Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 76 (1935)
- Issue
- Heft 11 (14.3.1935)
- Date
- 1935-03-14
- Page
- – (sequence 8)
- Language
- German
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Seite 8 Nr. 11 Der Israelit 14. März 1935 eine Einschränkung eintreten müsse, und da diese sich auf lebenswichtige wirtschaftliche oder geistige Gebiete nicht erstrecken "dürfe, so sei vor allen Dingen eine zweckmäßige Umorganisation der großen jüdischen Körperschaften und zum Teil auch der Gemeinden notwendig. Es stehe fest, daß die deutsche Judenheit zahlenmäßig auf den Stand von 1890 zurückgegangen sei; wenn unter diesen Umständen alle in den letzten Jahrzehnten und Jahren entstandenen Organisationen unverändert fortbestehen, so bedeutet das, daß die deutsche Judenheit ein Kleid trägt, das ihrem heutigen Umfange nicht mehr entspricht. Es müsse deshalb neben die Einschränkung aller Verwaltungen auch eine wirtschaftliche Planung des gesamten Gemeindelebens treten, als deren Vorarbeiten die überall vorzunehmenden Revisionen anzusehen seien. Der Haushaltsplan wurde von der Ratsversammlung en bloc angenommen. Demgemäß wurden die Beiträge der Gemeinden für das Geschäftsjahr 1935/36 wie folgt festgesetzt: für den Landesverband 1,25 Pro?.. der Reichseinkommensteuer bezw. 3 Proz. der Reichsvermögenssteuer, ferner für Reichszwecke RM. 2.— pro Kopf der jüdischen Bevölkerung. Das Dezernentenkollegium wurde einstimmig ermächtigt, wie im Vorjahre auch für das Geschäftsjahr 1935/36 von einer Vorlage des Haushaltsplanes an den Verbandstag abzusehen und den Verbandstag nur dann einzuberufen, wenn besondere Verhältnisse dies notwendig erscheinen lassen. Jüdische Handwerker-Kurse. Berlin, 8. März. Der Reichswirtschaftsminister und Preußische Minister für Wirtschaft und Arbeit hat, wie der Preußische Pressedienst der NSDAP, mitteilt, folgenden Runderlaß ausgegeben: Wie der Reichs- und preußische Minister des Innern mir mitteilt, hält es es nicht für angebracht, die Abhaltung von handwerklichen Unterrichtskursen für auswanderungswillige Juden zu verhindern oder zu erschweren, da jede Maßnähme zu begrüßen ist, die diese Auswanderung der Juden fördert. Der bei einem Verbleib einzelner handwerksmäßig ausgebildeter Juden im Inlande befürchteten Schwarzarbeit, dürfte durch polizeiliche Maßnahmen wirksam begegnet werden können. Der in solchen Fällen etwa beabsichtigten selbständigen Ausübung eines Handwerks als stehendes Gewerbe stehen die Vorschriften der Dritten Verordnung über den vorläufigen Aufbau des deutschen Handwerks vom 18. Januar 1935 entgegen. Neue Bestimmungen für Palastina-Auswanderung. Berlin, 11. März. Die Reichsdevisenstelle teilt mit RE 49/35 D. St. vom 7. 3. 1935 für die Auswanderung nach Palästina folgendes mit: Um den Auswanderern einen möglichst großen Teil des auf die Sonderkonten eingezahlten Betrages in Devisen zukommen zu lassen, soll in Zukunft wenigstens der größere Teil der Transferkosten in RM. an die Palästina-Treuhand-Stelle zur Beratung deutscher Juden GmbH, entrichtet werden. Bereits ausgewanderten Personen, die die Genehmigung zur Einzahlung auf das Sonderkonto I erhalten haben, wird auf Antrag die Genehmigung erteilt, die von der Treuhand-Stelle festgesetzten, in RM. zahlbaren Transferkosten in RM. aus ihrem Sperrguthaben an die Treuhand-Stelle zu entrichten. Da für Zahlungen an deutsche Juden, die sich in Palästina aufhalten, ohne ihren Wohnsitz dorthin verlegt zu haben, keine Devisen mehr zur Verfügung gestellt werden können, wird Anträgen auf Genehmigung zur Einzahlung angemessener Beträge auf Sonderkonto I in folgenden Fällen stattgegeben: Schulgelder, regelmäßig wiederkehrende, dem Lebensunterhalt dienende Zahlungen an deutsche Juden, die sich zu ihrer Ausbildung in Palästina aufhalten, regelmäßig wiederkehrende entsprechende Zahlungen an deutsche Juden, die sich vorübergehend in Palästina aufhalten, insbesondere Gehaltszahlungen an Angestellte jüdischer Gemeinden oder Körperschaften, deren Aufenthalt in Palästina auf religiösen Gründen beruht, oder der Forschung oder dem Palästina-Aufbau dient, schließlich Versorgungsbezüge, Pensionsbezüge, Unterhaltsrenten, Leibrenten und ähnlich wiederkehrende Zahlungen. In den ersten beiden Fällen werden Beträge bis zu RM. 200, in den letzten beiden Fällen, von Ausnahmen abgesehen, bis zu RM. 500 als angemessen betrachtet. Auch Personen, die nach Palästina ausgewandert sind, wird die Genehmigung zur Einzahlung der erwähnten Beträge auf Sonderkonto I :n gleicher Weise erteilt. Der Bescheinigung einer Auswanderer-Beratungsstelle bedarf es nicht. Neueste Wirtschaftsnachrichten aus Erez Jisroel. (Nach Palnews.) Prag. Der Prager Handelskammerprasident, Dr. Trebicky, führt Klage darüber, daß die palästinensischen Exporteure den slovakischen Markt nicht genügend bearbeiten. Auch die Ausfuhr der Slovakei nach Palästina sei bedeutender Steigerung fähig. Das Land hat die Tel Awiwer Messe mit 199 Ausstellern beschickt und ungefähr 5 Millionen Kronen Umsatz getätigt. T e 1 Awiw. Von Seiten österreichischer Juden wird die Errichtung einer Fabrik zur Herstellung von Wasserarmaturen ins Auge gefaßt. Ferner steht die Gründung eines großen Unternehmens auf dem Gebiete der Hochseefischerei und der Fischverwertung bevor. Die Firma Holland-Palestine Committee Ltd. hat in Palästina den Ankauf von edelmetallhaltigem Scheidegut und Münzen sowie den Verkauf von edelmetallhaltigen Halbfabrikaten aufgenommen. Die spätere Errichtung einer Scheideanstalt ist in Aussicht genommen. Zunächst unterhält man ein Verkaufslager von Gold, Platin, Silber- Blechen und Drähten, insbesondere für Zahnärzte und Juweliere. Die Firma wird von den Herren K. C. Schöne-Amsterdam und A. Peltesohn-Tel Awiw geleitet. Jaffa. In Nordpersien ist eine russische Expedition eingetroffen, die dort den Anbau subtropischer Kulturen, insbesondere von Citruskulturen, in die Wege leiten soll. Jaffa. Der russische Export nach Palästina ist in den letzten Jahren gestiegen, während der palästinensische Export nach Rußland sich nur auf wenige Lst. 1000.— beläuft. Eine Steigerung des Exports nach Rußland wäre auf dem Wege des Austauschverkehrs möglich. Jerusalem. Die Stürme im Januar haben einen starken Fruchtabfall in den Orangenplantagen verursacht, der zu einem Preisrückgang für nichttransportfähige Früchte von 100 auf 30 Mils geführt hat. Das Problem der Verwertung dieser Früchte bedarf aufmerksamer Beachtung. Tel Awiw. Die palästinensische Kupferindustrie „Nechustan Ltd." errichtet für ihre Haifaer Niederlassung ein eigenes Fabrikgebäude. Das Unternehmen bringt eine neue patentierte Badeofenkonstruktion heraus, die nach einer Anheizzeit von vier Minuten ständig über 40 Grad heißes Wasser (13 Liter pro Minute) gibt. Tel Awiw. Die General Mortgage Bank beabsichtigt die gemeldete Pfandbrief- Zinsherabsetzung in weitgehendem Maße den Darlehensinhabern zugute kommen zu lassen. Der Hypothekenzinsfuß soll auf 1% gesenkt werden. Der Hypothekenbestand hat sich im Laufe des Jahres von etwa 1U Million auf eine Million Pfund gesteigert. Jerusalem. Infolge der günstigen Witterungsbedingungen im Januar haben sich die Erntearbeiten und der Saatenstand nach Mitteilung des Landwirtschafts-Amtes der Regierung günstig entwickelt. Die Pflugarbsiten für die Sommersaat nehmen die Landwirtschaft jetzt in Anspruch, nachdem die Wintersaat abgeschlossen ist. Die günstige Saatentwicklung im Zusammenhang mit der Ausdehnung der Anbauflächen läßf tür das . Jahr 1935 eine besonders reiche Ernte erwarten. Haifa. Auch die südafrikanische Bau-Company teilt mit, daß sie den Hypnthekenzinsfuß auf alle bereits vergebenen und künftigen Hypothekendarlehen auf 7% herabsetzt. Es wäre zu wünschen, daß diese Herabsetzung auch dem ländlichen Bauwesen durch Senkung des Zinsfußes auf ländliche Grundstücke zugute kommt. Die Aktien folgender Unternehmungen stellen neben den früher bekanntgegebenen nach Bestätigung des Deutschen Generalkonsulats Jerusalem eine Anlage im Sinn des Palästina-Abkommens dar: Palestine Electric Wire Co. Ltd., Migdal Insurance Co. Ltd., PaJestine Foundries u. Metal Works Ltd., Palestine Road Construction Co. Ltd., Kinnereth Development Ltd. Freistaat Danzig. Oanziger Senat gegen den Boykott jüdischer Geschäfte. Danzig, 5. März. Wie das „Danziger Gemeindeblatt" mitteilt, hat der Senat der Freien Stadt Danzig auf eine Beschwerde des Vorstandes der Synagogengemeinde in Danzig wegen der Boykottaufforderungen gegenüber jüdischen Geschäften der Gemeinde eine Antwort erteilt, in der die der Beschwerde zugrunde liegenden Tatsachen zugegeben werden und Abhilfe versprochen wird. Der Senat drückt sein Bedauern über diese Vorfälle aus. Inzwischen hat sich der Gemeindevorstand erneut genötigt gesehen, beim Senat Beschwerde über die Verteilung von gedruckten Boykottaufforderungen in Danziger Schulen und über Boykottanreizungen durch einen Beamten innerhalb seiner Diensttätigkeit zu erheben. Oesterreich. Irene Harand zum Kampf gegen die jüdischen Aerzte. Wien, 1. März. Die Führerin der christlichen Bewegung gegen den Antisemitismus in Oesterreich, Irene Harand, äußert sich im Rahmen eines Aufsatzes in der „Gerechtigkeit" über den Kampf gegen jüdische Aerzte. Es sei nicht christlich, so meint sie, daß man in öffentlichen Spitälern absolvierte jüdische Mediziner zur Praxis nicht zulasse und ihnen dadurch die Möglichkeit nehme, ihren Beruf auszuüben. Man könne nie wissen, welche Geschenke und Wohltaten für die Menschheit der Arbeit eines solchen jungen Arztes entspringen könnten. Die Verfasserin schreibt: „Ich muß es bei dieser Gelegenheit immer und immer betonen, daß die Menschheit heute ncoh immer von fürchterlichen Krankheiten schwer gequält werden würde, wenn es keinen Ehrlich, keinen Wassermann, und keinen Frankel gegeben hätte. Vielleicht befindet sich unter den jüdischn jungen Aerzten, denen man den Weg zur Ausübung der Praxis auf diese hinterlistige Art verrammeln will, ein Wohltäter der Menschheit, der den Krebsbazillus entdecken und die Menschen von der fürchterlichen Krebskrankheit befreien würde. Nirgends auf der Erde verwehrt man irgendeinem christlichen Menschen, seinen ärztlichen Beruf auszuüben. Sollen wir Oesterreicher auf uns die Schande laden, daß wir aus purer Geschäftigkeit gewisser Kreise die Möglichkeit des Fortschrittes auf medizinischem Gebiete einschränken? Es ist selbstverständlich, daß Leuchten der medizinischen Wissenschaften sich aus den christlichen Anwärtern für den Beruf eines Arztes genau so herausbilden können wie aus den jüdischen Medizinern. Eben so wenig aber, wie man den Christen die Möglichkeit der Berufsausübung einschränkt, eben so wenig darf diese traurige Methode der kalten Vergewaltigung den jüdischen Aerzten gegenüber angewendet werden . . . Ich wage die Behauptung, daß wir keineswegs zu viel Aerzte haben. Die Ueberfüllung des Aerzteberufes ist genau so eine falsche Annahme, wie die Behauptung von dem Ueberfluß an Lebensmitteln und Rohstoffen, der angeblich in der Welt herrschen soll. Die Volksgesundheit würde es erfordern, daß jedem Menschen die Möglichkeit gegeben werde, sich im Falle der Erkrankung durch Inanspruchnahme ärztlichen Rates gründlich zu heilen. Was geschieht aber? Weil die Menschen durch die Wirtschaftskrise und durch die falsche Behandlung wirtschaftlicher Fragen kein Geld haben, um sich anständig von ihrer Krankheit zu kurieren, wenden sie unter Umgehung des Arztes alle möglichen Mittel und Mittelchen an, die mitunter ihre Krankheit verlängern oder sogar ihren Tod verursachen. Das ärztliche Problem ist nur ein Teil der sozialen Frage . . . Kein Mensch hat unseren christlichen Glaubensgenossen verwehrt, sich dem ärztlichen Beruf zu widmen. Viele junge christliche Akademiker haben es vorgezogen, in den Staatsdienst zu treten, oder sonstige öffentliche Aemter zu wählen. Viele von ihnen haben freie Berufe gewählt. Weil wir jetzt schlechte Zeiten durchmachen und unser Volk sich die ärztliche Behandlung nicht leisten kann, weil ferner der Eintritt in den Staatsdienst gsperrt und nur geringe Möglichkeiten für die Gründung einer