Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 76 (1935)
- Issue
- Heft 8 (21.2.1935)
- Date
- 1935-02-21
- Page
- – (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
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Feuilleton- Nummer 8 1935 Flucht in die Heimat, Eine Erzählung aus unseren Tagen. (Fortsetzung.) Durch das kleine Tor gingen . sie nun ins freie wellige Gelände hinaus. Der Acker rechts war gemäht und lag etwas grau da, auch schwarz, wo die Erde schon wieder frisch . umgegraben war. Links die Wiese war ebenfalls gemäht, aber das heue Gras war schon nachgewachsen, brachte auch wilde Blumen mit und schillerte in einem neuen, hochsommerlich satten Grün. „Hier," sagte der Leiter, „auf der rechten und auf der Unken Seite haben wir unseren Bedarf für Mensch und Vieh bis zur nächsten Ernte gedeckt. Was wir brauchen, haben wir, und was wir nicht haben, das brauchen wir nicht, das ist unser höchster Grundsatz. Wer mehr braucht, als er hat, mag im Leben ein sehr wertvoller Mensch sein, gehört aber .nicht hierher ..." „Und kommt am Ende einmal doch so ein Stadtkind und findet hier nicht, was es suchte und wünschte, was dann?" fragte Herr Wilde ganz sachlich. „Dann verschwindet es nach kurzer Zeit ohne Aufsehen und Aufhebens. Unser Gemeinwesen ist so, daß es alles, was ihm wesensfremd, ausstößt, ohne Spuren zurückzubehalten. Wer nicht zu uns paßt, der geht, wie er gekommen ist. Wer nicht geht, der paßt und gehört zu uns." Baruch ist nicht gegangen, dachten Herr Wilde und Frau Ida zugleich; sie .dachten es ohne Groll, fast mit Wohlwollen. „Was haben Sie da oben für ein reizendes Gartenhäuschen?" wurde Frau Ida aufmerksam. „Es ist die Residenz unseres trefflichen Perachjah. Er kann vielleicht in München anders geheißen haben, wahrscheinlich Blumenfeld oder Blumenthal, hier aber, in der Vorschule für Erez Israel, hört er nur auf den Namen Perachj a h. Und wie der Name so der Mensch, er betreut unsere Perachim, unsere Blumen. Alles Andere, Kornacker, Wiese, Stall und Hühnerhaus ist ihm Luft, er kennt nur seine Blumen und will Palästina später in einen Blumengarten verwandeln. Hier.müssen wir zuweilen gegen seinen Blumeneifer etwas bremsen. Wir wollen ihm gleich einen Besuch abstatten, er und seine Blumenkinder werden sich freuen." Da lag zwischen Wiese und Acker ein Quadrat voller bunter Blumenbeete. Einige schlummerten unter Glas, andere hoben ihre Kelche und ihre Knospen wie zum Gruß, Geranien, Schlüsselblumen, blaue Stiefmütterchen, ganze Reihen voll. Hohe Stöcke voll roter und weißer Spätrosen, Sonnenblumen, die sich zum Himmel reckten und dazwischen wild und ungestüm das Feuerrot der Mohnblumen. Eine bunte Pracht Und mitten drin der etwas schmächtige, aber braungebrannte Perachjah mit der Gießkanne m der Hand, wie ein Vater oder richtiger ein Schulmeister in der Mitte seiner Schüler, „Hier unser Blumenväter," stellte Rubin vor. Ein kurzes Kopfnicken von Seiten Perachjahs; wie ein Lehrer, der sich mitten im Unterrichte nicht stören und ablenken lassen kann. Er goß eifrig und sprach von dem einen und anderen Blumenbeet. „Zu wenig Raum," klagte er, „die Geranien können sich nicht ausbreiten, stehen zu dicht.'" „Die ewige Klage," lachte der Leiter, „er kbn^t\rnMt'sfeftfen''KiMerh immer zu kurz, dabei ist der Erlös für die Blumen in der Stadt so minimal, daß es weit rentabler wäre, den Boden mit Kraut und Rüben zu bepflanzen." Das sagte er aber so leise, daß es Perachjah nicht hören konnte. Es hätte ihn tief gekränkt, von Kraut und Rüben im Zusammenhang mit seinen Blumen sprechen zu hören. Schon aber hatte Baruch sich ins Gartenhäuschen geschlichen und die schönsten Rosen erheiilet, die bald am Knopfloch von Vater und Mutter prangten. Eine gute Luft wehte vom nahen Bergwalde die Städter an, ihr Herz weitete sich, die erste Beklommenheit war restlos verflogen und sie fühlten ihre Lungen freier atmen als je. Fast ausgelassene Freude kam über Herrn Wilde ohne sichtlichen Grund. „Ist das der Herrn on oder der Tabor?", fragte er, gut aufgelegt, auf die Berge am Horizont hinweisend. „Und da hinten der prachtvolle Wald dürfte der Libanon sein. Ich kann nämlich zwischen Tannen, Pappeln und Zedern schwer unterscheiden." „Ganz unsere Gefühle," meinte Baruch. „Wenn abends nach getaner Arbeit wir draußen auf der Holzbank sitzen und die Sonne hinter den Bergen untergeht, glauben wir wirklich immer, hier schon den Hermon und den Tabor zu sehen. Der Libanon freilich dürfte schon etwas weiter weg sein, ganz im Norden. Wir kennen uns nämlich in der Geographie Palästinas ganz gut aus." In den Hof zurückgekehrt, besichtigten sie die Schlafräume. Rechts in dem sauberen und kahlen Saale standen zwanzig eiserne oder Holzbettstellen dicht nebeneinander. Ueber einem prallen Strohsack lag in jedem Bette eine bunte Decke. Das einzige Kissen steckte in einem rotgewürfelten Ueberzug. Frau Ida griff ins Bett. „Hart," sagte sie, „und die Decke dürfte für den Winter zu dünn sein." „Und wo habt Ihr die Waschgelegenheit?" fragte Herr Wilde. „Das erste Waschen geschieht hier mit Becher am Krahnen und das große Reinemachen nachher draußen im Hof an der Pumpe, Sommer wie Winter." Auf der anderen Seite im Mädchenschlafsaale war die Einrichtung gleich dürftig, nur daß hier ein paar kleine Bilder an der weißgekalkten Wand und ein paar Blumen in einfachem Wasserglas an einzelnen Betten dem Räume etwas mehr Farbe gaben. Es waren eben Mädchen. „Wie wäre es," sagte Herr Wilde zu seiner Frau, und die Begleiter konnten es hören, „wenn wir dem Hause ein Dutzend weicher Federbetten stifteten. Was meinst du, Mutter, dazu?" Herz Rubin wehrte ab. „Es ist schön gedacht von Ihnen, was wir zu würdigen wissen. Aber ein Hotel mit Schlafsalon dürfen wir aus unserer Kolonie nicht machen. Wenn Sie schon was stiften wollen, dann ein Dutzend harter Bettstellen. Es haben sich nämlich neue zwanzig junge Menschen für den Herbst angemeldet, zehn werden von hier abgehen, also brauchen wir zehn neue Betten mit der genau gleichen einfachen Ausstattung wie diese. Geld haben wir keins, und die Vereinsleitung in der Stadt, die unseren Etat besorgt, auch nicht." „Abgemacht!" Herr Wilde ergriff die Hand des Leiters, bevor er sie wegziehen konnte. Daß sie von der Arbeit nicht ganz sauber war, störte ihn in diesem Augenblicke nicht. Als sie nun in die Wohnräume, zwei kahle ineinandergehende Stuben, kamen, war schon Essenszeit und viel Betrieb. Auf zwei langen, schmalen knarrenden Bänken vor einem rauhen, ungedeckten Tische saßen etwa vierzig junge Menschen, Jungen und Mädels, und löffelten frisch und froh aus Emailtellern ihre Suppe. Lautes Reden und Lachen erfüllten den Raum. Man brachte zwei Stühle herbei, von denen einer an der Lehne bedenklich ächzte und wackelte; dem anderen aber war das Rohrgeflecht am Sitz durchgedrückt. Mittels dieser Wracks wurden rasch die Ehrensitze für Herrn und Frau Wilde am oberen Ende des Tisches improvisiert. Mädchen, die Haare mit Kopftuch, umbunden:, trugen in einem Riesentopfe, der Frau Ida wie ein Waschkessel anmutete, zum zweitenmal die dampfende Suppe auf, eine breiige, gutduftende Kartoffelbrühe, die ebensogut, als dünnes Gemüse wie als dicke Suppe gelten konnte. Pinchas, der Chaluz aus, Köln, hielt sie jedenfalls für .Gemüse und sprach in seiner rheinischen Witzsucht von einer „Wasserkatastrophe am Jordan". Dadurch ließen sich aber die Jungen und Mädels den Appetit nicht vedrerben. Sie griffen mutig und tapfer noch einmal zu und verzehrten dabei die auf dem Tische aufgestapelten Berge der schwarzen Bauernbrotscheiben sehr rasch. Für den Besuch wurden sogar zwei richtige weiße Porzellanteller irgendwo aufgetrieben und eine Serviette als kleine Tischdecke. Die Blechlöffel waren blankgeputzt. Die dicke Suppe kam aber aus dem gleichen Topf, den Frau Ida für einen Waschkessel hielt. Herr Wilde faßte Mut und aß ein paar Löffel. Frau Ida biß unentschlossen am Löffel herum und kaute am Brote, das hart und herb war, aber nicht unangenehm den Gaumen ätzte. „Glaubst du, wir könnten hier unsere mitgebrachte Wurst — ist koscher — auspacken und auch Anderen aufwarten?" flüsterte sie Baruch zu, der in ihrer Nähe saß und sich das Essen so wohl schmecken ließ, als hätte er nie in seinem Leben etwas besseres gesehen. „Ausgeschlossen," wehrte Baruch entschieden ab. „Wir essen nie Fleisch, auch am Sabbat nicht, wenn nicht gerade im Hühnerstalle früher ein Federvieh den Kopf hängen ließ, daß rasch eine Notschlachtung vorgenommen werden mußte." „Wenn wir Fleisch essen, ist Jemand bei uns krank," schaltete sich Pinchas, der rheinische Witzbold, ein. „Entweder der Esser oder das Huhn ... So war es wenigstens früher, so lange man noch Schächten durfte ..." „Wir essen in der Tat nur, was wir selber bauen," erklärte jetzt auch Herz Rubin, der Leiter, sachlich, „oder im Austuasche für unsere Eier erhalten. Prinzip! Viel zu verkaufen haben wir noch nicht und was wir an Bargeld einnehmen, geht für die Abzahlung auf Pacht und Geräte drauf. Der Verein in der Stadt hilft mit. _ Für Eier müssen wir Brotkorn eintauschen, da wir selbst noch nicht genug haben, mahlen aber und backen selbst." Nach dem Suppengemüse wurde ein riesiger schokoladenschwarzer Pudding aufgetragen, eine Spezialität der Salome, — sie hieß früher Frieda — die heute den Küchendienst hatte. Salome oder Frieda war in Hamburg als Laborantin bei einem Chemiker tätig, und das gab, wenn ihr eine Lösung oder Mischung in der Küche mißlang, zu manchem Witzworte Anlaß. Frau Ida fand, der Pudding könnte etwas mehr Schokolade und Zucker vertragen, aber sie konnte beobachten, wie binnen weniger Minuten auch dieser schwarze Berg restlos abgetragen war. Manche verzehrten noch ein paar Scheiben Schwarzbrot zum Nachtisch, und nun geschah etwas, was die Wildes nur höchst selten — wenn sie gerade bei religiösen Freunden zu einem Festmahle eingeladen waren, — erlebten: sämtliche Jungen und Mädels beteten, machten aus dem stillen Tischgebete fast einen öffentlichen G'ttesdienst. Einer rief in die Versammlung und alle stimmten stehenden Fußes etwas laut ein. Dann setzten sie sich, einer sang vor, die anderen fielen stellenweise ein, und es wurde daraus ein Gesang, daß es durch den Raum gerade so dröhnte. Dieses Gebet machte Kartoffelsuppe, Bauernbrot und etwas wässerigen Pudding zu einem solennen Festmahle. (Fortsetzung folgt.]