Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 76 (1935)
- Issue
- Heft 8 (21.2.1935)
- Date
- 1935-02-21
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
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21. Februar 1935 Oer Israelit Nr. 8 Seite 3 Km die reftgiöse IDofirfieü. (Fortsetzung von Seite 1.) Aber das thorabewußte Judentum würde sich selber verleugnen und zugleich Verrat an dem jüdischen Volke begehen, wenn es das Kompromiß als Judentum anerkennen und die Offenbarungswahrheit, die es selbst vertritt, als auch eine der sieben Regenbogenfarben mit einsaugen lassen wollte in das Spektrum dieser neu erschlossenen Lichtquelle. Denn die Verbreiter des neuen Lichtes, das in der Praxis als „Erwachsenenbildung" und als „Einheitsschule" in die Erscheinung tritt, sie führen eben nur die Sprache der Tradition im Munde, ohne sie zu glauben. Sie reden vom „Lernen', aber sie sind weit davon entfernt, zu „Mosche, unsrem Lehrer" in die Schule gehen zu wollen, der den grandiosen Einheitsbau der g'ttlichen Doppelthora, der schriftlichen und der mündlichen, des in Bibel und Talmud deponierten, unsre tägliche Lebensweisung täglich neu gestaltenden G'tteswortes gegründet. Vielmehr wird „Mosche, unser Lehrer" genau wie Mosche ben Maimon, den man jetzt in unzähligen Reden und Demonstrationen als jüdischen Kulturheros feiert, dieser jüdischen „Einheitsbildung" lediglich zum Objekt der Betrachtung oder bestenfalls zum Material subjektiver religiöser Neuschöpfung. Schon aus dieser O b j e k tivierung aber ergibt sich der Gegensatz zur Tradition. So muß die weltanschaulich begründete Norm, die Mosche und die „Weisen der Geschlechter" als Träger g'ttlichen Auftrags, dem Denken und Fühlen und Wollen des jüdischen Volkes für alle Zeit auferlegt haben, damit es seiner geschichtlichen Aufgabe als Depositär des wirklichen Einheitsgedankens, der absoluten religiösen Wahrheit im Strome ewiger Erneuerung der Umwelt, genügen könne, notwendiger Weise als relativ gleichgültig verschwinden, denn sie kann nur von demjenigen ernst genommen werden, der sie glaubt und im Leben zu bewähren sucht. So erklärt sich, daß Buber, bei allem W i) - 1 e n. zur Gerechtigkeit gegenüber den „Weltanschauungsgruppen", die er zur Zusammenarbeit bereden will, es doch nicht fertigbringt, derjenigen. „Weltanschauungsgruppe" auch nur entfernt gerecht zu werden, die nicht erst, gleich Zionismus oder liberalem Judentum, gestern oder vorgestern aus vergänglichen geschichtlichen Neu- Konstellatiohen geboren worden ist, sondern die einfach die fest geformte Weltanschauung des geschichtlichen Judentums vertritt. Sie ist ja überhaupt keine „Gruppe", die sich neben anderen „Bünden, Kreisen und Parteien" einer lebendigen Wechselwirkung des Nehmens und Gebens relativer Wahrheiten hingeben •dürfte, ohne ihren Wesensgrund und ihre .Existenzberechtigung zu verleugnen. Denn in dem Augenblick, in dem auch die ihorabewußte Judenheit mit Buber die reale uWelt" über die sie „ausdeutende" (also dem Irrtum unterworfene) Weltanschauung setzte, in dem Augenblick, »in dem auch die Orthodoxie, wie Buber mit seiner Erwachsenenbildung ihr zumutet, „zunächst einmal" das Primat der, bildnerischen Kräfte der. Volksleiblichkeit anerkennen wollte, hätte sie selber den Böden unter ihren Füßen verloren, und das jüdische Volk als Ganzes, dem sie ewig angehört, wäre normalisiert und hätte seinen Einzigkeitscharakter vollkommen eingebüßt. . i Die R e 1 a t i v i t ä t der Offenbarungswährheit, ja aller religiösen Wahrheit überhaupt, ist — ganz im Sinne; der europäischen Moderne; — die unausgesprochene, ja zuweilen sogar schüchtern ausgesprochene Voraussetzung der über die; bagatellisierten „Weltanschauungsgruppen" souverän hinwegschreitend eh neujüdischen Einheits-. bildung in Deutschland; sie k a n n die Weltanschauungen gegenüber dem jüdisch-historischen Bildungs s t o f f nur deshalb bagatellisieren, weil sie sie zuvor im Innersten r e lativiert hat. ,,E s ist uns nicht gewährt, die Wahrheit zu besitzen; aber wer an sie glaubt und ihr dient, baut an ihrem Reich", sagt Buber. Wenn demnach jeder Einzelne eine eigene religiöse Wahrheit hat, die er nur „Wahrheit nennt", dann gibt es allerdings keinen praktischeren Weg, als daß alle zusammen sich um einen von europäischer Bildung geformten geistvollen Interpreten der alten religiösen Quellen scharen und es darauf ankommen lassen, was für eine neue Religion aus dem brodelnden Chaos der biblischen Gedanken- und Gefühlselemente in Sprache, Schrifttum, Geschichte und Gegenwartserlebnis geboren werden wird. Aber dieses Ideal der neuen Erwachsenenbildung ist die kontradiktorische Verneinung des geschichtlichen Judentums, das gekommen ist, um der in der und an der Relativierüng der religiösen Fundamente zu Grunde gehenden Welt das Absolut um des in Weltanschauung und Halacha sich offenbarenden einen, einzigen G'ttes zu sichern, nicht aber, um sich von der überlebten „Aufklärung" und von der „mitteleuropäischen Bildung" überhaupt beherrschen und sich von ihr die Methoden des „Lertt^ gangs", die allemal auch für das sachliche Forschungsergebnis entscheidend sind, vorschreiben zu lassen. Wir gestehen offen, daß uns der Gedankengang des Buber'schen Spitzenaufsatzes in seinem kaum verschleierten Skeptizismus überrascht hat, daß er aber gerade deswegen geeignet ist, in hohem Maße klärend zu wirken. Auch ohne diese Klärung im entscheidenden Punkte, dem derminö nn»K'WÜrde die auf den Schild erhobene „neu-jüdische Bildung" der Erwachsenen und der Jugend für die Vertreter des geschichtlichen Judentums unannehmbar sein, weil sie — auch hierin hat Feuchtwanger mit sicherem Instinkte das Richtige getroffen — sich ausschließlich an die Bibel sowie an Sprache, Geschichte und Volkssitte anklammert, das eigentliche Repositorium des jüdischen Geistes aber, die Hfl ^JDIP «1*1111' das „Lernen" „im voremanzipatorischen Sinn" aus dem Spiele läßt. Ohne die beispiellose geistige Zucht aber dieses alten Lernens, ohne die überwältigende, die Seelen wahrhaft ausfüllende Weite und lebendige Vielfältigkeit seiner Horizonte kann der jüdische Geist auf die Dauer, gerade wenn und weil er auf die tägliche Auseinandersetzung mit dem Geistesleben der europäischen Umwelt angewiesen ist, seine unverbildete, unbeeinflußbare Eigenart, unmöglich aufrecht erhalten, und jeder Versuch ist auf Sand gebaut, der den Typus des gebildeten Juden erzeugen will, ohne die Denkmethode, die Gefühlsatmosphäre, den sturmerprobten geistigen Abwehrapparat des Rabbinismus in den Mittelpunkt der Bildungsarbeit zu stellen. Die geistige Zukunft des in das europäische Golus eingebetteten Judentums liegt erst recht in den — Jeschiwos. Waren sie v o r der Emanzipation die Pflanzstätten des nationalen Weiterlebens, der Lebens erneuerung ohne Lebensgefährdung, so sind sie es in erhöhtem Maße, seitdem es gilt — das bestreitet auch die deutsche Orthodoxie nicht — die Bildungsgüter der Umwelt in die jüdische Seele einzuschmelzen, ohne ihr die thorabeherrschte Einheit zu rauben. Man kann die Tausende von entjudeten Söhnen und Töchtern, die heute, von der Vorsehung getrieben, erschüttert zum jüdischen Zentrum zurückstreben, gewiß nicht ohne weiteres vor Talmudfolianten setzen und in die Hallen der Jeschiwos hineinführen — insoweit hat also die Propädeutik des Judeseins, die von der Erwachsenenbildung mit ihrem in sieben Farben schillernden Programm betrieben wird, ihre Berechtigung. Wir wenden uns nur gegen den unberechtigten, in diesem Morgenheft wieder einmal stark zum Ausdruck kommenden Ehrgeiz, das alte, historisch gegebene Judentum ebenfalls einem neuen Erziehungsun'd Umschmelzungsprozeß zu unterwerfen — nur damit alles hübsch einheitlich und solidarisch aussehe. Diese Sorte Einheit ist die Einheit des Scheines, keine reale und keine lebensfähige Einheit. Und Solidarität, .im Sinne des alten jüdischen mnST' kann die Orthodoxie nur dadurch bewähren, daß sie ihre Weltanschauung, die ganze mit Volksleiblichkeit wahrhaftig reichlich gesättigte, aber nicht von ihr beherrschte Kultur der Jeschiwo rein erhält als sprudelnden Quell der Erneuerung — für alle Generationen. Es mag angebracht sein, auch auf einzelne der übrigen Aufsätze des Morgen-Heftes noch einzugehen, um die Konsequenzen des Gesagten auf sie anzuwenden; zunächst schien es uns notwendig, auf den offensichtlich ganz an die Adresse der thoratreuen Judenheit gerichteten, gut und ehrlich gemeinten Werbungsversuch Bubers eine ebenso ehrliche Antwort zu geben. Wochenrundschau. Zionistische Organisation und jüdisches Volk. Dia „Friedensverhandlungen" zwischen der zionistischen Organisation und Jabotinsky sind in ein kritisches Stadium getreten. Beide Teile erklären, weitere direkte Verhandlungen seien ■zwecklös und Ben-Gurion insbesondere; folgert dies schon aus dem Beschluß der Krakauer revisionistischen Konferenz, die ja beschlossen habe, die selbständige politische Tätigkeit auch weiter aufrecht zu erhalten. Das aber könne die zionistische Organisation, wie auch Berel Locker in einer Londoner Sitzung der Schekel-Kommission diese Woche erklärte, unter keinen Umständen dulden. Bei dieser Gelegenheit hat nun Herr Locker einige Sätze gesprochen, die in ihrer Tragweite über den innerzionistischen . Parteienkampf hinausgreifen, und die der nichtzionistische Teil des jüdischen Volkes — er bildet noch immer die große Mehrheit — nicht ohne Widerspruch in die Welt .gehen lassen darf. Locker sagte u. a.: „Die zionistische Bewegung ist zu einem international anerkannten Machtfaktor geworden, der vom. Völkerbund, der Mandatarmacht und allen Regierungen als die Vertretung des jüdischen Volkes angesehen wird. Es ist der Sinn des Mandats, daß für das jüdische Volk endlich eine Körperschaft geschaffen wurde, durch die es sprechen kann. Nicht jedermann kann zur Mandatarraacht kommen, um im Namen des jüdischen Volkes zu sprechen Ein langer Weg hat zu dieser internationalen Anerkennung geführt — vom ersten1 Kongreß bis zur Balfour-Deklaration. Auf Grund der Anerkennung seiner historischen Verknüpfung mit Palästina hat das jüdische Volk das Recht, etwas auf der Welt zu verlangen. Daß dem so ist, das haben wir einem kleinen Dokumente zu verdanken, dem Schekel, der den Willen von Hunderttausenden zum Ausdruck bringt. Herzl hat die Bedingungen geschaffen, die es dem jüdischen Volk ermöglichen, von den Regierungen der Welt gehört zu werden. Aber dieses Recht will jeden Tag neu erobert sein und man darf nicht mit ihm spielen. Die Zionistische Organisation ist die einzige auf freiwilligem Zusammen-