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Der Israelit · 1935-03-14 · Heft 11 (14.3.1935) · page 6

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Journal
Der Israelit
Volume
76 (1935)
Issue
Heft 11 (14.3.1935)
Date
1935-03-14
Page
– (sequence 6)
Language
German
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Seite 6 Nr. 11 Oer Israelit - 14. Mär? 1935 Der Ruf von Erez J seine Thorajuden. Von Saly Geis in Jerusalem. Immer wieder wird an mich die Frage gestellt, ob in Rücksicht auf die Erziehung der Kinder die Uebersiedlung nach Erez Isroel ratsam sei. Wie soll aber die Antwort lauten, wenn einerseits in Erez Israel der Erziehung in den Wegen der Thora eine Fülle von Schwierigkeiten entgegensteht und andererseits auch das Galuth heute genug Gefahren bringt, deren nur Auserlesene Herr werden? Dennoch kann kein Zweifel über die Entscheidung bestehen, denn Erez Israel ist der gegebene Boden zur Lösung aller jüdischen Probleme. Selbstverständlich genügt das Ja nicht. Die innerjüdische Situation in Erez Israel muß genau festgestellt werden, um Klarheit über ihre Mängel und die Besserung der Erziehungsmethoden zu erreichen. Im Galuth bestehen gegen die Treue zur Thora wirtschaftliche, politische und geistige Einwirkungen, Erez Israel hingegen verlangt nur die Bewältigung der geistigen Probleme. Die Beobachtung des Sabbat bedeutet hier statt eines Eingriffs in die Existenz einzig und allein eine von jeder wirtschaftlichen Erwägung unabhängige Entscheidung des freien Willens. Der politische Sirenengesang, wie die Landbevölkerung zu werden, sich zu assimilieren, lockt nicht. Es bleibt nur die Frage des Verhältnisses zu den Traditionen des eigenen Volkes, den Traditionen, die auf der Thora basieren. Erez Israel bedeutet heute nicht mehr das Land religiöser Sehnsucht der jüdischen Massen, wie es dies all die Jahrhunderte des Galuth gewesen ist. Die in ihren Geburtsländern aus seelischen, politischen oder wirtschaftlichen Ursachen unsicher Gewordenen streben nach ihm in der Hoffnung, daß es ihnen Rettung vom Galuthleid bringen werde. Weil Theodor Herzl keinen anderen Weg aus dem Galuthleid heraus sah, gelangte er zur Erstrebung einer öffentlich-rechtlich gesicherten Heimstätte für das jüdische Volk in Palästina. Als dann durch den Weltkrieg Herzls Ziel unerwartet und plötzlich Wirklichkeit wurde, da kamen durch die russische Revolution, später durch die Lex Grabski in Polen, die besonders den jüdischen Mittelstand finanziell schädigte, und in den letzten Jahren infolge der antijüdischen Politik Deutschlands und schwerer wirtschaftlicher Krisen in den meisten Ländern jüdische Massen in das Land, das den Vätern das heilige war und den meisten dieser Enkel nur als der Boden der einstmaligen Heimatserde ihres Volkes winkte. Unter all den Zurückgekehrten kamen nur kleine Minderheiten aus religiöser Inbrunst und kleine Minderheiten aus nationalem Idealismus. Eine Würdigung der wahren Motive, die die isroel an große Mehrheit herbeiführte, macht es verständlich, daß die Landsmannschaften dieser Mehrheit den Geist der Assimilation, wie er in ihnen vorher mehr oder weniger je nach ihren Geburtsländern wirkte, beibehalten haben. Das Traurigste, Tragischste und Verhängnisvollste an dieser seelischen Analyse ist aber die Tatsache, daß selbst der größte Teil der der Thora noch verpflichtet sein Wollenden von dem Geist ihrer früheren Wirtsvölker infiziert ist, nicht G'ttes Finger in den gewaltigen Ereignissen der Gegenwart sieht, nicht die Bedeutung der Zurückführung in das Land der Väter versteht, keinen Schimmer von der seltenen Gelegenheit ihres Lebens hat, eines neuen Auszuges aus dem Galuth-Mizrajim nach dem den Vätern verheißenen Lande würdig zu werden. Man dient frohnend dem Erwerb, möchte Kindern und Kindeskindern Erbschaft an Besitztümern erraffen und man opfert diesem Idole der G'ttungläubigkeit das Mark der seelischen und der körperlichen Kraft, man entheiligt sich in dem heiligen Lande. Die Situation wäre gerettet, wenn wenigstens ein Teil der Thorajudenheit — wie einst die Söhne Levis — im Zusammenschluß an einander für G'ttes Thora wirken würden. Nicht bei den von G'ttes Thora Abgefallenen liegt das größte Unrecht, vielmehr bei denen, die das Schild der Thora vor der Außenwelt auf ihrer Brust tragen, in ihrem Innern aber der Thora untreu sind und mit ihrem Tun Geist und Gesinnung der Thora verraten. Viele fragen, was aus der Jugend der Thorajudenheit werden solle. Sie fragen, ohne vor ihrem Gewissen ehrlich zu sein. Denn wären sie vor sich selber ehrlich, dann müßten sie dieser ideellen Sorge wenigstens das Interesse entgegenbringen, das sie für das Materielle haben, müßten Zeit, Geld, Kraft der Lösung des Problems ihrer eigenen Jugend opfern. Sie würden dann erst einmal in ihrem Wirken als Familienväter und Familienernährer eine Atmosphäre -der Thora schaffen, und sie würden nicht ruhen und rasten, bis die Bildungsstätten ihrer Jugend materiell gefestigt sind und Lehrer gefunden und Erziehungsmethoden für Knaben und für Mädchen erreicht werden, die von Thorabegeisterung getragenes und geleitetes Wissen der Zeit geben, um der Gefahren der Zeit Herr zu werden. In Erez Israel muß das Problem der Thora- Jugend gelöst werden! Findet sich in brüderlichem Zusammenschluß auch nur ein kleiner Kreis von ehrlichen Thorajuden, Menschen der Wahrheit, Hasser des Gewinns, die G'ttes Wort lieben, — dann ist die Erziehung einer Thora- Jugend und die Zukunft des ganzen Jischuw bis tief hinein in die Reihen der heutigen Thoraleugner gerettet. religiösen Bezirk. Das Religiöse drängt seiner Natur nach zum Unbedingten. Religiös denken heißt doch Konfrontation mit dem Absoluten. Und dem Absoluten gegenüber gibt es nur eine bedingungslose — aller Vernunft von außen bare — Haltung. Nur der redende G tt ist ein anredbarer. Das heißt: nur der Gnadenakt der Offenbarung ermöglicht aktives Verhalten im religiösen Bezirk. Wo die Grundlage der Offenbarung — im dogmatischen Sinne — fehlt, gibt es keine Möglichkeit religiöser Form und Regel (weder für den Einzelnen, noch für die Gemeinschaft) und keine Möglichkeit einer Form und Regel schaffenden Institution. Hier liegt die Tragik des religiösen Liberalismus. Diese dem Liberalismus immanente Tragik läßt auch den — wohlgemeinten und schönen — Aufruf von Heinrich Stern „Ernst machen, ein Wort an die religiös-liberalen Juden" (Berlin 1935) verhallen. Stern will Ernst machen und will, daß seine Freunde nun auch endlich Ernst machen, aber es entsteht die Frage: Ernst machen womit? — und darauf hat Stern keine Antwort, kann er keine Antwort haben. Am klarsten wird die fast groteske Unklarheit an folgender Stelle (S. 17) dieser Schrift des ersten Vorsitzenden der religiös-liberalen Vereinigung: „Glaubt jemand im Ernst, wenn er die Speisegesetze hält, seinem G'tt und seiner Gemeinschaft ein Opfer zu bringen, fühlt er, daß er etwas entbehrt um einer höheren Idee willen, so kann die Innehaltung des Speisegesetzes einen wahren religiösen Wert in sich bergen." Wir sind weder bestürzt, noch erstaunt angesichts dieser Zeilen, aber wir sehen, daß hier die bare Ausweglosigkeit vorliegt. Wo ist hier noch Offenbarungsglaube zu spüren? Entweder die Speisegesetze (um bei diesem Beispiel zu bleiben) sind ein Teil der Offenbarung und somit aller freien „Stellungnahme" enthoben, oder aber sie sind nicht g'ttlichen Ursprungs, dann ist es weder sinnnoch verdienstvoll, sie zu halten. Ein Drittes gibt es nicht. Stern aber will das Dritte, er will damit das Absurde. (Nicht das G'ttlich-Absurde im Sinne Kierkegaards, sondern das Menschlich-Absurde.) Von hier aus, von dem „fühlt einer" — kann nichts anderes entstehen als Anarchie und immer wieder Anarchie, die die schwächlichen Thesen Dr. Dienemanns eindämmen sollten. Form und Regel — oder um es rundheraus zu sagen — das Gesetz kann erst dann dem Menschen werden, wenn die Klarheit des Denkens da ist, die dem Handeln vorangehen muß. Und diese Klarheit vermissen wir leider zur Gänze im liberalen Judentum. Werk in drei Teilen) zum ermäßigten Preise von Mk. 12.— erneut ausgegeben. Von unserem religiösen Standpunkt aus ist zwar an der ganzen Auffassung der lalmudischen 'Ueberlieferung, wie sie in der E i n- 1 e i t u n g des Uebersetzers zum Ausdruck kommt, mancherlei auszusetzen; indessen beeinträchtigt das nicht den Wert der Uebersetzung selbst, die ja schließlich nicht von unreifer Jugend gelesen werden, sondern nur in die Hände von Menschen gelangen wird, die sich ein eigenes Urteil bewahren und die sich vor allem in das Lernen des More Nebuchim an Hand der Uebersetzung vertiefen wollen. Die Gelehrtenwelt sowohl wie gründlicher gebildete Laien werden an dc:rj Werke große Freude haben. Wochenkalender. V .m 16. — 23. März 1935 ' Vom 11. — 18 Adarll 5695 i 'Ol1 1 Samstag 1!16 11 KCpjOa TP TOT 'S jnp'l Sonntag 17 12 ■mp Montag 18 13 tep uiok n'jyn Dii*nsta<j 119 sc 14 rp D'HD Mi' twoch 20 r B 15 n'p D'-IlB ]VW Donnerstag Freitag M- 21 Marz 22 16 17 V' 'sc saa Samstag 23 18 1 nio nvts is Korrespondenzen, Deutsches Reich. Deutsch-Holländische Palästina-Verwaltung. Frankfurt a. M., 10. März. In einer Zeit, da sich erfreulicherweise das Interesse weitester Kreise dem konstruktiven Aufbau Palästinas zugewendet hat, sucht auch die älteste deutsche Palästina-Institution, die seit mehr als 125 Jahren wirkende Deutsch-Holländische Palästina-Verwaltung (Pekidim und Amarkalim Amsterdam) sich in empfehlende Erinnerung zu bringen. Unabhängig von politischen Strömungen unterstützt sie vor allem die aus Deutschland und Holland stammenden Thoragelehrten, Armen, Witwen und Waisen. Darüber hinaus unterhält sie die aschkenasische Thoralehranstalt Jeschiwoth Zion und die sefardisch orthodoxe Bürgerschule „Doresh Zion". Die Deutsch-Holländische Palästina-Verwaltung bittet alle Freunde, auch weiterhin für sie zu spenden und zu werben und ihr — nach jahrhundertaltem Brauche — Challo-Gelder, Rabbi Meir bal Haneß-Gelder, Machazis Haschekel-Gelder, „Matnas Jad"-Gelder, Maskir Neschomaus-Gelder sowie Spenden beim Aufruf zur Thora zuzuführen. Spenden sind auf Postscheckkonto 9553 oder im Büro, Frankfurt a. M., Rechneigrabenstr. 10, 1. einzuzahlen. Deutsche Lehrlinge in jüdischen Geschäften. Berlin, 5. März. Die Presse- und Propagandastelle des Reichsberufswettkampfes wirft bei Besprechung des Reichsberufswettkampfes für die deutsche Jugend die Frage auf, was mit den jungen Lehrlingen geschieht, die in jüdischen Geschäften ihre Ausbildung erhalten oder ihr Brot verdie-

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