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Der Israelit · 1935-02-07 · Heft 6 (7.2.1935) · page 4

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Journal
Der Israelit
Volume
76 (1935)
Issue
Heft 6 (7.2.1935)
Date
1935-02-07
Page
– (sequence 4)
Language
German
Belongs to
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Seite 4 Nr. 6 Der Israelit t 7. Februar 1935 Ihr nicht für Euch und für uns die gleichen Konsequenzen aus den Erkenntnissen, die Ihr dort - gewonnen habt? Warum entschließt Ihr Euch nicht, unsere Jugend hier schon für Palästina so zu erziehen und zu prädestinieren, daß sie uns, wenn wir sie im Lande besuchen, nicht so schwer enttäuscht?" Aus den Reformtempeln und aus der Kultur des Sonntagssabbats in der Johannisstraße zu Berlin werden unserer Palästinajugend die Impulse nicht zuströmen, die auch die Männer und Führer dieser Kreise merkwürdigerweise dort suchen und vermissen. Wenn wir die letzteren Sätze niederschreiben, so denken wir dabei an einen Artikel in der jüngsten Nummer der „Mitteilungen der jüdischen Reformgemeinde zu Berlin". Es ist die Gemeinde, die ihren Sabbatg'ttesdienst am Sonntag bei entblößtem Haupte der Betergemeinde und mit einer durchwegs deutschen Liturgie abhält. In dem Organe dieser Gemeinde wird in einem Aufsatz die sorgenschwere Frage aufgeworfen, ob unsere Söhne und Töchter in Palästina fromm bleiben, ob der Zauber der Sabbate und Feste sie noch umspinnen wird? „Wie erstaunen sie — die Eltern — wenn sie vernehmen, daß ihre Kinder im Heiligen Lande unheilig geworden sind, nichts mehr „halten", Gebet und G'ttesdienst zum alten Eisen werfen! Die Alten trösten sich mit der Hoffnung, daß die Jugend ihr Aufbauwerk vollenden und dann wieder zu den Heiligtümern Israels zurückkehren wird. Vielleicht schläft auch ein solcher Wunsch in den jungen Herzen. Aber je weiter der Aufbau fortschreitet, je stärker sie sich mit der Gedankenwelt ihrer — atheistischen — russischen Kameraden verwurzeln, desto gleichgültiger werden sie religiösen Belangen gegenüber. Schließlich erlischt der letzte Rest religiöser Sehnsucht, die in ihren weichen Herzen noch glimmen mag." „Die Siedler behaupten, sie hindern niemanden an der Ausübung religiöser Formen. Sie sagen es. In Wirklichkeit haben sie in einer Siedlung an einem Feiertage die Synagogentür zugenagelt, in einer andern die elektrische Leitung des Tempels durchgeschnitten. In einer dritten wurde der vorgeschlagene Bau einer Andachtsstätte abgelehnt; Begründung: Aufbau des Landes hat mit Religion nichts zu tun.' Von der Feststellung des weisen Königs Salomo: „Wenn G'tt das Haus nicht baut, mühen sich die Bauleute vergebens" (Ps. 127, 1) haben diese ach so siegesgewissen jungen Leute anscheinend noch nichts gehört!" „Religionsunterricht wird in Palästina nicht erteilt. Dagegen wird überall „Bibel" gelehrt: die Patriarchengeschichten und historische Stücke werden wie — Märchen gelesen; ohne Schwierigkeit, denn Hebräisch ist in allen jüdischen Niederlassungen Umgangssprache und Unterrichtsfach. Hoffentlich werden auch die Psalmen an die Kinder herangebracht! Wenn diese in ihnen das Sehnen nach G'tt erwecken, so ist von der kommenden Generation eine Rück-, kehr zur Religion zu erwarten." Das alles und viel mehr ist wirklich im Organ der Berliner S o n n t a g s r e f o r m zu lesen. Der Autor, Herr Professor Dr. Eugen Wölbe, ist uns als ein Mann von ernstem religiösen Suchen bekannt, was noch nicht F i nd e n bedeutet, er würde sonst nicht als Allerheilmittel zur Sanierung des religiösen Lebens in Palästina den liberalen G'ttesdienst empfehlen, Das alles vermindert aber nicht die Komik, die darin liegt, daß die Sonntagsreformgemeinde diesem Prediger in der liberalen Wüste die Kanzel leiht und ihm den Lautsprecher der Presse zur Verbreitung solcher Ideen zur Verfügung stellt. Wir wollen aber über diese Stilwidrigkeit nicht lachen, wollen sie als Symptom einer verworrenen Zeit werten, die die Synthese von »atpai ntJW3 „Tun und Hören" verloren hat. Wir sind Herrn Professor Dr. Eugen Wölbe für diese offene Sprache an dieser Stelle dankbar, verbinden aber mit diesem Danke die Bitte, einmal ein ähnliches warnendes Wort in und für Deutschland selbst, nach Berlin, in der Richtung der Johannisstraße ergehen zu lassen. Veranstaltungen und deren Ankündigungen. Etwas spät für diesen Winter, und doch noch nicht zu spät, tritt die Reichsvertretung der deutschen Juden an die jüdischen Zeitungen, Zeitschriften und Gemeindeblätter mit der Bitte heran, die Ankündigung und Berichterstattung über Veranstaltungen nach Möglichkeit einzuschränken. Es möge in Zukunft nur noch über künstlerisch, geistig oder organisatorisch bedeutsame Veranstaltungen berichtet werden. Ein solcher Appell nur an die Zeitungen wäre an die falsche Adresse gerichtet. Die Zeitungen ergeben nur ein mehr oder minder getreues Spiegelbild der Geschehnisse. Und darum wäre es richtig, die unbedingt notwendige Einschränkung und Zurückhaltung denen ans Herz zu legen, die für die Veranstaltungen verantwortlich sind, und von denen aus der Ansturm auf die Presse so unternommen wird, daß sich diese seiner kaum noch erwehren kann. So hat denn die Reichs Vertretung auch den Vorständen der. Organisationen und Verwaltungen der Gemeinden die Bitte unterbreitet, Zahl, Form und Inhalt der jüdischen Veranstaltungen durch die Rücksicht auf die Gesamtheit des deutschen Judentums bestimmen zu lassen, so daß die Feste und Veranstaltungen ein Spiegelbild der Lage und Haltung der deutschen Juden ergeben. Es dürfte keine jüdische Zeitung in Deutschland geben, die diese Mahnung, schon im eigenen Interesse, nicht aufs wärmste begrüßte. Ob sie beherzigt wird, hängt eben nicht von dein Zeitungen, sondern von den Stellen ab, die glauben, das jüdische Publikum mit Kunst und dem, was sie dafür halten, überfüttern und die Presse zu diesem Behufe „bedienen" zu müssen. „Es soll in Zukunft nur noch über künstlerisch, geistig, oder organisatorisch bedeutsame Veranstaltungen berichtet werden." Hier liegt der Haken, denn jeder Veranstalter wird für sich und sein Werk künstlerische, geistige oder organisatorische Bedeutung in Anspruch nehmen, und die Zeitungen können kein Kunsttribunal einsetzen, um schon a priori den künstlerischen Wert einer Veranstaltung abzuschätzen. Ein Gesichtspunkt darf bei der übermäßigen Propagierung der oft sehr zweifelhaften Kunstdarbietungen durch die Zeitungen nicht übersehen werden: das Bestreben, dem großen Heer brotlos gewordener großer und kleiner, bedeutender und weniger bekannter jüdischer Künstler helfend beizustehen. Diese Kunst, die heute wortwörtlich um Brot bettelt, erheischt unsere Beachtung, unsere Unterstützung. Wo sich solche ausgemusterte Künstler auf jüdischen Brettern sammeln, haben sie von vornherein die Sympathien von Presse und Publikum, um so mehr als es sich bei den Darbietungen dieser Künstler zwar selten um jüdische, aber zumeist um echte, gutgepflegte Kunst handelt. Allein auch darin muß Maß ge-halten werden, und so können wir nur hoffen, daß der Ruf der Reichsvertretung bei den Organisationen und Gemeinden die erwünschte Einschränkung und Zurückhaltung bewirkt. Die Presse wird dann die abebbende Flut der Vorankündigungen^ Ankündigungen und Berichte gewiß nicht bedauern. Deutsches Geschäft und jüdische Angestellte. Seit einiger Zeit tragen in den Großstädten; viele Geschäfte auf ihrem Firmenschild die Bezeichnung „deutsch". Es herrschte zunächst einige Unklarheit darüber, wer berechtigt sei, sieb solcherart als „deutsch" zu bezeichnen. In einem Beschlüsse des Kammergerichtes, der in der „Juristischen Wochenschrift" veröffentlicht ist, wird nun ausgesprochen, daß nur solche Geschäfte sich als „deutsch" bezeichnen dürfen, deren Inhaber arischer Abstammung sind, ausschließlich deutsche Angestellte und Arbeiter beschäftigen und deutsches Material verwenden. Aus mm Kinv Von Rabbiner Dr. Kaatz in Hindenburg (O.-S.) Der für Montag und Donnerstag bestimmte, sogenannte lange Dim ami weist ein hohes Alter auf. Mittelalterliche Quellen berichten über seinen Ursprung, daß Vespasian nach der Zerstörung Jerusalems eine Anzahl Juden auf Schiffe gesetzt habe, die steuerlos ins Meer hioausgetrieben wurden. Die Fahrzeuge, von Wind und Wellen getragen, landeten an drei verschiedenen Städten Südfrankreichs. Dort wurden die Juden wohlwollend aufgenommen und es wurde ihnen Land angewiesen. So führten sie viele Jahre ein friedliches Leben. Dann aber trat, als ein neuer Fürst zur Regierung kam, ein trauriger-. Umschwung ein. Sie wurden all ihres Besitzes beraubt und erlitten harte Verfolgung. Daher setzten sie Fasttage ein und zwei Brüder, Josef und Benjamin, sowie deren Verwandter Samuel verfaßten gemeinsam d.us Gebet Dim Kirn» das sich bald über alle Gemeinden verbreitete. Dieses durch die Tiefe seiner Empfindung und die schlichte Kraft seiner Sprache ausgezeichnete Gebet setzt sich aus vielen wörtlichen biblischen Zitaten zusammen und enthält viele Anlehnungen an Bibelstellen. Es findet sich darin manches, was in sprachlicher Beziehung zu einer Erörterung Anlaß zu geben geeignet ist: 1. Am Schlüsse des vorletzten Abschnittes heißt es: wnri bis iijym- Der Ausdruck beruht auf dem Vers Jesaja 64, 11: Tis» Ty uisrni npnn „Willst du schweigen und uns ganz und gar beugen?" und wird auch in unserem Gebetstück in analoger Weise aufgefaßt und übertragen: „Schweige nicht und überlasse uns der Peinigung nicht." (Hirsch). „0 schweige nicht und laß uns leiden." (Sachs.] Ebenso Baer in seinem Siddtir, wo hervorgehoben wird, daß die Negation sich auch auf UJyfn bezieht. In der Tat kann bei der vorliegenden Vokalisation von iiiym dieses Wort nicht anders als in der Bedeutung „peinigen" verstanden werden. Aber die Frage ist, welche Akzentuierung im Sinne der Verfasser des Gebetes lag. Ist doch der Ausdruck i33ym rmnn bx kein eigentliches Zitat, sondern nur ein Anklang an das Schriftwort Jes. 64, 11, da b* hinzugefügt und Tina ts weggelassen wurde. Wäre der Text unvokalisdert, so wäre es sicher das nächstliegende, laayni' zu übersetzen „und erhöre uns". Wie Berliner in seinen wertvollen „Randbemerkungen" S. 64 mitteilt, geht in der Tat diese Auffassung aus dem Machsor Vitry hervor. So lange das Wort jedoch in unseren Ausgaben usseannenü vokalisiert ist und nicht, wie man erwartet hätte, wessaanenu, kann es nicht anders übersetzt werden als „peinigen". 2. Der Schluß des vorletzten Abschnittes lautet: rtiinnwi ni> ib noip 5oi *pa bo „Jedes Knie und jedes Hohe wird vor dir allein sich beugen." Meines Erachtens steht dieser Satz mit dem unmittelbar vorangehenden onipn in Zusammenhang und bezeichnet den Inhalt der Hoffnung. Die Stelle dürfte zu übersetzen sein; . . , ihre Hoffnung, daß jedes Knie und jedes Hohe vor Dir sich beuge." Der Umstand, daß hier 'a fehlt, hängt mit einer stilistischen Besonderheit des Stückes zusammen, die sich auch an anderen Stellen desselben findet, z. B. kurz vor dem Schluß des Gebetes uiiaa bi ne'an „Schaue herab, wie unsere Ehre gefallen ist." 3. Hinsichtlich des Anfangs des letzten Abschnitts nawna f nnisn sei wegen des auffallenden naiffna statt nawn^ auf die Erklärung Hirschs hingewiesen, der sagt „entweder: du öffnest die Hand mit der Aufforderung zur naiwn oder: durch die nanwi. welche die Menschen üben, läßt du dich bewegen, die Hand zu ihrer Aufnahme zu öffnen." Hirsch und ebenso dieanderen Uebersetzer verbinden also fiawna mit dem. vorangehenden f wiisn- Es wäre aber m. E. auch möglich, es mit dem folgenden bzpb zu verbinden: . . . „um durch Rückkehr Abgefallene und Sünder aufzunehmen." 4. Das im selben Abschnitt stehende UlSptM bezeichnet Berliner a. a. 0. wegen der Vokalisation als ein „Monstrum". Er hat offenbar gleich manchen anderen wxptn als ein Hauptwort angesehen. Aber das trifft nicht zu. Es ist vielmehr das Zeitwort im Piel und ist mit Hirsch zu übersetzen „und sie scheuen uns." Sachs umschreibt es. Nocheinmal die Frage des ^DlÖ^K* Die in Nr. 3 des „Israelit" für dieses Wort von Herrn Rabbiner Dr. Kaatz gegebene Deutung scheint mir nicht zuzutreffen. Auch Mussafias Vermutung, daß es durch verkehrtes Lesen des nvm« yai» Ve>!V entstanden sei, ist höchst unwahrscheinlich. Ebenso jgewagt ist auch die Gleichsetzung von.-.w mit »n- , Wer die Odyssee in der Ursprache gelegenh&t, erinnert sich wohl des oft vorkbmmendenl^^OTrpi^daB mit hebräischen Buchstaben eben 'S»'« heißt,' Da.fe

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