Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 76 (1935)
- Issue
- Heft 7 (14.2.1935)
- Date
- 1935-02-14
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
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Seite 2 Nr. 7 Der i » r < « 1 i ,t 14. Februar 1935 Eine Erklärung des Reichsgesundheitsamtes- Der Präsident des Reichsgesundheitsamtes und die Staatskommissare für das Gesundheitswesen in Bayern, Baden, Sachsen, Thüringen und Württemberg haben, wie die „Frankfurter Zeitung" berichtet, ein Schreiben an den Führer und Reichskanzler und an alle in Betracht ■kommenden Stellen gerichtet, in dem sie zwar Julius Streicher für den Kampf gegen das Judentum Anerkennung zollen, aber mit aller Entschiedenheit die Tendenzen einer von der Streicherpresse verbreiteten Flugschrift ablehnen, die sich gegen die Vorbeugung und Behandlung von Krankheiten durch Impfstoffe aller Art wendet. _Jn einer weiteren Erklärung des Führers der deutschen Aerzteschaft, Dr. Wagner, heißt es folgendermaßen: „Durch Wurfsendung ist eine Werbeschrift für das Blatt „Deutsohe Volksgesundheit aus Blut und Boden", herausgegeben von Gauleiter Pg. Julius Streicher verschickt worden. In Beantwortung zahlreicher deswegen an micn gerichteten Anfragen weise ich zur Klarstellung auf folgendes hin:- Weder das Hauptamt für Volksgesundheit der NSDAP.' noch der NS-Aerztebund, noch irgend eine andere ärztliche Dienststelle ist an der Zeitschrift „Deutsche Volksgesundheit aus Blut und Boden" in irgend einer Form beteiligt. Die in der Wurfsendung erhaltenen Aufsätze sind ohne Fühlungnahme mit uns, geschweige denn unter unserer Billigung, erschienen; sie stellen lediglich die persönliche Meinung des Verfassers dar. Wenn das „Deutsche Aerzteblatt" einen Bericht über eine Rede des Gauleiters Pg Julius Streicher gebracht hat, so kommt dadurch nicht etwa zum Ausdruck, daß die ärztliche Führung den Ansichten Pg. Streichers in allen Punkten zustimme. Insbesondere wird dadurch nicht den Gedankengängen und Auffassungen zu gestimmt, die das Gebiet der Volksgesund h e i t berühren. Die ärztliche Führung hat völ liges Verständnis für den Kampf Julius Streichers gegen jüdischen Einfluß, gegen Rassenvermischtung und völkische Entartung und ist bereit, ihn in diesem Kampfe zu unterstützen. Diese Einstellung bedeutet aber nicht die B e'j a hung aller rassenpolitischen und rassenhygieniscjien Auffassungen und Theorien Pg. Streichers. Ich stelle ferner ausdrücklich fest, daß wir als Aerzte die in der Zeitschrift „Deutsohe Volksgesundheit aus Blut und Boden" entwickelten Gedanken gänge über die Impfung als abwegig und den Seuchenschutz des deutschen Volkes gefährdend ablehnen.!' Zulassung zu ärztlichen Prüfungen nur bei arischer Abstammung. Berlin, 9. Februar. Der Reichs- und preußische Innenminister hat dje Prüfungsordnungen für Aerzte und Zahnärzte durch Einfügung einer Bestimmung geändert, wonach die Zulassung zu den Prüfungen und die Erteilung der Approbation von dem Nachweis der arischen Abstammung abhängig zu machen sind. Ausnahmen hiervor|qj|önnen nur ' aus besonderen Gründen gestattet werden. Der Mord an den Fehse-Kindern, Breslau, 13. Februar. Auf Antrag der Staatsanwaltschaft hat der Untersuchungsrichter beim Landgericht in Breslau gegen Herbert Holl wegen Verdachtes des Mordes und zugleich Sittlichkeitsverbrechens an den Geschwistern Otto und Emil Fehse die gerichtliche Voruntersuchung eröffnet. Zugleich ist gegen den bisher in Polizeihaft befindlichen Holl Haftbefehl vom Untersuchungsrichter erlassen worden. Der Mord an den Fehse-Kindern wurde bekanntlich von judenfeindlicher Seite, zuletzt wieder vom „Stürmer", zu einer Ritualmordhetze ausgebeutet. Verstärkung der Palästina-Einwanderung. Ergänzungs- Schedule, Jerusalem, 11. Februar. Wie der ITA. mitgeteilt wird, erwartet man, daß am Ende der laufenden Woche eine E r - gänzungs-Quote zu der letzten A r b e i - ter-Einwanderungsschedule bewilligt werden wird. Es besteht die Aussicht, daß die Zahl der nachträglich ausgegebenen Arbeiter- Einwanderungs-Zertifikate größer sein wird, als die Ergänzungsschedule des vorigen Jahres, die am 23. Juli ausgegeben wurde und 1200 Zertifikate umfaßte. Die Palästina - Exekutive der Jewish A g e n c y ist bereits in Verhandlungen über den Umfang der nächsten Quote für das mit April 1935 beginnende Halbjahr eingetreten. Der Regierung wurden von der Palästina-Exekutive Aufstellungen über den voraussichtlichen Arbeiterbedarf in den einzelnen Produktionszweigen unterbreitet. Man hofft, daß die Regierung sich der Dringlichkeit einer Verstärkung der jüdischen Einwanderung im Hinblick auf den in Industrie und Landwirtschaft katastrophal sich auswirkenden Arbeitermangel nicht verschließen wird. Gleichberechtigung der rumänischen Juden gefährdet? Bukarest, 11. Februar. Die Union der rumänischen Juden (U. E. R.) veröffentlicht ein Communique, das folgende Stellen enthält: „Die Repräsentanz der rumänischen Juden stellt, die letzten Ereignisse überprüfend, fest, daß die rumänischen Juden in Gefahr sind. Die Aufrechterhaltung ihrer bürgerlichen Rechte sowie ihrer Menschenrechte, ist i n Frage gestell t." „Die Union gibt dem rumänischen Volk die Versicherung, daß die rumänischen Juden ohne Unterschied dem Lande treu ergeben sind, Sie hatten nie ein anderes und-haben kein größeres Interesse als zur Konsolidierung des Vereinigten Königreichs beizutragen und das rumänische Volk — das seit zwei Jahrzehnten in seine vollen kulturellen, wirtschaftlichen und politischen Rechte eingesetzt ist — in einem ständigen, wirtschaftlichen, kulturellen und politischen Aufstieg ,zu sehen. Die Union rumänischer Juden erklärt aber,, daß jede Aktion, die die Verletzung der Menschen- oder der Bürgerrechte der rumänischen. Juden zum Ziele hätte, trügerisch ist. Staatsprobleme können nicht gelöst'werden, indem dem einen das Brot aus dem Munde genommen wird, um es dem anderen z-u geben, sondern nur dadurch, daß man es allen gewährleistet. Nicht auf dem Wege der Privilegien für die einen auf Kosten der anderen, sondern nur durch die Anregung der Initiative aller kann das allgemeine Volkswohl gesichert werden. Die Union rumänischer Juden protestiert gegen die Beschuldigung, daß die Juden alles an sich reißen, sowie gegen die falschen Statistiken, die von manchen Zeitungen veröffentlicht werden, um gewissen ungerechten und ungesetz.~~uien Lösungen den Schein der Berechtigung zu geben. Die Juden haben nicht die Gesetze des Staates gemacht — sie haben sie befolgt. Sie haben nicht die Steuern: festgesetzt — sie haben sie gezahlt. Die Juden haben es weder versucht noch vermocht, die Rumänen daran zu hindern, eine beliebige Karriere zu wählen oder ein wirtschaftliches Unternehmen zu gründen." Polen gegen jede Zurücksetzung der Juden auf politischem und wirtschaftlichem Gebiet. London, 12. Februar. Der polnische Botschafter in London,, Graf Kaczynski, gewährte dem Vertreter einer Londoner Jüdischen Wochenschrift ein Interview, in dem er sich über die wirtschaftliche und politische Lage der Juden in Polen äußerte und die Versicherung abgab, daß die polnische Regierung entschlossen sei, jeglicher Zurücksetzung der Juden in Polen entgegenzutreten. Was die Haltung der jüdischen Bevölkerung gegenüber dem Staat betreffe, sagte Graf Raczynski u. a., so finde die Vaterlandsliebe der jüdischen Bevölkerung und ihr Wille, im Interesse der wirtschaftlichen Wohlfährt des Landes zu arbeiten» seine volle Anerkennung. Hier machte der Interviewer den Grafen Raczynski auf die Verfassungsänderung in Polen aufmerksam und bemerkte, daß infolge der Abschaffung des Proportionalwahlrechtes die jüdische Minderheit ihre parlamentarische Vertretung verlieren werde. Darauf erwiderte der Botschafter, er sehe nicht ein, warum die Verfassungsreform zu einer solchen Konsequenz führen sollte. Seiner Meinung nach' habe die jüdische Bevölkerung eine hohe wirtschaftliche Bedeutung für das Land. Er glaube, daß es, da die Gesamtbevölkerung nicht antisemitisch eingestellt sei, zweifellos immer möglich sein werde, der jüdischen Bevölkerung eine angemessene parlamentarische Vertretung zu g ben. Er sei» überzeugt, daß die Juden diese angemessene Vertretung auf Grund einer Verständigung mit der Regierungspartei erlangen werden. Da innerhalb dieser Gruppe keinerlei antisemitische Tendenz bestehe, sei mit Sicher^ heit zu erwarten, daß sich in der Praxis ein Modus für die Sicherung? einer entsprechenden parlamentarischen Vertretung für die Juden werde finden lassen. Er sei überzeugt, daß nicht der geringste Wunsch nach einer Verdrängung der jüdischen Vertretung aus dem Sejm besteht-