Mannheim
Compact Memory

Der Israelit · 1935-01-31 · Heft 5 (31.1.1935) · page 4

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Israelit
Volume
76 (1935)
Issue
Heft 5 (31.1.1935)
Date
1935-01-31
Page
– (sequence 4)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
96% known words query
IRI
…/2446951-2450858-2450863--81028-2538877
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

deite i fsr, o Der 1 s r. a e 1 i t 31. Januar 1935 freilich uns allen auferlegt ist, durch Rückge winnung der Jugend für das Judentum der Thora in seiner Totalität. Vielleicht ist der Sabbat, zu dem man sich jetzt, leider noch oft auf Umwegen, hintastet, der erste Schritt dahin. Schul- und Lehrerfragen. Die mit der Erziehung des jüdischen Nach wuchses in Deutschland zusammenhängenden Fragen haben in den beiden ereignisreichen Jahren, die hinter uns liegen, eine nie geahnte brennende Aktualität erlangt. Der ganze Komplex dieser Fragen ist in Bewegung geraten, und für die junge Generation vom Kmctergartenzögling bis zum Akademiker gilt es, neue Lösungen, neue Formen, Inhalte, Ziele zu finden, die auch einer Generation, die mit einer größeren Zahl von Führerpersönlichkeiten und mit geschlossenerer weltanschaulicher Fundierung gesegnet wäre als die unsrige, vor schwere Aufgaben stellen würde. Unter diesen Umständen verdient eine Beschwerde besondere Beachtung, die vom „Reichsverband der jüdischen Lehrervereine" auf seiner Tagung Ende Dezember erhoben worden ist und die erst jetzt durch die im Verbandsorgan veröffentlichten Berichte zu authentischem Ausdruck gelangt. Man hat dort der „Reichsvertretung 1 der deutschen Juden" in dürren Worten den Vorwurf gemacht, sie wisse scheinbar nicht, „daß es Lehrer in Deutschland gibt." Die nach einer langen und erregten Aussprache angenommene Resolution lautet; „Die jüdische Lehrerschaft hat s. Zt. mit tiefem Bedauern feststellen müssen, daß sie bei der Bildung des Beirats der Reichsvertretung der deutschen Juden übergangen wurde. Obwohl in einer späteren Aussprache eine führende Persönlichkeit der Reichsvertretung dem Vorsitzenden des Lehrerverbandes gegenüber diese Ignorierung als ein Versehen bedauert hat, zeigt die neuerliche Ergänzung des „Zentralausschusses der deutschen Juden für Hilfe und Aufbau" auf achtzehn Persönlichkeiten dasselbe „Versehen" zum zweiten Male, obgleich ausdrücklich eine „stärkere zentrale Einflußnahme auf die jüdische Schulentwicklung" durch den Ausschuß in Aussicht genommen ist. Der Reichsverband der jüdischen Lehrervereine protestiert gegen diese Beiseiteschiebung durch die repräsentative Vertretung der deutschen Juden und fordert die selbstverständliche Beachtung, die der Lehrerschaft in Ansehung ihrer Stellung in der deutschen Judenheit und im Hinblick auf die Bedeutung der Schul- und Erziehungsfragen gerade im gegenwärtigen Zeitpunkt und im Arbeitsbereich der Reichsvertretung zukommt." So wenig wir grade in allem, was Erziehungswesen und Kulturfragen überhaupt betrifft, die „Reichsvertretung" überhaupt als befugt ansehen können, Entscheidungen für die deutsche Judenheit zu treffen oder sie in solchen Fragen allein zu vertreten, muß man doch von jedem Standpunkte aus gerechterweise zugeben, daß die hier gerügte Ignorierung der Sachverständigen geradezu sinnlos ist im Angesicht der eingangs erwähnten besonderen Lage, in der sich die Juden heute befinden. Ebenso sinnlos wäre es allerdings auch — selbst vom Standpunkte der Reichsvertretung ihre Schulpolitik, zum Beispiel bei der Einrichtung von Lehrerfortbildungskursen, einseitig nach der liberalen Seite zu orientieren und die jüngere Lehrergeneration dem überlieferten Judentum mittelbar oder unmittelbar zu entfremden. Interessant war in den Verhandlungen des Lehrerverbandes eine von dem bekannten liberalen Seminardirektor Dr. G u t m a n n abgegebene, einigermaßen über^ laschende Erklärung, die „Erweiterung des jüdischen Schul w es e n s sei im großen ganzen abges c h 1 d s s e ja " , wobei allerdings vielleicht nur der Wunsch mitspielt, einem etwaigen Andrang zum Lehrerberuf entgegenzuwirken. Dieser Tendenz soll auch die angenommene Entschließung entgegentreten,' die fordert, daß „die Ausbildung von Lehrern und Lehrerinnen bis auf weiteres auf ein Mindestmaß beschränkt werde." Dagegen wurde ein Mangel an Lehrern mit Befähigung für t e c h n i s c h e Unterrichtsfächer festgestellt und Ausbildungsmöglichkeiten für Musik, Zeichen-, «Werk- und Handarbeitsunterricht und Leibesübungen gefordert. Ein Danaergeschenk, Zu den geplanten neuen Kongreß-Ergänznngsstatuten in Ungarn« Von Rabbiner Ph., Fischer in Sarospatak. I- In aller Sülle bereitet das auf Grundlage der sogenannten Kongreßstatuten organisierte ungarländische neologe Judentum eine zeitgemäße Reorganisierung und Ergänzung zu seinen im Laufe der Zeiten mannigfaltig lückenhaft- und verbesserungs- oder ergänzungsbedürftig gewordenen Organisationsstatuten vor. Wir sind die Allerletzten, die ihm hieraus irgend einen Vorwurf machen oder ihm irgendwie hindernd in die Arme fallen möchten. Wir haben unserer vaterländischen Neologie im Gegenteil bereits i. J. 1913 am Schlüsse unserer, von der orthodoxen Landeskanzlei in Budapest auch in Buchform herausgegebenen Arbeit „Orthodoxes, und neologes Judentum" (S. 118) die berühmte Lessing'- sche Parabel von den drei Ringen zur Beherzigung empfohlen. Und es sollte uns nur freuen, wenn die reorganisierten neuen Statuten einen Beweis für die Beherzigung jener unserer Aufforderung bildeten. Bei alledem muß es aber doch gestattet sein, jene Punkte in den Ergänzungen, die mit der Orthodoxie irgendwie in Beziehung kommen oder irgendwie die Interessen derselben berühren, ein?r kritischen Prüfung zu unterziehen. Wir tun dies hierorts, in diesem ausländischen Zentralorgan der Orthodoxie, nicht nur weil zufolge der gegenseitigen Beeinflussung und Wechselwirkung der verschiedenen Landsmannschaften der Orthodoxie, auch die ausländische Orthodoxie ein Anrecht darauf und ein Interesse daran hat, zu erfahren, was innerhalb der ungarischen Judenheit, deren „Austrittsorthodoxie" in der Form einer Landesorgänisation staatlich anerkannt und legalisiert ist, auf religionspolitischem Gebiete , vorgeht. Sondern wir tun dies auch aus dem Grunde, weil in einem hochwichtigen, ja, nach unserem bescheidenen Meinen in dem prinzipiell entscheidendsten Punkte, und der besonders, geeignet ist, a u f d i e de utschen. j ü d i s c he n r e 1 i g i o n spolitischen Verhältnisse einen gewiß ungewollten und unerwünschten Einfluß auszuüben, die hierländische neologe und ihr nahestehende Presse deutlich und klar sich "ausspricht, von zuständiger orthodoxer Seite aber hierzu behutsam geschwiegen wird. Und doch - wäre es äußerst bedenklich, wenn der Bericht in dem Organe „Szombat" über jene „schöne Geste" der amtlichen Orthodoxie der tatsäch-* liehen Wirklichkeit entspräche! Doch wollen wir dem historischen Verlauf der Dinge nicht vor- VHVMVi * lj^piP^^*iPl;c Das Zehngebot als Erzieher zum Judentum« Von Saly Geis. II. Es war der erste, der zweite, der dritte, der vierte, der fünfte, der sechste Tag der Schöpfung; am siebenten Tage ruhte G'tt von seinem beendeten Werke; darum segnete G'tt und heiligte den siebenten Tag, — kündet der Beginn der Thora. Sechs Tage zu zählen und den siebenten zu feiern, verlangt das Sabbatgebot. Meine Tage zu zählen, lehre mich; dann bringe ich ein Herz der Weisheit heim, — betet David, der königliche Sänger. Das Zählen stellt jede Zahl neben die nächste, verweilt bei ihr und bei dem, was sie bedeutet, und führt von der ersten Zahl in ununterbrochener Kette bis zur letzten Zahl, bis zu der Summe, die sie erstrebt. Dieses Herausheben jeder einzelnen Zahl neben ihrer Verbindung mit der vorhergehenden und der nachfolgenden zu einem Ganzen enthält pädagogische Lehre. Tatsächlich zeigt schon die erste Seite unserer Thora diese Pädagogik, indem ihre Schilderung verkündet: Wegen der Erziehung des Menschen schuf G'tt Seine Welt nicht auf einmal, sondern in sechs Tagen. Jedem einzelnen Tage wurde seine Aufgabe, aus der Lösung der Aufgabe eines jeden Tages ergab sich die neue Aufgabe des nächsten Tages, und sie alle fanden in dem von G'tt gesegneten und geheiligten siebenten Tage das Ziel. Die Anwendung dieser Lehre sagt: Nur, wenn jeder einzelne Tag seine Aufgabe erfüllt hat, erhält der siebente Tag seinen wirklichen Charakter als Sabbat, seinen Segen, seine Heiligkeit. Das ist allgemein ethisch. Es muß sich aber noch die besondere jüdische Note hinzugesellen. Darum wendet der Sabbat den Blick nicht 'nur auf die Schöpfung, sondern auch auf den Auszug aus Mizrajim. Der Auszug aus Mizrajim hat überdies sein besonderes Gedenken im Pessachfest*. Dieses aber verbindet sich mit Schewuoth, dem Pestder Thora, nach dem Zählen von sieben mal sieben Tagen, also nach siebenmaliger Sabbatwiederholung. So vereinigt sich das als g'ttliches Wunder begriffene nationale Sein mit dem Sabbat und beide krönt die Thora. Der Tag des Juden muß von G'ttes Schöpfung der Welt und des jüdischen Volkes getragen sein, soll er richtig gelebt werden und sich jeder weitere Tag auf dem Segenswirken des vorigen weiterbauen. Zählen muß der Jude, wie G'tt, der Schöpfer der Welt, um der Beseligung des Sabbat willen Tag auf Tag weiterbaute. Zählen muß der Jude, wie G'tt, der Schöpfer des jüdischen Volkes, von der Knechtung des Körpers und des Geistes unter Mensehenmacht zur Freiheit beider im Dienste G'ttes Thora führte. Zählt er so die Tage des diesseitigen Lebens, dann hat er sich bis zur Pforte des jenseitigen Lebens ein Herz der Weisheit, den größten Schatz, den menschliches Streben erreichen kann, erworben. Sein Leben war dann wert, gelebt zu werden; es fügt sich der Ewigkeit von G'ttes Weltschöpfung und der Ewigkeit des G'ttesvolkes ein und wird der jenseitigen Vollendung teilhaftig. Die Erziehung der Thora will diesen Weg führen. Doch Geld läßt sich leichter und bequemer zählen und verspricht einen schnelleren und greifbareren Erfolg als das Zählen der Tage. Geld verspricht Ansehen, Macht, Genuß, es erhöht vor den Menschen» Das Zählen der Tage, ob sie würdig waren des im Ebenbilde des Schöpfers geschaffenen Menschen, verlangt tiefere Fundierung, stärkere Selbstzucht, größeres Zukunftsvertrauen, denn, es muß von der Ewigkeit in die Ewigkeit greifen. Das Zählen der Tage bedeutet Prüfung von G'tt, wie einst bei den sechs Tagen der Weltschöpfung jeder Tag in der Bewährtheit des vorhergehenden seine Stütze fand und im ersten Tag, weil über all dem noch Ungeklärten, Ungesichteten G'ttes Geist schwebte. , Grundbedingung ist auch für uns, daß wir G'ttes Geist über uns schweben fühlen. Nur so kann sich Tag an Tag reihen mit der Endsumme des Lebens eines Herzens der Weisheit. . Messen wir mit dieser Forderung unseres Thorajudentums die Wirklichkeit auch unserer Kreise! Da sind Hauptbücher aufgeschlagen, Waren aufge-'* speichert, Schreibmaschinen in Bewegung. Da wird mit Eifer, gedacht, kombiniert,, verhandelt, um sich materiell zu behaupten und vorwärtszukommen. Es ist das kein Unrecht, sondern — innerhalb der richtigen Grenzen — Pflicht, sogar heilige Pflicht. „Im

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.