Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 76 (1935)
- Issue
- Heft 7 (14.2.1935)
- Date
- 1935-02-14
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
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14. Februar 1935 Der Israelit Nr. 7 Seite 7 {ä t solcher Gründungen anerkennen werden, undwas dies hieße, haben wir in unserem Artikel nachgewiesen! Doch genügt uns zur Selbstberuhigung und Beruhigung, weiter Kreise innerhalb der in- und ausländischen Orthodoxie vollkommen die Versicherung des Herrn Dr. Reiner, wonach: jene Behauptung des Herrn Dr. Münk a es i ganz un b e r e c h t i g t war! Auch sind wir vollkommen überzeugt, daß unsere orthodoxe Landeskanzlei ■ mit ihren bewährten Leitern und Mitarbeitern auch weiterhin wie bisher als Schutz und Wehr der ungarländischen und damit der Gesamtorthodoxie T)lTi-pliub tätig sein wird! Dennoch aber glauben wir der bescheidenen Meinung sein zu dürfen, daß unsere Ausführungen in diesem Organe, welches Herr Dr. Reiner selbst in seiner Zuschrift an uns mit Recht „das Weltblatt der Orthodoxie" nennt, nicht ganz überflüssig waren. Sie waren und sind geeignet, unseren neologen Brüdern hierzulande vor Augen zu führen, daß der Verwirklichung ihres innigsten Herzenswunsches, wonach ein neologer Bethaus verein sogar von einer orthodoxen Kultusgemeinde anerkannt und genehmigt werden soll, nicht bloß an dem Widerstande der amtlichen Vertretung der ungarischen Orthodoxie scheitern muß, sondern daß ein solcher Plan die gesetzestreue Judenheit der ganzen Welt zur Abwehr aufrufen würde. Die Thöra wa'Äwodah^Bewegting. Würdigung und Kritik. Von Abraham Wolf in- Berlin. Abgesehen von der rein halachischen Begründung einse Erez Jisroel-Strebens in der Gegenwart — wie sie m, W. von rabbnuscher Seite gerade nicht vertreten wird —- werden in der thoratreuen Judenheit Deutschlands d r e i Erez Jisroel-Ideen proklamiert: Thedaismus .(Breuer), Jischuw Haschlischi (Noar Agudati) und Thorä- Waawodah (Brith Chaluzim Dathijim-Misrachi- Jügend}. Die beiden erstgenannten Bewegungen stehen im agudistischen Lager, die letztgenannte innerhalb der zionistischen Organisation, Wenn hier eine Charakteristik der Misi-achi-Jugend versucht werden soll, so ist sich dieser Versuch über die Schwierigkeiten der Charakteristik einer Bewegung, die von einem Jugendkreis getragen wird, völlig im Klaren. Eine solche Bewegung läßt sich deshalb so schwer darstellen, weil sie grundsätzlich es ablehnt, auf ein ewig geltendes Prinzip festgelegt zu werden. Sie bejaht ein Prinzip — wie in unserem Falle das Prinzip der gemeinsamen Organisation mit Nichtthoratreuen — nicht um seiner selbst willen, also nicht als Prinzip, sondern um dessentwillen, was sich auf diesem Prinzip aufbaut. Das Prinzip geht als ein Element unter andern in die Bewegung ein, ohne aber das Wesen der Bewegung auszumachen. Das Faßbare einer solchen Bewegung können daher nie Prinzipien sein, sondern Tendenzen; nicht das Ausgesprochene ist das Eigentliche der Bewegung, sondern das, was durch die blasse Scheibe des Ausgesprochenen hindurchleuchtet. Wenn jeder neue Jugendführer neu ausspricht, dann gilt es zu sehen, was das gemeinsame nicht Ausgesprochene ist. \ Aber an das Aussprechbare muß angeknüpft werden. Die Misrachi-Jugend ist im Zionismus organisiert. Dies bedeutet einesteils, daß es auf das, was auf diesem Wege am ehesten erreicht werden kann, so ernst ankommt, daß die Schwierigkeiten der gemeinsamen - Organisierung hiergegen ihr von.: zweitrangiger Bedeutung scheinen. Dies bedeutet andrerseits, daß die Vorzüge der selbständigen Organisierung nicht als so bedeutsam erachtet werden, daß sie die Werte der Organisierung innerhalb des Zionismus aufwiegen könnten. Für den praktischen Aufbau Erez Jisroels kann die zionistische Organisation unmittelbar mehr leisten als die agudistische; der Aufgabenkreis ist geringer, die Mittel sind größer. Wer auf dem Standpunkt steht, für die Thora ist nur soviel erreicht wie in und für Erez Jisroel für sie erreicht wird, wer ganz oder ungefähr auf. diesem Standpunkte steht, der wird seinen Platz innerhalb der zionistischen Organisation suchen. Besitzt er Einsetzbereitschäft für die Thora, so wird er wahrer, ehrlicher thoratreuer Chaluz. Dieses Chaluziuth bindet sich , im Brith Chaluzim Pathijim. Wer die Referate von A. Königshöf er und Rudi Herz auf der Hamburger Pegischah am vergangenen Sukköth (im ,,Zion" abgedruckt) liest, kann nicht mehr daran zweifeln, daß die Misrachi-Jugend jedenfalls nicht die Partei „der komplementären Thora" ist. Es gilt hier ernstlich nur ein Streben, die Thora in dem Mutterboden Erez Jisroels tiefste Wurzeln schlagen zu lassen. Wo nur dieses Streben gilt, da sagt die reale Erwägung, daß der Eintritt in die zionistische Organisation der Weg zum Ziele sei. Dieser Realismus ist ein Wesenszug der deutschen Misrachi-Jugend. Er wird nicht bloß für den praktischen Weg, sondern auch für die g e i 's tige Orientierung kennzeichnend. Wer innerhalb der zionistischen Organisation steht, und glaubt, dies ausschließlich mit Zweckmäßigkeitserwägungen begründen zu können, hat ihr Wesen nicht erfaßt. Der Brith Chaluzim Dathijim (B. Ch. D.) weiß sich mit dem Zionismus tiefer verbunden. Er nimmt das jüdische Volk, wie er es vorfindet, er kämpft im Zionismus für die Thora, nimmt den Zionismus selbst aber als Gegebenheit hin. Der Zionismus verkörpert ihm das jüdische Volk in seinem heutigen idealfernen Zustand, in seiner Realität. Hiermit ist die logische Inkonsequenz des Alt-Misrachi, zugleich den absoluten Anspruch der Thora und des Volkes gelten zux lassen, zwar logisch noch nicht ganz überwunden. Aber es ersteht hier keine „Tragik des ]Vlisrachi". Denn man tritt innerhalb des Zionismus mit entschlossener Sicherheit für Thora ein. Man schwankt nicht mehr zwischen reinem Thorabewußtsein und organisatorischer Konsequenz. Beides, der Zionismus und das Thorawollen, haben sich im Jung-Misrachi zu einer Selbstsicherheit verfestigt. Der Zionismus ist dem B. Ch. D. beinahe zur Selbstverständlichkeit geworden, nicht mehr das Neue schlechthin, und die Thora- Zielsetzung tritt nach innen und außen hin klarer hervor. Der Jung-Misrachi hat sich gegenüber dem Alt-Misrachi konsolidiert. Was ist aber das neue Moment in der geistigen Haltung des B. Ch. D., das ihm die innere Sicherheit ermöglicht hat? Jedenfalls muß es von der Thora herkommen; denn sie ist die Idee. Gilt ihr nicht alles politische Tun, dann muß die Politik unsicher und schwankend werden. Woher kommt also die so ehrliche, vorbildliche Einsatzbereitschaft für die Thora? Alles, was vom Jung- Misrachi in Erez Jsiroel geschaffen worden ist, muß er selbst erhalten, lebt von seiner Energie. Die Wirklichkeit tritt mit ganzem Ernst und voller Verantwortlichkeit an die Führer des B. Ch. D. heran. Diese konkrete Verantwortung gibt einen ruhigen Ernst, setzt aber selbst schon eine große Zielesklarheit voraus. Die Wirklichkeit befruchtet wieder die Selbstsicherheit, von der sie geschaffen wurde, sie steigert ein abgeklärtes Selbstbewußtsein, schafft es aber nicht. Das Selbstbewußtsein des deutschen Jung- Misrachi kann nur aus dem Geistigen verstanden werden.; Hier muß das neue Moment seiner Arbeit liegen. Was .ist dieses Neue? Das Neue, liegt in einer neuen Einstellung zum Leben, die man für die Einstellung der Thora hält. Hier ruht die. Kraft des Jung-Misrachi; von dieser Einstellung hängtseine ganze Existenz ab — von gar nichts anderm. Die Einstellung ist lebensnah; nicht nur die praktische Orientierung ist lebensnah, auch die geistige Haltung selber. Hier liegt eine Werteverlagerung vor. Die Thora will vor allem gelebt werden. Dieses „die Thora leben" heißt nicht bloß, sie erfüllen und halten, sondern die Thora will das reale, wogende wirtschaftliche und soziale, rechtliche und politische Leben regeln. Auf diesen Wirklichkeitsfaktoren, die aHeine Europa „Leben" nennt, liegt der Ton. Nicht auch diese Seiten der Wirklichkeit sollen von der Thora gestaltet werden, sondern gerade sie. Die Thora steigt hinab auf diese Welt und regelt sie. Das moderne, von Europa gestaltete Leben wird nicht mehr zum Problem gemacht, sondern als Gegebenheit vorausgesetzt. So wird jede unnatürliche Verkrampfung vermieden, so ist man ein Mensch der Zeit. Der Wert der manuellen Betätigung ist gegeben, indem sie zum natürlichen Aufbau des Volkslebens notwendig ist. Hier wird der „Mensch-Jisroel" in einer Art erfüllt, wie Hirsch es zwar nie aussprach, aber bis zu gewissem Grade gemeint hat. Der B, Ch. D. ist sich dessen gar nicht bewußt, wie weit gerade er auf Hirsch fußt. Die Bindung an den Zionismus ist keine äußerliche. Man kann sich an den Zionismus binden. Zionismus atmet den Geist der europäischen Neuzeit. Diesen Geist setzt man als gegeben und in gewissem Sinne berechtigt, nur der Modifizierung bedürfend, voraus. Die Anpassung an die Zeit und die Wirklichkeit wird zu einem Postulat der Thora selbst. So spielt auch die Entwicklungsidee, die tragende Idee des Moderne, in die Anschauung des B. Ch D. hinein. Ein frischer Lebenshauch durchweht den Arbeitsernst der deutschen Misrachi-Jugend. Diese Frische gibt ihm Kraft, Begeisterung und einen berechtigten Grad Selbstvertrauen. Es gilt hier durchaus nicht, sich die jüdische Praxis leicht zu machen, man nimmt ja die schwere Praxis des Chaluziuth auf sich. Es liegt hier keine schwächende, zermürbende Inkonsequenz vor. Man steht nicht mehr — wie der Alt-Misrachi — einsam im Zionismus und sehnt sich nach dem idealnäheren Judentum außerhalb des Zionismus. Man ist zu eigener Idee gelangt. Die Auseinandersetzung muß an die Idee anknüpfen; nicht mehr an ein politisches Tun, sich zu bestimmter eben anfechtbaren Form zu organisieren, sondern an ein Wollen, mit dem die Auseinandersetzung auch bei anderer Art der Organisierung gefordert werden müßte. Die geistige Haltung des Jung- Misrachi muß zum Problem erhoben werden. Von ihr hängt die Berechtigung des Jung-Misrachi ab. Wir wissen, daß diese Haltung nicht konstant ist, es gibt dennoch eine gewisse Kontinuität. Mögen die Anschauungen der Wortführer recht verschieden, ja uneinheitlich, sein. Im Gesamtkreis waltet eine Kontinuität. Kritische Würdigung des Gedankengutes des B. Ch. D. ist Forderung der Stunde. (Fortsetzung folgt.) Wochenkalender. Vom 16. - - 23. Febr. 1935 / Vom 13. — 20. Adar I 5695 '»V 5p 16 13 «»paas Samstag 15 msri Sonntag 17 14 TS: ' 1»p D'IIS Montag jl8 15 ns '"[dp Bins \vw Dienstag 19 95 16 US Mittwoch 20 r 17 X Donnerstag Febr 21 5 ö 18 KS Freitag 22 •— 19 ' 3S '»"R ö*"tss rpwn Samstag 23 20 ÄS m*tsö ö»iib a»n *s