Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 76 (1935)
- Issue
- Heft 7 (14.2.1935)
- Date
- 1935-02-14
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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Frankfurt a- M. 14, Februar 1935 11. Adarl 5695 Nummer 7 Christlich-SGhweizerisciie Kundgebung gep den Antisemitismus. Zürich, 11. Februar. Im Schwurgerichtssaal der Stadt Zürich fand - auf Veranlassung der Bezirks Vereinigung für d e n V ö 1 k e r b und, des Pfarrkapi i e I s d e r S t a d t Zur i c h und einer Reihe von F r a ü e norganisationen eine große christlich-schweizerische Kundgebung gegen dein! Antisemitismus statt. Der große Saal war bis auf den letzten Platz gefüllt. Das Hauptreferat hielt der Züricher Univer^ sitätsprofessor Dr. H. Nabholz, der in sachlicher und leidenschaftsloser Weise das Problem 4es Antisemitismus im allgemeinen und in -seiner Erscheinungsform in der Schweiz im besonderen behandelte; Infolge der Wirtschaftskrise suche ein Teil des Schweizervolkes nach einem Sündenbock, den man für die Ungunst der Verhältnisse verantwortlich machen könnte. Nach einer Charakterisierung der verschiedenen „Fronten" betonte Prof. Nabholz, daß die angeblichen Gefahren, von denen die Schweiz durch das Judentum bedroht sei, frei erfun-; d e n sind.. Auf 10CÖ Schweizer Bürger entfallen vier bis fünf Juden, von denen 2,5 das Bürgerrecht besitzen. In der Schweizer Politik haben sie nie irgendeinen nennenswerten Einfluß ausgeübt. Auch wirtschaftlich ist ihr Einfluß sehr gering. Unter den bekannten Direktoren der Schweizer Großbanken, die die eigentlichen Vertreter des Schweizer Großkapitals sind, kommt ei n einziger j;ü:d ischer Name vor. Däs Gleiche gilt von der Großindustrie und von den; Warenhäusern. Die Behauptuiig, : eine : Jüdenheiti yon;i8i0ÖO Seelen; könne; die Kultur von vier; JHillioneri Schweizer Bürgern; gefänrden, bedeute, den Söhweizerri ein' Armutszeügriis 'auszustellen. Die Schweizer Presse ist ausschließlich im Belitz ■.von Ariern, ebenso die Schule. Den wenigen i' Juden, die an Schweizer .Hochschulen wirken, iönne das Zeugnis ausgestellt werden, daß sie init zu * den; größten Zierden der Wissenschaft gehören. Es sei richtig, daß der Jude ebenso wie der Christ und wie der romanische Schweizer gegenüber dem deutschen seihe durch Religion und Geschichte bestimmte seelische Eigenart besitzt. . Fälsch sei hingegen und durch die Erfahrung widerlegt, daß, die geistige Einstellung, die Verstandesverfassung und die ganze seelische Art es dem Juden verwehrte, ein nützlicher und vollwertiger Staatsbürger zu sein. Wenn Schweizer Christen sich heute gegen den Antisemitismus; wehren, so führten sie damit nicht nur einen Kampf. für; däs Recht von x<iitbürgern, sondern, auch gegen den Versuch einer Verleugnung der ganzen Schweizer Kultur durch Wiedereinführung des Faustrechts.. Sie kämpfen für die Aufrechterhaltung guter Schweizer Art und die Erhaltung ihrer kulturellen Errungenschaften, Im Namen der Züricher Frauenorganisationen erklärte Frl. Maria F i e r z , es sei aufgäbe der Frau, der der Schutz alles dessen anvertraut ist, was der Hilfe bedarf, sich gegen eine Bewegung zu wenden, die künstlich und systematiscn den Haß schüre. Den Standpunkt der katholisch e n K i r c h e umriß Dr. K. F 1 e i S C h m a n n, Der Redner betonte, daß uer Antisemitismus eine Versündigung gegen das Christentum sei. Die katholische Kirche habe nie über das Judentum den 'Stab gebrochen, sondern sei ihm stets mit Liebe und Ehrfurcht begegnet, wenn auch die Päpste genötigt gewesen seien, gegen gewisse Uebergriffe der Juden einzuschreiten./ Aus dem Inhalt: Eine Erklärung des Reichsgesundheitsamtes Seite 2 Zulassung zur ärztliche» Prüfung . . Seite 2 Verstärkung der Palästinaeinwanderung Seite 2 Das Vermächtnis eines Großen . . Seite 3 „Der Thoraschreiber von Berlin" . . Seite 3 .Erdöl fließt nach Haiia . . Seite 4 Ausbürgerungen in Palästina ..... Seite 4 Die Ergebnisse der Leipziger Rabbinerversammlung. Von Rabb. Dr. Neuwirth Seite 5 Gute Worte ..... ..... Seite 5 * Thora w'Awöda-Bewegung Von Abraham Wolf.......Seite 7 Für die Hungernden in Sowjetrußland . Seite 8 Orthodoxe Alijah in Ungarn ..... Seite 8 Palästinaberichte . . . . . Seite 9 und 10 Kinderecke . ........... . Seite 14 Iteßeneinander Der Herausgeber der Monatsschrift „Deutsches Volkstum", Dr. Wilhelm Stapel, kommt im Febrüarheft auf die'kritischen Bemerkungen zurück, die von jüdischer Seite („Jüd. Rundschau" und „Israelit") an seine „Besinnungen zur Judenfrage" geknüpft worden waren. Stapel schreibt: , ■ -! ' i 1 ' ■ i ■ . '; ii „Wenn,: die zionistische „Jüdische Rundschau" aus der langen, Eindeutschung vieler Juden ein b e s o ndie res. Verhältnis der Juden zum deutschen. Volk uää|^Staat-; herleitet;" das nicht vergleichbar sei dem Schicksal ider Ausländ- und Grenzlanddeuts.ohen, und daraus ein R e c. h t der Juden auf Deutschland herleitet, sö:'möchteich darauf hinweisen, daß auch die Deutschen; im Baltikum einem fremden Volk und Stakt eingeordnets waren und daß sie vertrieben oder, beraubt wurden in weit grausamerer Weise. Aber wichtiger als die quaestiofacti ist in unserem Falle die quaestio juris; Ist esein „Unrecht", ein«: früher zugelassene Symbiose,' die auf Vermischung zielte, in eine Symbiose umzuwandeln, die auf ein Nebeneinander zielt? Ich vertrete die Anschauung: die Quelle des Rechts ist nicht das Glück Und: Leid , der Einzelnen, sondern die richtige Ordnung des Ganzeh. Darum kann ich die jüdische Einwphnung und Eingewöhnung, in: Deutschland nicht als eine Begründung gelten lassen > für ein Recht, die deutsche Ordnung mitzubestimmen, Sonst müßten auch Ehen untrennbar sein. Entscheidend ist hier die erwiesene Unverträglichkeit. Zum andern eine moralische Angelegenheit. „Der Israelit. Ein^Centralorgan für das orthodoxe Judentum" lehrt mich in Nummer 2 „Würde". Es schiene ihm „würdiger", wenn ich „das Gefühl des Mitleidens j mit, den tausenden von zusammengebrochenen jüdischen Existenzen nicht . . . erstickte." Nun aber steht ausdrücklich in meinem Aufsatz: „Das Umeinander? Unglück des Einzelnen ist Sache des privaten Mitleids und der privaten Güte." Mein Hinweis auf das Siegeslied des Moses und der Mirjam bedeutet nicht Aufhebung des persönlichen M i 11 e i'd s , sondern will sagen: Volksschicksal wird nicht am Leiden des Einzelnen (auch nicht vieler Einzelner) gemessen. Darum sperrte ich die Worte „sein Volk". Die schone Legende der Hagada, die von den Engeln handelt, steht nicht im zweiten Buch Moses, iwö von G'tt und, den Mens che. n berichte't 'wird. — Die Schwierigkeit scheint mir darin, zu liegen, daß der Jude da, wo wir t r a g i's c h' empfinden, m o - raiisch empfindet. Dieser Panmoralismus macht die Juden offenbar unempfindlich für das, was , sie Nichtjuden zumuten dürfen» Der Jude; der von seiner möral-pädagogischen Sendung überzeugt ist, lehrt uns in jedem Falle Moral, nicht, bedenkend, daß die. Nomoi der Völker in manchem verschieden sind und daß das Gesetz des Mose unserem Ethos und Nomos nicht gerecht wird. Mir ist diese Polemik ein Beweis dafür, wie grundverschiedendie. „Lebensgesetze" des deutschen und des jüdischen Volkes sind. Das liegt jenseits aller „wirtschaftlichen" Dinge. M „Der Israelit" schreibt: „Was die Sphäre der Privatwirtschaft betrifft, so dürfte es: auch Herrn Stapel nicht unbekannt sein, wie wirksam die wohlwollenden Absichten des Reichswirtschaftsministeriums bis zum heutigen Tage immer wieder durch organisierten Wirtschaftsboykott gegen die Juden in Stadt Und Land Vereitelt werden." Es war mir unbekannt.' Bekannt ist mir, daß die Juden zuerst den organisierten Boykott gegen die deutsche Wirtschaft im Auslände entfachten und daß dieser Boykott noch besteht." .; Wir halten es nicht für.zwecklos, hierauf noch einmal zu erwidern. (Fortsetzung siehe Seite/ 3.)