Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 76 (1935)
- Issue
- Heft 7 (14.2.1935)
- Date
- 1935-02-14
- Page
- – (sequence 11)
- Language
- German
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14. Februar' 1935 , » - ' Polen. Um den Schutz der wirtschaftlichen und kulturellen Rechte der Juden Polens. 'Warschau, 11, Febr. In der Generaldebatte über das Staatsbudget im Plenum des polnischen Sejm wurde wiederholt auch die Judenfrage berührt. Der Generalredner der natiönaldeniokratischeh Parteien, Prof. Ribarski, und der nationaldemokratische Deputierte Stipulkowski richteten 'gegen die jüdische Bevölkerung scharfe Angriffe, denen der Abgeordnete des Jüdischen Clubs, Dir. Rothenstreich entgegentrat. Der agudistische : Deputierte, Oberrabbiner Aron Lewin, wies darauf hin, daß das diesjährige Budget keinerlei Äenderüng zum Besseren hinsichtlcih der Postulate der jüdischen Bevölkerung aufweist. Der für jüdische Zwecke eingesetzte Posten ist angesichts der jüdischen Drei-Millionen-Bevölkerung verschwindend gering. Positiv ,sei die Erklärung des Fmanzministersj daß die Steuerausschreibungen sich auf reale Grundlagen stützen werden. Der Redner forderte sozialen Schutz auch für die jüdischen Bürger. Die Juden sind gezwungen, eigene Krankenhäuser, Erziehungsanstalten1 usw. zu unterhalten, die die Regierung stark entlasten; diese Institutionen haben um so mehr Anspruch darauf, von der Regierung finanziell gefördert ZU Werden, als die jüdische Bevölkerung zu sehr verarmt ist, als daß sie sie. aus eigenen Kräften eriialten könnte. Die Armut unter der jüdischen Bevölkerung hat schreckliche Formen angenommen. Rabbi Lewiri sprach seine Genugtuung über die Erklärung des Innenministers aus, daß er dafür sorgen will, daß jeder Bürger volle Gleichberechtigung genieße und kündigte an, daß die orthodoxen jüdischen Deputierten für das Budget stimmen werden. Der Deputierte des Jüdischen Klubs, Sommerstein, erklärte, die Juden wollen eine nationale Schule und eine autonome jüdische Gemeinde; dies stehe durchaus nicht in Gegensatz zur Erfüllung ihrer Pflichten als polnische Staatsbürger. Die Einmischung' der Behörden in die Verhältnisse der jüdischen Gemeinden demoralisierte diese. Die Regierung ernennt Beamte für diese Gemeinden, die nicht die geringste Qualifikation für ihre Aemter haben. Der Redner protestiert gegen die Einsetzung von Regierungskommissaren in die Gemeinden und verlangt die Ausschreibung freier Wahlen. ( »'■-/» Gemäß dem neuen Handelskodex in Polen können Handelsbücher auch in den Sprachen der nationalen Minderheiten, z. B. in Deutsch, Ukrainisch, Weißrussisch, Russisch und Litauisch geführt werden. Dagegen werden Hebräisch und J i d d i s c h nicht unter den Sprachen genannt, die für die .Prüfung von Handelsbüchern zugelassen sind. ' England. Gründung einer Poale Agudas Jisroel-Zweigorganisatiön in London. London, 11. Febr. Hier hat sich in Arbeiterkreisen ein Komitee gebildet,- das beabsichtigt, die thoratreuen Arbeiter unter den Auspizien der Poale Agudas Jisroel-Organisation zu sammeln. Die Organisation will Krariken- und Sterbekasse einrichten, die Erteilung von Rechtsberatung und Rechtsvertretung organisieren und erhebt einen Wochehbeitrag in zwei Stufen von je 7 Pence bezw. 4 Pence, Die Einrichtung eines Schiedsgerichtes für Arbeitsstreitigkeiten sowie einer Arbeitsvermittlungsstelle ist ebenfalls in die Wege geleitet. Auch wird die Organisation für ihre Mitglieder die Erwirkung von Zertifikaten für die Palästinaeinwanderung in die Hand nehmen. ■ ' |; ' \ Afrika. Organisierter Sabbatschutz in tripolitanischen ' ■'' Häfen; ,; ' Tripolis, 31. Jan. . Die jüdischen . Exportkäufleute1 und Spediteure von Tripolis haben in einer vom tripölitanischen Oberrabbiner Prof. Castelbolognesi einberufenen Versammlung D e, r 1 8 r a « 1 l t eine schriftliche Erklärung unterzeichnet, in der sie sich verpflichten,' die Sabbatrufae zu beobachten und an Sabbattagen keine Verladungen in den Häfen von Tripolitanien vorzunehmen oder sonstige Geschäfte zu erledigen. Gleichzeitig gaben die versammelten Kauileute das Versprechen, nach Möglichkeit die bisher bei christlichen Firmen tätigen Arbeiter und Angestellten zu übernehmen, um ihnen die Einhältung der Sabbatruhe zu ermöglichen1;.. Iii Begleitung einer Abordnung jüdischer Spediteure hat Prof. Castelbolognesi beim Hafenkommandanten von Tripolis vorgesprochen, der sich bereit erklärte, Maßnahmen zu treffen, um Schwierigkeiten, die jüdischen Firmen durch Nichtausladen am Sabbat erwachsen könnten, zu verhüten. Die Ankündigung dieser Maßnahme hat bei der zum großen Teil vom Exporthandel lebenden jüdischen Bevölkerung, die bisher vielfach gezwungen war, die Sabbatruhe zu verletzen, Genugtuung hervorgerufen. (ITA.). Chile. „Gemeindebund deutsch-sprechender Juden" in Chile. Paris, 10. Febr. Die Leitung des Verbandes „HICEM" für Auswandererfürsorge teilt mit: Die Einwanderung von Juden aus Deutschland nach Chile, die zum Teil die Reise mit Unterstützung seitens „HICEM" bewerkstelligt haben, führte zu dem ,Gedanken der Schaffung; einer alle Ausgewanderten aus Deutschland zusammenfassenden Organisation. Dieser Gedanke wurde durch die am 19. Dezember 1934 vollzogene Gründung eines „Gemeindebundes ■deutsch-sprechender Juden" verwirklicht. Seine Ziele liegen in erster Reihe auf religiösem Gebiet; die Mitglieder wollen ein Bethaus errichten, das gleichzeitig als Versammlungsstätte dienen soll. Der Gemeindebund hat auch bereits Projekte betreffend die Schaffung einer Bibliothek und eines Theaters ausgearbeitet. Mit dem Komitee zum Schutz jüdischer Einwanderer will der Gemeindebuhd dauernd freundschaftliche Beziehungen aufrecht erhalten, seine Tätigkeit aber soll sich von der des Komitees durchaus unterscheiden; der Gemeindebund beabsichtigt nicht, sich mit materieller oder juristischer Hilfe an Einwanderer zu befassen; diese Arbeit bleibt dem Hilfskomitee vorbehalten, während seine eigenen Aufgaben religiöser und sittlich erzieherischer Art sein sollen. Damit sollen sämtliche Interessen der jüdischen Einwanderer in Chile bestens gewahrt werden. In seiner ersten Sitzung hat der Gemeindebund eine Resolution gefaßt, die dem Komitee für den Schutz jüdischer Einwanderer (d. i. das HICEM - Komitee;) übergeben würde. Amerika. Konferenz der jüdischen Wohlfahrtsverbände Amerikas. — 25 Millionen Dollar in den beiden letzten Jahren für Wohlfahrtszwecke ausgegeben. New York, 31. Jan. In New York fand eine Tagung der jüdischen Wohlfahrtsverbände Amerikas statt, an der auch der Vorsitzende des Board of Deputies of British Jews, Neville Laski, teilnahm. Der Ehrenvorsitzende des Joint Distribution Committee, Felix M. Warburg, teilte mit, daß die jüdischen Wohlfahrtsverbände Amerikas in den beiden letzten Jahren 25 Millionen Dollar für soziale Hilfsarbeit ausgegeben haben. Neville Laski sprach über seine Eindrücke während seiner letzten Reise durch Ost-Europa, schilderte die ungeheure Not unter den Juden Polens und richtete an das. Joint Distribution Committee den Appell, eine Hilfsaktion für die Juden Polens (einzuleiten. Joseph A. Rosen, der Leiter der Siedlungsarbeit des Joint in Rußland, sprach in optimistischem Sinn über die Aussichten der Kolonisationsversuche in Birobidschan und trat für die Einwanderung jüdischer Arbeiter aus Polen nach Birobidschan ein. Der europäische Direktor des Joint Distribution Committee, Bernhard Kahn, berichtete über die Lage der jüdischen Auswanderer in ^Frankreich, deren-, Zahl'uoch immer 12.000 betrage. Nr. 7 Seite 11 Oberseemen (Oberhessen), 12. Febr. Mit Benno Bing, der nach kurzer Krankheit im 44. Lebensjahre von uns genommen wurde, hat die Gemeinde Oberseemen eine Persönlichkeit verloren, die dazu berufen war, durch. ihr edles Beispiel ihre näher« und weitere Umgebung mit tiefer Achtung vor dem Idealbild eines von G'ttesfurcht erfaßten und am Quelle der G'tteslehre genährten echt jüdischen Menschen zu erfüllen und zur Nacheiferung anzuregen. Aus einer Familie entsprossen, in der echte, und tiefe Religiosität Tradition war, hat der Heimgegangene durch rührende Kindesliebe, durch eine vorbildliche Ehe und die Erziehung seiner nun so früh der väterlichen Leitung beraubten Kinder im Geiste der jüdi- . sehen Lehre, schließlich durch die Führung seiner Gemeinde sich dieser hohen Tradition würdig erwiesen. Die große Verehrung, deren sich Benno Bing b'u erfreute, kam in einer außerordentlichen Beteiligung, auch der Ortsbevölkerung, zum Ausdruck. Am Grabe würdigte Herr Lehrer Ba uer aus Gedern in ergreifenden Ausführungen die Persönlichkeit des Heimgegangenen, während Herr Siegfried Strauß in herzlichen Woretn des Führers der Gemeinde und der Aguda-Ortsgruppe gedachte. Möge der greisen Mutter, die das herbe Geschick traf, nun das letzte ihrer Kinder beweinen zu müssen, der schwergeprüften Gattin und den Kindern Trost und Beistand vom Allmächtigen beschieden werden. rr3X3r Michelstadt, 12. Febr. Am 6. Februar wurde Frau Sophie S t r a u s , geb. Marx, Gattin des unvergeßlichen Aron Straus b"i zu Grabe getragen. Eine unübersehbare Menschenmenge aus nah und fern, Juden und Nichtjuden, gaben dieser edlen Frau das Geleite. Im streng frommen Elternhause in Strümpfeibrunn erzogen, hatte sie den Geist von Thora und G'ttesfurcht frühzeitig eingesogen und gleich ihren Geschwistern — von denen Prof. Rabb. Dr. Marx b"st,_ eine besondere Zierde war — in treuer Anhänglichkeit an G'ttes Wort und Tradition gelebt und gewirkt. Selbst in einer für eine Frau ungewöhnlichen Weise kundig des Schriftwortes und seiner Ausdeutung, war sie beglückt, an der Seite ihres frommen Mannes die im Elternhaus erworbenen heiligen geistigen Güter erhalten und bereichern zu können. Sanftmut und Bescheidenheit, Freundlichkeit, Friedensliebe und Wohltätigkeit zierten diese überaus vornehme Frau. Man bewunderte ihre hohen Geistesgaben, ihren köstlichen Mutterwitz ebenso wie ihren edlen Charakter. — Da die Verstorbene sich einen Nachruf am Grabe verbeten hatte, so zeichnete Herr Rabb. Dr. Merzbach im Trauerhause die hehre Gestalt und das geweihte Leben der Verklärten. n*3x:n Rees-Vevey, 8. Febr. In größter Bestürzung vernahmen wir die Hiobsbotschaft vom Ableben des Lehrer i. R. Meier Levisohn. Welcher Schmerz uns alle bedrückt, kann nur der ermessen, dem es vergönnt war, diesen Menschen zu kennen und seine Freundschaft zu besitzen. Von allen geachtet, geschätzt und geliebt, strömte sein edles Wesen Be- . ruhigung, Trost, Hilfe und Heilung aus. Sein Wissen ' war in sedner Lebensweise verlebendigt, und "ftv rnnitt waren seine Lebensbegleiter. Meier Levisohn V'ST lehrte und predigte nicht nur Frieden und Liebe, sondern er brachte diese Güter unter die Menschen. Ein Mann von npnxi vsvn ist von uns mit M. Levisohn gegangen, amnnjsE'n 'B pMvy- Aus vorbildlicher Ehe gingen Kinder hervor, die das Werk des Vaters fortsetzen werden, was der trauernden Gattin und uns allen zum Tröste gereichen mag. _- ... ._rr :n;m Vermischtes. Berlin, 6, Febr. Im Verein zur Erhaltung des überlieferten Judentums.sprach Rabb. Dr. Freimann über „Majmonides als Gesetzeslehrer", Der Redner gab einen kürzen Ueberblick über das Leben des Rambam und seine Bedeutung als Mediziner. Um ihn als Gesetzeslehrer zu würdigen, brachte Dr. Freimann u. a. eine ganze Reihe von Entscheidungen aus dem Gebiete des religiösen und praktischen Lebens, die Maimonides getroffen hat. Dieser Vortrag eines hervorragenden Kenners des jüdischen Schrifttums bot viel Wissenswertes und fand deshalb auch den gebührenden Beifall. Sodann ergriff Herr Fritz Cohn das Wort, um einiges über die Tendenzen des „Vereins zur Erhaltung des überlieferten Judentums" zu sagen. Er hielt zunächst einen kurzen Nachruf auf Moritz A. Loeb, der lang« Jahre tatkräftig im Verein mitarbeitete, und überall für die Sache des thoratreuen Judentums eintrat.. Das aber sei zugleich die Aufgabe des Vereins. Viele Institutionen, die heute in der Berliner Jüdischen Gemeinde als selbstverständlich hingenommen werden, seien der Arbeit dieser Vereinigung zu verdanken/ Zu den künftigen Aufgaben, die sich der Verein gestellt hat, gehört es ,eine gesetzestreue Lehrstätte zu schaffen, an der von wirklich berufener Seite Persönlichkeiten über das Wissen des Judentums sprechen werden. Herr Sally Struck unterstrich die Ausführungen und fuhr fort, daß das Judentum einzig, und allein mit der Thora stehe und falle. Deshalb sei es unsere /!