Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 76 (1935)
- Issue
- Heft 11 (14.3.1935)
- Date
- 1935-03-14
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
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14, März 1?35 De r I < r a e 1 i t Nr. 11 Seite 5 . Leide, und dier liberalen Rabbiner — vor allem die jüngeren —- wurden wieder zu wirklichen Führern ihrer durch das gemeinsame Schicksal z-usammengeschweißten Gemeinden. Aber dieser scheinbare Triumph sollte nicht lange währen. Die liberalen Synagogen stehen wieder fast so leer wie ehedem, die Predigt ist wiederum zu einem Nur-Äesthetischen geworden und die Rabbiner— von einigen besonders starken Persönlichkeiten abgesehen —^geistliche Beamte ihrer Gemeinden.. Als im Januar ds. Js. die Liberalen in Berlin eine Konferenz abhielten und so etwas wie eine Heerschau veranstalteten, mußten sie einsehen und eingestehen, daß dieser Triumph nichts anderes war als ein momentaner Gefühlsrausch innerlich entwurzelter Menschen, dem keinerlei Stetigkeitsgrad beizumessen igt. Die ganze ungeheure innere Tragik des liberalen Judentums liejt .aber darin, daß es über nichts verfügt, was imstande wäre, dem Menschen mehr zu geben als einen Gefühlsrausch, und es liegt im Wesen des -Rausches, daß er bald verfliegt. Diese Tragik ist -eine echte. Tragik, lernten "wir im philosophischen Seminar definieren, ist Leiden um einen inneren Kraftwillen. Diese Forrmel;paßt durchaus auf die Situation des liberalen Judentums. Der innere — religiöse — Kraftwille ist vorhanden. Wir zweifeln nicht daran, .aber die Wortführer des Liberalismus leiden an diesem Kraftwillen, dem sie weder Gestalt noch [Richtung verleihen können. Eine panische Angst vor der Anarchie, vor, ■der Gestaltlosigkeit hat den Liberalismus erfaßt. '. Nicht das Individuum allein will er heute — wie er es fnüher tat — dem Absoluten (G'tt) konfrontieren, sondern die Gemeinschaft., Die w i 1 - 1 e n s.m'äßi 'g e Wendung vom Individuum zum „Kollektiv ist vollzogen, aber hier nun sieht sich der Liberalismus vor unüberwindlichen Schrari- "ken, .die schon deshalb unüberwindlich sind, weil .•-sie seiner Natur immanent sind. Der Einzelne mochte immerhin, dem Gesetz der eigenen 'Brust vertrauend, die ihm adäquate Form des Verhältnisses zu G'tt finden — die~Gemeinschaft;aber bedarf der Form und der Norm im Handeln und des Dogmas im Denken. Ein Gesetz muß die Taten in.positive und negative, ein Dogma Recht- Gläubigkeit von Häresie scheiden. Fallen Gesetz und Dogma, so ist die Anarchie nicht aufzuhalten. . Einer der markantesten Führer des liberalen Judentums, Rabb. Dr. Dieriemann, erkannte die drohende Gefahr und macht mit der Proklamierung von sechs Thesen auf der Konferenz des liberalen Judentums den zagen Versuch, eine ffestumrissene Basis zu schaffen. Der Versuch ist 1^——^^^^M .Längs der köstlichen Geräte Aus Topas und Lapislazuli. Bis sie in des Raumes Mitte, Von des Thrones Helle überstrahlt, Niedersank mit ihrer Bitte -Vor des Königs zeitlicher Gewalt. . "Noch im Falle ihrer dunklen Haare 'Sah er, daß sie nicht wie irgendeine — Von den Frauen war; das Wunderbare lag auf ihren Schultern und das Ungemeine 'Sprach aus jedem ihrer heißen Worte. — Da erkannte er und stieg herab Von des Herrschers hochgetürmten Orte Und gewährte — und vergab. Die Versuchung. Ein Bild aus der Gegenwart bietet die Erzählung .„ Die Versuch u n g " von Max Samter (Vortrupp-Verlag, Berlin). Ein kleines Opus, nur 44 Seiten stark, und ein Dokument der Zeit. Herbert, ein plötzlich aus dem Geleise geworfener Medizinstudent, greift nach dein. Wanderstabe. Es gelingt ihm dank seinem unjüdischen Wesen und Aussehen, in einem staatlichen Arbeitslager . unterzuschlüpfen und ist Kamerad unter Kameraden. Seine gute Qualität verrät ihn. Da er sich .durch eine-mutige Heldentat auszeichnet, wird er vom Leiter des Lagers unter begeisterter Zustimmung sämtlicher Kameraden für die jEhrenbrigade eines nationalen Sturms auserkoren. Nun rniuß er- Farbe;bekennen, just im"Momente, da er mit mehr als zag, er ist so inkonsequent und im- Letzten wirkungslos, und gereicht Dr. D. nicht zu besonderem Ruhme. Aber die sechs Thesen sind symptomatisch und deshalb seien sie hier wörtlich zitiert!; 1. Der-jüdisch-religiöse Liberalismus geht aus von der Offenbarung G'ttes, und er wertet sie als ein. dem Menschen übergebenes Gut, das er mit der Kraft seines Gefühls und seines Verstandes verwalten und in die Welt einbauen soll. 2. Der jüdisch-religiöse Liberalismus hält sich frei von dogmatischer Festlegung; er gibt der Gemeinschaft ihr überindividuelles Recht und erkennt dem Individuum nicht das Recht zu, sich ohne . Zusammenhang mit der Gemeinschaft die Formen des religiösen Lebens zu prägen. 3; Der-jüdisch-religiöse Liberalismus hält eine alle verbindende Ordnung und Regel des religiösen Lebens für unentbehrlich. 4. Der jüdisch-religiöse Liberalismus-zielt auf die Entfaltung des religiösen Lebens hin und will das Judentum nicht vom Politischen und seinen Tageserscheinungen her bestimmen. 5. Der jüdisch-religiöse Liberalismus hält bei allem Verständnis für Erez Israel und aller Mitarbeit an seinem Aufbau das jüdische Leben in den Ländern der Welt nicht als ein solches minderen Wertes, sondern erkennt überall, wo Juden leben, für sie die Pflicht, zugleich ein Leben der Betätigung des Judentums zu führen und mit den Völkern mitzuleben. 6. In alledem ist der jüdisch-religiöse Liberalismus in allen Wandlungen seinem Ausgang verbunden; sein Wesentliches ist ihm heute so unerschüttert wie früher. Für uns sind hier nur die ersten drei Thesen, wichtig. Es ergibt sich sofort, daß dieselben in offensichtlichem Widerspruch zueinander stehen. § 1 enthält schon (wenn auch ungemein höflich formuliert) ein Dogma. Wer von der Offenbarung „ausgeht" und sie „wertet", der postuliert — nach allen Gesetzen der Logik — die Heilstatsache einer Offenbarung G'ttes. Dies aber ist ein Dogma, ein unumstößlicher, rational nicht-erfaßünd belegbarer Glaubenssatz (der in der lapidaren Formulierung des Maimonides lautet; n'Tor räth emeth nathän leamp", „Die wahrhaftige Offenbarung gab er seinem Volke"). In § 2 aber stößt Dienemann seinen in § 1 postulierten Grundsatz durch Negation jeden Dogmas um,.aberkennt aber — höchst widerspruchsvoll — dem Einzelnen „nach seiner 'Fasson selig zu werden", indes der Gemeinschaft, die _ doch (ohne das a u t o r i t ä r gegebene Gesetz) nichts ist als eine Summe von Einzelnen, das Recht religiöser Formgebung verliehen wird. Verliehen wohl, aber von einem kleinen Kommers gefeiert und ihm die Auszeichnung in gehobenen Worten verkündet wird. Verblüffung zuerst, lähmender Schrecken, dann auch Sturm der Entrüstung. Aber eine Brücke war von Mensch zu Mensch geschlagen und sie kann von dieser Welle nicht -abgerissen werden. Die Kameraden feiern weiter, zwingen den Gefeierten förmlich, auf .seinem Platze zu bleiben. Es wird daraus eine Abschiedsfeier, denn Herbert muß-nun gehen, aus der Ehrenbrigade wird nichts. Und die Kameraden rufen im Sprechchor in die Nacht hinaus und dem jüdischen Kameraden nach; „Alles Gute für die Zukunft! , . Es wird in diesem kleinen Büchlein gut erzählt, aber wenig'gelebt. Wir erfahren das Schicksal Herberts aus dem Munde des Autors, es spielt sich aber nicht vor unseren Augen in seinen Einzelphasen äb. Immerhin: Ein Dokument der Zeit und nicht das schlechteste; —tz. (Der Rambam— TD*l)' Aus Jerusalem wird uns geschrieben: In Nummer 7 Ihres gesch. Blattes bringen Sie unter der Rubrik „Sachliches und Anekdotisches um Rambam" einen T»> den Dr. E. Baneth in seinem Mischnähkommentar anführt. Ich fand diesen Ttn in David Ganz „Zemach Dawid", der ihn aber auch im Namen eines bestimmten ">bd bringt. Ich bitte Sie. diese Richtigstellung in Ihrem Blatte zu veröffentlichen. H. (Der „Weg zur Klagemauer".) Den Weg geht jeder Jude, der nach E. J. kommt, aber nicht jeder sieht auf diesem Wege wirklich alles Wichtige und Interessante, insbesondere, wenn es sich um Dinge handelt, die nicht in - einem „Reiseführer" -stehen. Grade diese Dinge aber sind es, die C. Z. Kloetzel in seiner kleiw e m? Wer autorisiert die Gemeinschaft? Welche Richtschnur hat sie, um das Echte vom Falschen zu scheiden, da doch das Dogma verworfen ist? § 3 nun macht den Widerspruch in sich selbst komplett. Ordnung und- Regel sind nicht möglich, wenn sie aus purer Willkür geboren sind. Alle echte Ordnung und Regel wurzelt notwendig in G'tt selbst. Das orthodoxe Judentum zum Beispiel konnte Ordnung und Regel (Din und Minhag) schaffen, da sich die Menschen als (kraft des Dogmas) von G'tt legitimiert betrachten konnten. (Hier muß einmal mit aller Deutlichkeit gesagt werden, daß orthodoxes Judentum im Kern .dogmatisch ist. Nicht — wie im Katholizismus — ist das Dogma Selbstzweck, vielmehr schafft es die Voraussetzung für die das Tun bestimmende Halacha — auf der allein das Schwergewicht ruht—; aber ohne den Gnadettakt der Offenbarung G'ttes in der. Zeit am Menschen (Moses und die Propheten), der geg 1 a übt werden muß, wäre alle Halacha sinnlos.) Der Liberalismus aber hat diese einzige Ordnung und Regel ermöglichende Formulierung abgelehnt. Er postuliert vielmehr' eine nicht einmalige (Moses), sondern immerwährende Offenbarung G'ttes in der Zeit nicht a m Menschen, sondern i m Menschen. Das durch die f radition verbürgte Dogma der objektiven Offenbarung wird zum subjektiven Gnadenerlebnis. So lange dieses Grundlage des individuellen G'ttglaubens war, mochte dies hingehen; nun, da der Gemeinschaft Form und Regel werden soll, kann sie nicht mehr ausreichen. Der Jude kennt keine Autorität, außer der Autorität G'ttes, der Autorität aller Autorität. Jede menschliche Autorität in Israel muß daher eine von G?tt legitimierte sein. Und in der Tat: das Synedrion, ja jeder einzelne Rabbi war im klassischen Judentum (durch den Akt der Semicha-Approbation durch- Handauflage) mittelbarer Wahrer der sich in der Thora manifestierenden Autorität des Ewigen. Nur als Träger dieser bedingungslosen Autorität. konnten die Gesetzeslehrer Form und Regel bestimmen. (Die noch heute lebendige Hierarchie der katholischen Kirche bildet hierzu eine' Analogie.) Wer aber verleiht denen, die das Band der Tradition zerrissen haben, Autoritätr um Form und Regel zu bestimmen? Es ist doch nichts als eine Art Spielregel, wenn wir nur der Einigkeit halber dahin übereinkommen, Herrn Dr. Dienemann und seinen Freunden Gefolgschaft zu leisten. Solche freie Gefolgschaft gibt es im politischen, im geistigen Leben. Da mag die überragende Persönlichkeit genügen, um Menschen zu führen, nicht aber im ^^^^^^^^^^^^^^^^^^^^^^^^^^^^a^^^^^^^^^^^^^^^^^^ nen Schrift*) schildert, in der er den Leser vom Jaffa-Tor zur Klagemauer führt, durch -den Bazar und das Judenviertsl der Altstadt. So ist dieses Heft in erster Linie für den jüdischen Besucher Jerusalems bestimmt, für den es gleichzeitig eine Vorbereitung, auf den „Weg zur-Klagemauer" wie eine Erinnerung an ihn bedeutet. Es wird aber in seiner Allgemeinverständlichkeit und Lebhaftigkeit. der Schilderung auch vielen Lesern äußerhalb Erez Israels willkommen sein und insbesondere einen geeigneten Lesestoff für die höheren Klassen jüdischer Schulen abgehen, (Zur Maimonidesfeier.) Angesichts der zahlreichen literarischen Neuerscheinungen, die aus Anlaß des 800. Geburtstags des großen Gesetzeslehrers und Denkers auf den Büchermarkt kommen, ist es eine Pflicht der Dankbarkeit, eines schon vor 10 Jahren erschienenen Werkes zu gedenken, dessen Aktualität unverändert ist und das inmitten der'großen Maimonides-Literatur so ziemlich den ersten Rang einnimmt. Es ist die große More Nebuchim-Uebersetzung von Dr. Adolf Weiß, die, neben einer gewissenhaften. Uebertragung des Textes *ins Deutsche, ausgezeichnete erklärende Anmerkungen und eine umfassende und gründliche Einleitung, zugleich Biographie des Meisters, enthält. Sie ist in dem bekannten philoosphischen Spezialverlag von Felix Meiner in Leipzig erschienen und wird jetzt in zwei stattlich gebundenen Bänden (ursprünglich erschien das *) Der Weg zur Klagemauer. Von C. Z. Kloetzel, Jerusalem, 1935, 20 S. Im Selbstverlag des Verfassers, Jerusalem, P. O.B. 307. Preis 30 Müs.