Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 76 (1935)
- Issue
- Heft 7 (14.2.1935)
- Date
- 1935-02-14
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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rf*«P!R?fi^,*r*T#W* -^^*V|»^*W*-i!^iiV*^*^8^,*J5M*p***'* ' ^S^^j^?^^!^*,*'-. I^Pg^PP? 14. Februar 1935 D er Israelit Nr. 7 Seite 3 Nebeneinander oder Auseinander? (Fortsetzung von Seite 1.) Stapel/ formuliert seinen Standpunkt nun wiederholt dahin, daß die von ihm als tragische Notwendigkeit betrachtete Ausschaltung der deutschen Juden nichts weiter im Auge habe, als die Umwandlung einer auf Vermischung hinzielenden Symbiose in eine solche, die auf ein „Nebeneinander " hinzielt. Wenn es nur so wäre! Daß; der „Vermischung" ein Ende gemacht wurde, betrachten wir als einen dem Wohle beide r Rassen im tiefsten Grunde heilsamen providentiellen Vorgang und haben uns darüber nie beschwert; aber es müßte ein wirkliches, d. h. f r i e d 1 i c h e s und organisiertes „Nebeneinander" an die Stelle dieses assimilatorischen Ineinander treten. Da aber wiederholen wir die Frage und sähen gern, wenn ein Mann wie Stapel sich von seinem Ethos gedrängt fühlte, die Frage laut zu stellen: „Was ist von seiten des Staates geschehen, um die Formen eines volkhaften Sonderlebens der deutschen Juden in würdiger Gestalt zu schaffen?" Kann man eine Situation als „Nebeneinander" bezeichnen, in der Woche für Woche die deutschen Juden die furchtbarsten Ehrenkränkungen, oft Beschimpfungen, bei denen das Blut in den Adern erstarrt, über sich ergehen lassen müssen, ohne daß — außerhalb der zur Ohnmacht verurteilten beleidigten Gemeinschaft — au ch nur der.leiseste Widerspruch sich regt? Und nun noch ein Wort zu dem, was Dr. Stapel eine „moralische Angelegenheit" nennt. Daß — zum mindesten grundsätzlich — in der ethischen Bewertung des Mitleids ein Unterschied bestehen soll zwischen dem „Gesetz des Mose", dem wir unsre moralischen Maßstäbe verdanken, und dem „Ethos und Nomos" des durch die Schule des Christentums gegangenen .deutschen Volkes, ist uns gänzlich neu. Wir verstehen also auch nicht, inwiefern unsre polemischen Bemerkungen, die sich gegen eine mitleidlose Zerstörung jüdischer Existenzen wandten, die Grundverschiedenheit der „Lebensgesetze" des deutschen und des jüdischen Volkes beweisen können. Eines aber wissen wir. Selbst ein aller jüdischen und christlichen Theologie so feindlich gesinnter, rein arischer Denker wie Schopenhauer hat bekanntlich das Mitleid als das Fundament aller Ethik verkündet und den Satz geprägt, daß „das Mitleid ganz allein die wirkliche Basis aller freien Gerechtigkeit und aller echten Menschenliebe" ist. Und Schopenhauer war von jüdischem Panmoralismus gewiß gänzlich frei. Sicherlich kann es-Fälle geben, in denen höhere, völkische Notwendigkeiten dazu zwingen, über das Wohl und Wehe des Individuums hinwegzugehen, und es ist Stapels gutes Recht, die Ausschaltung der Juden aus der Verwaltung deutschen Kulturgutes als eine solche Notwendigkeit anzusehen, aber auch dann scheint es uns dem Geiste des Judentums nicht nur, sondern auch dem des Christentums, dessen ethische Lehren ja jedermann offen liegen, in höherem Grade zu entsprechen, sich des individuellen Schmerzes über die tragische Notwendigkeit solcher Glück zerstörender Maßnahmen nicht zu schämen, sondern grade ihn in den Mittelpunkt aller „Selbstbesinnung" zu stellen. Daß Stapel seine Unkenntnis von dem — gegen den Willen des Reichswirtschaftsministeriums — immer mehr sich steigernden Wirtschaftsboykott gegen die Juden in Deutschland zugibt, ist ein Beweis seiner Ehrlichkeit. Herr Dr. Stapel brauchte aber mir die Reden hervorragender Persönlichkeiten des öffentlichen Lebens zu lesen, in denen die Lehre verkündet wird: „Wer vom Juden frißt, stirbt daran", um ein Verständnis dafür zu gewinnen, mit welch tiefer Besorgnis auch. auf wirtschaftlichem Gebiete die deutschen Juden in die Zukunft blicken müssen. Dabei wird von denen, die diesen Boykott verkünden, selber gar kein Zusammenhang behauptet mit dem von den deutschen Juden von Anbeginn an aufs schärfste verurteilten ausländischen Boykott gegen „die deutschen Waren. Man will einfach das „Nebeneinander", wie es Dr. Stapel ersehnt, in ein „Auseinander" verwandeln, das sich über das ökonomische Schicksal der in eine unmögliche jüdisch-wirtschaftliche Autarkie hineingedrängten jüdischen Schichten weiter keine* Sorgen macht. Es bedeutet gewiß keinen unerlaubten „Panmoralismus", wenn die jüdische Presse Deutschlands immer wieder auf die Unerträglichkeit einer solchen Lage hinweist und die Schaffung eines wirtschaftliehen Lebensraumes für den jüdischen Nachwuchs — von Handwerk und Landwirtschaft ist dieser Nachwuchs infolge der ständischen Organisation so gut wie ausgeschlossen — ebenso nachdrücklich fordert wie den Schutz der jüdischen Gemeinschaft vor hemmungsloser Herabsetzung und unverdienter Ehrenkränkung in der Oeffentlichkeit. Woehenrandschau. Das Vermächtnis eines Großen. Dieser Tage hat sich ein Jahr gerundet seit dem Heimgang von Rabbi Mos che K 1 i e r s , dem Oberrabbiner von Tiberias, mit dem — nach Rabbi Chajim Sonnenfeld, Rabbi Elije Klatzkin und Rabbi M. M. Epstein — einer der letzten und (größten Gaonim Erez Israels von uns ging. Er Hatte sich Nachrufe und Gedenkreden . verbeten, und so haben wir uns auch jetzt, wie damals beim frischen Grabe, diesem Wunsche zu, fügen. Aber ein Gedanke, ein großer Plan ging in den letzten Jahren mit dem Führer herum und verklärte seine letzten Stunden, Von diesem darf3 hier gesprochen werden. In einem Memorandum an die Erste Kenessio Gedaulo in Wien regte er, wie wir aus „Kol . Israel" erfahren, an, in Erez Israel eine Welt - jeschiwa unter dem Titelfi^sw» zu gründen, die die wirkliche Elite der Thorajünger sammelt. Das Lehrhaus gliedert' sich; in Abteilungen, deren jede sich einem bestimmten Gebiete der Lehre widmet. Die Mitglieder jeder Abteilung erringen auf ihrem Spezialgebiete eine solche restlose Kenntnis der Materie und eine solche Vertrautheit mit der gesamten einschlägigen Literatur, von den ersten Quellen bis zu den letzten Respönsen, daß sie in diesem ihrem eigenen Bereich als Gaonim von der gesamten jüdischen Welt anerkannt werden. An der Spitze einer jeden Abteilung steht eine anerkannte Autorität und an der obersteh Spitze des Lehrhauses die Autorität, der Gadol der Zeit. Aus diesem Lehrhause aller Lehrhäuser gehen Gaonim hervor, mit dem Unterschiede nur, daß während früher der Universalgaon alle Gebiete der Lehre in . gleicher Vollendung beherrschte, sich heute, der verminderten Geisteskraft der Zeit angemessen, der Gaon nur auf einem bestimmten Gebiete der Thora dieses Titels erfreut. Das Weltjudentum der Thora erachtet es als Ehrensache, dieses Lehrhaus so auszuhalten, daß Meister und Jünger, frei aller Tagessorgen, sich ihrer Riesenanfgabe widmen können, um dann eine oberste Instanz zur letzten Entscheidung in allen Fragen der jüdischen Gemeinschaft der Welt zu stellen. In erster Reihe, der Bearbeitung auf diese Art wert, erschienen dem Rabbi die Bodengesetze Palästinas, die p81 nTltaiT lYD^n und diesem Teile der Lehre widmete er das letzte Jahrzehnt seines Lebens. Im Jahre 5688 erschien der erste Teil seines grundlegenden Werkes TpiW min* der in zehn Kapiteln den ganzen Ideen- und Pflichtengehalt des EPSHTTTO erörtert. Der zweite Teil, dessen fertige Drucklegung er nicht mehr erleben sollte, behandelt die Auswirkungen der Bodengesetze auch an der Peripherie von Erez Jisröel, in Transjordanien und Syrien. Die weiteren Teile des Riesenwerkes harren noch der Ueberarbeitung und Veröffentlichung. Es ist bis heute ZU einer Realisierung des Planes nicht gekommen. Aber solche großgedachten Pläne sind nioht für den Tag bestimmt und bedürfen erfahrungsgemäß eines gewissen Zeitraumes für ihre Ausreifung. Heute, da eine zentrale Stelle als höchstes Forum zur Regelung unseres Geisteslebens in all seinen Komplikationen — allerdings kein „Synhedrion" von Doktoren und Reverends' ■■— so nötig ist wie nie zuvor, sollte man jenen Gedanken und Ideen eines Großen doch näher treten. Rabbi KUers bat, man möge nach seinem Heimgänge von seiner Person nicht so viel sprechen und, wolle man schon seiner gedenken, dieses nur im Studium der Thora tun. Es könnte dieser sein letzter Wille in der Weise erfüllt werden, daß seine Werke, von ihm wohl als Lehrstoff für das große Lehrhaus gedacht, im Drucke den Lernenden zugeführt werden, damit mit seiner eigenen Lehre „das Licht seiner Seele gehoben wird." „Der Thoraschreiber von Deutschland." Seitdem die jüdischen Zeitungen Deutschlands, der neuen Strömung Rechnung tragend, das Bedürfnis empfinden, ihre Leser laufend über jüdische Dinge zu orientieren, bekommt man Woche für Woche Kuriositäten zu lesen, die einerseits die Lachmuskeln reizen, andererseits aber einen Grad von krasser Unwissenheit in jüdischen und religiösen Dingen bei den Schreibern wie bei den Konsumenten dieser geistigen Kost hervortreten lassen, der tieftraurig stimmt. So wird — um eines der vielen Beispiele aus den jüngsten Tagen herauszugreifen — diese Woche in einem norddeutschen jüdischen Blatte in einer hochgelehrten ethymologischen Abhandlung den Ausdrücken „Berches" und „Tatscher" auf den Grund gegangen und der „altdeutsche" bezw. „altfranzösische" Ursprung dieser Bezeichnungen „nachgewiesen". Und der Sprachforscher ahnt nicht, daß es einen Bibelvers in Mischle 10,22 gibt, der lautet: TUWn WM TT 113*»!' von dem die einen das erste, die anderen; das letztere Wort für die segenbringenden Sabbatbrote wählen. .'\] In dieses Kapitel Unfreiwilligen Humors gehörte von rechtswegen auch der Aufsatz in der Num- , mer der „C. V.-Zeitung" vom 31. Januar unter dem Titel „Der Thoraschreiber von Berlin". Ein Mitarbeiter der „C. V.-Zeitung" hat in der großen deutschen Metropole ein Unikum, ein Kuriosum, eine menschliche Antiquität aus früheren Jahrhunderten entdeckt: einen Thoraschr eib er, und zeigt ihn in Wort und Bild, wie :er über seine heiligen Pergamente gebeugt sitzt. Der Thoraschreiber von Berlin, „denn es gibt in ganz Berlin, und vielleicht in ganz Deutschland, nur diesen, einen Mann, der berufsmäßig Thorarollen schreibt." Es folgt dann eine romantische Schilderung des Mannes und seines sonderbaren Handwerks, wie er selbst die Tinte anfertigt und mit einem zurechtgestutzten Gänsekiel die alten Texte auf Pergament nach