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Der Israelit · 1935-01-31 · Heft 5 (31.1.1935) · page 3

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Journal
Der Israelit
Volume
76 (1935)
Issue
Heft 5 (31.1.1935)
Date
1935-01-31
Page
– (sequence 3)
Language
German
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31. Januar 1935 D er Israel i t Nr. 5 Seite 3 Von unserem legitimen Rechte auf Erez Jisroel. > (Fortsetzung von Seite 1.) Gr un dla g e de s N ä ti o n a 1 h e i m es, der Balfourdeklaration, die einzig und allein aus der Erkenntnis und Anerkennung der R e Ii g i o n als Lebenselement d e s jüdischen Volkes hervorgegangen ist, bei all den politischen und ökonomischen Auswirkungen dieses Mandates, Die Gegnerschaft zur Religion in Erez Israel, die sich als höchsten Fortschritt empfindet, ist in Wahrheit ein Rückfall in die' Kleinstirnigkeit des Golus und Ghetto, wo man glaubte, Religion könne nur Schul und Hekdesch (Armenhaus) umfassen und nicht ahnte, daß die Religion staatsbauend und volkserhaltend auf großer Linie sein kann und für uns Juden sein muß. Diejenigen, die im Städtchen der Diaspora glaubten, Sich V0I1 all den „Kleinlichkeiten" emanzipieren zu können, haben es noch nicht erfaßt, daß mit dem Mandat und dem neuen Aufbau des Nationalheimes eine umwälzende Revolution nach rechts vor sich gegangen ist. Wir haben jnit jenen Bestrebungen in Europa zur Abgrenzung des Lebens gegen die Kirche nichts zu tun, .schon, darum nicht, weil unsere Religion keine Kirche ist. Der dunkle Drang nach Palästina, der uns durch die Jahrtausende des Leides begleitet hat und der dann auch die Edelsten und Besten der Weltvölker in der Weise erfaßte, daß sie für uns auf den Plan traten, beruhte von jeher auf dem Wunsche und dem Willen, a 1 1 das, w o.f ü runse r e Heroen ihr Leben preisgabenu n d w o v o n e i n e tausendjährige Märtyrergeschichtezeugt, auf unserem eigenen Heimatboden zu konservieren und als Heiligtum unseres nationalen Lebens neu aufzubaue n u n d u n s z u e r-h alten. Das und r nichts anderes wollte das Mandat, es legte freilich uns die Verpflichtung auf, die Wege und die Mittel zur Durchführung seines Grundgedankens so zu suchen und zu finden, wie sie uns am besten scheinen. Im Sinne des Mandates kann und darf keine öffentliche Tätigkeit in Erez Israel, sei sie auch nur politischer oder wirtschaftlicher Natur, das religiöse Moment aus dem Auge lassen. Diese «Verpflichtung legt den öffentlichen Instanzen das Land der Thora und der Propheten auf, aber auch die Männer im Chore der Völker, die glaubten, durch Wiedervereinigung Israels, mit seinem Lande die I d e a 1 e d e r Thora u n d der Propheten der Menschheit am besten zu erhalten. Wer von diesen öffentlichen Stellen das religiöse .Moment außeracht läßt, versündigt sich nicht allein gegen den Geist der jüdischen Geschichte, sondern auch gegen den Kontrahenten des Vertrages, die Schöpfer des Mandates, die im religiösen Momente die Grundlage der gegenseitigen Verpflichtungen sahen. Mag sein, daß in der Golah der Einzelne glaubt, sich so oder so zur Religion stellen zu können, in Palästina, wo es darum geht, das Ganze mit gemeinsamen Kräften aufzubauen, bedeutet jede negative Einstellung zur Religion eine schwere Pflichtverletz ung g e g e n ü ber der Gesamtheit und gegenüber den Grundbedingungen des Mandates. Als die Jewish Agency das Prinzip der Sabbatheiligung und der rituellen Lebensweise in den nationalen Instituten aussprach, war das nicht ein bloßer religiöser Akt, sondern lediglich die Erfüllung einer übernommenen Pflicht auch im politischen Sinne. LJnd das gilt in noch weit höherem Maße von der Erziehung. Eine antireligiöse Erziehung, selbst eine sogenannte „religiös-neutrale" Erziehung ist Treubru c h gegen die Verpflichtung des Mandates, eine Zerreißung der historischen Bande,-die unser Anrecht auf sPalästina legitimieren, und nur dazu angetan, unseren Feinden und Gegnern neue Argumente zu liefern, um unser Anrecht auf Palästina streitig zu machen. Die Sachlage ist vollkommen klar: Mit der Gründung des Nationalheimes ist ganz automatisch das Thor agesetz und die jüdische Religionin ihre alten Rechte e i n g e s e t z t. Religion ist in Erez Israel nicht mehr eine Sache der Toleranz, sondern kraft inter na tionalenGesetzesund Rechtes Mittel - und Ausgangspunkt des öffentlichen Lebens. Damit haben alle, die am Lande bauen, zu rechnen. Realisierung des Mandates ohne daS religiöse Moment ist nicht allein nicht erwünscht, sondern einfach auch technisch unmöglich. Hier, lautet die Frage nicht mehr: „Was werden die Völker sagen," sondern: „was haben sie gesagt?!" Es muß wieder allgemein in Erinnerung gerufen werden, daß die Thora Israels in ihrer Totalität wie in all ihren Ausstrahlungen in Form der Gebote und Verbote keine Domäne der Gesetzestreuen ist, sondern unverbrüchliche Verbindlichkeit für alle Kreise und alle Menschen im. Judentum hat. Ohne Thora kein jüdisches Leben un d kein Nationalheim! Wochenrundschau. Eine Schwenkung — aber nicht nach rechts. Die vor kurzem, wie bereits mitgeteilt, in Berlin abgehaltene Hauptversammlung der „Vereinigung für das liberale Judentum in D e u t s c h 1 an d " wird von einigen jüdischen Blättern als „eine Schwenkung nach rechts" gewertet. Wir konnten und können nur die Schwenkung konstatieren, eine Verlegung der Schwerkraft, der liberalen Ideologie, aber nicht von links nach-rechts, sondern vom Person-. Hchen in die Gemeinschaft, die aber erst recht links' am Rande vom Sinai bleibt. Der Wortführer dieser Kollektivierung des religiös-liberalen Gedankengutes, L^r.;;D i e n e - m a n n , Offenbach, bekennt sich . grundsätzlich zur „Offenbarung", versieht aber dieses Bekenntnis mit einem Ventil, das die Offenbarung aus ihrer Einmaligkeit heraushebt und in dem Nebel einer „steten Selbstmitteilung G'ttes in Geschichte, Natur; und Leben" verschwinden läßt. In der Bibel sei die „Darstellung des Ringens überragender Menschen zu G'tt" zu sehen. Was man sich unter dieser Auffassung von der Offenbarung und dem Buche der Offenbarung vorzustellen hat und welche Konsequenzen für das praktische Leben aus dieser Anschauung zu ziehen sind, bestimmt nicht der Einzelne, sondern die Gemeinschaft. Dem Individuum könne nicht das Recht zuerkannt werden, ohne Zusammenhang mit der Gemeinschaft; die religiösen Lebensformen zu prägen: Für die Gemeinschaft gilt aber der Grundsatz, daß die religiösen Formen immer in Uebere i n s t'i m m u n g ^m i t der inneren Haitun g der Zeit bleiben, und die fortschreitende Entwicklung könne nicht mehr wie früher in gerader Linie verlaufen, es könne heute auch etwas Neues, Unvorhergesehenes durchbrechen. Wer soll aber diese „Gemeinschaft" sein und wer ihr autoritäres Organ, das „in Uebereinstimmung mit der inneren Haltung der Zeit" binden und lösen könnte — solange selbst für uns thoratreue Juden nach Lage der Dinge die zentrale religiöse Oberbehörde in Jerusalem leider noch eine Frage der Zukunft ist?! Aber es geht hier wirklich nicht um formale Organisations- und Kompetenzfragen, es geht um das Ganze. All dieses Gerede von Individuum und Gemeinschaft, von religiösen Formen und der inneren Haltung der Zeit, all diese verschwommenen Vorstellungen von Offenbarung und Bibel bewegen sich so weit weg vom Boden des EPötPn |ö iTVUV wo es nur eine bedingungslose Unterwerfung unter Primat und Diktat der Thora gibt, daß man sich fragen muß, was die Herren in den bald hundert Jahren eigentlich hinzugelernt haben. Denn auch der Weg vom Individuum zur Gemeinschaft ist nicht neu. Die „Richtlinien" unseligen Angedenkens waren schon in der Vorkriegszeit nichts anderes als ein Versuch zur. Normalisierung der Gedanken, Kulte und Riten der Reform, also eine fSammlung aller Einzelexperimente in Tempel, Schule und Haus auf der großen Gemeinschafislinie. Was blieb davon übrig? Wo der einzig rechte und richtige Weg des Schulchan A r u c h verlassen war, ergab sich die Unzahl der. falschen Wege, und jeder suchte sich den seinen, seinen eigenen Weg. Es konnte auch gar nicht anders sein und so wird es vermutlich auch weiter bleiben. Auch der einfachste Mann aus dem Volke fühlt es: Richtmaß für des Menschen Denken, Glauben und Tun kann nur aus den Ewigkeitswerten in der Geschichte, also von G'tt, kommen, nie aber vom Menschlichen und Zeitgeburidenen her, auch nicht von einer Gemeinschaft von Menschen. Dessenungeachtet wollen wir auch am Aktivum dieser liberalen Heeresschau nicht vorübergehen, und dieses ist ihre Stellung zum Sabbat, das ehrliche Suchen nach Wegen zum Sabbat. Es ist Herrn Dr. B a e c k ganz gewiß ernst und ehrlich mit dem Danke, den er der Orthodoxie dafür ausspricht, daß sie „im 19. Jahrhundert den Sabbat gehalten und ihn dadurch bewahrt hat." Wenn er im gleichen Zusammenhange für den Liberalismus den Dank der Orthodoxie dafür beansprucht, daß er, der Liberalismus, das Judentum vor dem Atheismus bewahrt habe, so können wir diese Schuldforderung nur sehr bedingt anerkennen. Es entspricht der historischen Wahrheit, daß die Reform bei ihrem Entstehen als eine Art Rettungswache sich fühlte, mit der Aufgabe, auf dem von der Assimilation angerichteten geistigen Trümmerfelde noch das Letzte zu retten. Es kann auch keinem Zweifel unterliegen, daß der rechte Flügel des religiösen Liberalismus' um Baeck im Liberalismus ein Mittel sieht, jüdische Seelen dem Moloch des Atheismus zu entreißen. Aber ebenso wahr ist es, daß die schwankende, von den Grundpfeilern der niSöl mit! nicht getragene Brücke des Liberalismus in den achtzig Jahren manch einen erst zum Atheismus hinübergeführt hat, der vom alten Glauben auf dem festen Grunde vonfi'ö^n |ö nilD'auch bei aller persönlichen Abkehr, nie und nimmer den Sprung ins Leere gewagt hätte. Noch größer ist die Zahl der verlorenen jüdischen Seelen, die, ohne Glauben und ohne Liebe, geistig entnervt und mit leerem Herzen aus der Schule der Reform hervorgegangen, sich auf dieser Brücke mit den in gleichem Geiste der Negation erzogenen Freunden aus der nichtjüdischen Welt beim Taufbecken fanden. In diesem Fälle war es eine Brücke — wie man damals wähnte —r zur. Welt, zur Stellung und Karriere, der man sein Judentum, das für diese Männer keine Inhalte hatte, leichten Herzen opfern durfte. Hier ist die historische Schuld des Liberalismus, die zu tilgen

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