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Der Israelit · 1935-01-31 · Heft 5 (31.1.1935) · page 9

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Israelit
Volume
76 (1935)
Issue
Heft 5 (31.1.1935)
Date
1935-01-31
Page
– (sequence 9)
Language
German
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'■ ' - ■ \\ ' Feuilleton- Beilage Der Israelit Nummer 5 1935 Flucht in die Heimat. Eine Erzählung aus unseren Tagen. (Fortsetzung.) „Was wissen Sie, Herr Karpfenteich, von meinem Sohne?" leitete Herr Wilde ein, wie er gewohnt war, im Aufsichtsrate eine Verhandlung über alte und neue Aktien einzuleiten. Aber Herr oder Rabbi Schmuhl Karpfenteich , kannte nicht die Gepflogenheiten von Aufsichtsratssitzungen, er hielt sich nicht an die Formen. Er sprach rasch, etwas überstürzt und im einzelnen zuweilen unverständlich im Dialekte der^ polnischen Heimat. Er glättete dabei den stark angegrauten Bart, der eine Dissonanz zu den jungen Augen bildete und steckte dessen Spitzen in den Mund, wodurch die Sprache noch undeutlicher wurde. Im Ganzen wußte aber Herr Wilde schon nach den ersten wenigen Sätzen, wo der sonderbare Gast hinaus wollte. Baruch hatte in einem längeren Schreiben an seinen Lehrer einige Bedenken und Befürchtungen zum Ausdruck gebracht. Die Eltern, die aus einer großen vornehmen Welt kämen, könnten vom primitiven Leben auf der Hachschara enttäuscht, ja erschreckt sein, und ihn, Baruch, von der ihm liebgewordenen Arbeit wegreißen, ihm auch die späteren Pläne vereiteln. Er, der Lehrer, möge sie vorbereiten, bitten,' vielleicht auch warnen ... Herr Wilde rückte unruhig auf seinem Stuhle hin und her. „Verstehe,, verstehe . . . Und da schickt er den Mann vor, der ihn auf diesen Weg gebracht, daß er sein Werk vollende." Das klang nicht sehr freundlich. „Wer eine gute Tat beginnt, dem sagt man: vollende sie!" zitierte Herr Karpfenteich in der Lernmelodie des Talmud. „Sie halten es für eine gute Tat und können es mit Ihrem Gewissen vereinigen, lieber Herr, Kander auf fremde Wege zu weisen? Steht es in den Büchern, aus denen Sie im Lehrhause studieren, geschrieben, daß es so recht und in Ordnung sei, Kinder dem Herzen der Eltern zu entfremden?". Herr Wilde schüttelte erregt die Asche7 von seiner Zigarre. „Es steht geschrieben, wenn Sie, Herr Wilde, schon fragen, daß Elijahu, der Prophet, kommen wird, um das Herz der Väter den Söhnen und das Herz der Söhne den Vätern zuzuführen." „Na also, ein Elijahu scheinen Sie mir gerade nicht zu sein." Herr Wilde schaute nach der Uhr. Noch eine halbe Stunde bis zum Börsenbeginn. Es war ein „schwarzer Freitag" vorausgesagt. Der schien schon hier begonnen zu haben. Schmuhl Karpfenteich sah dem Bankier ganz klar und offen ins Gesicht, seine Rechte zupfte an den Bartspitzen, woher alle Weisheit zu kommen schien. „Elijahu?" griff er das Wort auf. ».Sagte ich, ich sei Elijahu? Schmuhl Karpfenteich heiße ich. Aber am Werke Elijahus arbeiten wir alle , mit und ohne Wissen. Wissen Sie, Herr Wilde, warum Eljiahu die Herzen der Väter zu den Söhnen und wiederum die Herzen der Söhne zu den Vätern bringen muß? Es genügte doch eines, denn ob diese zu jenen, oder jene zu diesen kämen, die Einigkeit wäre doch gleichwohl da? Also, Herr Wilde, warum doppelt?" Unwillig und dennoch ein \ wenig interessiert und amüsiert warf der Bankier ein: „Sie wollen auch mit mir lernen?" „Vielleicht auch das noch," kam Schmuhl Karpfenteich nicht aus der Ruhe. „Warum auch nicht? Jeder Jude hat schon einmal gelernt, am Sinai, wo seine ungeborene Seele mit, den Sechshünderttausend mit gestanden hat, auch Ihre, ja auch Ihre, Herr Wilde! Aber was ich hier von Elijahu sagte, gehört ganz zu unserer Sache." „Sie meinen, die doppelte Mühewaltung Elijahus? Nun, es gibt vielleicht doppelte Provision?" beliebte Herr Wilde nach Börsenart zu scherzen. „Von Provision verstehe ich nichts, aber etwas von Bibelerklärungen. Hören Sie, Herr Wilde, es betrifft Ihre Angelegenheit. Wenn Väter und Kinder sich nicht mehr verstehen, so liegt das zumeist an den letzteren, in vielen Fällen aber ist es 'auch Schuld der Väter. Der schuldige Teil muß auf den rechten Weg zurückgeführt werden, so wird der Prophet, je nachdem, wie die Sache liegt, entweder die Söhne zu den Vätern oder umgekehrt die Väter zu den Söhnen heimholen müssen." „Sehr geistvoll," lobte Herr Wilde. „Und nun kamen Sie, den Vater auf den rechten Weg zum Sohne zu bringen!" Schmuhl Karpfenteich überhörte den Spott und blieb bei der Sache. „Es gibt noch ein drittes," sagte er. „Väter und Söhne sind weitweg vom rechten Wege. So müssen sie von verschiedenen Seiten her geführt werden, daß sie sich in der rechten Mitte treffen." „Wo ist die Mitte?" „Aber die Kinder sind unschuldig," ließ sich Schmuhl Karpfenteich nicht unterbrechen. „Vielleicht auch schon die Väter — auch die sind schon Kinder der Verirrung einer früheren Zeit. Wie heißt es im Gebete: „Unsere Väter haben gesündigt und sind nicht mehr da, und wir müssen ihre Sünden büßen ..." Herr Wilde fühlte mit Unbehagen, daß er sich mit dem Fremden schon zu viel eingelassen, aber gleichwohl kam er von ihm und der eigenartigen Unterhaltung nicht los. Noch eine Viertelstunde. Man kam schließlich noch früh genug zum „schwarzen Freitag" auf die Börse. „Sie kommen mit Ihren polnischen Ansichten," sagte er bedächtig, „und vergessen, daß wir hier eine andere Welt und eine Tradition von über hundert Jahren haben. Sie werden nicht unsere mitteleuropäische Uhr um hundert Jahre nach der osteuropäischen Zeit zurückstellen und alle unsere Lichter zum Verlöschen bringen." „Nein, ich nicht, aber die Lichter s i n d erloschen, es war kein Ostwind, der Sturm kam von innen her wie ein Sirokko. Und es ist stockfinster. Indes es dort, wo man die falschen Lichter nie kannte, im jüdischen Hause wenigstens noch ganz hell ist . . ." „Ich kenne die Sprache," — Herr Wilde steckte sich eine neue Zigarre an. „Man warf mir damals eine jüdische Zeitung ins Haus. Man solle mit Stolz den gelben Flecken tragen, man sage J a zum Judentum . . ." „Was heißt das, mit Stolz den gelben Flecken tragen?" erwiderte Schmuhl Karpfenteich. „Sahen wir überhaupt den gelben Flecken? Wir sind im eigenen hellen Lichte farbenblind für das Gelb der Schmach. Und wer schreit Ja zum Judentum? Wir nicht! Wenn es auf Sinai oder sonst in der Weltenwüste donnert und blitzt und die Stimme der Posaune ruft, sagen wir nicht ,}Ja", wir sagen; „Wir wollen tun und hören!" Es gibt für uns keine Frage, auf die man Ja oder Nein sagt, es gibt nur die Tat." Also von denen, die in jenem Blatte von Stolz redeten und Ja riefen, war dieser fremde Rabbi auch nicht! — Wo gehörte er also denn hin? Herr Wilde kannte sich nun gar nicht mehr aus. „Ich dachte, Sie wollten mir von meinem Sohne sprechen," erinnerte er. „Gewiß, von Ihrem Sohne Baruch, er sei gesegnet, von wem denn sonst? Er hat sich ganz zum Lichte, zum eigenen Lichte, zu unserem Lichte gefunden, und Sie dürfen, Herr Wilde, ich beschwöre Sie, keine Versuche machen, ihn davon abzubringen." „Er hat sich gefunden, sagen Sie, und wenn das nur eine Marotte, eine Jungenlaune ist? Woher soll denn solcher Geist in ihn gefahren sein, in ihn, der in Haus und Schule so wenig von Religion vor sich gesehen hat?" „Fragen Sie nicht woher, Herr Wilde. Es ist der Geist in ihm, der Funke in ihm, in Ihnen, in Ihren Vätern und Vorvätern, der, vom Sturm der Zeit erfaßt, zur Lohe angefacht ist. Die Flamme, glauben Sie mir, ist echt, ist seine Flamme. Wissen Sie, was Rabbi Israel Salanter sagte?" „Wer ist Salanter?" Norbert Wilde fiel wieder die Börse ein. „Ihr Sohn kennt ihn schon, vielleicht werden Sie ihn auch noch kennen lernen. Tut nichts. Rabbi Israel sagte: Es heißt im Talmud, wenn ein Jude eine gute Tat vollbringt, auf daß ihm G'tt helfe, sein Kind genese und so, dann gilt er als vollkommen Frommer. Wieso das? Darf man Pflichterfüllung an Bedingungen knüpfen? Haben wir an G'tt Forderungen zu. stellen?" So fragt der große Rabbi Israel." „Und er antwortet?" „Er antwortet: Weil man die Bedingung ihm nicht glaubt, sie nicht ernst nimmt. Er vollbrachte die Tat in Wahrheit aus dem Grunde seines jüdischen Herzens heraus, versteckte sich nur hinter einer Ausrede, einer Bedingung, die nicht gilt; es gilt die Tat." „Und dann?" „Und wissen Sie," setzte Rabbi Schmuhl Karpfenteich warm fort, „was Rabbi Israel heute sagen würde, könnte er die große Schar der heimkehrenden oder aus Not und Bedrängnis heimsuchenden Juden sehen! Er würde sagen: „Juden, Brüder, damals, als ihr euch in euren Villen und Klubs vor G'tt und seiner Thora abschlösset, wart ihr nicht ihr, betröget ihr euch selbst, heute, da ihr kommt, sucht und findet) seid ihr echt, seid ihr wahr, seid ihr ihr selbst. Damals wart ihr Flüchtlinge vor euch selbst, heute seid ihr daheim. So würde er sagen. Daheim ist daheim, ob man von selber kommt, oder vom Sturm ins Haus getrieben wird, würde er sagen ..." Herr Wilde tat einen langen Zug an seiner Zigarre, seine Stirn legte sich in Falten. „Was heißt das, Sturm von außen, was heißt das östlicher Geist?", ereiferte sich Rabbi Schmuhl weiter. „Wissen Sie, Herr Wilde, das, was Ihr Sohn bei mir hier gelernt und jetzt noch weiter lernt, ist nicht in Polen entstanden, sondern hier in Deutschland. Hier hat R a s c h i und hier haben die Tossafisten gelebt, hier Rabbi Meiervon Rothenburg und hier Rabbi Ascher, Sohn Jechiels und alle anderen." „Keine üblen Firmen," dachte Herr Wilde börsenmäßig, „man müßte ihre Bilanz besser kennen." „Die Thora sucht ihr altes Quartier auf," heißt es im Talmud. Ihr Sohn Baruch ist einer ihrer Quartiermacher." Rabbi Schmuhl kam unvermittelt in Extase. Er wiegte seinen Körper im raschen Takte der singenden Töne. (Fortsetzung folgt.) '•«wtfc,»..»- '

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