Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 76 (1935)
- Issue
- Heft 6 (7.2.1935)
- Date
- 1935-02-07
- Page
- – (sequence 14)
- Language
- German
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Seite 14 Nr. 6 Der Israelit 7. Februar 1935 rufen es spöttisch, manche ganz ehrlich, aber alle falsch, weil sie den unter uns üblichen Gruß noch nicht richtig erlernt haben." „Wie steht Ihr zu den Leuten und sie zu euch?" erkundigte sich Herr Wilde. ,,Irh Ganzen kommen wir mit ihnen gut aus. Es ist eine arbeitsame, gutmütige, katholischgläubige Bevölkerung hier. Von den Jungen spottet mal einer, die Alten kommen zuweilen zu uns — aus Neugierde auf den „Judenacker", sehen sich dann im Stalle um und geben uns gute Ratschläge. Wir lernen viel von ihnen." (Fortsetzung folgt.) König, Minister und Juden. Von Justizrat Viktor Fraenkl in Berlin. Das Zeitgeschehen, das die reichsdeutschen Juden in seinen Malstrom hineingerissen hat, ist, wie nicht oft genug betont werden kann, ein Ruf, der auf Antwort dringt: Eine Antwort der Absage an Irrtümer und Eigenschuld, eine Antwort, die zugleich durch würdige Bejahung des Jude-Seins in die Zukunft des Jude-Bleibens weist. Beides heischt Kenntnis der Geschichte — der Geschichte der beispiellosen Leiden des Judentums, seines vom Ewigkeitsgeist beseelten Heroismus im Dulden und im Harren — der Geschichte seines Wähnens und Vertrauens, denen nun aufwühlendes Erwachen gefolgt ist. Wähnen und Vertrauen! Wir denken daran, daß 1776 in den Vereinigten Staaten von Amerika die Virginische Deklaration die Gewissens- und Religionsfreiheit verkündet hat. Wir blicken auf 1790 zurück, da die Nationalversammlung in Frankreich die Gleichberechtigung der Juden erklärt hat. Wir erinnern uns, daß nur 22 Jahre später in Preußen das Gesetz vom 11. März 1812 erlassen worden ist, durch das die Juden die Anerkennung als Staatsbürger erhalten haben. Es war die Zeit, in der in Preußen der Jude Meno Burg es als aktiver Offizier bis zum Major gebracht hat und Lehrer an der Artillerie-Offiziersschule in Berlin geworden ist. Und es kam die Zeit, aus der die drei Schriftstücke stammen, deren Veröffentlichung gerade heute mehr bedeuten dürfte, als nur eine historische Reminiszenz. In Pleß, im damals preußischen Oberschlesien gelegen, lebte Abraham Muhr, ein Onkel meines Vaters, als ein Mann von hohem Ansehen unter Juden und Christen. Am 25. September 1836 richtete er an den Preußischen Justizminister M ü h 1 e r ein Schreiben, aus dem ich nachfolgende Sätze wiedergebe: „Euer Exzellenz wollen huldreich verzeihen, wenn ich mir erlaube, einen Mißbrauch zu Ihrer Kenntnis zu bringen, der zwar mich nicht unmittelbar verletzt und daher auch nicht den Gegenstand einer Beschwerde bilden kann, der aber in seinen Folgen allgemein nachteilig zu werden den Anschein nimmt und daher auch gewiß verdient, zu Euer Exzellenz Kenntnis zu gelangen. Seit nämlich die Schlesischen Zeitungen das Rundschreiben Eurer Exzellenz vom 10. v. M. veröffentlicht haben, daß da, wo es auf Glaubensverhältnise ankommt, statt Mosaisch von nun ab Jude geschrieben werden soll, fangen einige Untrbehörden, auch da, wo es auf dies Verhältnis ganz und gar nicht ankommt, an, alle üblichen Kurialien zu beseitigen und sshlechtweg an den Juden N. N. zu adressieren ... In dem Wort Jude liegt allerdings an und für sich kein Schimpf, sobald jedoch ein Wort zur Parteibezeichnung gestempelt ist, führt es auch einen verletzenden Nebenbegriff mit sich. Auch der Jude bekennt sich offen und unumwunden da, wo dies Bekenntnis nur immer gefordert wird, Jude zu sein; nichtsdestoweniger aber erkennt er doch eine böswillige Absicht da, wo dieser Ausdruck als Parteibezeichnung gegen ihn gebraucht wird, zumal seit Jahrhunderten mit diesem Worte — es bleibe hier unermittelt, durch wessen Schuld — ein beschimpfender Nebenbegriff verbunden ist. Darf gezweifelt werden, daß Eurer Exzellenz Absicht nicht sein kann, eine ganze Klasse von Untertanen und auch ihre ausländischen Glaubensgenossen unverdient und zwecklos kränken zu lassen. Aber auch auf die Christen übt dieser Mißbrauch der Verordnung einen höchst nachteiligen Einfluß. Seit Dezennien ist allmählich die Scheidewand zwischen Christen und Juden, die nur innerhalb der Kirche und Synagoge an ihrem Ort ist, niedergesunken . . . und gewiß nicht nur die Juden, sondern ganz Preußen, ganz Deutschland hat diesen besseren Zustand als einen solchen und als segensreiche Folge der weisen Maßregeln des Staates empfunden und anerkannt. Soll jetzt der Mißbrauch einer gewiß anderweitig nötig gewordenen Anordnung diese zarte Pflanze der Humanität niedertreten und Drachenzähhe dafür säen? Die Saat wuchert! Soll es die Tugend der Christen, die ihre Religion ausschließlich die der Liebe nennen, soll es diese Tugend fö,rderh; wenn .veralteter und vergessener Schimpf gleichsam restauriert und ifegitijmifert wird? Oder soll von den Juden, und von den Juden allein, die Uebung der evangelischen Tugend .gefordert werden, die zu lieben, von denen sie gehaßt, die zu verehren, von denen sie verachtet werden, treu und beharrlich zu bleiben, während ihrem Zustande keine Festigkeit vergönnt wird? Daß der Mißbrauch, den manche Behörden aus den Anordnungen Eurer Exzellenz machen, Betrachtungen dieser Art erwecken, daß, je schweigsamer diese angestellt werden, sie um so tiefer und verderblicher wurzeln, dies ist ebenso gewiß, als die allgemeine Ueberzeugung, daß Euer Exzellenz dies nicht wollen. gez. Abraham Muhr." Auf seinen Brief hat Abraham Muhr von dem Preußischen Justizminister M ü h 1 e r folgende vom 1. Oktober 1836 datierte Antwort empfangen: „Ihr Sehreiben vom 25. v% M. habe ich soeben erhalten und kann Sie nur ersuchen, die Fälle anzuzeigen, wo Gerichtsbehörden oder einzelne Justizbeamte sich beikommen lassen sollten, sich der Adresse an den Juden N. N. zu bedienen; so wenig man es sich einfallen lassen kann, an den Christen N. N. oder an den Türken N. N. zu schreiben, eben so wenig würde ich es gutheißen, sich jener Adresse an einen Juden zu bedienen. Wo es aufs Glaubensverhältnis ankommt, stellt sich die Sache anders, da ist die Bezeichnung Jude, jüdische Religion ganz an ihrem Platze und dieser uralte Volksname jedenfalls treffender und ehrwürdiger, als der Mosaische, alttestamentarische Glaubensgenosse und wie die Erfindungen der neueren Zeit heißen mögen, deren Ge* brauch, weit entfernt, etwas Höheres auszudrücken, nur verletzend ist, weil kein Jude und überhaupt kein vernünftiger Mensch zugeben wird, daß in der Benennung Jude etwas liege, was man zu umschreiben nötig habe! Von Religionshaß kann überall nicht die Rede sein, wer dem Glauben seiner Väter oder sonst seiner religiösen Ueberzeugung folgt und ein ehrlicher Mann, ein rechtschaffener Bürger des Staates ist, dem er angehört, bleibt stets ehrenwert. Nur wer kein höheres Moral-Prinzip anerkennt, er nenne sich Christ oder Jude, ist ein Mann, gegen den weder Achtung, noch zu dem man Vertrauen hegen kann und den man nur zu dulden hat, solange er nicht dem Arm der Gerechtigkeit verfällt. gez. Mühler." Der König von Preußen selbst aber — es war Friedrich Wilhelm III. — hat in einem Bescheide vom 15. Oktober 1836 an den jüdischen Kaufmann Joel M a i e r in Berlin auf eine Eingabe ähnlichen Inhalts, wie das Schreiben von Abraham Muhr, u. a. die Worte niedergelegt: „ . . . treue Erfüllung der Untertanen und Bürgerpflicht wird, zu welcher Religion sich auch die Einzelnen bekennen, von mir nach wie vor anerkannt werden." 1776 — 1790 — 1836 — 1933. Ein Auf und Ab, Wellenbewegung der Geschichte bis zu dem Jahre 1933, das aber nicht die Aufschichtung eines Trümmerhaufens bedeuten darf, sondern —: und zwar für die Juden der ganzen Welt — das Erwachen jüdischen Ehrbewußtseins, die Selbstbesinnung auf den jüdischen Geist, der der Heiligung, von G'tt die Thora empfangen zu haben, von neuem würdig geworden ist! „Weg ohne Ende." Es soll Musiker geben, die ohne Kenntnis der Harmonielehre mit ihrem Gesänge oder Instrumente die Menschen packen und im Banne halten. Für die Dauer aber möchte man auf die Kunstregel und die gregelte Kunst doch nicht verzichten, insbesondere wenn schrille Töne und Nebengeräusche von Zeit zu Zeit den Kunstgenuß stören. Zu dieser Kategorie von Künstlern gehört Gerson Stern, der uns auf 475 Seiten unter dem Titel „Weg ohne Ende" einen historischen Roman aus dem 18. Jahrhundert erzählt. (Erich Reiß-Verlag, Berlin,) Stern ist eine große Komposition gelungen, aber er kennt die Materie im einzelnen nicht. Man ist von der Zusammensetzung mancher Partien gepackt und sieht über kleine Verstöße hinweg. Vielfach wird aber die Lektüre infolge der sich häufenden Verstöße gegen Geist und Stil der Zeit, die er schildert, zu einer Quelle von Aergernis. Der Roman zerfällt in zwei Teile. Der eine spielt im deutschen Ghetto, in Frankfurt und in neu entstehenden Dorfgemeinden, der andere in Pra g. Das deutsche Ghetto um die Mitte des 18. Jahrhunderts, um vom ersten Teile zu sprechen, bleibt uns, wenn wir das Buch aus der Hand legen, eine ungekannte Welt, weil dem Autor die Orts- und Zeitkunde fehlt. Das Gesicht der Gasse trägt wildfremde Züge, entweder ganz nichtjüdische oder jüdische des 20. Jahrhunderts. Bei der Hochzeit eines jüdischen jungen Mannes, der Kon fad mit Vornamen heißt — ein jüdischer Konrad um 1750! — hält der Oberrabbiner eine eindrucksvolle Traurede, und das Bräutpaar wechselt die Ringe. Daß die Traurede als Bestandteil des jüdischen Trauaktes erst eine Frucht des 19. Jahrhunderts ist und daß die Ringe nach jüdischem Ritus auch heute noch nicht gewechselt. werden, müßte ein Schriftsteller, der jüdisches Leben in früheren Jahrhunderten gestaltet, wissen. Wie wir es überhaupt von jedem, der über jüdische Dinge spricht, verlangen dürfen, daß er uns keinen „Schlomoh Rabbehu" und „Psalmen "Salomos" vorführt, daß er das Schmägebet im Sabbätritual nicht dem „Nischmas" voransetzt, daß er beim Beten in der jüdischen Synagoge seine Beter nicht dauernd auf oder in die Kniee fallen läßt, u. ■ v. m. Will man das Gesicht des Frankfurter Ghetto vor zweihundert Jahren zeichnen, muß man außerdem noch wissen, daß es damals auch am Chanukah oder Purim keine von Gemeindewegen veranstalteten Tanzvergnügungen für Männlein und Weiblein gab, und daß es vollends nicht angeht, einem Rabbi Mos che Kann (er war Führer des orthodoxesten Flügels der Orthodoxie und intimer Freund des Pne Jehoschua) zuzumuten, ein solches Tanzvergnügen mit einer Festrede zu eröffnen. Auch sonst fehlt es gerade nicht an Narben, und Warzen und allerlei Schönheitsfehlern in dem von Stern gezeichneten Gesichte des Frankfurter Ghetto. Die Menschen bewegen sich in Sprache und Ausdruck zwischen einem schwulstigen Hochdeutsch und einem widerlichen Jargon, den die deutsche Gasse nie gesprochen hat. Wir stellten nicht ohne Absicht gleich zu Anfang alle Passiva zusammen, um demgegenüber die Aktiva zu zeigen. Eine jüdische Dorfgemeinde (Walhausen) entsteht vor unseren Augen, ganz aus dem Naturboden in den jüdischen Geschichtsraum hineingewachsen, wobei die nichtjüdischen Typen, von dem Lehrling und dem in seine Schnörkel verliebten Aktuar des Rathauses bis zum . Bürgermeister und dem ganz prächtigen Stadtmedikus, dem Autor noch weit besser gelungen sind, als die jüdischen Figuren. Von den letzteren lernen wir ein paar kernige, markante Gestalten kennen, die aber von einemTroß wankender Schattenbilder begleitet sind, die nur ini Wege sind. Die Hauptakteure sind lauter Idealgestalten, die mit dem Leben des Tages — auch die früheren Jahrhunderte hatten ihren Tag mit seinen kleinen und großen Sorgen und Lasten, seinen hohen und gemeinen Regungen — nichts zu tun haben. Rabbi E1 i e s e r, der auch von seinen Kindern nie ohne Titel genannt wird, huscht bleich durch die Blätter. 11 z i g , sein älterer Sohn, thront in Turmhöhe, wohin sein jüngerer Bruder Abraham zu ihm steigt. Itzig stirbt und wir wissen nicht warum. Auch viele andere sterben und verderben, und wir wissen weder, warum sie gelebt haben, noch warum sie gestorben sind. Ein junges Mädchen geht mit gebrochenem Herzen aus der ersten Jugendbekanntschaft mit einem jungen Manne hervor, und stirbt nach der Verheiratung mit einem Anderen — 'm Wochenbett. Es wird überhaupt verschwenderischer Gebrauch vom Tode als Erlöser in dieser Erzählung gemacht. Manch einer stirbt hier unschuldig, nur weil er für .die weitere Entwicklung der Dinge nicht mehr von Belang oder störend ist. Dann wechselt die Szenerie nach Prag hinüber, und im Mittelpunkte des Geschehens steht Perez von der zweiten oder dritten Generation, Enkel von Rabbi Elieser. Hoch aufgeschossen, den Blick in die Wolken gerichtet, mystisch unfaßlich, ein Fremdling unter Fremden, so steht er da, wie alle Prager Gestalten im zweiten- Teile. Indem der Autor sich in den alten Gassen von Prag ergeht, ist er, vielleicht ohne es zu wissen, ganz im Banne von Meirynk, Max Brod und Martin Buber. Inspiration samt Intuition kommen ihm aus zweiter Hand, eben auf dem Wege über diese Männer und ihre Bücher. Hinter einem kabbalisitschen Nebelvorhange gespenstern an uns vorbei Jeruchim und seine Freunde, allem Anscheine nach noch Ueberblaibsel der Sabbatai Zwi-Anhängerschaft. Der kleine bucklige N a c h u m gibt exotische Weisheiten von sich, die kein Mensen versteht, außer Rabbi Jonathan Eibenschütz, der hier mit ähnlichen Seifenblasen spielt. (Wir kennen Rabbi Jonathan in seinen Werken von ganz anderer Seite.) Und auf diesem verschwommenen Grunde die herrlich rührende Gestalt der F r a d e 1, des Schammestöehterchens, und der H e n d e 1 e , der Tochter Jeruchims, von äußerer und seelischer Schönheit wie von höherem Lichte umflossen. Und über all dem ein warm packendes und historisch wahres Bild von den Leiden der Juden in Prag und ihrer Austreibung aus der Stadt. Ein Schlußkapitel von geradezu dramatischer Wucht, eine Sterbeszene zweier sich liebender Menschen auf der nächtlich schwarzen und winterlich eisigen Landstraße, führt das merkwürdige Buch, ein Werk der Poesie und der Stilwidrigkeiten, der Harmonie und der Dissonanzen zugleich, zu Ende. Es könnte daraus ein herrliches Buch werden, wenn bei einer zweiten Auflage die zahlreichen Passiva zugunsten des Aktivgehaltes abgetragen werden.