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Der Israelit · 1935-03-14 · Heft 11 (14.3.1935) · page 4

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Journal
Der Israelit
Volume
76 (1935)
Issue
Heft 11 (14.3.1935)
Date
1935-03-14
Page
– (sequence 4)
Language
German
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^^^^^^^^^"^^^^^^^^^^^^^^^^^^^^^^^^^^^SF Oer Israelit 14. März .1935 Seite 4 Nr. 11 her besteht, religionsgesetzliche Kraft hat; er ist nur alte Uebung. Verweist man aber den Sabbat, die jüdischen Speisegesetze, die Reinheitsgesetze usw. in das „Brauchtum", so ergibt sich aus dieser Degradierung die Gefahr, daß man im ganzen Komplex der jüdischen Religionsgesetze, in den 613 Ge- und Verboten, nur eine Sache des Brauches, sozusagen der guten religiösen Sitte, der Pietät erblickt, die man, je nach Veranlagung, beachten kann oder auch nicht. Sind Speisegesetze, das Tefillinlegen und das tägliche Schmagebet - nur „Brauchtum", so wundert man sich nicht, wenn ein Berichterstatter den Fahrgästen auf dem ersten jüdischen Schiff „Tel Awiw" den freundlichen Rat erteilt, „wenigstens auf dem Wege nach. Palästina" sich dem jüdischen „Brauchtum" anzuschließen. Zu dem „Brauchtum" kommen nun noch andere „—tums" hinzu. In der „Jüdischen Rundschau" vom 5. März wird eine Ansprache wiedergegeben, die Rabb. Dr. Baeck, der Präsident der Reichsvertietung der deutschen Juden, an Bord des jüdischen Schiffes im Anblick des palästinensischen Hafens gehalten haben soll. Da lesen wir die Worte; „Nicht Reichtum, sondern G e - dankentum, Gebotetum, Hoffnungt u m hätten hier — in Palästina — ihren Platz," Was Gedänkentum ist, wissen wir nicht. Ein Gedanke ist eine seelische Funktion, die nach Ausdruck in Worten oder Taten ringt. „Gedanken { u m " als Bezeichnung für die auf begrenzten Raum sich konzentrierende Fülle von Gedanken und Ideen mögen Freunde sprachschöpferischer Spekulationen vielleicht akzeptieren, der Laie und einfache Leser solch aufgeblähter Phrasen wird sich nie etwas darunter denken können. Vollends „Gebotetum" ist dazu angetan, dem verschwommenen Denken einer aus dunklem Sehnen heraus suchenden Zeit Vorschub zu leisten. In dem gesamten religionsphilosophischen Schrifttum des jüdischen' Mittelalters finden wir nicht einmal das Wort „Judentum" -rvnir* Der Begriff nv?,T war eine Schöpfung der H a s k\ a 1 a- 1 i t e r a t u r , und seine starke Verbreitung fand das „Judentum", als in der nachmendelssohnschen Zeit anstelle des geeinten Thorajudentums allerlei „Judentümer" als billiges Surrogat traten. Wo man aber von Geboten sprach, dachte man immer noch an das Judentum der Thora, das Judentum des Schulchan Aruc h. Wird aber daraus ein „Gebote tum", so könnte das neue Wort dazu mißbraucht werden, dem Thoragesetz den festen Boden zu entziehen, es zu einem Phantom zu erheben, zu dem man bestenfalls in platonischer Liebe hinaufschauen Purim. Purim ist ein Fest des Frohsinns. Kein Feiertagf Nicht die „Zeit unsrer Freude", keine der zur Wonne bestimmten Festzeiten! Aber vielleicht ist es gerade dadurch, daß unsrem Tun nicht durch Werkverbote feste Schranken gesetzt sind, besonders geeignet, die durch geschichtliche Erinnerungen veranlaßte und durch reichliche Beschenkung der Armen und Dürftigen genährte Lustigkeit sich frei entfalten zu lassen. Besonders der Phantasie und dem Betätigungsdrang der Jugend ist ein weites Feld geöffnet. Nicht daß unsre heiligen Feste der Anknüpfungspunkte entbehrten, um auch bei den Kindern Freude und Lust zu erwecken! O nein. Sie alle und die Art, wie sie begangen werden, sind in hervorragendem Maße geeignet, die Jugend anzuziehen und ihr wahre Schätze zu bieten, die auf die Sinne und die Seele einwirken und sie für die „Simcho schel Mitzwo", für die Freudigkeit, die die Erfüllung der Gebote erzeugt, «mptänglich zu machen. Denken wir vor allem an Pesach und die lange Zeit der Vorbereitung, die ihm vorausgeht. Gibt es überhaupt einen Vorgang, der stärker und nachhaltiger auf jugendliche Herzen einzuwirken vermag? Ist die frohe Stimmung, die der Seder erzeugt, zu -übertreffen? Dann folgt Sehowuaus mit seinen Kränkann, ohne auf Erden seine Schritte von ihm irgendwie hemmen zu lassen. Gibt es zuletzt auch noch ein „Hoffnungtum", so möchten wir damit die Hoffnung verbinden, daß endlich mit jenem „Gedänkentum" und „Gebotetum" als mit einem krassen „ Unsinntum " einmal für allemal aufgeräumt wird. Hinter den Kulissen der Palästina-Ämter. Es ist längst kein Geheimnis mehr, daß ungeachtet der — karg genug bemessenen—Zahl der der Orthodoxie zugewiesenen Zertifikate die ganze Alijah in der Hand der zionistischen Instanzen liegt,_die sich das „Edelmateriäl" unter den Olim mehr nach der zionistischen Gesinnungstüchtidkeit, als gemäß der wahren inneren Eignung heraussuchen. Wer uns das nicht glauben will, der lese einen Aufsatz von Rabbiner N i s s e n b a u m, einem bekannten Führer des Misrachi, in verschiedenen, misrachistischen Organen: „Im Warschauer Palästina-Amt residiert der „Herr Präses", ein Mann des radikal-linken Flügels im Zionismus, und entscheidet ganz eigenmächtig über das Los der Palästinaanwarter nach Gutdünken. Wird schon einmal eine Sitzung des Präsidiums einberufen, so werden die Mitglieder in allen Fällen vor die fertige Tatsache gestellt. Werden vom Präsidium Listen aufgestellt, so ist es die Aufgabe des Herrn Präses, mit dem Bleistift diese zu korrigieren, zu sireichen und hinzuzufügen. Auf die Art wird Menschenschicksal geschmiedet von einem Menschen, der nach keinem zu fragen hat und dennoch den stärksten Einflüssen von bestimmter Seite unterworfen ist, Eine Appellation das Abgewiesenen an -das Präsidium oder an eine i höhere Stelle gibt es nicht. Die Beschlüsse und Verfügungen des Präses I sind mündlich gehalten und werden unter der | Liberalismus. Von Ben-Chorin. Als im Jahre 1933 die äußeren Gegebenheiten der bürgerlichen Existenz der deutschen Juden fielen, schien es so, als erlebte der jüdische Liberalismus (ich spreche hier natürlich nur vom zen und Blumen, Suckaus mit Festhütte .und Feststrauß und nicht zuletzt Simchäs Tauroh mit seinem Thorajubel, der strahlende Augen und glückliche Stunden erzeugt. Aber die Lustigkeit des Purim ist eine andere. Sie ist ungebunden, weder durch Ueberlieferung, noch durch Vorschriften, begrenzt allein durch die Gebote der Sitte und der Wohlanständigkeit. Und jeder kann sich an ihr -beteiligen: der kleine Hosenmatz, der kaum zu sprechen vermag, sich aber voll Lust seinem gebackenen H a m a n hingibt, das muntere Schülmädel nicht minder wie der ausgelassene Schulbub, die allerlei lustige Liedchen ausgraben und Maskeraden und sonstige Scherze ersinnen, und auch die schulentwachsene Jugend, die durch Selbsterfundenes und Selbstgeformtes, durch heitere Darbietungen und nette Vorstellungen sich und die Erwachsenen erfreut. Eine solche Stimmung ist köstlich, für die Heranwachsenden fast unentbehrlich. Das Purimfest bietet den Eltern eine willkommene. Gelegenheit, viel Freudigkeit in das Leben ihrer Kinder zu tragen, das früh genug der Dornen genug emporsprossen läßt. Und da es zu den Purimpf lichten gehört, mit vollen Händen zu schenken, so erfahren die Kinder bald auch, daß Geben köstlicher denn Nehmen ist, und sie werden SO herangezogen zu der Tugend des Spendens, die zu allen Zeiten zu den Kennzeichen des jüdischen Herzens gehört hat. - Darum soll in keinem Jahre „Simchas Purim" in unsren Familien fehlen. Aber wohlgemerkt: in unsren Familienl Laßt sie zwischen euren vier Wanden leuchten, so wie sich jüdisches Leben ja im allgemeinen am schönsten im G'tteshauste und in der Familie abspielt. Laßt aber die Lustigkeit des Purim nicht hinaus auf die Straße tragen, damit die Fremdar- Hand ohne Akten und. Protokolle ausgeführt, so. daß eine Nachkontrolle der Maßnahmen gär nicht möglich ist. Es wechseln Telegramme zwischen Alijah - Abteilung in Jerusalem und. Palästina-Amt, d. h. dem Präses, ohne daß die Mitglieder des Präsidiums nur einen Deut davon erfahren. In Jerusalem liegt die Taktik auf dergleichen Linie wie in Warschau, der Kurs geht nach links, so daß Kollisionen zwischen den beiden gesinmingsverwandten Stellen nicht zu befürchten sind." Herr Nissenbaum weiß noch von einer Ausf o r sc h u n g skom mission zu erzählen, die in Warschau zur Prüfung der Klagen und Anklagen gegen Funktionäre oppositioneller zionistischer Gruppen eingesetzt wurde; lauter kleine und kleinliche Dinge, die gewiß nichtr dazu angetan wären, soviel Staub aufzuwirbeln. Die schweren Anklagen gegen die Hauptleiter der Alijah werden aber glatt unterschlagen, damit sie die Oeffentlichkeit nicht beunruhigen. Nur in der Opposition gehe es nicht mit rechten Dingen zu Aber es steht nach Nissenbaum doch fest, daß das offizielle Palästinaamt, dars sich ganz unberechtigterweise in Angelegenheiten ihm nicht unterstehender Gruppen einmischt, nur um die Alijah von rechts, besonders die Rabbinerzertifikate, zu unterbinden, daß das gleiche Palästinaamt bei Aufstellung seiner Listen die doppelte Parteibrille aufsetzt. Indes man alle anderen Gruppen der Unehrlichkeit zeiht und sogar der Mitteistandsalijah Steine in den Weg legt, kennt und fördert man hinter den vier Wänden im Büro nur eine Alijah, nämlich die der r a d i k a 1. linken Arbe.iterpartei. Man darf gespannt sein, wlas das Warschauer Palästinaamt und die ihm übergeordneten Stellen in Jerusalem auf diese Anklagen eines alten guten Zionisten zu antworten haben. Triumph und Tragik des jüdischen religiösen Liberalismus, der mit dem politischen nicht viel mehr als den Namen gemein hat) einen Triumph größten Ausmaßes; Die liberalen Synagogen — vorher nur ein Betätigungsfeld der Knltusbeamten, die den G'ttesdienst zelebrierten — füllten sich wieder mit Betern, die zurückgekehrt waren zum Glauben Israels, das Wort von der Kanzel erlangte wieder reale Bedeutung, vorzüglich die des Trostes und der Stärkung im t i g k e i-t jüdischer Bräuche nicht noch Vorurteile und Feindseligkeit vermehre und die Na chahmüng der Sitten der Umwelt Spott und Mißachtung erzeuge. Gewiß wollen wir unsren Kindern eine glückliche Harmlosigkeit erhalten, so lange es möglich ist. Gewiß wollen wir uns der Kinder erfreuen, solange es uns vergönnt, ist, sie in unsrer Umgebung zu behalten. Aber gerade darum wollen wir es ihnen ersparen, daß bittere Tropfen in den Kelch ihrer harmlosen Genüsse fallen, und das wird uns am Purim und schließlich überhaupt bei jeder freudigen Gelegenheit am besten gelingen,: wenn wir die Freuden da kosten, wo sie auch unsre Väter stets und ausschließlich gesucht und gefunden haben: Im jüdischen Hause. . ■ H. E. . Kleines Feuilleton- Esther vor dem König. Von Fritz Rosenthal.*) In den Rhythmen ihres hohen Ganges Klang des herben Leides Lied. Um die Lippen lag ein banges Ahnen, das vom Leben 'schied. Auf den Wogen der Gebete - Ihres Volkes wallte sie *) Aus „Die Lieder des ewigen Brunnens". Von. Fritz Rosenthal. Verlag R. Löwiti Wien-Leipzig. $s&$sss8as&s»&±is>'.

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