Mannheim
Compact Memory

Der Israelit · 1935-02-28 · Heft 9 (28.2.1935) · page 10

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Israelit
Volume
76 (1935)
Issue
Heft 9 (28.2.1935)
Date
1935-02-28
Page
– (sequence 10)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
94% known words query
IRI
…/2446951-2450858-2450867--81098-2538951
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

1 entity mentions

ii H|£iwiiJ4 B^u^wfyi,y*j(wi BSr7'55^!SPr^^ Jfc* Seite 10 Nr. 9 D Israelit 28. Februar 1935 deutung des Besuches nur deswegen so maßlos an, weil;er ihn nur noch in Verbindung mit all jenen sich überstürzenden Ereignissen nacherleben konnte. Herr Wilde las jetzt sehr. viel.und besuchte häufig jüdische Versammlungen, was er früher grundsätzlich nie tat. Zuweilen begleitete ihn Frau Ida zu den Vorträgen, die den neuen Dur gen wie ein Kind stumm mit großen, erstaunten Augen entgegenstand. Die Vorträge fanden zu meist in kleinem geschlossenem Kreise statt, und Herr Wilde zahlte jetzt Beiträge an alle Vereine, die solche Zirkel und Kurse unterhielten. Er las alte jüdische Schriften in deutscher Uebersetzung und erschrak, wie wenig er bisher selbst die Bibel kannte; er las auch interessiert die jüdischen Zeitschriften, die früher ungeöffnet in den Papierkorb zu den wertlosen Drucksachen wan derten. Er suchte Antwort, Aufklärung über den Sinn der Zeit. Die Zeitungen sprachen viel davon, aber sagten ihm wenig. In den alten Schriften stieß er aber hie und da auf ein Wort, einen Gedanken, die wie eine Fackel in die Dinge des Tages hineinleuchteten. Die Fackel erlosch, weil ihm das Oel des Wissens fehlte, sie zu erhalten. Die Abende der Wildes waren ja frei. Ins Theater gingen sie nicht, obwohl ihr Theaterabonnement noch nicht abgelaufen war. Früher, als die Jungen noch da waren, gab es kleine Gesellschafts- und Musikabende im Hause. Elif der Arzt, war ein vortrefflicher Violinspieler. Seit seinem Tode mochte Frau Ida keine Musik mehr hören. Der Klang der Instrumente wühlte ihr Inneres auf, weiche Geigentöne berührten sie, wie das Schluchzen eines Kindes: „Mutter, ich grüße dich, Mutter, ich rufe zu dir, aus Not und Tod! . . (Fortsetzung folgt.) Sehnsucht nach Eden« Der Chofez Chajim spricht*). \ Es war in Radin. Geräumige Kammer in einem altwinkligen Haus. Vor dem Fenster der Marktplatz, versonnen und fast menschenleer. Sabbatstimmung über den Gassen, Ausgeruhtheit und Weihe. Hier in der schmucklosen Stube des Chofez Chajim stehen sie gedrängt, alte und junge Menschen, Lehrer und Lerner, Kinder, Gäste. Stille herrscht — atemloses Lauschen. Auf einem Ruhebett, in sich zu-. sammengesunken, sitzt ein Greis, die Sammtmütze tief ins Gesicht gerückt, Sabbat, Reinheit, Entrücktsein strahlt von ihm. Unaussprechliche Innigkeit, Heiligkeit auf den noch rüstigen Zügen. Die tiefen Augen beglänzt von einer anderen Welt. Und um den Mund — Güte, nichts als Güte. Vielleicht schimmert auch Wehmut, durch und Bitterkeit, doch die Güte übergoldet alles, — Die dritte Sabbatmahlzeit ist beendet. Still, mählich — hängt sich die Dämmerung in die Fenster. — Die Menschenknäuel rükken enger aneinander. Bewegung, Vordrängen . . Der Ghofez Chajim spricht ... Eindringlich, — nach innen gekehrt, und doch mit deutlichster Klarheit spricht er. Zu sich, — zu einer unsichtbaren, noch nicht entdeckten Welt. Er hebt den weißen Kopf und seine Stimme tönt, über diesen erdrückenden Raum hinweg, durch die Wände hindurch, über Länder, Grenzen, Zeitenfernen spricht er zu allen, zu Ganz-Jisrael. Immer wieder das Oftgebrachte. Altbekannte und Wiederholte, verschlungen mit gänzlich Neuem, Aufregendem, noch nie Gesagtem, — bis daß die tiefe Dunkelheit den Sabbat scheucht. Der Chofez Chajim spricht: Spricht von dem, was er schon unzählig oft besprochen hat, was er seit Jahrzehnten — fast als Einziger — unerschütterlich offen zu künden wagtt spricht von — Moschiach. Von Moschiach, dem Erlöser, dem Heißersehnten, dem hundertfach Verheißenen, dem G'ttgesandten. Daß er bald käme, gar bald. Möglich noch in unsern Tagen, bestimmt aber können es die Kinder erleben. Moschiach kommt, — ehe wir's alle noch recht wahr haben wollen. So eilends treibt G'tt die Geschichte ihrer großen Wende zu. Irrtum sei es von uns Betörten, des Moschiachs Kommen noch in weiter Ferne zu wähnen, nichts als Irrtum. ^Begreift ihr die Zeit nicht, noch nicht? Genügt der erste Weltkrieg nicht . zur Besinnung. Seid ihr umsonst verblutet und verwest, ihr zwölf Millionen Menschenleben? Ganz umsonst? Spürt keiner noch den eiligen Sturmlauf des Moschiach?; — ich sehe zehn Jahre weiter, wie alles dann sich gestaltet hat. — — — Seht ihr nicht, wie' *) Aus „Heimkehr ins Judentum". Schwab. Hermon-Verlag Frankfurt ä. Von Simon M. . alle Gegehwärtshistorie unaufhaltsam einem.': fetzten* allerletzten Brand entgegentreibt? Alles längst - ge .weissagt, alles bis aufs Kleinste eingetroffen, Doch Moschiach kommt. Er kommt. So unerschütterlich bestimmt, — so wie hier der Leuchter vor mir steht,, so ganz und gar bestimmt, ist Moschiach auf dem. Weg Jzü uns. Alles Heutige ist nur Wegbereitung für das bald, bald Kommende. Man soll sich vorbereiten, innerlich rüsten, wappnen. Man soll sein D e n k e n ketten an dies Bevorstehende, sein Sinnen, Trach ten, darauf richten. G'ttes Geschenke verfehlen' stets die Wirkung, wenn man sich nicht in sie hineindenkt (Am. g'ttlichen Manna fand nur der Geschmack, der „daran dachte".' Gedankenlose empfanden selbst das Manna als fades Brot, solche würden auch in Mo schiach das Glück nie finden können.). ■ Denkt an die Geullah. Zeigt euch ihrer würdig, Fahrt in die Städte, in die Dörfer, ruft die jüdischen Menschen zusammen und kündet ihnen eines": T esch.uwah . . . Alles muß noch,in letzter Stunde anders werden, alles. Lernen, Tag und Nacht —■ in jeder Freizeit — sei die Losung. Die Parole für jedermann, für Kinder und Männer und Greise. Für'jeden der kann und für jeden der nicht kann, (Ein über setztes „Chumisch" hat doch jeder, oder Thillim, T'nacfa.) Die Lernenden sollen sich zusammenschließen zu gemeinsamer Forschung, zu gemeinsamer Uebung. Und zu gemeinsamer Wachsamkeit.; Moschiach kommt.' Moschiach kommt! Und das Beth hamikdasch ersteht, Flammen auf G'ttes Altar, Opfer des Friedens und Opfer der Sühne, die? Kohanim beim heiligen Dienst, die Leviten auf der Empore beim Sang; der König Moschiach richtet sein Volk, in Wahrheit,; in Gradheit Und die Welt merkt auf, G'ttes Majestät lagert ällüber der Menschheit, Friede ersteht, — und Hei hing. Und es füllt die Erde mit. Erkennen G'ttes sich, wie die Gewässer des Meeres Bett bedecken Umschärfen wird man das Schwert zur Pflugschar, den Spieß zum Winzermesser, der Tod wird schwin den, ewiglich. G'tt selber trocknet Tränen dann aus jeglichem Gesicht. Und seines Volkes Schmach schlägt um in Lieb' und Staunen, Elijahu der Prophet kehrt wieder und die Gestorbenen erstehen dann aus'ihren Grüften; die heiligen Väter, die Müt ter, .die Richter, die Könige. Und die Tanaim, die Amoraim, Geonim, die Zadikim, alle, in unübersehbarer Schar. Denkt daran, welcher Schrecken uns befallen mag, wenn auch uns einer nur von allen heute auferstände und käme geradein Schritts zu uns;; — welche Scham, welche Bestürzungl «Wenn A b r a - h a> m, unser' Väter, aufstände, um unsre Reihen ent- , lang zu gehen, jeden Einzelnen zu fragen nach Treue und Kenntnis. — — — Welche Todesangst, wenn Moscheh durch die Gassen ginge, in die Häuser, zu allen Hohen und Niedrigen, mit der unruhigen Frage an den und an diesen, an jeden: was hast du „aufgetan in der Jüdischkeit", wie, wann, was hast du gelernt, wie hast du deine Kinder großgezogen, deine Ehe geführt, dein Geschäft, dein Leben?? Von Trauern, Zittern und Klagen würde Gemüt und Herz uns voll sein, — ein klägliches Zusammenknicken unter der Wucht des Wahren, das dann in unser aller Leben einbricht. Darum beeilt euch mit der Teschuwah! (Und dann — lernt die Dinim über Tempelbau und Opferdienstj die Mizwoth, die an den messianischen Boden geknüpft sind. Morgen soll jeder Willige eine Verpflichtung unterschreiben, hier vor meinen Augen, daß er in den kommenden Wochen schon mit Mischna Kodaschim sich befassen wird}. Der Chofez Chajim spricht, spricht . . . Spricht von — Rußland, von der Revolte, die dort gegen „den Himmel" ausgebrochen ist. Ein Brand, der über alle Grenzen züngelt und unterirdisch weiterschwelt, dahin und dorthin. Von den zahllosen G'tteshäusern, von den Lernsälen der Thora, die verschlossen, entweiht, besudelt werden. Von der verfolgten Thora, ihren Lehrern, die unter Lebensgefahr lehren, von den Schülern, :den Kindern, die; unter Lebensgefahr lernen. Ein Pogrom ist dort entfesselt worden gegen alles, was G'ttes Stempel trägt. Alles ganz so erfüllt, wie es schon die Mischna deutlich weissagt. Sowjet-Rußlands Entwicklung hat so höchst sonderbar die dunkle Talmudstelle (Sota IX., 15) enträtseln helfen. Aber auch die moralische, die ökonomische Weltkrise, aber auch der Raubbau an Erez Jisraels Heiligkeit, alles, alles wird zur Interpretation uralter Weisheit der Tanaim. Nicht der Chofez Chajim spricht mehr, sondern irgend einer der ganz alten Mischna-Lehrer, ein Heiliger, ein Schauender. Siehst du, wenn die Völker miteinander ringen, dann harre aus, Moschiach kommt. Er kommt erst, wenn wir alle unschuldig, oder aber alle schuldig geworden sind. Wisse, daß alle Berechnungen zuschanden wurden, denn alles hängt nur noch von der Teschuwah ab und von den Werken der Güte . . . Aus der Dunkelheit des Gemaches stürmen die Worte, flehen, drohen, beschwören. Und — trösten! Es ist bereits'Zeit geworden zum „Benschen". Der Chofez Chajim spricht es vor. So demutsvoll, so — einfach, wie ein alter treuer Knecht den Meister anspricht. Doch zwischen den Worten, den Sätzen — Stöhnen, ein Sturm durchrast diesen eingefallenen Leib, dieses verglühende Herz. Der Chofez Cha- :.jim stShnt und mit ihm das —ganze Volk Jisrael, Alles. Gölus, alles Zehren, alles Sehnen sammelt sich in dieser Handvoll Herz."und brennt auf in Lieb,v und Glut für G'tt. - Licht flammt auf/der Säbbat fluchtet. G'tt selber scheidet zwischen hell und dunkel, zwischen Jisrael und zwischen den Nationen, -zwischen dem siebten Tag und .dem Werktag; —- gesegnet seist .Du, G'tt, der heilig von unheilig scheidet; . ',?' Sabbatausgang. Die Geschäftigkeit beginnt. Wir .'geben in' die Nacht hinausJ Jeder, weiß, es jetzt, das •von Moschiach; Es ist nunmehr unersc$ütt«rlicfx erhärtet. Aus erleuchteten Fenstern töini. Gesangt. :' Elijafiü, der Prophet Elijahu,., der Prophet i; bald) bald kommt er zu uns, mit Moschiach, mit Moschiach, ... ■ \ mit Moschiach ben: David. Aus den Herzl-Bricfen. * -i .... Mit dem soeben zur Ausgab«; gefan^eir füirf^ ten Band ist! die Gesamtausgabeder Zionistischem Werke Theodor Herzls in 5 Bänden, die imVJüdischen Verlag, Berlin W 50, erscheint, a b'g e s ehr Ii. o ssen. In Anbetracht der Tätsachs, daß Cype>rn wiederum in den Vordergrund' der jüdischen- Ansiedlungsinteressen. getreten ist, geben wir aus dem fünften Band der Herzl'-Bri'efe, mitr Genehmigung1 dei- Verlags, den Brief an. Ji L. : G-r e e n b> e r g wieder, der sich mit der Cypernfrage frefaßt: ", Mein lieber Gre.enherg! Dank für Ihre ausführlichen Mitteilungen Über die Alien-ImmigratSoh-Cömmissibn. Ich wiederhole: es gibt in unserer ganzen Bewegung jetzt nichts-. Wichftigeres, als meine Einladung vor diese. Cömmissiön. Natürlich-können Sie: in jener beliebigen' Weise über mich verfügen. Ich komme in jeder Form, welche den Herren beliebt. Die Art, wie die Fragezu stellen ist, habe ich ineinem meiner fetzten.' Briefe an Joe (Joseph. Co wen1)' präzisiert. Bitte, lesen Sie dieses EntwederrOder noch einmal durch. So kann sich die Cömmissiön: nicht der Frage entzieheir.'i Und'nun passen Sie auf, Freund! Ich machte .den Gedanken in die Cömmissiön lancieren. lassen, daß* uns die englische Regierung" das p as s ive Cypern als vorläufige Kolonisations-SteHe -— mit dem Ausblick auf" Palästina! — überlasse. Davon darf aber vorläufig ' nochnicht, gesprochen wersTen, weder in der Federation, noch in Privatkreisen, ja nicht einmal in der „Daily Mail". Sprechen- Sie nur mit Joe und Zangwill' darüber und tun Sie vorläufig nichts, absolut nichts, bevor ich Ihnen darüber neuerlich geschrieben habe; Ich verbinde damit einendoppelten Zweck: . 1. Augenblickliche Hilfe für Rumänien usw, und die Schaffung eines Sammelpunktes für Menschen und Schiffe. 2. Einen Hochdruck auf Cohn (Chiffre für den Sultan Abdul Hamid}, der sich zu viel Zeit läßt. ' Aber ich sage Euch, meine Freunde, daß das Niemand außer mir in Angriff nehmen darf, sonst zersplittert sich unsere Bewegung. Jeder Anldere würde daraus einen furchtbaren Konflikt innerhalb unseres Lagters hervorrufen. Mir werd-en sie aber Alle glauben, wenn ich erkläre; Es ist dienächste Station, durch die wir gehen müssen! , Trietsch hat dies dummer Weise auf eigene Faust machen wollen. Jetzt aber halte ich den Moment für gekommen. Dies einer der Zwecke' meines Erscheinens vor der Cömmissiön. Aber noch einmal, mein guter Greenberg: Schweigenf Ich habe Sie sehr gern und habe das größte Vertrauen zu Ihnen. Nur das Eine fürchte ich: daß Sie nicht immer gut schweigen. In solchen kolossal wichtigen Sachenist das aber furchtbar gefährlich. Besprechen Sie alles . in ^Commissionssache sorgfältig mit Joe und Zangwill! Und dann handeln Sie schnell! Mit herzlichen Grüßen <, Wien, 9. 4. 1902. Ihr getreuer Benjamin. Joseph ben Mathias. Der Jüdische Kulturbund „Rhein—Ruhr" verhalf jüngst einem Schauspiel „Joseph ben Matthias", das einen jungen Kölner -— Julius Wolf f söhn — zum Autor hat, zur Uraufführung in Köln und zu Aufführungen in zahlreichen rheinischen Städten und chließlich in Berlin. Eine Aufführung in Frankfurt . M. ist für April geplant. Das Schauspiel behandelt die letzten Tage des Unterganges Jerusalems. Für Wolffsöhn ist Flaviüs Josephus nicht der Römling, der Verräter an der jüdischen Sache; sein Fmavius Josephus will den Frieen mit Rom rrur, um ein geistiges Jerusalem, um Lehre und Gesetz zu retten. Das Schauspiel erscheint nunmehr in Buchform _ei Joel Sänger (Frankfurt a. M.}, Das gut ausgestattete, in Ganzleinen gebundene Buch kostet Mk. 1.50. <Brff/iW V.T. mtwjtmw^wiMjAMUa

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.