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Der Israelit · 1935-03-14 · Heft 11 (14.3.1935) · page 3

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Journal
Der Israelit
Volume
76 (1935)
Issue
Heft 11 (14.3.1935)
Date
1935-03-14
Page
– (sequence 3)
Language
German
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,;{{14":;März,1935. j[P ejjf tl. s r a e l. i t. Nr. 11 Seite 3 Gedenke!... (Fortsetzung von Seite 1.) und Asche''/und Esther hat nicht die Spur von J a e 1 oder der J11 d i t h in den nachbiblischen Schriften. Und die Handlung? In den großen Geschichtsraum) der zu dieser Zeit von den Perserkönigen zwischen dem babylonischen und mazedonisch-hellenischen Weltreiche ausgefüllt ist, wird - Judenschicks a 1 eingebaut, Judenschicksal, bestimmt vom Haß der Umwelt und bis zur Erträglichkeit gemildert durch die Hoffnung' auf die Wendling, auf das Wunder. Das Schicksal ist bis zum gewissen Grade auch Schuld. Eine falsche Frühsonne persischer Assimilation trägt G'ttes Volk bis zur Kulturhöhe der königlichen Tafel hinauf. Dort in der Höhe erlahmen Israels Schwingen. Auf D'TöV kömmt der Sturz, eine erschütternde Antwort auf die Frage, „ob noch G'tt in ihrer Mitte weilt und waltet." In der Tiefe, aus der es zu G'tt aufschreit, wachsen ihm neu die Schwingen an. Dies allein der Sinn und der Inhalt unserer ewigen heiligen, vielverkannten, mißverstandenen undmißdeuteteri Purimrolle. Gewiß, es wird auch en passant von Abwehrkämpfen erzählt, wobei noch Wert auf die Feststellung gelegt wird, daß die erfolgreichen Verteidiger-ihres Lebens und ihrer Ehre „keine Hand nach Beute ausstrecken.'* Aber wer waren die Kämpfer, wo spielten sich die Kämpfe ab, wie heißen die Helden an der Spitze der Selbstverteidigung? Wir wissen es nicht, die Megillah enthebt sie ihrer Anonymität niqht. Weil dieser Kampf um Leib und Leben vielleicht stellenweise notwendig war, aber nicht wesentlich und gar nicht wichtig für die spätere Geschichte ist. Die Grundidee des Buches ist die Gefahr in ihrer Ursache und Wurzel und die Rettung aus derselben, die Wendung und das Wunder. Im Mittelpunkte steht die N a c h t, in der der König nicht schlafen kann, und der Gedanke an jene Nacht in Israels Geschichte, in „der der König der Welt nicht schläft, noch schlummert." Die Helden des Strickes sind und bleiben „Mordechai der Jude" und Esther, die auf dem Throne für ihre Gemeinschaft lebt. Morde c h a i ist der Name für alle positiven Momente, die jenes hinreißende Mussarkapitel unserer Geschichte uns bietet und die schon im Ahnenpaß, den das zweite Kapitel diesem jüdischen Manne < ausstellt, klar eingezeichnet sind, vn?P er war ein Mann von Stellung und Bedeutung und dennoch ein Jude. ftfTtya HTari' obwohl in der Residenz Schuschan lebend, wo es nicht anging, sich hinter das offene Licht der Kultur zu stellen. 'DTia löTPV Mordechai war sein Name, aber er war (nach Auslegung der Weisen) «in Tip p» ein Söhn des Lichtes, ein Fackelträger durch die Nacht des Leidespyjaw ein Mann, der sich Gehör verschaffen konnte, Wp p'. ein Wecker und Werber, dessen mächtige Hammerschläge auch die Mattesten und Lauesten aus dem Schlummer rissen, ein "»FW VK' einer jener rechten Männer, die G'tt immer zur rechten Stunde auf den rechten Platz stellt. Mit einer rein menschlichen Handlung beginnt seine Geschichte und damit letztlich auch die Schicksalswendung seines Volkes. Ein hilfloses Waisenkind wird in ein jüdisches Haus liebevoll aufgenommen, und im Kinde blüht der Erlösung liebliche Frucht allgemach heran, lange noch, bevor sich die Gewitterwolken am Himmel zusammenziehen. Und wieder das Kind! In bitterster Stunde, da Mordechai, die Not seines Volkes im Herzen, auf die Straße hinausgeht, sind es jüdische Kinder, die mit dem heiligen Buche in der Hand ihm Bibelverse, Worte der Kraft und des Vertrauens zutragen. Das Kind ist da, die Lehre ist da, die Zukunft ist da und G'tt wacht! Das der Kernpunkt der heiligen Rolle, der ihr Ewigkeitswert und lebendige Aktualität für alle Zeiten sichert. Daß wir uns die Lehre erhalten, uns das Kind und die Zukunft sichern, ist die Lehre des Purim. Um sein Heiligstes kann Israel nur sich selber bringen. TDT! „Denke daran! ..." Kapitaltransfer und „Haawara". In den letzten Monaten ist in vielen Kreisen der jüdischen Interessenten in Deutschland eine zunehmende Beunruhigung darüber entstanden, daß die Zeit, die die Palästina-Treuhandgesellschaft in Berlin für die Auszahlhug der hier bei ihr eingezahlten Beträge in Palästina in Anspruch nimmt, sich immer mehr verlängert. Die. bedauerliche. Tatsache beruht darauf, daß die Einzahlungen auf die Sönderkonti in Deutschland schneller zunehmen, als der Absatz deutscher Waren in Palästina, so daß die zur Verfügung stehenden Devisenbeträge mit den Erfordernissen nicht Schritt halten können. So mußte die „Haawara" schließlich veranlassen, daß die Berliner Stelle die . Annahme weiterer Einzahlungen überhaupt sistierte, bis die vorhandenen Beträge allmählich ihrer Bestimmung zugeführt werden können und Raum für neue Einzahlungen vorhanden ist. Eine der Ursachen dafür, daß dieses nicht nur für das Wohl und Wehe weiter Kreise der deutschen Juden/ sondern auch'für viele palästinensische Institutionen lebenswichtige Transferverfahren auf diese Weise unliebsame-,Hemmungen erfährt, ist aber zweifellos die Boyköttpropagända, die von unverantwortlichen jüngeren Elementen/ auchiim beiligen Lande" betrieben wird. Wir haben über die Sinnlosigkeit des ganzen Auslandsboykotts gegen deutsche Waren schon so oft und so eindringlich unsere Meinung gesagt, daß es sich erübrigt, ein Wort hinzuzufügen. Hier aber, da es sich um den deutschen Export nach Palästina handelt, muß doch immer wieder darauf hingewiesen werden, daß die jüdisch-nationalen Heißsporne, die sich einreden, mit der ebenso stumpfen, wie unsittlichen Waffe des Boykotts jüdischen Interessen einen Dienst zu leisten, in diesem Falle sich geradezu als Schädlinge der palästin e,n si sehen Wirtschaft und der jüdischen Volks Interessen i m allgemeinen erweisen. Mit Recht weist das Organ der palästinensischen Agudas Jisroel, „Kol Jisrocl", das gewiß nicht auf spezifisch deutsche oder deutsch-jüdische Interessen Rücksicht nimmt, in seiner .letzten Nummer auf diese Zusammenhänge mit Nachdruck hin und ruft die palästinensischen Rabbinen auf, den verantwortungslosen Schreiern entgegen zu treten und ihnen die Sinnlosigkeit ihres Tuns zum Bewußtsein zu bringen. Wir können nur hoffen, daß dieser Appell an den gesunden Menschenverstand Anklang findet. Die Wahlen für die Iria in Tel-Aviv. Der Wähltermin für die Irijah in der ersten jüdischen Stadt rückt näher, und langsam kündigt sich schon der Wahlkampf an. Die Wahlen finden seit der letzten Zusammensetzung der Irijah eine ganze neue Stadt, eine ganz neue Situation. Die Bevölkerung hat sich mindestens nms Dreifache vergrößert, und dementsprechend ist auch der Aufgabehkreis', der Städtverwaltung sö gewachsen, daß ihr eine in einer jüdischen Gemeinde der Diaspora nie gekannte Bedeutung zukommt. Die -irijah von <Tel Awiw ist die Verwaltung einer R e 1 i g i o n s g e m e i n d e, ob sie will oder nicht. Ihr obliegt die Aufstellung des Erziehungsetats, die Regelung des Schulwesens. Sie beeinflußt, ja dirigiert das geistige Leben in seiner Totalität. Sie kann durch Subventionen Lehrhäuser, Pflanzstätten jüdischen Geistes und jüdischer Moral, fördern oder die Spiel- und Sportplätze auf Kosten der Thorainstitute gedeihen lassen. Sie kann durch Verordnungen die Heiligung der Sabbat- und Feiertage heben und sichern, oder durch Ansetzung neuer Feste (wie Adlojada und Bik^urimfest) die Heiligkeit der g'ttgegebenen Feste beeinträchtigen. Sie, die Stadtverwaltung, verwaltet somit die Seele dieser einzigartigen jüdischen autonomen Gemeinschaft. Um so mehr muß man staunen, daß die religiösen Kreise Tel Awiws noch nicht aus' ihrer Lethargie erwacht sind, um sich bei den kommenden Wahlen rechtzeitig das ihnen prozentual zukommende Recht zu sichern. Schon bei den früheren Wahlen hat das gut jüdische Element in Tel. Awiw Unterlassungssünden begangen, die sich in all den Jahren schwer gerächt haben. Inzwischen ist die Seelenzahl der. religiösen Bevölkerung in der Stadt bis zu mindestens 40 Proz. der Gesamtbevölkerung angewachsen. Wollte das religiöse Judentum von Tel Awiw wieder die Gelegenheit verpassen, für seine vitalen Rechte einzustehen, so gäbe es damit ein schlechtes Beispiel dem ganzen Lande und allen Ländern,' wo religionstreüe Juden um den Charakter der religiösen Gemeinde zu kämpfen haben. Hier kann nicht die Rede sein yq-u einer Benachteiligung der Orthodoxie von Seiten der Nationalen und Liberalen. Tel Awiw hat allgemeines Wahlrecht, mithin wäre ein passives Verhalten der Orthodoxie bei den Wahlen eine Selbstentrechtung, für die sie keinen haftbar machen könnte. Die orthodoxen Wähler müssen unter einer Parole geeinigt werden, müssen eine zielbewußte und in Wahldingen geübte Führung haben. Die Führung ist, im Gegensatze zu den früheren Wahlen, in der Agudas Jisroel da. Auch diejenigen, die in ihr noch nicht organisiert sind, müssen einsehen, daß die Agudas Jisroel in Tel Awiw, in Gemeinschaft mit den Poale- und Zeiire Agudas Jisroel, die einzige Stelle ist, die kraft ihrer Erfahrung berufen ist, den Wahlkampf der religiös Gesinnten zu führen, und daß sie die Wahlunterstützung a l l e r haben muß, die nicht gewillt sind, die jüdische Seele in der jüdischen Stadt areligiösen Elementen auszulie-" fern, um damit sich selbst, d. h. 40 Proz. der Bevölkerung, zu entrechten. Der Eintritt in den Wahlkampf kann auf zweierlei Weise geschehen. Entweder es kommt mit den anderen Parteien ein E i n h e i t s b 1 o c k zustande, in dem die Rechte des religiösen Teiles der Bevölkerung festgelegt und gesichert sind. Kommt "diese Einheit auf Grund von Recht und Billigkeit nicht zustande, dann darf die Orthodoxie unter Führung der Aguda den Kampf bis zum Äeußersten nicht scheuen. Es geht u m den jüdischen Charakter der jüdischen Stadt, für den die Orthodoxie in Tel Awiw der gesamten jüdischen Welt g e g e n ü b e r v e r a n t w o r 11 i c h i s t. Von den verhängnisvollen „—tums.(( Die Sucht nach neuen Wortprägungen treibt sonderbare Blüten, über die man lachen könnte, wenn sie nicht auch ihre ernste Seite hätten und zur Aushöhlung alter festumrissener Begriffe führten. Sö tauchte neuerdings das Wort „Brauchtum" für die jüdischen Gesetze und Vorschriften auf. Bra u c h rangiert in der Reihe der jüdischen Lebensbindungen an letzter Stelle; er ist noch weniger als der „Minhag", der nach alier Vorschrift am Platze,' Wo er seit alters-

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