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Der Israelit · 1935-02-28 · Heft 9 (28.2.1935) · page 9

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Journal
Der Israelit
Volume
76 (1935)
Issue
Heft 9 (28.2.1935)
Date
1935-02-28
Page
– (sequence 9)
Language
German
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/ Feuilleton- Nummer 9 1935 Flucht in die Heimat. Eine Erzählung aus unseren Tagen. (Fortsetzung.) Nachmittags gehörte Baruch ganz den Eltern und war der1, gute, liebe Junge von früher. Ein Spaziergang durch, den nahen Rhönwald loste die Bedrücktheit im Herzen der Städter in der würzigen Fi cht enluft vollends in Freude und Frische ■' auf. i ■ „Sage mal, Junge, fühlst du dich wohl bei „■«lieser Kost und dieser Arbeit?" fragte der Vater j immerhin etwas besorgt. „Sehe ich so aus, als litte ich Not?" war die kurze Gegenfrage. Nein, so sah er nicht aus. Er war so munter, frisch und vergnügt, wie ihn 'die Eltern in der Stadt als Schüler nie gesehen hatten. Und wie kundig und schön er ihnen Alter und Eigenart der einzelnen Bäume erklären konnte! Hier war das Jungholz und dort die Schonung, und um die Lichtung herum die uralten Stamme; dort am Wege die der Axt des Fällers verfallenen toten Riesen. Kein Eichhörnchen in den Zweigen entging ihm, kein Hase, der über den Weg lief, und den Vogel in den Wipfeln erkannte und nannte er nach der Stimme und dem Flügelschlage. „Wo hast du das alles gelernt, Junge?" „Wir müssen auch das lernen. Förster Krause, ein etwas rauher, knorriger Mann, ist unser Freund und bringt uns einiges aus der Försterei b*»» ei, „Und wie denkst du über deine Zukunft?" fragte der Vater gedehnt. - „Weißt du, Vater, wenn man so mit der Natur verbunden ist wie wir hier, dann denkt man eigentlich wenig, man arbeitet und schreitet vorwärts, festen Schrittes, geradeaus . . ." „Du kannst doch nicht ewig bei den Pferden und Schafen bleiben, graben und Stall misten." „Nein," sagte Baruch bestimmt. „Ueber den Winter, also bis zum nächsten Frühling, bleibe ich noch hier, um auch die Winterarbeit in Feld und Haus gründlich zu erlernen." „Und dann?" „Dann folgt der landwirtschaftlichen Ausbildung noch eine gründliche geistige Hachschara — auf einer Jeschiwa natürlich." , „Was ist das wieder?" , „Eine Jeschiwa? Eine Talmudschule, wie es auch bei uns eine gibt, Ich glaube sogar, du zahlst in der letzten Zeit einen Beitrag dahin," „Ich zahle viele Beiträge in letzterer Zeit," — Herr Wilde setzte den linken Fuß auf einen Baumstumpf und überlegte — „aber nun sag' doch mal endlich, Junge, willst du Bauer oder Rabbiner werden?" , Baruch lachte so munter in die Flur wie die Vögel, die sich jetzt in den Wipfeln zum Nachmittagsgebete sammelten. „Es ist dies die veraltete Auffassung, daß die Talmudlehre nur für die Rabbiner da sei. Wir brauchen in Palästina jüdische Menschen auch auf dem.Ackerböden, die ganz Juden sind und um ihr Judentum wissen, Talmudbauern . . ." „Und du willst wirklichA nach Palästina?" fragte nun auch die Mutter etwas erschrocken. „Klar. Wozu sonst wäre ich hier?" Frau Ida überlegte in ihrer stillen Art. Noch ein halbes Jahr hier, eine Zeitlang dann beim Talmud — das Wort Jeschiwo hatte für sie wegen seiner1 Lautverwandtschaft mit „Schiwoh", das . sie, kannte, etwas Unheimliches —im Gan-r zen noch 'gut ein Jahr . . . Bis dahin konnte sich manches ändern. Aber war nicht ihr Junge, der einzige noch in erreichbarer Nähe, schon weltenwert von ihr und der Heimat entfernt? Als - sie. zurück . auf die Hachschara kamen, war schon wieder Essenszeit, Vesper. Wieder lagen auf dem rohgezimmerten Tische die schwarzen Brotscheiben in Bergen; Daneben edelblütenweiß eine Riesenschüssel voll weichen Schmierkäses. Aus deh .bauchigen Blechkannen rieselte der selbstgezogene Kornkaffee in breitem Strome mit Dampf und Duft in die Email- und Blech- . bechert Junge, gesunde Zähne bissen herzhaft ins , Bröt mit dem schneeweißen dicken Belag und Scherzworte flogen durch den Raum. Vorsichtig erst, kostete Frau Ida vom Käse, dann aber verzehrte sie eine belegte Scheibe nach der andern. Auch die Kornbrühe aus der Emailtasse war besser als ihr Ruf. „Siehst du, Muttchen," scherzte Herr Wilde, der nun nach dem Imbiß behaglich eine Zigarre rauchte, „es geht schon besser, haben schon auf der Hachschara was gelernt. Wir nehmen uns einen Topf voll Käse mit, so weiß und unschuldig habe ich ihn noch selten 'gesehen. , Auch ein Schock von den unter Aufsicht des guten Rubin gelegten Eiern. Natürlich alles zu den üblichen Marktpreisen. Wir halten daheim beim Frühstück Hachschara . . ." Da gab es gar nichts zu lachen. Hanna eilte schon in die Küche, um Käse und Eier einzupacken und Herz Rubin machte den Preis. „Und unsere heutige Zeche?" versuchte Herr Wilde eine kleine Schiebung zugunsten der Gastgeber. „Wir dürfen im Hause selbst Speis und Trank gegen Geld nicht abgeben, haben keine Konzession," wehrte Rubin ab. Alles wickelte sich in diesem Hause einfach, kurz/sachlich ab. Man genoß, was man bekam, in aller Selbstverständlichkeit und wagte kaum Dank zu sagen. Noch eine letzte Ueberraschung harrte ihrer in diesem sonderbaren Hause. Gegen Abend gab es gemeinsames Gebet. Der große kahle Raum verwandelte sich in ein richtiges G'tteshaus. An der Ostwand stand sogar der Thoraschrein, der unter rosasamtenem Vorhange die heilige Rolle barg. Allmorgendlich, so erfuhr Herr Wilde, traten die Jungen hier zum Gebete an, schon früh um fünfe, in der. Erntezeit noch früher. Nach dem Abendgebete, das heute Sonntag etwas früher vor sich ging, sammelten sich die Jungen in kleinen Gruppen, sie lernten. Die einen lasen aus großen Folianten und stritten, als ginge es um Tod und Leben. Die anderen hatten kleine Formate vor sich und trugen geruhiger der Reihe nach die Verse vor. In einer anderen Gruppe lasen sie nacheinander versweise aus Propheten. Baruch befand sich bei den streitenden Taimudisten. Also das ungefähr war Jeschiwoh, dachte Herr Wilde. Frau Wilde unterhielt sich im anderen Räume mit den Mädchen. Einige waren mit Näharbeiten beschäftigt, stopften und flickten. Hanna klapperte an der Schreibmaschine; es gab Korrespondenz und Eintragungen zu machen, und Hanna freute sich sichtlich, daß die etwas altersschwache „Adler" — Geschenk aus der Stadt — ihren flinken Fingern immer noch besser, folgte als „Malka" und „Tirza" im Stalle. Ein paar Mädels saßen bei jüdischer Lektüre, auch Hebräisch, wie Frau Ida zu ihrem Erstaunen entdeckte. Noch nie hatte sie Mädchen bei hebräischen Büchern gesehen. Ihre eigenen hebräischen Kenntnisse aus der Schulzeit reichten bis zum mühsamen Lesen der Gebete, wovon sie an den Hohen Feiertagen auch andachtsvoll Gebrauch machte. Nicht etwa, daß ihre Seele das Jahr hindurch bar der Gebete gewesen wäre. Im1 Gegenteile,' es saßen in letzterer Zeit viele •tfrarme Gebete darin, mit den Ueberschriften Eli und James — er hätte hier -Jakob geheißen, mußte sie denken — für die sie in ihrem dicken Gebetbuch mit Goldschnitt weder Text noch Uebersetzung fand. Die hebräischen Texte verstand sie nicht, aber sie drangen, wenn sie im^G'tteshause war, in wunderlichen Melodien ganz tief in die Seele, blieben aber dort wie ein Alp liegen, erhoben sich; und sie nicht mit zur Höhe — lagerten wie grauer Nebel um ihr Inneres, weil sie den Sinn nur ahnte, ohne zu verstehen. Und hier saßen junge, frische . Mädels mit blanken Augen und schwieligen Händen und lasen und lernten Hebräisch und machten gar kein feierliches Gesicht dabei, als würden sie sich gar nicht mit dem lieben G'tt unterhalten. Sie taten es auch gar nicht, sie lasen aus dem Pentäteuch, Sidra, wie sie. sagten, und erzählten sich hübsche, fast lustige Geschichten, die sie Midrasch nannten. Die in scharfem Tone ratternde Nähmaschine, das hastige Geklapper der Schreibmaschine, der helle Klang der Mädchehstimmen, Singsang und Streit der Lernenden aus dem Jungenraume, all dieses schien zusammen zu gehöre^ ergab kein Chaos. Draußen senkte sich die Sonne so rot und rund, wie sie sie in der Stadt nie gesehen, hinter den bewaldeten Bergrücken, die man für Hermon und Tabor halten konnte. „Wenn sie morgen von der anderen Seite wieder aufsteigt," meinte Hanna, die ebenfalls nach der feuerroten Kugel schauen mußte, „dann heißt es: hurtig heraus und zur Arbeit! Darum machen wir immer so früh Schluß." In der Gesellschaft in der Stadt würde eine solche Bemerkung als taktlose Andeutung zum Aufbruch von den Gästen verübelt werden. Hier war alles so einfach und natürlich, daß Konvention und übertriebene Höflichkeit wie Rauch und übler Dunst in der reinen frischen Luft sich verflogen. ' Am frühen Abend fuhren die Wildes im gleichen Fuhrwerke wieder zur kleinen Station. Baruch saß bei ihnen im Wagen und hielt die Hand der Mutter, als sollte sie sich vergewissern, daß er immer noch ihr alter guter Junge sei. Auf dem Bocke kutschierte jetzt Elieser, ein Chaluz aus einem oberschlesischen Dorfe, der mit Pferden bestens umzugehen wußte und, wie Baruch, auch Aschemedais Vertrauen hatte. Kurzer Abschied. „Wann kommst du heim?" „Ihr kennt meinen Plan und habt ihn stillschweigend gebilligt." Als Herr Wilde in später Nachtstunde vor dem schönen Hause an der Promenade seiner Frau aus dem Auto heraushalf, meinte er; „Mir ist es, als kämen wir von weither, aus einer anderen Welt, von einem anderen Stern ..." „Ich erkenne bald unser eigenes Heim nicht wieder," stimmte Frau Ida mit stillem leidvollem Lächeln ein. IV. Vieles um Herrn Norbert Wilde war schleierhaft und undurchdringlich. Daß er aus dem einen und anderen Aufsichtsrate ausscheiden mußte, daß ihm Geschäftsfreunde und Kunden, mit denen er ein halbes Menschenalter arbeitete, auf einmal höflich oder entschieden schrieben, er möchte keine Offerten mehr an sie schicken, daß er auf der Börse nicht mehr die Dienste des Kursmaklers Laput, der zwei Jahrzehnte sein Vertrauensmann gewesen ist, in Anspruch nehmen durfte, daß er den Notar Reub, mit dem ihn persönliche Freundschaft verband, mit einem anderen vertauschen mußte, all dieses war unverständlich genug. Aber nichts von all dem brachte sein Inneres so in Aufruhr wie das Erlebnis auf der Hachschara. Vielleicht aber wuchs die Be-

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