Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 76 (1935)
- Issue
- Heft 6 (7.2.1935)
- Date
- 1935-02-07
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
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7. Februar 1935 De 1 s r Ii t r.Nr.-0 Seite 3 -nrrr KeueAuf gaben des organischen Agudismos. (Fortsetzung von Seite 1.) So ist „Agudas Jisroel" für heute noch nicht identisch mit der Summe der Individuen, deren Seele den überzeitlichen Zusammenhang mit der Sinai-Offenbarung in sich birgt; sie muß weiter wirken und werben, um ihren Anspruch, das ideale jüdische Volk zu sein, in dieser Welt des Scheines und der Verblendung durchzusetzen. Aber vielleicht liegt ein Stück fürsorgender Waltung in dieser aufgezwungenen Beschränkung. Denn riesengroß erhebt sich auch innerhalb des noch lange nicht vollendeten Organismus vor den verantwortlichen Führern die Aufgabe, des inneren Reichtums an Differenzier u n g und Gliederung Herr zu werden, die Spannungen zu überwinden, die zwar geradezu das Leb e n des Organismus bedeuten, die aber -— soll nicht ungezügeltes Ichtum die Form des Organischen sprengen — Beherrschung fordern durch das Einheitsprinzip, aus dorn sie stammen und zu dem sie bereichert zurückstreben. Wir denken dabei heute nicht an die von Anbeginn an durch die Agudo — erstmals in der jüdischen Geschichte — zur Zusammenarbeit geführten historischen L a n d e s - I n d i v i d u a- 1 i t ä t e n , an die verschiedenen A u s p r ä g u nen der thoragemäßen Lebensgesirinung und Lebensform; denn grade hier ist die Erziehimg .zu Einheitsgefühl und Einheitsbewußtsein v er - hältnismäßig weit fortgeschritten. Vielmehr ist es das Problem der Generationen auf der einen, das der K l a s s e n innerhalb des Organismus des Thoravolkes auf der anderen Seite, was heute durch äußere Ursachen aus seiner ewigen potentiellen Gegebenheit zu einer gewissen Aktualität erwacht ist. Beide Probleme untereinander erzeugen dann noch weitere Verwicklungen. Die Geschichte der Jugend-Orgahisat i o n e n der „Agudas Jisroel" in den verschiedenen Ländern zu schreiben, ist hier nicht der Ort; sie ergäbe ein vielfarbiges Bild, und ihre Problematik ist darum nicht in wenigen Worten abzutun. Im Mittelpunkt des Interesses steht heute die Zeirim - Organis ation in Pol en, die zahlenmäßig und qualitativ auf beträchtliche Leistungen für die Verbreitung und Vertiefung des Agudo-Gedankens unter den jüdischen Massen zurückblicken darf, und die danach den be-, greiflichen Ehrgeiz hat, die von ihr Gewonnenen und Erzogenen innerhalb ihres organisatorischen Rahmens so lange wie möglich zu betreuen und sie weder bei der Massen-Uebersiedlung nach Erez Jisroel, noch im natürlichen Zuge des Hinein Wachsens in die Ortsgruppen zu verlieren. Bei dem ersteren Bestreben stoßen die Zeiirim mit den P o a 1 e A g u d a s Jisroel" und mit der Hachschbro-Arbeit der Palästina - Z e ntrale zusammen, bei dem letz-: teren natürgemäß mit dem vitalen Anspruch der L a n d e s'ö'r g'a ni s a;t i o n auf Nachwuchs und Verjüngung. . Daß dieser letztere Anspruch berechtigt ist, und daß; eine Jugend- Organisation logischer Weise sich der Abgabe ihrer Mitglieder in einem bestimmten Maximal-Alter an die Ortsgruppen gar nicht entziehen kann, liegt auf der Hand. Auch der Ehrgeiz, eigene Hachschoro-Stätten zu gründen, zu unterhalten und zu leiten, scheint zu weit zu gehen, denn es sprechen die einleuchtendsten Gründe dafür, das ganze Hächschoro-Wesen in einer festen, von praktischer Erfahrung und pädagogischer Zielbewußtheit geleimten Hand zu vereinigen und die finanziellen Mittel nicht unter zwei oder drei (auch die Poalim sind da) administrativen Apparaten zu zersplittern. Darum bleibt es dennoch möglich, die Zeiirim-Führer in den Dienst des Hachschoro-Wesens zu stellen und ihnen -— ähnlich, wie es in Deutschland bei dem „Noar Agudati" der Fall ist — den gebührenden Einfluß auf die erzieherische Arbeit der Hachschoro einzuräumen. .,, Gar nicht ernst genug zu nehmen ist dagegen die Gefahr, die der Zeiirim-Organisation durch den allgemeinen Drang nach Erez Jisroel droht. Man geht heute nicht mehr, wie in früheren Zeiten, nach dem heiligen Lande, um dort dem Studium der G'tteslehre zu leben, sondern um durch Arbeit eine wirtschaftliche Existenz zu finden und im Schweiße seines Angesichtes Frau und Kinder z?u ernähren. Schon der Anwärter auf die Alijah fühlt sich von vornherein als Arbeiter, zumal dann, wenn er nur um den Preis einer Hachschara zu dem ersehnten Zertifikat gelangen kann. Die Massen-Alijah der Jugend wirkt daher in Polen nicht nur — zum Unterschied von Deutschland — der Frequenz der Jeschiwos entgegen, sondern sie führt auch automatisch die jungen Menschen schon in der Heimat in die Reihen der agudistischen Arbeiterorganisation, der Poale Agudas Jisroel. Daß diese Arbeiterorganisation für Erez Jisroel und ebenso auch für Polen vom Standpunkte des Agudismus eine Lebensnotwendigkeit ist, bedarf keiner breiteren Ausführung. Der Kampf des religiösen Idealismus mit der materialistisch - marxistischen Wirtschaftsgesinnung gehört zu den fundamentalen, man darf sagen weltgeschichtlichen Aufgaben, die dem G'ttesvolke gesetzt sind, und nur durch eine Sonder-Organisation der in der Lohnarbeit Stehenden, die von dem Verdachte kapitalistischer Interessen frei ist, kann dieser Kampf mit Erfolg geführt werden, Man spricht jetzt viel von den Gefahren, die mit einer solchen Sonderorganisation verknüpft sind. Sie erzeuge bei den agudistischen Arbeitern eine letzten Endes vom egoistischen Wirtschaftsinteresse inspirierte Klassen-Ideologie, steigere die Gefahr, marxistischer Infektion zu verfallen und verschlimmere so das Uebel, dem man entgegenwirken, wollte. Diese Befürchtungen sind an sich zweifellos berechtigt: Jede Differenzierung bedroht die Einheit; erst recht^ wenn das Prinzip dieser Differenzierung „ aus einem der mächtigsten Triebe der Menschennatur, dem (berechtigten) Egoismus, und nicht, wie etwa bei der Jugend, aus einer, bloßen Naturtatsache, mit ihren psychologischen Konsequenzen,1 dem Jungsein, hervorwächst. Aber was aus dieser Konstellation folgt, ist nur die Erkenntnis, daß hier eine neue o r g a n i .s atorische Aufgabe allerersten Ranges für Agudas Jisroel als Organismus des Thoravolkes vorliegt, die noch dazu nicht dasjenige Maß von Gemächlichkeit und geduldigem Reifenlassen verträgt wie manche andere Probleme,' die den Inhalt der agudistischen Entwicklung bilden. Wenn im „Darkenu" vor kurzem von einer führenden agudistischen Persönlichkeit der Vorschlag gemacht worden ist, Zeiirim und Poalim als Organisationen überhaupt aufzulösen und die Lösung ihrer Aufgaben Ressorts des Zentralbüros — unter Leitung der Jugendbezw. Arbeiterführer — zu übertragen, so scheint uns ein solcher Bruch mit der bisherigen Entwicklung viel zu weit zu gehen. Aus Warschau ist inzwischen gemeldet worden, daß auf palästinensische Initiative erfolgreiche Einigungsverhandlungen zwischen Zeiirim und Poalim stattgefunden haben, über deren Inhalt man bisher nichts weiter gehört hat. Vielleicht liegt die Lösung des Grundproblems aber gerade in einer innigeren Vermischung und Ineinanderschmelzuhg des Zeiirim- und des Poalim- Elementes in geeigneten organisatorischen Formen; das ,heißt ohne Zerstörung »der beiderseitigen Organisation, in einer Weise, die beide zu ihrem Rechte kommen läßt, so daß die psychologischen Grundhaltungen beider Gruppen einander ergänzen und berichtigen. Je mehr Menschen, deren Inneres tagtäglich aus der Fülle des Thoralernens getränkt und geformt wird, aus dem Zeiirim-Kreise an der Kulturarbeit der „Poalim" teilnehmen, desto stärkere Impulse kann die einigende Kraft des G'tteswortes auf die Welt des ökonomischen Denkens ausüben. Und je klarer und ruhiger die Forderung sozialer Gerechtigkeit erhoben, aus dem Geiste der Thora heraus vertreten, und in erfahrungsmäßig begründeten ökonomischen Postulaten von Arb eitern niedergelegt wird, desto reicher wird der Born der Halacha auch auf diesem, vielfach vernachlässigten Gebiete fließen. Man sollte also prüfen, ob sich nicht beide Organisationen zusammenfassen lassen. Je schwerer die Aufgabe,' desto lohnender wird der Ertrag ihrer Lösung sein. Wochenrutidschau, - ■ Ist die Thora nur für das heilige Land verbindlich? Es gehört heute zum guten Tone im jüdischen Kreise, eine ,.Mittelmeerreise nach Palästina" zu machen, und es ist schon geradezu selbstverständlich, daß neben den Berufenen, die sich lange Monate im Lande umgesehen haben, auch jeder, der auf einem „Abstecher" in Palästina ein paar jüdische Felder und die dazugehörigen Menschen gesehen hat, seine Erfahrungen und Erlebnisse, seine „ganze tiefe Kenntnis von Land und Leuten" in Wort und Schrift auspackt. Das wäre alles nicht tragisch zu nehmen, denn jedes geweckte Interesse für Erez Israel kann sich schließlich in Liebe, in Tat, in Segen für das Land, das jetzt schon Hunderttausenden unserer Brüder eine1 Heimat geworden ist, umsetzen. Nicht davon soll hier die rRede sein. Aber etwas anderes fällt auf: Menschen, die hier für ihre eigene Person praktisches Judentum. als überwundenen Standpunkt ansehen, erzählen in ihren Berichten und Vorträgen mit Entrüstung vom thorafremden und religionsfeindlichen Leben, dem sie dort in Stadt und Land begegneten, von der Verletzung des Sabbat, vom unjüdischen Geist in der nationalen Schule, von der religiösen Verwilderung in der Jugend und den' Ärbeiterkreisen, Vor kurzem bekamen wir auch m einem Frankfurter Vortragssaal Aehnliches von einem exponierten Führer des Liberalen Judentums in Deutschland zu hören. Die Beobachtungen werden auf Wahrheit beruhen, auch .die Entrüstung mag echt sein, denn diese Männer haben sicherlich im Lande der Thora und Propheten mehr vom Geiste der Thora und Propheten erwartet, und sind enttäuscht. Wundern muß man sich nur, daß nicht eine Stimme vom Hintergrunde laut wird: „Und Ihr, und wir bei uns? Ist die Thora nur für Palästina gegeben, haben die Propheten nur für die Männer "auf dem Tempelberg gesprochen? Ist nicht der Talmud in Babylonien, ist nicht der Schulchan Aruch in. seiner Totalität in Deutschland, Safed und Polen, verbindlich für. das Judentum der gesamten Diaspora, entstanden?" Nicht darf natürlich die Frage lauten: ,,Warum verübelt Ihr es denen'in Palästina, was Ihr für Euch, selbst als selbstverständlich , in Anspruch nehmt?" Nein, umgekehrt: „Warum zieht