Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 76 (1935)
- Issue
- Heft 4 (24.1.1935)
- Date
- 1935-01-24
- Page
- – (sequence 14)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 14 Nr. 4 Der Israelit 24. Januar 1935 Bei den Marrannen in Braganca. Von Julius Neger in Lissabon. Braganca und Belmonte sind die zwei alten und bekannten Mittelpunkte der früheren portugiesischen Juden, wo noch heute zahlreiche Marrannen leben Belmonte liegt etwa im Zentrum von Portugal, und Braganca, etwa acht Stunden von Oporto entfernt, ganz im Norden. Es ist merkwürdig, daß wenn man diese beiden Orte geographisch betrachtet, beide durch große Berge dem Blicke der Außenwelt ver borgen sind; Belmonte liegt auf dem höchsten Gebirge von Portugal — Serra da Estrella .— und Braganca in einer Provinz, die Traz-os-Montes (hinter den Bergen) genannt wird. Durch diese Verborgen heit retteten sich diese tapferen Juden durch 450 Jahre hindurch ihr Leben und ihren Glauben bis in unsere Tage hinein. Man empfindet fast unwillkürlich eine tiefe Ehrfurcht vor Braganca, wenn man sich diesem kleinen Städtchen nähert oder davon spricht, infolge seiner erschütternden Vergangenheit, des Glaubensheldentums und der menschlichen Tragödie, die sich hier abspielte. Schon die Reise von Porto bis Tua, viele Kilometer am Douroflusse entlang, zwischen Olivenbäumen und Weinreben, die das berühmte portugiesische Olivenöl und den nicht weniger bekannten Portwein geben, führt durch malerisch schöne Gegenden. Märchenhaft schön wird es aber hinter Tua bis Braganca; man sieht hier riesengroße, mit freundlichem Grün behangene Felsen, mit abgrundtiefen Tälern abwechseln, in denen die Blumen durch ihre Farbenpracht das Auge erfreuen und ununterbrochen fließt der liebliche Tuafluß dahin, so daß das Ganze jeden Bewunderer der Natur und Landschaftsmaler in Entzücken versetzen muß. Es ist schwer, festzustellen, wann die Juden die iberische Halbinsel zum ersten Male betreten haben; manche meinen, daß die ersten nach der Eroberung von Palästina durch Nebukadnezar im Jahre 606 d. ü. Ztr. kamen, andere sagen in der Zeit der Makkabäer, 156 v. d. übl. Ztr. und schließlich behaupten wieder andere, daß die Juden erst nach der Zerstörung von Jerusalem durch Titus im Jahre 70 hierher gekommen sind. Es ist bekannt, daß im Jahre 1187 der König Don Sanche von Portugal ein Dekret veröffentlichte, mit dem er den Juden große Privilegien einräumte, die sogar im Jahre 1391 noch verstärkt wurden, so daß die portugiesischen Juden in einer sehr günstigen, fast unabhängigen Situation lebten, mit eigenem Beth- Din und einem Arabi-Mor (Oberrabbiner), der sehr große Autorität besaß. Als im Jahre 1492 die katholischen Könige Ferdinand und Isabella die Juden aus Spanien vertrieb, erlaubte ihnen der König von Portugal, Don Joao II., den Eintritt in sein Land und bewilligte ihnen seinen Schutz. Durch drei Grenzorte ergoß sich der Strom der spanischen Flüchtlinge, Braganca war eines dieser Tore, wo 3000 Juden den portugiesischen Boden betraten. Durch die Inquisition wurde die früher so günstige Lage der Juden im 16. Jahrhundert zu einer katastrophalen, viele tausende von Juden wurden zum Tode auf dem Scheiterhaufen verurteilt, weil sie ihrem Glauben treu blieben. Die Zurückgebliebenen, die wohl äußerlich den katholischen Glauben annahmen, jedoch innerlich Juden blieben, retteten sich durch Verborgenheit, mit vieler Mühe und großen Opfern ihr Leben und ihre angestammte Religion bis zum heutigen Tage. Braganca hat der Welt viele jüdische Gelehrte gegeben, besonders berühmt ist Isaak Orobio de Castro, im Jahre 1620 dort geboren, war er Professor an der Universität von Salamanca, Arzt, Philosoph und einer der größten Gelehrten seiner Zeit. Ermüdet von der dauernden Geheimhaltung seines jüdischen Glaubens, kehrte er in Amsterdam öffentlich zum Judentum zurück und starb daselbst im Jahre 1687.- Ebenfalls in Braganca wurde im Jahre 1691 Jakob de Castro Sarmento geboren, der ein hervorragender Arzt in London war, zum Ehrendoktor der Universität von Aberdeen in Schottland ernannt wurde und 1760 in London starb. Ein anderer Sohn Bragancas war Jakob Rodrigues Pereira, geboren 1715 und 1780 zu Paris gestorben. Er war Begründer und Einführer des Taubstummenunterrichts in Frankreich. Als im Jahre 1749 der berühmte Naturwissenschaftler Buffon den ersten Schüler von Pereira in der Akademie der Wissenschaften von Paris vorstellte, bewilligte der König Ludwig XV. dem bekannten jüdisch-portugiesischen Gelehrten eine jährliche Pension. Noch heute erinnert man sich in Frankreich lebhaft an diesen Mann, der dort in Ehren und Reichtum gestorben ist. Heute ist Braganca von vielen Dörfern, wie Vilarinho dos Galegos, Lagoaca, Carcao, Argozelo, Moncorve umgeben, wo nur Marrannen wohnen. Es ist charakteristisch, daß'ein Mädchen von diesen Dörfern keinen christlichen Mann von der Umgebung heiraten wilL Im Auftrage des holländischen Marrannenkomitees mächten Herr Dr. Benarus und ich eine Studienreise nach Braganca, wo wir einen ausgezeichneten Eindruck yqn der aufblühenden Marrannenbewegung'Portugals bekamen. Hier wurde eine richtige jüdische Gemeinde gegründet, deren Präsident, Herr Jose Fortado Montanha, Leiter der Bank von Portugal in Braganca, ist. Die Gemeinde setzt sich aus den vor nehmsten Leuten der .Stadt zusammen, u. a, Kapitän Borges (Vorsitzender des Gemeindekomitees), Antonio Augusto Pereira (Sekretär der Gemeinde)1, Antonio Emilio Rodrigues. Als Rabbi und Erzieher fungiert dort seit einiger Zeit Herr J. Schababo aus Safed (Palästina). Schon auf dem Bahnhofe waren wir freudig überrascht, eine große Anzahl Marrannen, zu unserer Be grüßung, anzutreffen, Auch Rabbi Schababo und Frau, sowie Kapitän Borges hatten sich eingefunden und diesen hohen Offizier sowie uns grüßte eine Anzahl Soldaten in militärischer Haltung. Noch am gleichen Abend besuchten wir die Sy nagoge und Schule, die, obgleich klein und bescher den, doch einen freundlichen Eindruck machen; in der Schule werden die Kinder außer den weltlichen Fächern auch in Hebräisch und Religion unterrichtet. Wir konnten uns selbst davon überzeugen, welche verhältnismäßig großen Fortschritte in dieser Beziehung schon gemacht wurden. Zum Maariw-Gebet stellten sich sehr viele Leute in der Synagpge ein und wir warteten gespannt auf das Kommende. Die kleine Synagoge konnte bei weitem nicht alle die Besucher aufnehmen, die auf der Treppe und fast sogar noch auf der Straße standen. Es fielen besonders die vielen alten Männer und Frauen auf, die z. T. mehr als 80 bis 90 Jahre alt waren. Der G'ttesdienst, den wir hier erlebten, wird uns für immer unvergeßlich bleiben. Die Kinder und Jugendlichen, die den Chor bilden, waren in eine nette Uniform gekleidet, während Rabbi Schababo einen feierlichen Talar und Tallith anhatte. Schon das Aeußerliche machte so einen ausgezeichneten Eindruck. Beim Gebete selbst wirkte die harmonische Chorbegleitung der Kinder mit ihren hellen Stimmen, in den rührenden Melodien, aus denen man manchmal meinte, Israels jahrhundertealtes Leid herauszuhören, außerordentlich eindrucksvoll. Dieser Kinderchor würde in jeder europäischen Großstadt Ehre einlegen. Nachdem das Maariw-Gebet in der bekannten Ordnung beendet war, wurden zum Schlüsse noch Jigdal, Adon Olam, Enkelohenu und — die Hatikwah gesungen, so daß wir aufs angenehmste überrascht und begeistert waren. Die älteren Leute hörten sehr andächtig zu und soweit sie noch nicht geläufig hebräisch beten können, versuchen sie doch die Worte mitzusprechen und mixzusingen, und schauen dabei stolz und glücklich auf ihre Kinder, die schon richrige Juden sind. Im übrigen sind die Jungens auch schon von Rabbi Schababo beschnitten, ebenso haben sich mehrere ältere Männer ungeachtet ihres Alte/s in den Bund Abrahams aufnehmen lassen. In der Nähe des Aron Hakodesch ist in der Synagoge eine Tafel angebracht, auf der die Beschneidungsdaten der Männer und Kinder, sowie ihre Geburtstage verzeichnet sind. Vor und nach dem G'ttesdienst wurden von einigen älteren Marrannen (Männer und Frauen) einige spezifische Marrannengebete in portugiesischer Sprache vorgetragen, die von der jüdischen Geschichte, dem Auszuge aus Aegypten usw. handelten, und bei uns einen sehr tiefen Eindruck hinterließen. Es war schon spät am Abend, als diese erhabene Versammlung beendigt wurde. Es ist vielleicht noch interessant, zu erwähnen, daß, als gerade der Gesang der Kinder laut und eindrinlgich in das Städtchen hinausschallte, ein Polizist in die Synagoge trat; wir dachten dabei, daß er sicherlich infolge der vorgerückten Nachtzeit zur Ruhe mahnen würde; aber zu unserem größten Erstaunen nahm er, nachdem er die Mesusah mit dem großen Schaddai geküßt hatte, selbst am G'ttesdienste aktiven Anteil. Für die Marrannen war es ein großes Ereignis, jüdischen Besuch in ihrer Mitte zu habeh und nachdem vorschriftsmäßiges Minjan vorhanden war, benutzte Herr Dr. Benarus die Gelegenheit, einen Kaddisch für die Verstorbenen zu sagen und gab darauf in einer Ansprache einen Rückblick auf die Vergangenheit, erzählte von dem lebhaften Interesse, das die Marrannenbewegung im Weltjudentum auslöst und ermahnte die Anwesenden, die Religion ihrer Vorfahren hochzuhalten und zu neuem Leben zu erwecken und das, wa ssie im Unterricht bei ihrem Lehrer lernen, auch in der Tat auszuführen. Die zahlreichen Marrannen hörten die Ausführungen atemlos zu und viele waren so gerührt, daß sie leise weinten. Nach der Ansprache wurden wir aufgefordert, uns ins goldene Buch der Gemeinde einzutragen, was wir um so freudiger annahmen, als wir uns der großen Ehre bewußt waren, die uns die Gemeinde in Braganca damit antat. Am gleichen Abend wurden wir noch aufgefordert, einige Märrannen in ihren Wohnungen zu besuchen und dort erfuhren wir, daß sich die junge Generation nicht mehr von ihren Eltern und proßeltern die alten portugiesischen Marrannengebete lehren lassen will, sondern nur^noch die hebräischen Geb_ete ihres Lehrers, was man vielleicht auf - blutmäßiges Echo ihrer Vorfahren zurückführen kann; außerdem wurde uns erzählt: früher, als in der. Kirch« die standesamtlichen Trauungen stattfinden mußten, ließen sich die Marannen auch notgedrun-" gen hi^r trauen, betrachteten es aber als ein großes. Opfer und die Braut und der Bräutigam fasteten dafür drei Tage vor der Hochzeit, aßen nur am Abend, beide Parteien nahmen noch jede zwei Zeugen ihres .Geschlechtes, die ebenfalls während dieser drei Tage fasten mußten. Am nächsten Morgen mußten wir die Heimreise antreten und ließ es sich der größte Teil der Marrannen in Braganca nicht nehmen, uns an der Bahn ein herzliches „Schalom und Adeus" zuzurufen. Für uns war der kurze Aufenthalt bei unseren Freunden in Braganca ein einmaliges Erlebnis, das wir nie vergessen werden. 'V Die Juden in Indien. Die im Oktober 1934 eingeweihte Synagoge der „Bne Israel" in Achmedabad wurde, nach einem Berichte der ITA., von dem Gouverneur von Bombay, Lord Bf akoufüi', besucht, dem bei-dieser Gelegenheit eine prächtig ausgestattete Denkschrift mit der Geschichte der. 14.000 Seelen umfassenden Gemeinde der Bne Israel im Regierungsbezirk Bombay überreicht wurde. In der Denkschrift wird darauf hingewiesen, daß die Bne Israel als letzte Ueberlebende der Bevölkerung des Reiches Israel vor 2000 Jahren bei Nowgän, 18 Kilometer südlich von Bombay, gelandet seien. In ihrem Adoptivvaterland hätten sie sich besonders dem Heeresdienst gewidmet und viele hätten hohe Stellungen in der englischen Armee erlangt. Viele he-r vorragende Offiziere aus den Reihen der Bne Israel hätten an dem Feldzug gegen Sultan Tipu teilgenommen. Besondere Dienste hätten sie im indischen Aufstand geleistet. Durch die Einwirkung von. Offizieren der Bne Israel seien mehrere Regimenter davon abgehalten worden, sich den Meuterern anzuschließen. An allen militärischen Expeditionen außerhalb Indiens hätten die Bne Israel ebenfalls teilgenommen. Nunmehr aber werde ihre militärische Laufbahn durch die neue Bestimmung eingeschränkt, daß bei jeder Konfession nur 2 Offiziere auf je 100 Mann entfallen dürfen. Damit werde den Bne Israel, die sich zum Handel ganz und gar nicht eigneten, der wichtigste Beruf. verschlossen. Die 20.000 Bne Israel in Indien und Burma hätten an allen öffentlichen Diensten ihrer Zahl entsprechend Anteil. Zum Schluß wird in der Denkschrift an den Gouverneur die Bitte gerichtet, bis zur gesetzlichen Regelung der Vertretung in öffentlichen Körperschaften den Bne Israel je einen Sitz im Gesetzgebenden Rat yon Bombay und im Stadtrat von Achmedabad zuzuteilen. Der Gouverneur dankte für die ihm in Anwesenheit zahlreicher jüdischer und nichtjüdischer Festgäste zuteil gewordene feierliche Begrüßung, erklärte sich jedoch außerstande, den Wunsch nach einer eigenen Vertretung der Bne Israel in den öffentlichen Körperschaften zu erfüllen. Es gebe in Achmedabad zahlreiche Minderheitsgemeinden, die weder im Stadtrat, noch im Gesetzgebenden Rat eine besondere Vertretung besäßen. ■ . (Palästinensisches Recht.) Das Dezember-Heft des Mitteilungsblattes der Hitachduth' Olej Germania in Tel Awiw erscheint als juristische Sondernummer und enthält überaus instruktive Darstellungen des in Palästina geltenden Rechtes, dessen Kenntnis für jeden, der sich beim Abschluß von Verträgen vor Schaden schützen will, unentbehrlich ist. Besprochen werden zunächst Gerichtsverfassung und Zivilprozeß, Vertragsrecht, Schadenersatzansprüche, Bodenrecht und Wechsel- und Scheckrecht. Eine zweite juristische Sondernummer soll Ende Januar erscheinen und wird Hypothekenrecht, Gesellschäftsrecht, Konkurs- und Anfechtung, Strafrecht und Strafprozeß und Familienrecht in populärer Form behandeln. (Kataloge.) Die Firma Louis Lamm, Spezialbuchhandlung für jüdische Liturgie, Amsterdam, Amstel 3, versendet ihre Kataloge Nr. 31 und 32. Der erstere enthält ein Verzeichnis wertvoller jüdischer und hebräischer Handschriften, hauptsächlich Judenschutzbriefe, Liturgie, Protokollbücher, Kabbala und Edikte meist italienischer Herkunft, Der zweite erstreckt sich auf Verlagswerke und Partieartikel in Hebraicis und Judaicis. ' Wir machen auf die einzige jüdische konzessionierte Handelsschule Berlins, Artilleriestr... 31, aufmerksam, die den Kindern eine gute kaufmännische Ausbildung bietet. Sprachkurse für Anfänger und Fortgeschrittene eingerichtet hat und ihre Absolventen so vorbereitet, daß sie sich der Prüfung zur Befreiung von der Berufsschulpflicht erfolgreich unterziehen können. Die Prüfung in Stenographie und Schreibmaschine findet vor einem Beauftragten der Staatsbehörde an eigener Schule statt. In den Abendkursen werdennicht nur - Fortbil--- dungsmöglichkeiten in den Handelsfächern geboten;^ sondern den Besuchern Gelegenheit gegeben, sich int Sprachen zu vervollkommnen, an StenographierDik-> tierkursen, an Debattenschrift,.an englischen und französischen Kurzschriftzirkeln teilzunehmen.