändert worden sind, während bezüglich der anderen vier Paragraphen, wie man hört, eine Vereinbarung mit der Orthodoxie während des Kongresses zustande gekommen sein soll. Da Einzelheiten in diesem Augenblick noch fehlen, geben wir die Information unter Vorbehalt wieder. Die Zionisten hatten sich, wie bereits kurz gemeldet, den Präsidenten der Wiener Kultusgemeinde, Dr. Friedmann, zu den Kongreßtagen nach Budapest bestellt, der in seinem Auftreten wenig Erfolg hatte. Er zeigte eine verblüffende Unkenntnis der ungarisch-jüdischen Verhältnisse und sein Plädoyer für die einheitliche Volksgemeinde konnte keinen Eindruck machen. Antisemitischer Vorstoß in Lodz. Im Lodzer Stadtrat verfügen die Nationaldemokraten über eine Mehrheit. Zuerst gelang es ihnen, wie an anderer Stelle mitgeteilt, zu bewirken, daß Preise für Literatur, Kunst und Wissenschaft künftighin nur an Polen arischer Abstammung erteilt werden. Nunmehr soll das Arierprinzip auch für die städtische Beamtenschaft in der Weise durchgeführt werden, daß alle jüdischen Angestellten sofort fristlos entlassen werden. In der Praxis bedeutet das wenig, da die Zahl der jüdischen Beamten im städtischen Dienste verschwindend gering ist, im Prinzipe aber käme dieses Gesetz, das natürlich bald in Polen Schule machen könnte .einer Entrechtung der Juden auf allen Gebieten gleich. Die erste Attacke der Nationaldemokraten ist in diesem Falle durch energisches Eingreifen des Regierungskommissars, der den Vorsitz führte, mißlungen. Um drei Uhr nachts machten die Regierungsparteien mit Hilfe der anderen, nichtnationaldemokratischen Abgeordneten durch das Verlassen des Saales die Versammlung beschlußunfähig. Diese negative Lösung, die die Nationaldemakraten in Harnisch bringt, kann aber eben so wenig die Juden und die anderen Parteien befriedigen. Oberkommissar Macdonald nach Südafrika abgereist. New York, 12. März. Der Oberkommissar des Völkerbundes für Auswanderungsfürsorge, James MacDonal'd, hat sich, wie seinerzeit angekündigt, nach Südamerika begeben, um mit den dortigen Regierungen über Niederlassungserlaubnis für eine gewisse Zahl aus Deutschland Ausgewanderter zu verhandeln. Vor seiner Abreise erklärte MacDonald Pressevertretern, daß mehr als ein Drittel aller aus Deutschland Ausgewanderten bis jetzt noch keinen festen Wohnsitz hat; er glaube, daß die Regierungen der südamerikanischen Länder die erbetenen Einwanderungsgenehmigungen erteilen werden. Einwanderungssperre in Amerika beantragt. New York, 17. März. Das Mitglied des amerikanischen Repräsentantenhauses E1 a n t o n hat einen Gesetzesentwurf eingebracht, der die Einstellung der gesamten Einwanderung nach Amerika für die nächsten zehn Jahre und eine Registrierung aller Ausländer vorsieht. Widerstände in der Arbeiter-Partei Palästinas gegen das Abkommen mit den Revisionisten. Jerusalem, 18. März. Das Ergebnis der Wahlen zu der soeben in Chedera eröffneten Konferenz der Arbeiterpartei- Palästinas (Mapai) läßt erwarten, daß gegen die Ratifikation des Abkommens' mit den Revisionisten sich ein außerordentlich starker Widerstand geltend machen wird, so daß die Ratifizierung sehr zweifelhaft geworden ist. In Jerusalem erzielte die Liste der Befürworter der Ratifizierung eine Mehrheit von nur zwei Stimmen, während in Tel Awiw 600 Stimmen für und 800 Stimmen gegen das Abkommen, in Haifa 200' Stimmen für und 800 Stimmen gegen das Abkommen abgegeben wurden. Die Parteiführer, unter ihnen Ben Gurion und Shertok, haben sich nach Chedera begeben, um sich zu bemühen, die Durchführung der für die nächste Woche vorgesehenen Urabstimmung und ihr positives Ergebnis zugunsten der Ratifizierung zu sichern. — Die Konferenz wird sich ferner mit der Tagesordnung der nächsten A. C.-Sitzung, insbesondere mit den Schekelbestimmungen und dem Etatsvorschlag,, befassen. Es heißt, daß die Arbeiterführer die Einsetzung eines Postens von 190.000 Pfund für Kolonisationszwecke beantragen werden, davon 66.000 Pfund für die Konsolidierung der alten. Siedlungen. Purim in Tel-Aviv. Tel Awiw, 19. März. Die Purim-Feier in Tel Awiw wurde vom Bürgermeister Dizengoff mit einer Grußbotschaft an. die Judenheit der Welt eröffnet. Alle nach Tel Awiw führenden Straßen waren dicht gefüllt mit Wagen, die Fesgäste aus allen Teilen des Landes zur Feier nach Tel Awiw brachten. Am Vorabend bot die Stadt mit ihrer reichen Festbeleuchtung" und den von einer dichten Menge maskierter Kinder mit ihren Eltern erfüllten Straßen ein prächtiges, malerisches Bild. Hornsignale verkündeten den Beginn des traditionellen Karnevals. Die Synagogen waren bei Vorlesung der Megillah alle gesteckt voll. Nach dem G'ttesdienste sezte das Purimtreiben ein. Bis spät in die Nacht wurde überall auf den Straßen gesungen und getanzt. Die antijüdische Boykott-Aktion in Danzig. Interventionen Polens und des Völkerbundes. Danzig, 11. März. Der Generalkommissar der Polnischen Republik in Danzig hat beim Präsidenten des Senats wegen der antijüdischen Boykott-Aktion interveniert, die in der letzten Zeit in der Freien Stadt mit erhöhter Intensität durchgeführt werde. Wie verlautet, handelt es sich bei dieser Intervention um ein schriftliches Memorandum, das Minister Dr. Papee soeben dem Senatspräsidenten überreicht hat. Eine Antwort auf dieses Memorandum ist noch nicht erfolgt, doch ist im Sinne der wiederholten. Erklärungen des Senats zu hoffen, daß sie in positivem Sinne erfolgen wird.