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Der Israelit · 1935-03-07 · Heft 10 (7.3.1935) · page 11

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Journal
Der Israelit
Volume
76 (1935)
Issue
Heft 10 (7.3.1935)
Date
1935-03-07
Page
– (sequence 11)
Language
German
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Feuilletontie Der I Nummer 10 1935 Flucht in die Heimat. Eitle Erzählung aus unseren Tagen. _ (Fortsetzung.) Als ein jüdischer" Kulturbund, plötzlich wie aus der schWarzen Frühjahrserde herausgewachsen, an seine Munifizenz appellierte, fand er bei ihm eine offene Hand, weniger offenen Sinn. Nein, weder die Geigen und Flöten, noch die dazwischen redenden jüdischen Nathans und Othellos gaben ihm Antwort auf das Rätsel der Zeit, Trotzdem besuchte er mit seiner Frau — sie ließ sich erst nach langem Bitten überreden — eine Nathanaufführung. Ein vierschrötiger jüdischer Schauspieler — früher Star einer hauptstädtischen Bühne— schrie, nach Wildes Begriff, viel zu laut und stürmisch, die Fabel von den ,,Drei Ringen" vor dem hier in falschem" Purpur wenig glaubhaft anmutenden Sultan Säladin. Was bot ihm diese Fabel, dieses Hohelied der Toleranz heute? Drei Ringe und keiner von i hn en w a r der e c h te. Wo w a r der echte? Am Ende gibts noch einen vierte n Sohn, überkam ihn nachts der Gedanke, der, weil im Besitze des echten Ringes, aus dem Ringe der Volker ausgeschlossen und ausgestoßen wird? Er, ging zu Versammlungen. Es war übler all ein größes Reden, Räten, Sinnen, Stichen ohiieFinden, Sehnen öhrie Erfüllung. Ein Nebelhorn tönte schrill durch die dicke Luft. Wo war der Leuchtturm, der Weg und Richtung zeigte? Da war der vielgefeierte Professor W o 1 k e nreich. Er hatte einen großen Löwenkopf auf kleinem gedrungenem Körper sitzen und die Brüst war gut zur Hälfte von einem läng und 'breit heräbwalleriden Pröphetenbarte überdeckt. Seine Sprache schien aus .diesem Barte zu komx men, ging: aber stets nach oben, Überschlag sich zuweilen in prophetischer Verzückung. Man sah ihn mehr, als man ihn' hörte. Er sprach in Visionen und man war in . seinem Bäntte, ließ sich von ihm hinauftragen, aber nicht zur f einen Sphäre des klaren Himinels, man blieb im Nebel, in Wolkrenbä%feen frc&ten, rind di e Sicht war, wenn er fertig war, erst recht' Verbaut. v Er las auch Bücher dieses Mannes, die schöne aieugeprägte Worte für alte, einfache Gedanken Wie ga^eMifte BtHofie aufsteigen' liefteü, sie verschwänden in der Atmosphäre, man wußte nictö wohin; Einf^c'Ke Kirfderer^äfilulhgen von Frommen tindT Heittgeri wären, wie Juwelen in Seidenpapier, weich und warm in strahlenden Wortbildern gebettet. Er las auch das Modernste der .anderen jüdischen Autoren, Geschichtsbücher. Hier; wurden aus Bibel Märchen gemacht, dort'Märchen zru Bibel erhoben. Es war verwirrend; Wo war die Wahrheit, .wo die 0 Grenze? Er wußte, es gab nöch ändere Quellen der Belehrung, ändere Schriften und andere Autoren, — die sein Baruch las; andere Studiengemeinschaften — die sein Baruch aufsuchte. Sie gingen in einfacheren Stuben,. bei weniger heilem Lichte vor sich.. Aber die Lehrer schöpften vielleicht eher aus dem Vollen und Eigenen — ihm war es stets, als könnten die Führer, die - er aufsuchtej nur selten Eigenes spenden — aber eine natürliche Scheu hielt ihn zurück, jene Kreise aufzusuchen, der Sprung bis dahin schien ihm noch allzu gewagt. Da las er Woche für «Woche in efrier. jüdischen Zeitung in fast \stets gleichbleibenden Worten vom Stolze, mit dem der Jude sein Schicksal zu tragen hätte, daß er Ja, Ja und Ja zum Judentum sage. Was ist Stolz und was ist Ja? Kann es einer auf Kommando in den Sturm hineinschreien, wenn das stolze Ja nicht schon bei Sonnenschein in i h m saß, so saß, wie etwa bei Rabbi Schmuhl Karpfenteich, „ der strahlte vor Glück, weil er als Sohn Abraham und Isaks wiedererkannt wurde? Ja dieser Rabbi Schmuhl; er war heute noch der; einzige, den er, obwohl er in fremder Zunge fremde Gedanken aussprach, ganz verstand. Je eine Stunde in der Woche kam er mit ihm zusammen, und in dieser Stunde war das Chefzimmer des Bankhauses Norbert Wilde in ein kleines Lehrhaus verwandelt. Philipp, der in diesen Tagen so vieles nicht verstand, drängte auch nicht zu erfahren, warum er keinen in dieser Stünde zum Chef lassen durfte. Noch distanzierte sich Norbert Wilde von all den neue.n oder wie Rabbi Schmuhl meinte, uralten Dingen, stand über oder neben ihnen. Aber verstehen konnte er seinen Lehrer ganz. Ein neues Buch fiel Herrn Wilde in die Hand, schön gebunden, schön geschrieben. Wie doch die Konjunktur der Schönschreiber in diesen trüben Zeiten blüht! dachte der Bankier, Judentum am Rande! Gut, zugegeben, ich stand am Rande, aber habe ich, hat der deutsche Jude all das, was über ihn kam, verschuldet, wie es in diesem Buche geschrieben stand? Und die Juden im weiteren Westeuropa, die sich sogar jenseits des Randes bewegen und sich noch allen Wohlergehens erfreuen? Und die Juden im Osten, die mitten drin waren und dennoch so vieles über - sich "ergehen lassen mußten und müssen? Wo war Rand und wo Mitte? Stand er, der Verfasser, von dem Herr Wilde wußte, daß er diese hier gedruckten Reden auf der Kanzel eines modernen Tempels zwischen zwei Orgelchorälen hielt, in der Mitte? Zeigten die von ihm vertretenen Ideen dem. Einzelnen den' Platz in der Judentumsmitte oder nicht viel eher dem Jur dentum den Platz am Rande des Völkerlebens? Ueber diese Dinge sprach Herr Wilde mit Rabbi. -Schmuhl in der Lernstunde, nachdem . er. ihm den Inhalt des Buches und so vieler Zeitungsepistel „verdeutscht" hatte. Er erwartete, daÖ der polnische Rabbi in die Kritik am. deutschen Judentum lebhaft einhaken werde und rüstete sich zu einem geharnischten Wörtstreite. Aber er erlebte eine Ueberraschung. „Ihr Schicksal selbst verschuldet hätten sie?" ereiferte sich Rabbi Schmuhl. „Wo waren diese Propheten früher, als es Zeit war zu mahnen und Halt zu rufen? Hatte Jirmejahu, nachdem alles in Asche lag, triumphiert: „Recht so, Ihr h'äbt es verschuldet." Er sprach, wie es Zeit virar, zu den Lauen, Matten und Sorglösen, und als es geschehen war, weinte er mit den Unglücklichen '.■. ." „Aber die Schuld des deutschen Judentums bestreiten Sie nicht, möchten' nur, da die Strafe da ist, Anklage in Mitleid aufgehen lassen," glaubte Herr Wilde zu verstehen.1 „Schuld haben wir allesamt gehäuft," griff Rabbi Schmuhl hastig ein,-„aber nur gegen G/tt. Wie wir im Gebete sagen: „Unser Vater, unser König, wir haben gesündigt vor Dir! , ... Vor D i r nur. Die Weit hat kein Recht, uns Schuld anzuhängen, von der sie' selbst nicht frei ist. Vornehmlich die Schuld der deutschen Juden war eine Schuld vor G'tt. Der Welt haben sie mehr gegeben, als sie ihr schuldig waren . Und auch ihren Brüdern in der Welt haben sie viel gegeben . . ." * - -„Ich glaubte, man denke in Polen anders über die ' deutschen' Juden " •i ,',öewiß,.man sagt dort, in Deutschland sei zu wenig Thora, zu wenig Jüdischkeit, aber ver*- kennt man darum den inneren hohen Wert der deutschen Juden? Die Emanzipation war eine schwere Prüfung für das deutsche Judentum, die Mehrzahl hat sie nicht bestanden. Dem jüdischen Osten war nur die Prüfung des Leides auferlegt, sie ist hart, aber leichter zu bestehen. Darf sich das Judentum des Ostens über das des Westens überheben? Woher wissen wir in Polen und Litauen, ob wir die Prüfung besser bestanden hätten, wäre sie uns vor hundert Jahren mit der Emanzipation geworden? Die Wenigen, denen es bei uns gelungen ist, in Stellung und Reichtum zu kommen, geben kein gutes Beispiel dafür ab. „Und die wenigen, die hier im Westen trotz Bildung und Freiheit ihrem G'tte die Treue gehalten haben, — Rabbi Schmuhl kam ins Feuer, er glühte, als hätte er vor Gericht einen Angeklagten zu verteidigen — sind sie nicht allesamt Große, Helden in ihrer Einfachheit, in ihrer Geradheit und schlichten Frömmigkeit? Ist es eine Kunst, in Wilna oder Warschau, Sabbat zu halten, jüdisch zu leben? Nein, sage ich Ihnen, es gehört dort Mut, trauriger Mut dazu, sich auszuschließen. Aber hier, hier . . . die Gasse ist unjüdisch, das Leben ist unjüdisch, der Rock ist nicht jüdisch, der Bart nicht und die Sprache nicht, nicht einmal der Name. Und in diesem ,Namen, in diesem Röcke schlägt ein jüdisches Herz, in dieser Sprache spricht eine jüdische Neschomo . . . Dort in den kleinen Hütten des Ostens ist der Säbbat das einzige Licht, das alle Finsternis vertreibt, irdisches Glück. Hier aber leuchten so viele bunte Lichter und — sie sind überstrahlt von den Sabbatlichtem . . . Ist'das nidhts? . . . Und ,ihr Wohltun erst?' Wissen Sie, Herr Wilde, daß unsere Lehrstätten und auch die im heiligen Lande zum guten Teile von den Gaben der frommen deutschen Brüder lebten und daß der wirtschaftliche Niedergang in Deutschland heute auch' ihren Niedergang bedeutet? Wissen Sie, das! alles, Herr Wilde,' von denen, die am Rande stehen sollen? ..." Nein, das wußte er so nicht. Er wußte nur, daß viele auswärtige Sendboten auch zu ihm kamen und in letzterer Zeit keiner leer von dännen ging. Dafür hatte Baruch gesorgt. Zu welchem Zwecke sie kamen und warum er Geld hergab,, darüber machte er sich weiter keine Gedanken. „Gewiß," ereiferte, sich Rabbi Schmuhl in seinem Plädoyer weiter, „die Juden bei uns haben Feuer, haben Liebe, haben Freude, haben Wissen und G'ttesfurcht. Das alles braucht Moschiach, wenn er kommt, den G'ttesstaat auf zu- . . j- ....... .. ... bauen. Aber braucht er nicht dazu auch noch andere Ziegel und Bausteine? Etwa Ordnung, Korrektheit, Pünktlichkeit, Kejrmtms der Welt? Das: alles wird den Beitrag der deutschen Judenheit ausmachen; und Mosehiach werden sie und ihre Gäbe willkommen seih. Aus jedem Lahde wird jeder Teil das Beste mitbringen. Warum, so ist im Werke „Mate Mosche" vom heiligen Rabbi Schneer Salman zu lesen* mußte G'tt wie damals so auch jetzt Israel durch die: Wüste a 11 e r Völker bis ans Ziel führen? Damit sie das Beste überall lernen und von überallher mitbringen zum Aufbau des Hauses G'ttes. Was wollen also jene mit ihren Klagen und Anklagen? Hatten sie damals, als es Zeit war und häben sie heute, da es zu spät ist, etwas Schöneres und Besseres zu lehren? Die zu lehren " und zu mahnen berufen sind, nehmen heute das hereingebrochene Geschick als Mahnung an Israel in der gesamt en, Welt. Wir älle sind zur Einkehr gemahnt, Sie und ich, Herr Wilde, Ihre wie meine Genossen und Landsleute. . Müssen alle zusammenrücken, keiner bilde sich ein, er stehe in der Mitte und der andere am Rande . . ," y Es war. all dieses, wie es Rabbi Schmuhl so herunterhaspelte, glühend vor Eifer, etwas ver-

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