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Der Israelit · 1935-02-07 · Heft 6 (7.2.1935) · page 2

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Journal
Der Israelit
Volume
76 (1935)
Issue
Heft 6 (7.2.1935)
Date
1935-02-07
Page
– (sequence 2)
Language
German
Belongs to
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Seite 2 Nr. 6 D e, r Israelit 7. Februar 1935 Ein Ritualmordmärchen des „Stürmer" findet seine Erledigung. Breslau, 6. Februar. Wie erinnerlich, brachte der Nürnberger ,,Stürmer" im August 1934 einen spaltenlangen Artikel auf der ersten Seite, der unter dem Titel „Der Ritualmord von Breslau" den im Juni 1926 auf geheimnisvolle Art verübten Mord an den zwei Kindern der Witwe F e h s e in Breslau behandelte. Man fand damals die beiden Kinder zerstückelt an der Mauer der Technischen Hochschule auf und es schwirrten in der Stadt allerlei Gerüchte, die der „Stürmer" nach acht Jahren wieder aufgriff und in großer Aufmachung für eine Ritualmordbeschuldigung gegen die Breslauer Juden auswertete. Die betreffende Nummer wurde damals in Breslau beschlagnahmt und verboten, weil die Angaben völlig unzutreffend und auch geeignet waren, das Ansehen der Breslauer Polizeibeamten herabzusetzen. Nunmehr wurde in Breslau ein ehemaliger Student namens Herbert Holl verhaftet, dem seit 1924 eine ganze Reihe von Lustmorden an Kindern nachgewiesen werden kann. In dem bei den Verhafteten beschlagnahmten Papieren befindet sich wiederholt auch der Name Erika (Die beiden ermordeten Kinder hießen bekanntlich Erika und Otto.) Es haben sich auch viele Zeugen gemeldet, die Holl als den Mann erkennen, der am Tage der Tat mit den beiden Fehse-Kindern gesehen wurde, und andere Zeugen haben H. in der kritischen Zeit wieder holt in der Nähe der Wohnung der Frau Fehse angetroffen. Es handelt sich um einen anorma len, aber in mancher Hinsicht hochintelligenten Menschen, der ein Jahrzehnt hindurch den ge heimen Schrecken der Breslauer Bevölkerung bildete. Noch leugnet er die Tat, doch kann es kaum einem Zweifel unterliegen, daß auch der Fall Fehse mit dieser Verhaftung ihre Aufklärung und Erledigung findet. Die antijüdischen Ausschreitungen in Algerien. Paris, 4. Februar. Zu den Vorgängen in S e t i e f (Algerien) wird der Jüdischen Telegraphen-Agentur gemeldet, daß es dort zu blutigen Ausschreitungen gekommen ist, die vielfach antijüdischen Charakter trugen. Bei diesen Ausschreitungen wurden zwei Personen getötet und fünf, unter ihnen auch Polizisten, verletzt. Die Menge griff fünf Cafehäuser an, von denen zwei vollständig verwüstet wurden. Die Kämpfe begannen, als ein eingeborener Scharfschütze namens Saoula in einem Cafe von einem Polizisten tödlich verwundet wurde. Es entstand das falsche Gerücht, daß es ein jüdischer Polizist gewesen sei, der den Scharfschützen getötet hatte. Auf dieses Gerücht hin zog ein Teil der Menge ins Judenviertel, schlug in mehreren jüdischen Geschäften die Schaufenster ein, plünderte die Läden und griff die Bevölkerung an. Ein Polizist wurde zu Tode gesteinigt, ein eingeborener Soldat getötet. Erst als vom nächsten Polizeihauptquartier Verstärkungen eintrafen, konnte die Ruhe einigermaßen wiederhergestellt werden. Das Innenministerium veröffentlicht ein Communique, in dem mitgeteilt wird, daß m Setief Ruhe und Ordnung vollständig wiederhergestellt wurden. Bei den Unruhen seien drei Eingeborene getötet worden. Die jüdische Bevölkerung habe kein Todesopfer zu beklagen. Demgegenüber meldet „Daily Herold", daß die jüdische Bevölkerung auch aus den Nachbarortschaften von Setief flieht. Staatsminister Schemm über Thora und Talmud; „Das Teufelswerk der Weltgeschichte". Düsseldorf, 5. Februar. In der „Volksparole" in Düsseldorf veröffentlicht Staatsminister Schemm, der Führer des nationalsozialistischen Lehrerbundes, einen Aufsatz, in dem er auch auf das Judentum eingeht. „Sein auf Materialismus und irdischen besitzmäßigen Genuß eingestelltes Wesen", so schreibt Minister Schemm, „das keine großen Ewigkeitsgedanken in sich barg, bewirkte naturgemäß die Ueberzeugung, daß dieser stets gleichbleibende materialistische Genußzustand gesetzlich geregelt werden mußte. Daher kam das Gesetzbuch, die Thora. Im Laufe der Jahrhunderie jedoch erwies sich dieses Gesetzbuch als unzureichend, entweder waren die Maschen zu groß oder zu klein, und es galt, gewissensberuhigende Paragraphen zu schaffen. So schufen die alttestamentlichen juristischen Zauberkünstler das um viele Paragraphen erweiterte Gesetzeswerk der Mischna und man plünderte lustig, im Rahmen des Gesetzes sich von J . . . e beschützt fühlend, die Mitmenschen aus und bezog sich dabei noch auf Recht, Gesetz und Moral. Es dauerte auch nicht lange, dann waren auch hier bald Defekte und Fehler, Unzulänglichkeiten, vielleicht aus Gewissensbissen fühlbar. Deshalb schufen die vorhin erwähnten Gesetz esfabrikanten das Teuf eis werk der Weltgeschichte, den Talmud, der ein Gesetzbuch darstellt, welches mi den Begriffen Recht und Moral die niedrigsten Gemeinheiten verbindet." (Es wird wohl in der ganzen Welt keinen für die Beurteilung historischer Literaturdenkmäler kompetenten Fachmann geben, der dieses summarische Urteil auch nur für diskutabel hält. Red.). Das Auswandererproblem. Besprechungen zwischen Oberkommissar Macdonald und Organisationen in Paris, Paris, 3. Februar. Der vom Völkerbund eingesetzte Oberkommissar für Auswandererhilfe, James MacDonald, hält sich gegenwärtig in Paris auf, um Verhandlungen mit verschiedenen Organisationen und Behörden zu führen. Er benutzte diese Gelegenheit, um gleichzeitigjmit den Vertretern aller Organisationen, die sich mit der Hilfsarbeit beschäftigen, Fühlung zu nehmten. Diesem Zweck diente eine Sitzung im europäischen Büro des American Joint Distribution Committee, zu der die Bevollmächtigten der zahlreichen französischen und jüdischen Organisationen erschienen waren. Die Organisationen hatten den Wunsch, dem Flüchtlingskommissar ihre Stellungnahme zu wichtigen Emigrationsfragen zu unterbreiten, andererseits legte MacDonald selbst Wert darauf, von den Trägern der sozialen Arbeit in der Emigration informiert zu werden. Einen weiten Raum nahm in der Besprechung die Frage der Aufenthaltserlaubnis für die Ausgewanderten in Frankreich ein. Da die Zahl'der Ausweisungen groß ist, besteht auf: allen Seiten der Wunsch, allgemeine Richtlinien festzulegen, nach denen verfahren werden kann. Der Generalsekretär des Cpmite National, Raymond Raoul Lambert, teilte mit, daß in absehbarer Zeit mit dem Erlaß neuer Richtlinien durch die Regierung zu rechnen sei. Hierbei würde eine grundsätzliche Scheidung zwischen den politischen und den übrigen Emigranten erfolgen. Alle Anwesenden vertraten die Meinung, daß es nunmehr Pflicht des Völkerbundes sei, sich mit dem Qesamtproblem der deutschen Auswanderer zu beschäftigen. Der Flüchtlingskommissar wurde gebeten, diesen Standpunkt in G?nf vorzutragen. James MacDonald betonte die außerordentlichen Schwierigkeiten, die sich gerade im gegenwärtigen Augenblick auf politischem Gebiete einem solchen Protektorat des Völkerbundes über die Auswanderer entgegenstellen. Schließlich kamen die Versammelten überein, daß zwischen allen namhaften Organisationen der Zusammenhang aufrecht erhalten werden soll, um in regelmäßigen Zeitabständen die gemeinsamen Arbeitsmöglichkeiten zu besprechen. Unstimmigkeiten im Stadtrat von Jerusalem überwunden. Jerusalem, 3. Februar. Wie die ITA. erfährt, konnten die Unstimmigkeiten, die sich in Bezug auf die Leitung der laufenden Angelegenheiten der .jerusalemer Stadtverwaltung zwischen dem Bürgermeister Dr. Khalidi und den jüdischen Stadtverordneten ergeben hatten, im Verhandlungswege behoben werden. Es heißt, daß der ßürgermeister nunmehr bereit ist, die Leitung der Verwaltung mit dem jüdischen Vize-Bürgermeister Daniel Auster zu teilen, sobald entsprechende Durchführungs- Anweisungen seitens der Regierung erlassen sein, werden. Von informierter Seite wird versichert, daß die getroffenen Abmachungen vom jüdischen Standpunkt aus als zufriedenstellend anzusehen sind, Vizebürgermeister Auster wird durch sie in die Lage versetzt, sein Amt in dem von den jüdischen Stadtverordneten und den repräsentativen jüdischen Körperschaften geforderten Rahmen und mit den hierfür vorgesehenen Prärogativen auszuüben. Nachklang zu dem Grahamstowner Prozeß um die „Protokolle der Weisen von Zion", London, 4. Februar. Der Vorsitzende des Board of Deputies of British Jews, Neville L a s k i, teilt der ITA. mit, er habe soeben aus J ohannesburg die Nachricht erhalten, daß Harry I n o h , einer der drei Angeklagten, die in dem Grahamstowner Prozeß um die „Protokolle der Weisen von Zion" zu lohen Geldstrafen verurteilt wurden, eine Gefängnisstrafe von 61/* Jahren erhalten hat. Gegen ihn und mehrere Komplizen sind noch einige Strafsachen anhängig.

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