Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 76 (1935)
- Issue
- Heft 9 (28.2.1935)
- Date
- 1935-02-28
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
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Seite 4 Nr. 9 :D c r ,1 8j r % e I i t 28. Februar 1935 In einem Aufruf wird geschildert, wie Bialik „der Erwählte seiner Generation", sein Lebenlang von einem hebräischen Kulturfond geträumt hätte, mit dem. Zwecke, die geistige Kultur des Judentums aufzubauen. Eine große Kundgebung in. TelyAwiw mit einem Hauptreferat von Dr. Weizmaöit soll Wesen und Ziel dieses Kulturfonds vor einer großen Oeffentlichkeit im Einzelnen, erläutern. Es bedarf dieser Erläuterung, denn was wir von inoffizieller Seite über diesen „dritten" Fond hören, erfüllt uns mit: Bangen. Bialik selbst litt in den letzten : Jahren seines Lebens, wie allbekannt, schwer -.unter dem geistigen Niedergang in einer Generation, die zwar hebräisch sprach, aber die Quellen der jüdischen Wissenschaft so wenig kannte, daß ihr selbst die Voraussetzungen zum Verständnis seiner, Bialiks, Schöpfungen fehlte. Soll vielleicht zum Andenken an den großen Dichter und gewissermaßen „zur Hebung seines Seelenlichtes" mit dem Kulturfond auf seinen Namen jene abgebrochene Brücke zu den Geistesschätzen unserer Vergangenheit für unsere Jugend wieder aufgebaut werden? Die Namen an der Spitze dieses Kulturwerkes sprechen leider nicht für diese optimistische Auffassung. Und wem Namen nichts besagen, der wird durch Worte, wie wir sie in den letzten Tagen im „Haarez", also dem offiziellen Organ der zionistischen Organisation, lasen, gründlich über den Geist und den Kurs dieser neuen Kulturschöpfung belehrt. In der Nummer dieses Blattes vom 20. Schwat berichten die Initiatoren über das Programm des Bialik-Fonds für die nächsten Tage. Es soll die jüdische Wissenschaft gepflegt werden, vor allem eine hebräische Ausgabe der Werke von Geiger u ntl Z u n t z usw. in die Wege geleitet werden. Ein Zitat von Bialik selbst wird in diesem Zusammenhange angeführt, das dem Sinne nach die Kanonisierung der biblischen Schriften durch die „Männer der großen Synode" durch Streichungen und Anfügungen korrigieren möchte. Aus den späteren Literaturerzeugnissen müßte alles, was wertvoll sei, ausgegraben werden, um „die Kluft zwischen der alten und neuen Literatur zu überbrücken." Insbesondere werden in diesen den Bialikfond empfehlenden Artikeln die b i b e 1 - kritischen Schriften von Simon Berenfeld als Muster einer freien und voraussetzungslosen Wissenschaft hervorgehoben. Alles in allem, es wird hier, nach in der Geschichte reichlich bekannten Mustern, der Versuch gemacht, die Axt an die Wurzel anzulegen Es gab einmal Kämpfe auf den Zionistenkongressen um das Kulturprogramm des Zionismus. Damals ging es um die Erziehung, um die Schule, die. aus der Hand 4er thorafremden Kulturträger zu reißen, Misrachi oft den ehrlichen Willen zeigte, aber nie die Kraft besaß. Hier aber ist ,€twas im Entstälien,, wogßgeä .das, gyan zve; Judentum, soweit es in Erez Jisroel und in der Go- Iah jüdisch denkt, Front machen müßte. Hunderte und Tausende suchen den Weg ins Land der Väter, enttäuscht- und,. entnervt nach einem Traume von bald hundert Jahren, in den sie die jüdische PseudoWissenschaft von Geiger, Zuntz und Holdheim in der Maienblüte einer neuen politischen Freiheit hineingesungen hat. Und finden dort, wo sie ihre jüdische Ruhe suchen, wieder die alten Götzen: den Baalstempel voraussetzungsloser und bibelkritischer Wissenschaft, seine alten Priester und neuen Anbeter, die sich um den Namen des toten Dichters sammeln. Diese Art von „Erwachsenenbildung" schließt Sich würdig dem Schulprogramm des Kulturzionismus an, und die jüdische Oeffentlichkeit weiß, wie sie sich dazu zu verhalten hat. „Laßt die Juden zum Juden gehen." Im „Westdeutschen Beobachter", der in Köln erscheint, lesen wir einen Artikel unter der Ueberschrift „Rassenschänder gestellt", in dem das Verhalten eines Juden unter Namensnennung und Angaben von Einzelheiten angeprangert wird. Der beschuldigte Jude wurde, wie das Blatt mitteilt, bisher gerichtlich nicht verfolgt. Anknüpfend ermahnt das Blatt die Kölner Vergnügungsstätten, dem Beispiel vieler Restaurationen auf dem Lande und in den Kleinstädten zu folgen und Juden in ihren Lo k a len nicht zu dulden. ,,Laßt die Juden zum Juden gehen!" schließt der Artikel. Wir haben weder die Möglichkeit noch die Absicht, den hier angezogenen Einzelfall nachzuprüfen. Die Tatsache, daß er gerichtlich nicht verfolgt wird, erschwert sogar die Nachprüfung für solche Stellen, die nicht nach bloßen Gerüchten urteilen und verurteilen. Uns interessiert nur der Schlußsatz: „Laßt die Juden zu dem Juden gehen! ..." Es wäre gut, wenn wir diese Mahnung, von Freundesseite so oft ausgesprochen, erst recht jetzt, da sie von gegnerischer Seite kommt, etwas mehr beherzigten. Es gibt jüdische Hotels und Restaurationen, in denen Juden sehr erwünscht sind, und in denen der jüdische Gast für solche Stätten und Plätze, aus denen er mit einer Warnungstafel verwiesen wird, vollen Ersatz findet. Es gibt jüdische Handwerker und jüdische Geschäfte, die immer noch vergebens auf die jüdische Kundschaft^iwarten.; Wir werden mit Schildern aller Art an die jüdische> Bruderpflicht gemahnt. So befolgen wir denn die Parole: „Laßt die Juden zum Juden gehen! . . ." Die Unruhen in Algerien. . Die Vorgänge in Algerien machen der französischen. Regierung schwere Sorgen und veranlassen sie zu kräftigen Maßnahmen.:^eber^o!ie Hintergründe der, Unruhen, von denen in großem Maße auch die dortigen Juden in Mitleidenschaft gezogen sind,: berichtet der Sbg.-Korrespondent der „Frankf. Ztg.": „Die Schwierigkeiten kommen hauptsächlich; von der arabischen .Bevölkerung, welche die zahlenmäßig Weit überwiegende Klasse bildet und infolge ihres mohammedanischen Glaubens nicht als französische Staatsbürger gerechnet wird. Unter den W i rkungen der Wir t sc h af t sk r i s e richten die Araber ihre Unzufriedenheit gegen andeer Bevölkerungsteile, die aufgeklärter sind und mit der französischen Obrigkeit in engerer Beziehung stehen, also vornehmlich g e g e n die eingebor e n e n J ud en und die Teile der Oberklasse, vdie früher Araber , waren und jetzt Französen geworden sind. Infolgedessen hat der Einfluß der Stammeshäuptlinge, mit denen sich die französische Regierung bisher ausschließlich auseinandersetzte und deren Ergebenheit sie gekauft hat, stärk eingebüßt. Die ganze Bevölkerung ist in eine Gärung geraten, die zwar wirtschaftlichen und sozialen Ursprungs ist, jedoch nach und nach einen politischer! und religiösen Charakter annimmt. Aus Hungerrevolten und Gehässigkeiten gegen die reichere Schicht entwickelt sich nicht nur ein algerisches Nationalgefühl, das von jungen in Paris studierenden arabischen Nationalisten gerührt wird, sondern auch eine Hinneigung zu panislamitischen Ideen, die ebenfalls revolutionären Charakter haben und von Aegypten stark genährt werden." Nach alldem schlägt man in Algerien nach bekannten Mustern die Juden und meint die Franzosen. Das überrascht uns nicht. Man darf aber hoffen, daß mit dem Aufdämmern dieser Erkenntnis in Paris die Algierfrage nicht mehr unter dem Gesichtspunkte des „Judenschutzes" betrachtet, sondern als ernste französischeFrage angesehen und behandelt wird. Damit dürfte den Juden Algeriens bald geholfen sein. Frühlingsbotschaft« Von Rabbiner Dr. M. Lewin in Hamburg. nnnira paia ttk oio:vn „Wenn der Monat Adar einzieht, dann steigere man die Freude". Dieser Satz unserer Weisen spricht natürlich nicht von jenen Freuden, die vergänglich sind wie die flüchtige Stunde und keinen dauernden oder auch nur nachwirkenden Einfluß auf das Seelenleben gewinnen können. Die Freude, die der Adar in uns auslösen will, quillt aus dem Glauben an G'ttes Gnade, die sonnengleich uns leuchtet und vielleicht dann am meisten strahlt, wenn uns Wolken den Blick ins Helle trüben. An dieser- Freude soll ein jeder in Israel teilnehmen, mag auch noch so sehr Sorge auf ihm lasten und Trübnis und Kummer das Herz ihm beschweren. Der Adar will Israel mitten im Winter heilige Frühlingsbotschaft bringen und ihm die Hoffnung festigen, wie sie die Propheten in ihrer Gesamtheit auf den Trümmern unserer einstigen Herrlichkeit aufgepflanzt haben. Nicht nur in der Natur weichet die Nacht vor dem Tage und werden des Winters Stürme durch den Glanz und die Pracht des Lenzes abgelöst. Dessen ist Zeuge, was uns unsere Geschichte erzählt und im Adar besonders eindringlich zum Bewußtsein bringt. Durch Nacht zum Lichte, vom Kummer zur Freude —, das steht mit flammender Schrift in unserer gar wechselvollen Geschichte verzeichnet. Diese heiligen Zeichen müssen wir uns deuten, dann werden wir aufrecht bleiben und immer neuen Antrieb gewinnen, unsern jüdischen Weg zu gehen. Die Winterstürme beseitigen, was den neuen gtiten Keimen und Trieben hinderlich ist. Wer heute klar zu sehen gelernt hat und endlich so weit ist, Schein und Wesen zu scheiden und den Eigenwert und die Eigenart schützen zu wollen, der wird trotz allem nicht klagen und noch weniger anklagen, sondern die Vorsehung preisen, daß wir zur -Selbsterkenntnis geführt wurden und den Willen zum wahren, echten Judentum zurückgewonnen haben. Daß nicht allein materielle Güter, Besitz und Ehren und Titel für den wahren Wert entscheidend sind, sondern einzig und allein Charakterfestigkeit und Selbstwürde und Ewigkeitsleistungen den Gradmesser für die wahre Bedeutung eines Menschen im allgemeinen und eines Juden im besonderen darbieten, das ist auch eine Frühlingsbotschaft und zwar eine ganz bedeutsame, die im Abschnitt vom „halben Schekel" verankert ist und an dem ersten der vier großen Sabbate zur Verkündigung kommt. mpn bpvn rvxn» cnpsn bv "o?n bs w nt „Das sollen sie geben, jeder, der zu den Gezählten hinübergeht, die Hälfte eines Schekels nach dem Schekel des Heiligtums." Leistend, wirkend und schaffend im Dienste der Gesamtheit, zum Segen des Ganzen — das erst verleiht uns ein Anrecht, einzuT treten in den Kreis der Gezählten, in den Bund derer, die vor dem Herrn gelten. Und dazu sind alle aufgerufen, bpvn fl'sna w^n bon alle unterschiedslos sollen ihren halben Schekel bringen, ein jeder leisten, was er vermag, zur Erhaltung und Festigung des Heiligtums. Das ist dann 'ib nnnn „eine Hebe dem Herrn geweiht" und wird eine Sühne für unsere Seelen. Was wir dem Heiligen weihen, sei es von unserer Kraft und Zeit oder von unseren Gütern und Fähigkeiten, das wird zum Zeugnis für uns und verbürgt den Bestand der Gesamtheit. Mosche, so heißt es im Midrasch, habe in der Vorausschau von Israels schicksalsreicher Zukunft vor G'tt gefragt; V«-«?" pj? oi-in rmn „Wodurch kann Israel, wenn es gesunken, sich wieder erheben?" Der Herr antwortete: K^n '•33 „Dadurch, daß Israel trägt," nicht als Last, sondern als Lust — aus eigenem Willen und tiefer Ueberzeugung, was zu tragen ihm geboten — daß es auch zu opfern bereit ist, was an Opfern von ihm gefordert wird. Je'tzt gilt es für uns alle, uns zu bewähren und von der Kraft zu zeugen, die in Israel lebt, von den Vätern her in uns hineingepflanzt und durch die heilige Sinailehre treu gehütet und umhegt als unser ewiges wertbeständiges Gut. Werden wir das, was nach unserer Aufgabe und Bestimmung wir sein sollen) die Träger und Hüter der heiligen Lehre und helfen wir, wo es gilt, zu stützen und zu erheben, die von des Schicksals Banden gefesselt, in Not und Sorge schmachten! Das ist die schönste Freude, die wir vom Baume des Lebens pflücken, die wir anderen bereiten. Denken wir in der Adarfreude ja daran, daß es viel Elend gibt in unseren Reihen. Opfern, wir nach unserem Können und bringen wir willig unseren vollen halben Schekel, um zu lindern und zu heilen, dann sind wir Mehrer der Freude und würdige Sendboten G'ttes, der uns von Erlösung zu Erlösung führt und dauernde Befreiung uns und der ganzen Welt verheißen hat.?M^Baa8{^'t'<*!W!M»'gKiia