Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 76 (1935)
- Issue
- Heft 7 (14.2.1935)
- Date
- 1935-02-14
- Page
- – (sequence 13)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 92% known words query
- IRI
…/2446951-2450858-2450865--81067-2538918- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
Feuilleton- Beilage Der Israelit Nummer 7 1935 Flucht in die Heimat. Eine Erzählung aus unseren Tagen. (Fortsetzung.) " Nun bogen sie hügelan auf schmalem, etwas steinigem Weg zwischen graugemähtem Wiesengrunde ab. „ U n s e r Weg, den haben wir selbst angelegt," unterrichtete Mosche, ,,ist noch nicht ganz fertig, muß noch mehr gestampft und gestanzt und von Steinen gesäubert werden. Straßenbau ist für Palästina wichtig,.und das muß gelernt sein. Dort gibt es bestimmt noch mehr Steine abzutragen," „Dazu mußte der Junge das Leibnitz-Gymnasium mit Auszeichnung absolvieren,"'mußte Herr Wilde unwillkürlich denken, aber ein. richtiger Aerger kam nicht auf. Sie hielten vor einem Hof toi-, und Baruch , hier konnte sich unerklärlicherweise Herr Wilde mit dem Namen vollkommen abfinden — sprang mit einem Satze vom Bocke. „Wie gelenkig der Junge ist und wie rotbraun sein- Nacken ist,", dachte Frau Ida mit WohlwoJ/en. Die Backenknochen; etwas, hart und eckig. Sie .iiiußte an das Bild des Urgroßvaters im Salon denken, der als Hofjude im Sehlesischen auch Landbesitz hatte und auch selber mit Hacke und Spaten umzugehen wußte, Wie die Familienchronik erzählte, so daß ihn. die Leute den „Judenjünker" .nannten. Hatte der Junge, der die- Züge des Ahns im Gesichte trug, auch dessen Blut in den Adern? „Na, Muttchen, wie gefalle ich dir als Pferdelenker?" lachte Baruch. „Entschuldigt, daß ich mich auf der Fahrt so wenig um euch kümmern konnte. Müßte achtgeben, besonders auf „Aschmedai", daß : er uns, nicht noch zur Begrüßung über Bord warf. Er liebt, zuweilen Seitensprünge, aber er war heute ^wirklich ausnehmend brav." Und zur Belohnung für ihr Wohlverhalten bekamen sowohl Aschmedai wie Belschazar je ein Stück Zucketv ins Maul geschoben.. „Für uns gibt es keinen Zucker zum Kaffee," erklärte Baruch, „aber unser Chawer. Hilel bekam kürzlich ein Paket, und. da haben wir. den Zucker gleich als Prämie für die Gäule beschlagnahmt . .." Der Hof war sauber gefegt, zum Teil gepflastert, ein großes Quadrat, vorne von einem grauweißen, nicht gerade stattlichen zweistöckigen Hause mit ziegelrotem Dache und kleinen Fenstern, zur rechten Seite-mit niederen Stallungen und zur linken mit einem hohen Hölzgitter., abgeschlossen. .Es rppn .etwas, faul, und modrig, Frau Ida griff sich verstohlenen die Nase, \ gab es aberrasch wieder auf; als Baftrch lachend; erklärte: „Es ist nichts -faul in unserem Staate, | es kommt nur vom, Düngerhaufen; hier links, der für! jüns das schönste Parfüm ist, .besonders, wenn die kuhwarme Luft von rechts, vom Stalle her dazukommt. Wir sind gegen den konzentrischen Angriff auf die Nase 'gefeit — durch den Stockschnupfen, den man sich beim Heumachen holt - - . Im übrigen gedeihen wir tbei diesen Lüften und Düften nicht, schlecht. Seht euch mal die Hanna an." . . Aus. der niederen Stalltürje kam ein junges Vefb gekrochen, das die Wildes im ersten Augenblick) für eine ■Zigetiherm hielten. Wenigstens ließen es die kupferne Farbe der vollen Backen und; die, schwarzen Augen vermuten. Da? Mädchen hatte ein buntes Tuch um den Kopf gebunden/das die ganze Stirn bedeckte -und am Hinterkopfe in eirier Übergrößen Schleife auslief. Die Füße klapperten in plumpen Holzpantinen und an den Händen hingen zwei große Blechkannen, deren. eine glucksende Töne von sich gab, während die andere voll und schwer an der Rechten hing. Das junge Weib übersah die Fremden, jubelte nur den jungen Leuten zu: „Was meinst du, Mosche, M alk a hat heute volle drei Liter gegeben, Tirza aber liegt wieder matt und faul, müßte mal richtig vom Tierärzte untersucht werden. Ich glaube, es liegt an dem Futter, ist aus adeliger Herkunft und es paßt ihr so manches bei uns nicht." „Es geht ihr wie uns," meinte Herr Wilde leise, aber vernehmlich genug, daß Frau Ida wie auch Baruchlaut auflachten. Hanna, in der Meinung, man lache über sie, führ mit der Hand nach Mädchenart verlegen nach dem Kopfe, als ,wollte sie ihre. Frisur in Ordnung bringen, Da sie aber ans Tuch griff, schämte sie sich ein wenig, in die alte Rolle verfallen zu sein und klapperte mit ihren Kannen davon, ins Haus. . „Die Malka," erklärte Baruch, „das ist die rote brave Kuh, die so fleißig Milch gibt;-Tirza, die scheckige, ist noch ein wenig störrisch/' „Und was ist mit der Hanna?" erkundigte sich Mutter Wilde, die all dieses doch zu interessieren begann. „Sie hat heute den Stalldienst und das Melken und tut so, als wären die drei Liter ihre eigene Leistung.": , ,jlst wohl Schwester oder nahe Verwandte von 'deinem Freunde Mosche," frug auch der Vater. \- „Nicht die Spur. Hier steht alles* Männlein und Weiblein, auf du und du. Für Floskeln haben wir keine' Zeit .urid keinen Sinn. Hanna kommt aus Köln, war dort Sekretärin in der Rheinschiffahrtsdirektion und ist über Nacht ausgeschifft worden. Nun hielt sie anfänglich die Euter für die Typen einer Schreibmaschine, auf denen man nur so herumklopfen könnte und ärgerte sich,* daß die Kühe bei der Milchabgabe das Stenbgrammtempb nicht einhielten. Heute wird sie zufrieden sein, Kleinigkeit: drei Liter, Rekord!" Jetzt war Hanna1 aus dem Hause getreten mit zwei Bechern, einfachen, sauberen Blechtassen in der Hand, aus denen bläuliche warme Wölkchen ringelten. Sie hatte, das Kopftuch abgelegt und. Wildes sahen ijetzt ein edelgeformtes Gesicht, in dem über einem trotzigen Näschen zwei tiefschwarze Augen sie lebhaft, aber frei und ungeziert musterten. Die Füße steckten immer noch in Holzschuhen, aber eine saubere Aermelschürze umwallte eine zierliche Mädchengestalt wie eine Toga. Hanna reichte Herrn und Frau Wilde die vollen Becher: „Kuhwarm, frischgemolken," sagte ^ie ganz ungezwungen. „Wir machen hier keine; -großen Empfänge, aber ich darf Ihnen, in denen ich die Eltern unseres; Baruch vermute, den frischen Trunk zur Begrüßung reichen." Norbert Wilde, dem die .Sache richtig Spaß machte,-ergriff den Becher, führte ihn, behutsam iän: die Lippen, \vie Medizin, schloß sogar ein wenig die Augen und leerte ihn* dann in einem Zuge. Frau Ida sah den Becher von allen Seiten an. Er war hart, an einigen Stellen war das Email abgebröckelt. Ganz behutsam und ängstlich, führte sie,,ihn an die Lippen. „Ist die Milch auch gekocht?," fragte sie plötzlich. „Kam ■ Schon :gekocht aus;. 'den Eutern,'' Muttchen, sie dämpft Ja," lachte'Baruch und alle lachten, auch Frau Ida selbst;,. Es hatten sich inzwischen ein paar Dutzend junge Menschen um' sie auf dem Höfe versammelt, die Jungen1 allesamt rocklos, die Hemdsärmel bis ZU den Achseln hinaufgekrempeltj 'Es war bald eine, regelrechte, wenn auch sehr eigentümliche öffentliche Begrüßung. „■:"' ,/w*p ist:, Herz, Unser gutes 1 Herz?" riefen ..' ■ ' "'• *.' ';ii n;i: einige. „Herz Rubin," erklärte Baruch, „ist unser. Führer, unser landwirtschaftlicher Direktor, Lehrer und Freund, gewaschen mit allen Wassern, von dem wir das alles lernen." Nun stand auch der Direktor, Herz Rubin, da, wie alle Andern, nur mit Hemd und Hose bekleidet, mit nackten muskulösen Armen wie ein Meisterboxer. Er begrüßte die Gäste nur mit Kopfnicken. „Ich kann Ihnen keine Hand geben," entschuldigte er sich, „ich komme gerade von der Arbeit." Herr Wilde betrachtete sich diesen schlanken und zugleich stämmigen jungen Menschen mit den guten Augen unter den dicken energischen Brauen. Der Ton, in dem er zu den Jungen sprach, war kameradschaftlich, der eines Freundes zu Freunden, und dennoch lag etwas absolut Entschlossenes darin, "' das Widerspruch gänzlich ausschloß. . .; „Wir haben am Sonntag," sagte er, „draußen im Felde weniger zu tun, aber es fehlt nicht an Arbeit im Hause. Wir haben ja auch streng S a b,b a t gehalten und uns vierundzwanzig Stunden ausgeruht und Körper!uhd Geist gestärkt. Und," fügte er hinzu, „wenn Sie sich nicht müde fühlen, könnten wir einmal die Baulichkeiten und die Einrichtung besichtigen, bevor wir ins Haus gehen." Sie traten rechts durch die niedere Stalltüre. Sauber, hell gescheuert war im Stall der Boden bis zu den engen .Verschlägen, in denen bei frischem gelbem Stroh und noch grünem Heu die Tiere standen. Frau Ida griff sich, als die warme dampfige Luft ihr entgegenschlug, instinktiv an die Nase, doch fand sie es ein wenig unpassend, und wenn man einige Minuten drin war,, so empfand man den Geruch gar nicht mehr so unangenehm. „Hier ist die Malka,".stellte der Direktor die fleißige Kuh vor und klopfte ihr anerkennend auf das braune Fell. Sie hatte ja heute drei Liter gegeben. Daneben lag faul und apathisch die Tirza. „Wird schon werden," "redete ihr das gute Herz gütlich zu. Im anderen Verschlag stand Belschazar, das brave Roß, vor einem Trog und trank gierig. Neben, ihm Asch m e d a i, der „Masik", wie-ihn Andere nannten. Er war heute ganz ordentlich und gesittet, als wüßte er, wie man sich zu benehmen habe, wenn Besuch da ist. Auch er bekam vom Direktor in Hemdsärmeln seine verdiente' Belobigung. Im letzten Verschlag, etwas vereinsamt, wieherte Isachar, der geduldige Esel,, klein und winzig, mit einem großen Kopfe und überlangen Schwanz, so daß wie sich Baruch jetzt übermütig auf seinen Rücken schwang, das ganze Tief hur aus Kopf und Schweif zu bestehen schien. . Auf der anderen Seite des Hofes: stolperten sie über abgehängte Leiterwagen, Bauholz, einige Ackerbaugeräte und gelangten in den H ü h n e rst all.;!Däs war schon beinahe, ein; Hühnerpalast, so groß ,und komfortabel, wie sie, die Wildes, die schon öfters, wenn sie in Sommerfrische waren, Hühnerkäfige; gesehen hatten, als Haus für Federvieh noch nie gekannt hatten. Hier schlug ihnen eine warme süßliche Luft entgegen. Die Hühner saßen zu minderten auf den Steigbrettern oben an der Wand, würdige Hühnermatrönen; und einige putzige eitle Hähne in bunten Federn marschierten gravitätisch wie Polizeibeamte in Uniform* durch das Hühnervolk. Kleine gelbe allerliebste Kücken hängten sich ängstlich an den Leib der Hennenmütter: War das hier ein Glucksen, Schnattern, Quiken, Quaken und Krähen, daß man kaum die eigenen Worte hören konnte. Der Leiter erklärte: „Sehen Sie;: jede Henne hat ihre Nummer, jedes Ei trägt das p;aturn der Geburt in blauer Tusche an sich. Wir ihaben jedes Huhn .und seine Leistung genau und beständig in Kontrolle. Es gibt fleißige und faule,' hitzige und kalte. Solche, die nicht die