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Der Israelit · 1935-02-07 · Heft 6 (7.2.1935) · page 13

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Journal
Der Israelit
Volume
76 (1935)
Issue
Heft 6 (7.2.1935)
Date
1935-02-07
Page
– (sequence 13)
Language
German
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Feuilleton- Beilage Der Israelit Nummer 6 1935 Flucht in die Heimat. Eine Erzählung aus unseren Tagen. (Fortsetzung.) „Wissen Sie, Herr Wilde, welchen Schatz der liebe G'tt mit Baruch in Ihre Hände gelegt hat, welche Verpflichtung er Ihnen mit diesem Kleinod auferlegt hat? Unter Hunderten und Tausenden ragt er empor. Wie Abraham suchte er in geistiger Fremde aus dem Urquell seiner Seele G'tt und fand ihn, er ist zu großen Aufgaben berufen, Baruch, Ihr Sohn, im Heiligen Lande vielleicht . . . Dürfen Sie ihn stören, darf ein Mensch, und wenns auch der Vater ist, -die Wege G'ttes verbauen, ohne seinen rächenden Zorn zu fürchten?" Philipp klopfte an die Türe. Der Wagen warte unten. „Sagen Sie Herrn Kohnstein, dem Prokuristen, ich gehe heute nicht mit auf <lie Börse, er möge allein hingehen und alles gemäß unseren Verabredungen besorgen. Möchte jetzt nicht weiter gestört sein." Philipp schüttelte hinter der Türe den runden Kürbiskopf.. Eigentümlich genug war der Herr Chef schon in letzterer Zeit, seit James, der Jungchef, fort war. Nun flüchtete er sich £ar vor der Börse — geradeaus in die Pollakei. „Sie sprechen, verehrter Meister," nahm Herr Wilde wieder den Faden auf, „vom rächenden g'ttlichen Zorn. Wie, wenn sich dieser schon längst über uns ausgegossen hätte? . . ." Rabbi Schmuhl entging der persönliche Akzent der Worte nicht. „Ich weiß," sagte er, „Sie haben noch einen Sohn, Baruch erzählte mir was . . . Aber glauben Sie nur, das ist der g'ttliche Zorn noch nicht, es ist nur eine Warnung, ein Fingerzeig G'ttes, wie Sie das andere Kleinod zu hüten haben." „Und der andere, mein Sohn James?" Wie dumpfer Hilferuf klang der Name. „Nicht er ist der Schuldige ..." „Sondern ich," ergänzte der stolze Mann klein. „Auch Sie sind Sohn oder Enkel und im Grunde unschuldig, wenn auch alle die Schuld statt zu tilgen, gemehrt haben, Nun ist Ihrem Hause einer erstanden, der die Schuld mit tilgen will, stören Sie ihn nicht, stören Sie nicht die Wege G'ttes." ' V'; „Und James, mein Aelterer,". schrie es aus Herrn Wilde heraus, als müßte er sich bei einem Propheten, den ihm G'tt in den Weg geschickt, letztes Wissen holen. „Ihr anderer Sohn — ich kenne ihn nicht — wird sich finden. Vielleicht nach schwerem Leidenswege, aber er findet sich ins jüdische Heim wieder." „James hatte sich von allem Jüdischem spöttisch abgewandt. Er sah nicht viel davon bei uns vor sich, aber wir spotteten nie der heiligen Dinge." Es klang wie Selbstanklage und Rechtfertigung zugleich. „Und e r spottete über die jüdischen Dinge," hakte Rabbi Schmuhl verständnisvoll ein. „Auch Spott kann Zeichen innerer Verbundenheit sein, aus Aerger über Dinge, von denen man nicht los kommt . .'. Darum, ist auch der zweite Sohn in der Haggada, der R o s c h o , immer noch eine Hoffnung ..." „Wer soll ihm in Ferne und Fremde den Weg weisen, den er' hier nicht gesucht hat?" Herr Wilde gab sich einen Ruck. Bewegte er sich schon in den Gedankengängen Rabbi Schmuhl Karpfenteichs? „Viele kleine und große Lichter," belehrte Rabbi Schmuhl, „leuchten aus der Tiefe des jüdischen Herzens ins jüdische Heim. Wie heißt es doch in den Psalmen: Du hast Pfade in ihren Herzen geebnet." Es war hoher Mittag. Herr Kohnstein, der Prokurist, klingelte an: Der erwartete „schwarze Freitag" sei noch schwärzer, viele Papiere seien noch gerade gut genug, die wertlosen Aktienbündel darin einzupacken und in den Mülleimer zu werfen. Herr Wilde hörte kaum hin. An der Türe verabschiedete er sich von Rabbi Schmuhl Karpfenteich, „Sie haben gut gelernt, verehrter Rabbi, und fast kann ich schon meinen Jüngsten verstehen." Zögernd fügte Herr Wilde hinzu: „Wenn Sie auch für mich eine Stunde in der Woche übrig hätten , . . Sie dürfen nichts voraussetzen, ich habe nichts gelernt . . ." . „Die Thora ist j e <d e m nach dem Maße s einer Kraft gegeben," zitierte Rabbi Schmuhl aus dem Talmud. „Sie hat Licht für aller Augen, von guter und weniger guter Sehkraft." Philipp öffnete die Türe. Eine Welt ging draußen unter, eine andere erstand. Daß aber der Chef „diese Sorte" zur Türe hinausbegleitete, war für ihn das Unbegreiflichste, brachte ihn vollkommen in Verwirrung. III. Am Sonntag Morgen fuhr Herr Wilde mit seiner seit der plötzlichen Abreise James noch stiller gewordenen Frau an die Bahn hinaus. Philipp, der das Auto steuerte, wunderte sich, daß die Herrschaften nicht, wie sonst, die ganze nicht allzuweite Strecke in die Rhöngegend mit dem Wagen machten, noch mehr, daß Herr Wilde Sonntagsbillete dritter Klasse löste. Aber man hatte sich in letzterer Zeit über so vieles im Hause seines Chefs zu wundern, daß man sich über nichts . mehr wunderte . . . In zwei Stunden Bahnfahrt war die Mittelstadt erreicht, von wo eine Schmalspurbahn nach einem Bergdorfe führte. Helle Silberstrahlen warf der junge Tag zwischen Hochsommer und Vorherbst auf die gemähten Wiesen und die £elbgräuen Getreidehäufen auf den schon kahlen Aeckern, Berge rechts und links schimmerten in dunklem Grün, und zu deren Füßen schlängelten sich Wege: und Pfade wie helle Silberketten. Kleine Leute in ländlicher Sonntagskleidung saßen in den langen, sauberen Wagen, schmatzten an ihren Pfeifen und sprachen von der Ernte, vom Vieh und vom Kunstdünger. Frauen stiegen ein und aus, die in ihrer runden Tracht mit den vielen Reifröcken wie wandelnde Tonnen dahinrollten. Norbert Wilde saß in Gedanken versunken. Man wird viel Neues lernen müssen, klangen ihm die Worte des Rabbi Schmuhl in die Ohren. Und hat man es gelernt, dann ist es eigentlich nie neu gewesen. Es saß schon lange im Blute . . . Wie sagte es der polnische Rabbi? Vom Sinai her ... Nach einer halben Stunde langsamer Fahrt hielt das Züglein vor einer halbmondartig gebauten offenen Bretterbude, die hier Häuptbahnhof war. Ein kleines Bauernfuhrwerk wartete auf dem Wege vor der Bahnhütte, aus dem jetzt ein Jüngling in blauer Bluse, eine Baskenmütze auf dem Kopfe, sprang. Braungebrannt, stämmig, das verwitterte Gesicht voller Bartstoppeln, so stand der Junge da, verbeugte sich leicht vor den Gästen, ohne die Mütze zu lüften, und lud sie mit stummer Handbewegung ein, in dem mit Kisten, Stroh und Säcken gepolsterten Wagen Platz zu nehmen. Wo war Boris? Boris? Der Junge staunte, sie hatten keinen Boris auf der Farm. Jetzt kletterte mühselig der andere Jüngling vom hohen Bocke herunter. Auch dieser trug blaue Bluse, flache Baskenmütze auf dem Kopfe und schwere plumpe Arbeiterschuhe an den Füßen. Noch müßte er erst mit schnalzenden Tönen die ungeduldigen zwei Braunen zur Raison bringen, bevor er den Gästen das Gesicht zukehren konnte. Aber Frau Wilde erkannte am Zucken der Achseln und dem schneidenden Brrr! den Sohn, ihren Boris. Jetzt gab es kurze herzliche Begrüßung. „Deine Bartstacheln kratzen aber," zwang sich die Mutter zu einem Lächeln. „Ihr pflegt eure Aecker besser als eure Barte," scherzte auch Vater Wilde und hielt mitten im Satze ein, da er sich der Bitte Rabbi Schmuhls erinnerte, nicht alles gleich schlecht und klein zu finden. Schon hatte sich Baruch auf den Bock geschwungen und die Pferde zogen an. „Es sind unsere Gäule Belschazar und Aschmedai. Besonders der zweite, aus einem Dragonerregiment stammend, ist ein wahrer Teufel. Sie hören fast nur auf Baruch," entschuldigte der Andere. „Sonst hätte er hier gesessen und ich oben. Aber es ist besser, er bleibt eine Weile oben, statt daß wir allesamt in den Graben stürzen ..." „Das fängt schön an," dachte Herr Wilde. Frau Ida aber sagte und dachte nichts. Ihre Mutterblicke hingen am Rücken und Hinterkopf des Sohnes oben vor ihr. Er war breit geworden, der Rücken des stets so zarten Knaben. Und der Nacken, der von keinem Kragen überdeckt war, war wie aus Kupfer, so rotbraun, beinahe wie das Fell der Tiere, die er mit Hütt und Hott und Peitschenknall meisterte. Wo der Junge das alles nur her hatte? Eine halbe Stunde fuhren sie auf leidlich guter Straße. Die Sonne stand noch in roter, runder Kugel im östlichen Horizonte; von einem Kirchturm auf der Höhe kam sonntägiches Glockengeläute. Jetzt ging es ein wenig bergauf, worüber sich Baruch scheinbar in gütlicher Weise mit den Braunen verständigte, denn sie kamen in ruhiges Tempo. „Schau hin, Ida, Schafe," lachte Herr Wilde, der heute alles von der heiteren Seite zu nehmen entschlossen war. „ Un s er e .Schafe, unsere Weide," erklärte der junge Begleiter ,den Baruch Mosche nannte, mit Stolz. „Der junge Mann dort, der gerade einem Schäfchen mit einer. Schere die Klauen manikürt, ist unser Izchok, früher Medizinstudent in München. Er hat heute den Weidedienst. Jeder kommt einmal dran. Auch ihr Baruch kann nicht allein mit Pferden umgehen, sondern auch mit Schafen." „Hoffentlich auch noch mit Menschen," wollte es aus Herrn Wilde herausplatzen. Aber er beherrschte sich. Es war doch gut, daß Rabbi Schmuhl erst kam, dachte er, es war eine gute Hachschara für diese Hachschara . . . Ein Bauernfuhrwerk kam von entgegengesetzter Seite vorbeigerollt und Baruch hatte Mühe, Aschmedai zu bewegen, daß er, der alte Dragoner, dem gemeinen Ackergaul aus dem Bauernstalle ein wenig ausweiche. Aus der Bauernfuhre riefen welche „Salon! Salon!" „Das soll Schalom heißen und ist als Gruß gedacht," erläuterte Mosche. „Manche

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