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Der Israelit · 1935-01-31 · Heft 5 (31.1.1935) · page 10

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Journal
Der Israelit
Volume
76 (1935)
Issue
Heft 5 (31.1.1935)
Date
1935-01-31
Page
– (sequence 10)
Language
German
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Seite 10 Nr. 5 Der Israelit 31. Januar 1935 Eine neue Bibelübersetzung. In einer Zeit, da so viele wieder den Weg zur Bibel und damit zum Judentum suchen, legt uns der Kauffmann-Verlag, Frankfurt a. M. eine neue Bibelübersetzung auf den Tisch, die schon äußerlich als handliches, schön ausgestattetes. Büch von 430 Seiten unser Gefallen findet. Haben wir nicht Bibelkommentare und Bibelübersetzungen schon übergenug? fragt man sich. Ja, Kommentare, in hebräischer . und deutscher Sprache, alte und neue, von Berufenen und Unberufenen geschrieben, beim ewigen Lichte G'ttes und im Scheine fremder Lichter abgefaßt. Wohl dem, der an der Quelle sitzt und Korn von Spreu sondern kann. Hier haben wir es mit einer einfachen Uebersetzung der Thora zu tun, deren Bedeutung gerade in der Einfachheit und Anspruchslosigkeit, in der absoluten Anlehnung an den Text, in ihrer Korrektheit und Treue liegt. Und der Wert dieser Bibel liegt vor allem auch darin, daß sie nicht allein eine Lektüre für den Lesenden, sondern auch ein Hilfsbuch für den Lernenden ist, indem sie durch die Zeichen und Versangaben und wortgetreue Uebertragung Jeden in die Lage versetzt, das Thorabuch im Original aufzuschlagen und sich mit dieser Verdeutschung die Bahn in den Urtext zu ebnen. An der Spitze der Herausgeber dieser Bibelübersetzung steht Harry Torczyner, ein Name, der in unseren Kreisen flicht sehr vertrauenerweckend wirkt, dessen bibelkritische Hypothesen uns schon oft genug die Feder zur Ablehnung und Warnung in die Hand gedrückt haben. Hier allerdings ist, das muß anerkannt werden, von jenem Geiste nichts zu spüren. Es ist eine wörtliche kommentarlose Verdeutschung des heiligen Wortes in den fünf Büchern der Thora, und als recht geeignetes Hilfsbuch zur Erlernung des heiligen Urtextes bestens zu empfehlen. (Das Buch ist bei der Firma J. Kauffmann, Frankfurt a. M. zum Preise von RM. 4.50 geb. zu beziehen.) - Sch. Kinderecke. Das ewige Feuer. Eine Erzählung von den SabbatHchtern. Von Siegfried Geller. Es war im Winter an einem „langen" Freitagabend. Tiefer Schnee hüllte das Städtchen mit seinen kleinen, niedrigen Häuschen in eine einzige weiße Decke. In den engen Gäßchen war kein Laut zu vernehmen; äußerste Stille beherrschte den Umkreis. Kein Wunder auch, denn über die Hälfte der gesamten Einwohner waren Juden, und wenn der Sabbat seinen Einzug hielt oder sonst irgendein jüdischer Feiertag, dann ruhte auch die Arbeit der nichtjüdischen Bevölkerung, weil einer vom andern abhängig war. Es war übrigens ein sehr harmonisches Zusammenleben zwischen Juden und Christen, sowohl wirtschaftlich als auch gesellschaftlich. Man half sich gegenseitig, und man teilte gemeinsam Freud und Leid. Nicht Haß und Neid trennten die beiden Gruppen, sondern wahres Menschentum vereinte sie. In einigen Fenstern konnte man noch den Schein der Sabbatlichter bemerken, und aus manch einer Tür noch die Semiroth-Gesänge hören, aber allmählich verstummten die heiligen Melodien, denn es war schon spät am Abend. Nur ab und zu unterbrach ein Wachhund durch sein schallendes Gebell die feierliche Sabbatstimmung. Der Sabbat hat eine so heilige Kraft in sich, die man nicht schildern, sondern die man nur fühlen und empfinden, kann. Auch im Hause des alten Raws hatte sich soeben alles zur Ruhe begeben. Eine schöne, echt jüdische Freitagabendfeier nach alter überlieferter Tradition war beendet. Das Familienoberhaupt verstand es sehr gut, durch allerlei interessante Vorträge über die hohe sittliche Idee des Sabbats die Kinder die Heiligkeit dieses Tages unmittelbar spüren zu lassen, so daß sie beim Zubettgehen noch ganz in seinem Bann standen. Der bald vierzehnjährige Uri und sein jüngerer Bruder Wolf schliefen gemeinsam in einem Zimmer, das an das Eßzimmer angrenzte. Bevor Uri schlafen ging, ließ er die Tür des Eßzimmers offen, damit sein Schlafraum durch den Schein der Sabbatlichter, die noch ungefähr eine gute halbe Stunde brennen durften, etwas erhellt wird; denn Uri .-schlief immer lieber bei Licht ein. Sein Brüderchen Wolf lag schon in tiefem Schlaf und träumte sicher schon von all den schönen Erlebnissen des Freitagabends. Nur Uri konnte heute nicht so schnell Schlaf finden; und so dachte er über alles Mögliche nach. Plötzlich aber blieben seine Blicke an den beiden Säbbatkerzen haften. Starr und gebannt von ihrem heiligen Schein beobachtete Uri genau ihre Flammen. Manchmal, da brannten sie ganz ruhig und strebten in die Höhe, und manchmal wieder begannen die Flammen unruhig hin und her zu flackern, als hätte sie jemand aus ihrer Ruhe gestört ... Uri hatte diesen Vorgang genau beobachtet. Nicht ein einziges Mal waren seine Blicke von den Kerzen gewichen. Ihn überkam ein seltsames Gefühl; er wurde ängstlich. Warum — das wußte er eigentlich nicht. Die Lichter waren nun schon allmählich dem Erlöschen nahe. Für einige Sekunden wurde es ganz dunkel, so daß Uri glaubte, die Lichter wären schon erloschen. Aber nein! Sofort entstieg wieder den zwei silbernen Leuchtern eine große Flamme, viel größer als zuerst und erhellte das Zimmer. Uri wurde es jetzt noch viel unheimlicher zumute. Denn als er so die zwei Lichter betrachtete, wie sie gleichermaßen mit dem Tode rangen, da mußte er unwillkürlich an seine Großmutter denken, die vor einem halben Jahre starb. Er war dabei, als die alte Frau im Todeskampf lag, und er mußte zusehen, wie man ihr dann die Augen zudrückte. Uri wurde aber allmählich doch müde. Wieder sah er, mal aus dem einen, mal aus dem andern Leuchter eine solch große Flamme, man möchte sagen heilige Flamme auflodern; und das immer, wenn er glaubte, die Lichter wären erloschen. Uri staunte, wie lange sie brannten; er wollte nun noch nicht einschlafen, weil er jetzt neugierig wurde, wie lange die Sabbatlichter wohl brennen würden, ,bis sie vollständig erloschen sind. Aber Uri war schon so müde, daß ihm die Augen zufielen. Ab und zu raffte er sich mit Gewalt aus seinem Dösen auf — aber wieder entrollte sich vor seinen Augen dasselbe Bild: die große Flamme . .. Uri schlief ein, aber die Lichter brannten immer noch .... Ein solches Erlebnis kurz vor dem Einschlafen spiegelt sich meistens im Traum wieder. Uri träumte von den beiden Sabbatlichtern. Er sah sie weit schöner, als sie in der Wirklichkeit aussahen. Sie steckten in zwei riesigen silbernen Leuchtern, wie Uri ähnliche noch nie gesehen hatte; die Lichter selbst, die gleichfalls sehr groß waren, brannten mit einer Flamme, die Uri an eine lodernde Fackel erinnerte. Uri fühlte sich sehr wohl in ihrer Umgebung; denn die Sphäre, die die Lichter umgab, war äußerst lieblich und harmonisch. ■Unerwartet aber wurden die herrlich glänzenden Leuchter immer größer und größer, bis sie eine so riesige From annahmen, daß sie am Nichts aufgingen . . . Gleich danach ereignete sich etwas Seltsames: Vor Uri begann die ganze jüdische Geschichte abzulaufen! Ja, nicht nur abzurollen, sondern Uri erlebt nun selber die großen Geschichtsepochen des Judentusm, weil er mitten in sie hineingestellt wird. Uri erlebt das Zeitalter unserer großen Patriarchen Abraham, Isaak und Jakob. Er sieht sie alle wie sie bemüht sind, in ihrem Leben die hohen gütlichen Ideale zu verwirklichen. Uri durchwandert all die Begebenheiten, die wir alle aus der Thora her kennen. Alles vollzieht sich aber in einem ungeheuren Tempo. Schon ist unser Uri dabei, wie die Kinder Israel trockenen Fußes durch das Rote Meer schreiten, nachdem er vorher die Wunder G'ttes in Aegypten mitansehen durfte. Aber der Zug durchs Meer, erschüttert ihn ganz besonders; er erkennt erst jetzt so richtig die Allmacht G'ttes. - Kein Wunder, daß dieses weltgeschichltiche Ereignis später in den verschiedensten Gebeten erwähnt wird. Doch das, was seit Bestehen der Welt einzig dasteht, das Ereignis, in dessen Bann die ganze Menschheit stand und stehen wird, auch das erlebt Uri: die Offenbarung am Sinai. Israel, das auserwähite Volk G'ttes, wird beauftragt, nach dem g'ttlichen Gesetz zu leben, um so als leuchtendes Vorbild der ganzen Menschheit voranzugehen. „Liebe deinen Nächsten wie dich selbst!" Das ist der große Befehl G'ttes an Israel und an die Menschheit. Im Mittelpunkt steht das Gesetz der Sabbatheiligung. Der Sabbat, der nicht nur an G'tt erinnern soll, der in sechs Tagen Himmel und Erde geschaffen hat, sondern auch an die Befreiung aus der Knechtschaft. Israel soll nicht mehr Sklave seiner Arbeit sein, sondern Herr seiner Arbeit! Um das zu zeigen, soll er sich am siebenten Tage seines freien Menschentums im Ebenbilde G'ttes freuen. Den Höhepunkt der Reise durch die jüdische Geschichte hatte Uri erreicht; etwas Höheres erleben, konnte er gar nicht mehr. In einem noch schnelleren Tempo als bisher, durcheilte Uri in seinem Traum das weitere Schicksal des jüdischen Volkes. Er sieht es, nach vielen unsäglichen Mühen und Leiden das jüdische Land erobern, er sieht es, ein eigenes staatliches Leben führen, er erlebt aber auch die große Katastrophe des jüdischen Volkes: die Zerstörung seines Heiligtums und somit den Untergang des jüdischen Staates. Gräßlichen Szenen wohnt Uri bei während der Kämpfe der Römer gegen die Juden, Doch das Allerschrecklichste, was Uri sieht, ist die Entweihung und Verbrennung des Beth-Hamikdasch, des heiligsten Hauses des Erdenrunds, in der heiligsten Stadt im heiligsten Land. Urf iühlt im Traum, daß er sehr erregt ist, .er, verspürt deutlich ein starkes Herzklopfen. Nun beginnen für das jüdische Volk wieder harte, schwere Zeiten: die Golusleiden. Jeder von uns weiß, was mit diesem Wort alles gemeint ist. Uri wandert mit den trauernden jüdischen Masseh in die Verbannung und muß; all die Leiden mitan-* sehen, die die Juden in den verschiedensten Ländern zu den verschiedensten Zeiten zu ertragen haben. Sei es das dunkle Mittelalter mit seinen unmenschlichen, ungerechten Judenverfolgungen oder sei es die Neuzeit und neueste Zeit. Auch einen Tischa b'eaw erlebt Uri in seinem großen Traum. Nun erst erfaßt er so recht die Bedeutung dieses Tages, nachdem «r das jüdische Volk auf seinem großen Leidensweg begleitet hat. Uri befindet sich in einem kleinen Gebetstübel des Ostens'. Der Raum ist nur sehr spärlich beleuch-. tet; alle Beter sitzen zum Zeichen der Trauer auf dem Fußboden und sagen in einer sehr traurigen Melodie die Klagelieder. Lange hat sich Uri zurückgehalten, aber er kann es nicht mehr und beginnt jämmerlich zu weinen, — — — — Damit erwachte Uri aus seinem Traum. Man merkte es ihm an, daß er sehr erregt war. Uri sah sogar so aus, als. hätte er wirklich geweint. Er schwitzte am ganzen Körper. „So einen Traum," sagte er zu sich selbst, „gibt es wohl nicht ein zweites Mal, und außerdem noch in der Sabbatnacht. Als Uri sich im Bett aufsetzte, sah er, daß sein Brude*r Wolf schon aufgestanden war. Er wunderte sich zuerst, weil er wußte, daß Wolf am Sabbat länger schlief. Doch als Uri auf die Uhr blickte, da war es schon — bald acht Uhr, und um achte begann der G'ttesdienst! Die ganze Familie war bereits in die Synagoge gegangen. In aller Eile kleidete sich Uri an und rannte in das Bethaus. ' Aber an den Traum mußte Uri den ganzen Tag denken^ er ließ ihn nicht in Ruhe. Gleich nach dem Mittagessen machte Uri allein einen Spaziergang durch das ruhige Städtchen, um das in d-sr Nacht Erlebte einmal genauer zu durchdenken. Ihm drängte sich nie so eindringlich die Frage auf, warum nämlich das jüdische Volk so viel leiden muß wie jetzt, nachdem er die ganze jüdische Geschichte so plastisch, wie man das eben nur im Traum sehen kann, erlebt hatte. Uri lernte sehr gern und sehr fleißig jüdische Geschichte, aber er konnte sich in viele Kapitel innerlich nicht so einfühlen. Er wuchs in dieser Kleinstadt auf und kam bisher noch nie über ihre Grenzen hinaus. Den Antisemi-' tismus hatte er bisher niemals praktisch kennenlernen können, weil ja in seiner Geburt^stadt das Leben zwischen Juden und Nichtjuden so glücklich war, wie man es sich nur denken konnte. Was Uri über den Judenhaß wußte, das hatte er nur in der Zeitung gelesen. Doch auch mit Zeitungslektüre gab er sich sehr selten ab, da sein Vater ihn immer ermahnte, die Zeit lieber mit Lernen zu verbringen. Es war. ein herrlich-sr Wintertag. Der Schnee glitzerte in der hell strahlenden Sonne und knirschte nur so unter den Füßen. Uri war-schon fast bis an das Ende der Stadt spaziert. Er mußte aber Kehrt machen, um nicht die vorgeschriebene Sabbatgrenze zu verletzen. Auf dem ganzen Weg hatte ihn sein Traum stark beschäftigt. Dann fiel es .Uri auf einmal ein, daß er gestern vor dem Einschlafen die Flammen der Sabbatkerzsn so genau beobachtete. Und auch später im Traum erschienen ihm wieder die beiden Lichter, jedoch viel viel größer und schöner, Dasselbe Spiel der Flammen aber konnte er abermals beobachten. Mal brannten sie ruhig, mal flackerten sie wild hin und her; und glaubte er, sie wären erloschen, da leuchtete sofort wieder eine große, helle Flamme auf. Uri erinnert sich auch, daß er einschlief, ohne die Lichter ausgehen zu sehen . . v. Auch im Traume sah er die Flammen nicht erlöschen ... Nun hatte Uri den Zusammenhang erfaßt. Die Deutung liegt auf der Hand: das jüdische Schicksal. Kurzen, ruhigen Zeiten folgten ebenso lange, stürmisch bewegte Epochen. Beinahe die ganze Jüdische Geschichte bis auf den heutigen Tag bilden solche Epochen, die ungemein schwere Prüfungen für das jüdische Volk darstellen. Indessen war Uri wieder in die Nähe seines Hauses gekommen. Er wollte aber noch nicht hineingehen; und so ging er weiter, am Torweg vorüber. Und je weiter er ging und. nachdachte, um so-;: klarer wurde ihm der Sinn des .Lichtraumes. Liebe Kinderecke! Ihr werdet staunen, wenn Ihr hört, daß das schöne Gedicht von Menachem Silberberg so viel Erfolg hatte, daß es sogar in Paris vorgetragen wurde. Und zwar 'war es bei der kleinen Chamischo-Ossor- Feier, die in dem Stadtteil Belleville in Paris in einer engen Holzbaracke ungefähr 30 Kinder iind ihre Eltern vereinigte. Auch das Gedicht: ,,Der. Traum" von Ruth Jaffa wurde vorgetragen und noch viele, andere , nette Lieder und Zwiegespräche. Ein junger Lehrer,, Herr Amsel aus Wien, hat dort angefangen, eine kleine Gruppe Kinder um sich zu scharen in der Art einer deutschen Religionsschule und sie wird sich sicher noch weiter entwickeln. Bitte, liebe Kinder, dichtet noch öfter und fangt jetzt schon an, uns für: Purim einiges einzuschicken, vielleicht Aufführungen, oder Gedichte, und ich werde Euch dann über den Erfolg berichten. > .;< Frau X. in . Paris..

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