Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 76 (1935)
- Issue
- Heft 11 (14.3.1935)
- Date
- 1935-03-14
- Page
- – (sequence 11)
- Language
- German
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Feuilleton- Beilage Der Israelit Nummer 11 1935 tWfMK «am Flucht in die Heimat, Eine Erzählung aus unseren Tagen. (Fortsetzung.) V. Damals entschlossen sich die Wildes zum ersten Male, eine Einladung für Freitag abend bei einer der Frau weitläufig verwandten Familie anzunehmen. Herr Jakob Berches, der dieser Familie vorstand, war, wenn er im Winter im Pelzmantel, auf dessen gelbe Brustverbrämung der gutgepflegte, ganz weiße Bart in .langen breiten Strähnen fiel, sich auf der Straße zeigte, eine auffallend schöne Erscheinung. In seinem Kreise, im Ostviertel der Stadt, galt Jakob Berches, im Besitze von Thorawissen und auch ansehnlichem Vermögen, viel und bekleidete mehrere Ehrenämter in Gemeinde und Wohlfahrtsleben. Er betrieb in seinen jungen Jahren in der Memelgegend ein ausgedehntes Holzgeschäft, zog aber, als er glaubte, genug Klötze auf seine Kosten und Gefahr den Memelstrom bis zur Ostsee hinabgeschickt zu haben, seinen Kindern nach der süddeutschen Großstadt nach und führte hier mit seiner'Frau ein ruhiges, patriarchalisch verklärtes Haus, das zum Sammelpunkt der Kinder und Enkel wurde. Die Freitagabende im Hause Berches, wo sich im Lichterglanze der Kerzen die drei Generationen bei Speis und Trank, Gebet und Gesang fanden, waren berühmt. Die Wildes hörten schon davon, durch Baruch nämlich, der in letzterer Zeit oft Gast bei Berches war. Aber die Wege von ihrem Hause nach dem Ostende waren nicht allein in räumlichem Sinne weit. Die ,.schwarzen Berches" nannte man draußen im Westen die Familie Jakob Berches, obwohl der Alte längst schneeweiß, die Söhne zum Teil schon graumeliert und die Enkel alle so strohblond waren, als kämen sie aus Schweden. Eine natürliche Scheu empfanden die Wildes vor diesen Verwandten, die bei ihnen, wenn sie schon einmal kamen, kaum ein Glas Wasser anrührten. Eine dunkle Wand lag zwischen ihnen. Sie schien aber, Herr Wilde wußte nicht wie, allgemach abzubröckeln. Der Gruß, wenn sie sich jetzt auf der Straße trafen, wurde freundlicher, der Händedruck wärmer. Oft mutete Wilde dieser Händedruck wie Mitleid, Beileid an, als wollte er sagen: „Ihr, die ihr der warmen Stube entbehrt, indes draußen so böse kalte Winde wehen, seid schlimmer daran, ihr dauert uns ..." Und die Wildes entschlossen sich, einen langen Winterfreitagabend die Gäste der Familie Berches zu sein. Bei Jakob Berches war der Freitagabendtisch stets groß und lang gedeckt. Im Kronleuchter an der Decke brannten sämtliche Birnen, auf dem Tische in silbernön Kandelabern aber zehn schneeweiße Stearinkerzen. Drei junge Berches, Söhne der Familie, wohnten in der Stadt und ihre zum Teile noch sehr jungen und hübschen Frauen brachten ihre Sabbatlichter und ihre Kinder zur Sabbatweihe ins Haus der Großeltern; jede zwei, das heißt zwei Lichter. Von den sechs Kindern gehörten drei, zwei Buben und ein Mädchen, dem älteren Sohne . Max und seiner Frau Lene, zwei Buben brachten Lothar, der zweite jSohn und Hilde, seine Frau, mit. Sami, der jüngste, erst seit drei Jahren mit seiner blutjungen und bildhübschen Dora verheiratet, . stellte mit seinem Töchterchen, dem zweijährigen drolligen Baby, das jüngste Glied zu der lichtumflossenen Tafelgesellschaft in der warmen Sabbatstube der Berches. Zu den acht Sabbatlichtern der Mutter und drei Schwiegertöchter kamen noch zwei Lichter der Tante Rosinchen, die zum eisernen Freitagabendbestande der Familie gehörte. Nicht ganz in der Reihe, aber auch nicht ganz abseits standen diese Lichter, denn Tante Rosinchen, zittrig und zimperlich wie die Lichtlein, hätte alles andere eher ertragen als ein Abseitsstehen. Tante Rosinchen war eine „junge Witwe" von über sechzig Jahren. Ihr Verwandtschaftsgrad mit den Berches ließ sich nicht präzis bestimmen, ohne sich in einem Walde von Stammbäumen zu verlieren. Schlechthin „Tante" von den Kindern genannt zu werden, paßte ihr nicht; das mache zu alt ... Mutter Berches begrüßte sie aus irgend einem Grunde mit Kusinchen. Das griff Fredi, der älteste und tonangebende in der Jugendschar, auf und machte aus der „jungen Witwe", die auf den Vornamen Rosi hörte, eine Tante Rosinchen. Der Name blieb. Tante Rosinchen, eine grundgütige Person und die aufrichtige Freundin und Vertraute von allen drei Generationen im Hause, hatte nie davon gesprochen, wieso und warum ihr Seliger, schon lange vor seinem Tode, von ihr ging; wiewohl sie sonst die Schwäche hatte, stets im Lichtkreis des Interesses stehen zu wollen. Nichts war ihr unsympathischer und unerträglicher, als die Unterhaltung weitweg von ihrer Person abgleiten zu sehen. Dann verstand sie es, sich auf ihre stille Art mit einem Ruck wieder in den Mittelpunkt zu schieben. An jedem Freitagabend und immer zur gleichen gegebenen Minute pflegte sie die gleichen zwei Witze zu machen, über die sie selber von Herzen lachte, die aber die Kinder, auf Kommandozeichen von Fredi, eine Minute vorher durch eine Lachsalve anzukündigen pflegten. Wenn der Karpfen mit der süßen Rosinensauce aufgetragen war, sagte sie, zu den Kindern gewendet: „Gelt, heute habt ihr aber alle Rosinchen gern ..." Und war es in vorgerückter Stunde Zeit, daß sie Jemand von den jüngeren Berches nach Hause brachte, zitierte sie kokett und falsch: „Bin weder jung noch schön, kann allein nach Hause gehen . . ." Für die Kleinsten, die Freitagnacht bei den Großeltern schliefen, pflegte dieses Zitat die Einleitung zum Nachtgebete zu sein. Und sie freuten sich auf den nächsten Freitagabend, auf die Lichter, die Lieder und — auch auf die gute Tante Rosinchen . . . Für fünf Uhr abends waren Herr und Frau Wilde eingeladen. Sie dachten an eine Kaffeestunde, einen „Fünfuhrtee" und waren nicht wenig erstaunt, eine reich und festlich schön gedeckte Tafel im hellerleuchteten Speisezimmer vorzufinden, als feierten sie eine Hochzeit oder dergleichen. Die Lichter und die Blumen — der große Strauß weißer Nelken war von ihnen geschickt — lachten nicht minder wie die kleineren Kinder, die die Großmutter und die eigenen drei jungen Mütter im Gebete störten. Die größeren Knaben: waren noch mit ihren Vätern und dem Großvater in der Synagoge. Tante Rosinchen blätterte in einem illustrierten Journal und. räsonierte ohne ernstliche Erregung über die neuen Kleidermoden. „So was hätten wir doch nie angezogen . . ." Der Freitagabend im Wilde'sehen Hause war weniger in Glanz und Licht getaucht. Frau Ida hatte Sabbatkerzen auf "dem Tische, aus Tradition und Gewohnheit, aber sie wurden zuweilen erst in später Abendstunde angesteckt, wenn Herr Wilde zwischen sieben und acht aus dem Geschäfte kam und man zu Tische ging . . . Oefters aßen sie auch früher — wenn sie nachher ins Theater gingen, oder ins Museumskonzert. Seit einem Jahre, da sie noch wenig ausgingen, waren die Freitagabende so lang und so still wie alle anderen Abende, bei traurig abflackernden Kerzen, die nicht rasch genug aus dem ihnen fremden Räume verschwinden konnten . . . Wie hier alles in Licht und Glanz prangte, alles eitel Weihe, Wonne und Erwartung war, das benahm ihnen zunächst den Atem. Sie waren ein wenig geblendet und mußten sich die Hand vor die Augen halten. Mutter Berches, eine rotwangige Matrone im weißen Häubchen, wie Gedula, die Rothschildmutter, auf der Bühne, sagte aus ihrem dicken Gebetbuche heraus: „Eh, eh!" Sie war mit ihrem Gebete noch nicht fertig und konnte nur mit diesem Zeichen die Gäste begrüßen. Die drei jungen Frauen besorgten es aber für sie gründlich, und die kleine Mira renkte ihrem Teddibär fast die Arme aus, daß er Onkel und Tante, „Gut Schabbos" sage. Bis Tante Rosinchen, die sich schon lange genug vergessen fühlte, eine Erinnerung ausgrub, aus der Zeit, da sie als junges Mädchen bei den alten Wildes oft zu Gast war und den flotten Norbert kennen lernte. „Lang, lang ist es her. Seien Sie man ja nicht eifersüchtig, Frau Wilde . . ." Nun kündeten Schritte und lautes, helles Lachen auf der Treppe das Kommen der Männer an. Mit einem fröhlichen „Gut Schabbos" trat Vater Berches ins Haus, hinter ihm die drei Söhne Max, Lothar und Sami in der Rangordnung ihres Alters. Max und Lothar führten ihre Buben an der Hand, zu jeder Seite einen. Ihr „Gut Schabbos" war wie der helle Ausklang der Synagogengesänge. Das Kleinchen auf dem Arm der Mutter kannte die Weihe der Stunde und streckte die winzigen Aermchen nach dem Großvater aus. Das Haus füllte sich mit Licht und Liebe. „Ein Extragutschabbos für unsere lieben Gäste!" begrüßte der Senior, dessen schöner Bart wie frisch geputztes Silber im Strahle der Kerzen leuchtete. Herr Wilde hatte plötzlich, er wußte nicht wie, ein leichtes, schwarzseidenes Käppchen auf dem Hinterkopfe sitzen. Zum ersten Male in seinem Leben. Er mußte ein paarmal danach greifen, dann saß das Ding;o "gut und fest auf dem Kopfe, daß man es gar nicht mehr spürte. Es waren genau sechzehn Gedecke auf dem Tische. Frau Ida hatte still ausgerechnet, daß mit ihnen und den größeren Kindern im Ganzen nur dreizehn Teilnehmer an der Tafel sein konnten. Nun verstand sie. Es kamen noch zwei fremde mit, ein blasser, einfach und sauber gekleideter Jüngling und ein älterer, weniger gepflegt aussehender Mann. „Unser Sabbatbochur," wurde der Jüngere vorgestellt. Der Andere war ein Durchreisender, ein Sendbote aus Jerusalem diesesmal. Ein Gedeck blieb frei. „Es ist so," erklärte Mutter Berches, als stände das noch im dicken Gebetbuche, das aufgeschlagen vor ihr lag, „daß wir nie wissen, wieviele Gäste Vater mit nach Hause bringt ..." Nun waren Herr und Frau Wilde Zeugen einer seltsamen Zeremonie, die umständlich und andächtig nach ganz bestimmten Regeln vor sich ging. Jakob Berches segnete seine Kinder und Enkel, mit der. Jüngsten auf dem Arm dar Mutter angefangen, bis zum und zur ältesten der Söhne und Schwiegertöchter, jedesmal das gleiche Aufstützen der Hände auf das Haupt des zu Segnenden, die gleichen Flüsterworte mit geschlossenen Augen. Die Prozedur wiederholte sich dann in der genau gleichen Reihenfolge vor der Mutter, von der der Segen noch je mit einem Kusse bekräftigt wurde. Hätte sich Frau Ida nicht geschämt, sie hätte ebenfalls den Kopf gesenkt zum Empfange des Segens . . . Sie fühlte sich in den letzten Jahren, seit dem Weggang der zwei Kinder, nichts weniger als gesegnet. Im Elternhause gab es auch das „Benschen der Kinder", wenn auch nicht in dieser Feierlichkeit. Herr Wilde erinnerte sich, wie er als ganz kleiner Junge einmal im Jahre, vor Jomkippurbeginn, zum Großvater zum Empfange des Segens geschickt wurde. In seinem eigenen Elternhause hielt man auf solche Sentimentalitäten wenig, und er hatte diese „altmodischen Bräuche" auch in seinem Hause nicht eingeführt. (Fortsetzung folgt.)