Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 76 (1935)
- Issue
- Heft 8 (21.2.1935)
- Date
- 1935-02-21
- Page
- – (sequence 12)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 12 Nr. 8 Oer Israelit 21. Februar 1935 Von der Armenwohnung zum Ministersessel. Aus dem Lebensweg Maxim Litwinows. Jakob Wallach in Lodz, der Bruder Litwinows, ist ein Jude mit langem Bart und Kaftan. Er bewohnt mit Familie eine kleine Armenwohnung. Der Korrespondent eines großen englischen Blattes besuchte ihn. Auf seine Frage, ob er ein Bruder Litwinows sei, antwortete er: „Leider ja!" „Warum le'der?" „Nun, er ist doch mit an der Spitze einer gottlosen Regierung." „Bekommen Sie keine Unterstützung von Ihrem Bruder?" „Nie, Einmal, als ich krank war, schrieb ich ihm einen Brief, in dem ich ihm meine und meiner Familie Not schilderte. Darauf bekam ich eine Antwort von seinem Sekretär, daß nach russischem Gesetz nicht erlaubt sei, Geld nach dem Auslande zu schicken, und Litwinow als . Regierungskommissar die russischen Gesetze nicht übertreten könne. Später bekam ich auch von Litwinow selbst einen-Brief, in dem er mir mitteilt, daß ich die in Polen schwirrenden Märchen von seinen Reichtümern nicht glauben möge. Er bekomme im ganzen 2000 Rubel im Monat, die bei _ seinem erforderlichen Aufwände und bei den dortigen Preisen für Lebens- und Bedarfsartikel kaum ausreichen." Auf die Frage, wann er seinen Bruder zuletzt gesehen hatte, erzählte er, daß er vor wenigen Jahren in Bialystok auf dem Bahnhof wartete, wo Litwinow auf dem Wege nach Genf kurzen Aufenthalt hatte Polizei und Bahnbeamte versperrten ihm den Weg zu dem Wagen. Da fing er an, laut zu rufen: „Meier, Meier!" Litwinow schaute zum Wagenfenster hinaus und erkannte ihn sogleich. Er trat auf den Perron und unterhielt sich mit ihm einige Minuten, bot ihm auch eine Zigarre an. Er, Jakob Wallach, fing an, ihm Vorwürfe zu machen, daß er an G'tt und auch an •die Seinen vergessen hätte. Darauf verabschiedete sich Litwinow kurz und stieg wieder in den Wagen Die Verständigung war nicht leicht,' da Wallach Russisch kaum beherrschte und Litwinow das Jiddisch längst verlernt hat . . . Ueber den Aufstieg seines Bruders erzählte Jakob Wallach ungefähr folgendes: Nach der Ermordung des Zaren Alexander II. im Jahre 1881 traf in Bialy stok eine Depesche ein, man möge Wallach, — es war sein Vater — verhaften. Es war zwar ein Irrtum, denn der Alte kannte nicht einmal das Wort Sozialismus, er war ein einfacher frommer Jude, aber er saß lange im Gefängnis, bis der Irrtum aufgeklärt wurde. Auf den kleinen Meier machte diese Begebenheit einen solchen Eindruck, daß er von nun ab nur noch vom Sozialismus sprach und träumte. Er kam in die russische Schule, später zum Militär nach dem Kaukasus, wo er sich sehr auszeichnete. Nach dem Militärdienst arbeitete er in einer Fabrik und wurde mit vielen anderen wegen revolutionärer Umtriebe verhaftet. Er konnte später nach der Schweiz flüchten, wo er mit Lenin und T r o t z k i zusammenkam und die letzte Oelung für seine Mission erhielt. So ging es weiter von Stufe zu Stufe, bis er nach der großen Revolution und dem Aufkommen des Bolschewismus zum Außenkommissar ernannt wurde. Von seinem früheren Namen Wallach und seiner Familie will er nichts mehr hören. Als seine Neffen aus Lodz und Bialystok ihn in Moskau besuchen wollten, wurden sie nicht einmal ins Haus gelassen. Der eine Neffe wurde aus Sowjetrußland ausgewiesen. Als man Litwinow anging, er möchte doch für ihn ein Wort einlegen, antwortete er barsch, er kenne keine Protektion. Er würde kalten Herzens, wenn nötig, auch seine eigenen Brüder arretieren und erschießen lassen. „Sind Sie stolz auf Ihren Bruder?" fragte der Korrespondent. „Warum stolz? Er regiert ein Land, in dem man Rabbiner verhaftet und Synagogen schließt. Ich habe schon wiederholt wegen dieser Sache an ihn geschrieben und ihm ins Herz geredet, aber nie Antwort bekommen. Ich bin ein armer Jude, es fehlt im Hause oft am nötigsten, aber ich sehe meinem Ende doch ruhiger entgegen als er. Trotzdem, er ist mein Bruder und ich liebe ihn. Er ist ein Verführter . . ," Zum Schlüsse zeigte Jakob Wallach ein Jugendbild Litwinows. „Das war der kleine Meier Wallach," sagte er. „Der lebt nicht mehr, es lebt nur noch Maxim Litwino w," Frau Ulimann um den hiesigen Frauen-Verein. Die hiesige Gemeinde verliert mit dem Weggang der all gemein beliebten Familie sehr viel. M Zürich, 14. Febr. Die Nachricht vom Ableben Ber thold Rothschilds in Zürich löste bei allen Be kannten tiefe Trauer aus. Am 7, Adar wurde er zu Grabe getragen. In Randegg, in einem echt frommen Hause, verbrachte Berthold Rothschild seine glücklichen Kinderjahre, Nachdem er eine Tochter aus der bekannten Familie Lang (Baden, Schweiz) geheiratet hatte, gründete er sein Geschäft in Ran degg, wo er sich durch besondere Geschäftstüchtigkeit auszeichnete. In seinem Hause fanden die Ar men eine Zufluchtsstätte. Zur Ausbildung seiner Kin der sah er sich veranlaßt, den Wohnsitz, zum größten Bedauern seiner Umgebung, nach Zürich zu verlegen. Aber auch hier wurde sein Haus zum Mittelpunkt von Freunden und Hilfesuchenden. Als Mohel war es R, beschieden, viele Hunderte von Kindern in den Abrahamsbund aufzunehmen. Auch als Chewrah-Mitglied fungierte er hier lange Jahre hin durch. Dem Minjan, das Rothschild bei sich zu Hause hatte, wird ebenfalls das Oberhaupt fehlen, pflegte er doch mit schönen und treffenden Thora worten seine Minjanmitglieder zu beschenken. Der Verlust ist unersetzlich! Ueber das Grab hinaus werden die Liebe und Verehrung, die sich der Heim gegangene erworben hat, dauern. Möge sein msi seiner Familie und uns allen beistehen! -n"3S3n J. K. Personalien. Stadtlengsfeld, 19. Febr. Am vergangenen r-iä» rmn wurde anschließend an den G'ttesdienst zu Ehren des nach b&w übersiedelnden Herrn Nathan U 11 m a n n und Familie in der hiesigen Synagogeeine Feier abgehalten. Herr W i 1 d m a n n gedachte in seiner Abschiedsrede der Verdienste des Herrn Ullmänn in seiner 25jährigen Wirksamkeit als Vorstand um den hiesigen Verein dVw llpa» ebenso der Vermischtes. Von der Aguda-Arbeit in Ostfriesland. Emden, 20. Febr. Aus Ostfriesland geht uns ein längerer Bericht zu, dem wir folgendes entnehmen: Die Agudabewegung, die in Ostfriesland schon von jeher einen guten Resonnanzboden hatte, kann, seitdem Herr Kurt L y p o 1 d seinen Wohnsilz hier hat und alle Geister und Gemüter der Stadt wie der Provinz für den ihm heiligen Agudagedanken entflammt, gute Fortschritte verzeichnen. Der Sabbat und der Sonntag der letzten Woche standen hier infolge der Anwesenheit des Herrn Redakteur S. Schachnowitz, Vorstandsmitglied der deutschen Landesorganisation der Aguda, ganz im Zeichen des Agudismus. Wenn auch die Vorträge in Emden, Leer und Aurich Maimonides als Thema hatten, so wußte doch der Redner, alle jüdischen Probleme der Zeit, nicht zuletzt auch die E r e z Israel-Probleme im Lichte der Maimonides- Lehren aufzuzeigen und zu behandeln, so daß der große Erfolg dieser Vortragstournee, doch als Erfolg der Aguda in Ostfriesland zu buchen ist. Der Vortrag in Emden erhielt schon dadurch einen gewissen offiziellen Charakter, daß der Herr Landrabbiner Dr. Blum beim Morgeng'ttesdienst in der Predigt von der Kanzel herab auf die Veranstaltung aufmerksam machte. Nachmittags nahm Herr Schachnowitz Gelegenheit, in einer Versammlung der vom Herrn Kultusbeamten I g 1 e r vortrefflich geleiteten J u g e n d das Wort zu ergreifen und die jungen Freunde mit der Ideologie und den insbesondere der Jugend zufallenden Aufgaben der Aguda vertraut zu machen. Hebräische Gesänge, Solovorträge usw. gestalteten die Sabbatjugendstunde zu einem „Oneg-Sabbat" im echten und im ältesten Sinne. Abends war, trotz Sturm und Unwetter, der weite Kreuzsaal voll besetzt von allen Schichten der jüdischen Bevölkerung, die, nach Einleitung und Begrüßung durch Herrn Jacob v. d. Walde, den eineinhalbstündigen Vortrag mit größter Aufmerksamkeit lauschten. Nach kurzer Skizzierung der Persönlichkeit und der Werke des Rambam wandte sich der Redner eingehend den Lehren zu, die sich aus der Ideologie und den Grundsätzen des Maimonides für das jüdische Leben des Tages und der Zukunft ergeben. —■ Am Sonntag mittag waren in Leer neben der Gemeinde die Lehrer und Vorsteher wie auch die Mitglieder der umliegenden kleinen jüdischen Niederlassungen fast vollzählig versammelt, so daß der geräumige Saal im Restaurant Hirschberg bis auf den letzten Platz besetzt war. Dort galt es für den Redner, einige besonders für diese Gegend aktuellen Fragen, wie Schule, Sabbat u. n, m. zu behandeln. Beim Kapitel Berufsergreifung konnte er hier wie anderswo den Eltern die geistige Hach-' schara für ihre Söhne warm ans Herz legen und dabei ein plastisches Bild vom derzeitigen blühenden Leben auf der Frankfurter Jeschiwa entwerfen. — Die Tournee schloß am Sonntag Abend mit einer Veranstaltung in Aurich ab, aus der die alte Gemeinde ein richtiges Gemeindefest machte, Aurich hat im letzten Jahre in einem ganz kurzen Zeiträume zwei schwere Verluste erlitten: durch den Heimgang des Mannes, der diese gute Generation großgezogen hat, Lehrer und Prediger Wolff und des ihm ganz gleichgearteten Hüters der Gemeindetraditionen, des Parneß van Dyck V'Xt- Die Gemeinde steht noch unter dem frischen Eindruck dieses Doppelverlustes und war ihr dieser Auftrieb und diese geistige Aufmunterung im Sinne jener Führer ein brennendes Bedürfnis. In den überaus gemütlichen Räumen des Restaurant Wolff wogte schon am frühen Abend rgees Leben, Die Jugend war aufgeboten und allerliebst anzuhören war es, wie die festlich .aufgemachten Schulmädchen unter .Führung ihrer unermüdlichen. Leiterin, Frl, Minna Wolff, eines nach dem anderen mit ihren Liedern, Kuplets und kleinen Darstellungen, die' alle durchwegs jüdischen Inhalt hatten, aufträten. Eine freudige: Üeberraschung für das vollbesetzte Haus war das plötzliche Erscheinen, des¬ Herrn Landrabbiner aus Emden, der es sich nicht nehmen ließ, der blühendsten Gemeinde seines Bezirkes an diesem Festabend seine Reverenz zu erweisen. Herr S ä m s o n , der erfolgreiche Führer des orthodoxen geistigen Lebens in der Gemeinde, richtete ein kräftiges Wort zur Begrüßung an Versammlung und Referenten, Auch Herr L y p o 1 d aus Emden nahm die Gelegenheit wahr, die ausgezeichnete Stimmung der Versammlung für die Agudabelange auszuwerten. Der Hauptredner aber fand hier eine- Zuhörerschaft, die bis ins letzte mitging. Es setzter dann noch ein gemütlicher Teil ein, der die Gemeinde beisammenhielt und erst lange nach Mitternacht mit einem humoristischen und dennoch tiefernsten Schlußwort des Referenten sein Ende fand. Der Boden für die Agudaarbeit in Ostfriesland ist gut aufgelockert. An weiteren Bemühungen wird e$- nicht fehlen, die, wie wir hoffen, auch die gewünschten Früchte bringen, W. Tagung der Pirche Agudas Jisroel in Darmstadt, Darmstadt, 20, Febr. Am Sonntag, den 10, Februar (7. Adar) veranstaltete die Bundesleitung der P, A, J. in Darmstadt in den Räumen der jüdischen Schule ein Treffen der cprriQ -Gruppen aus Frankfurt a, M„ Wiesbaden und den kleineren Ortschaften des Ödenwaldes (Gr. Bieberau, Reichelsheim, Reinheim und Eppertshausen.)'. Die Tagung war hauptsächlich für die Gruppen der kleineren Orte gedacht, ca. 70 Jugendliche waren anwesend. Die Arbeit dieses Tages stand im Zeichen des Gedenkens an Mausche Rabbenu, da es der 7. Adar war. Gegen 3.15 Uhr sang der Darmstädter DTnB-Chor schöne jüdische Lieder; sodann eröffnete Herr Rabbiner Dr. Merzbach mit Taurohworten die Tagung. Er erklärte die Bedeutung des Wortes DTris. Nach der Mischna verrichteten sie als die angehenden Diener im Heiligtum verschiedene Dienste.- Redner übertrug diese Aufgaben auf unsere Pirchim als Forderung an die Jugend, Licht zu verbreiten, im Beis Hamikdosch in dunkler Zeit zu wachen, die Schönheit des G'ttesstaatsgedankens zu erkennen und gegen Verunreinigung in der Awaudoh zu kämpfen. Dann sprachen die einzelnen Ortsvertreter Begrüßungsworte, von Darmstadt Albert Feinstein, von den Odenwaldorten Ludwig Levy, Groß-Bieberau, vom Wiesbadener Esra Tiefenbronner und von Frankfurt a. M. Richard Ahrend. Jetzt begannen die Schiurim. Für Aeltere lernte Richard A h r e n d aus Schauftim die Verse von Josuas Tod vor und stellte unterscheidende Merkmale zwischen Mausches und Josuas Tod fets. Inzwischen hielt Julia Bodenh e i m e r für die Jüngeren einen Tefillohschiur ab, der leitende Gedanke war „Mausche in der Tefilloh", , Nach Mincho sprach Sally Storch über „Mausche und Erez Jisroel und wir und Erez Jisroel", Er schilderte Mausches Sehnsucht, ins heilige Land zu kommen, und daß er sich durch sein Vergehen den Weg nach Erez Jisroel abgeschnitten habe. An uns richtete er die Forderung, der Tauroh eine Helmstätte in Erez Jisroel zu bereiten, durch stetige Selbsterziehung sich auf die Alijah vorzubereiten. Nun gab Herr Rabb- Dr. Merzbach für den Kreis der Aelteren eine Arbeitsgemeinschaft über „Takonaus Mausche", die sich besonderen Interesses erfreute. Es wurden die zwei bekanntesten Anordnungen Mausches genannt: 1. Leinen aus der Tauroh, 2. das Nachlernen der Dinim des jeweiligen Jaum tauws.- Wir stellten in gemeinsamer Erarbeitung fest, daß diese beiden Takonaus auf einer Linie liegen, und zwar ist das Leinen aus der Tauroh eine Sicherung der ansät? min und das Lernen der Dinim eine Sicherung der s*apm vor dem Vergessenwerden und daß auch die Art des Leinens (Vorlesen auf dem Almemor in der Mitte der Gemeinde) das Geschehnis von Mattan Tauroh am Sinai lebendig erhalten soll. Inzwischen erzählte Sally Storch den Jüngeren Midroschim über Mausche. Nun fanden sich alle Teilnehmer zum gemütlichen Teil ein, wo der gedeckte Tisch und die Backwaren auf die Jugnd warteten. Hier wurde in kurzen Worten noch einmal der Extrakt der Tagesarbeit zusammengefaßt und festgestellt, daß in sämtlichen Arbeitsgemeinschaften mehr das- Wirken Mausches in der Gesamtheit Jisroels als seine Persönlichkeit berührt worden war. Richard Ahrend sprach noch einige Schlußworte. — Um 9,30 Uhr holte der Autobus die Frankfurter Chawerim und Chawerot am Hause ab, und es waren sich alle darüber klar,; daß dieser Tag viel Anregung und Förderung für unsere weitere Arbeit gegeben und dazu beigetragen hat, das Gemeinschaftsgefühl im Bunde zu stärken, Lea Feinstein, Darmstadt. Hamburg, 14. Febr. Wichtig für die Schüler und Verehrer des Hamburger Raw n~m- Diejenigen Schüler und Verehrer des Hamburger Raw n"jr. welche das iu auf sich genommen haben-, im Vax- Jahr täglich einen ni'jwn pia zu lernen, werden, um zur Jahrzeit DirD»Da zu sein, ungefähr am 10. iiwsi "ins anfangen müssen, täglich je zwei D'jpiö zu lernen, Sie werden ungefähr bei «"S ]'*nnio damit anfangen. C.