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Der Israelit · 1935-01-24 · Heft 4 (24.1.1935) · page 13

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Journal
Der Israelit
Volume
76 (1935)
Issue
Heft 4 (24.1.1935)
Date
1935-01-24
Page
– (sequence 13)
Language
German
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Feuilleton- Beilage Der Israelit Nummer 4 1^35 Flucht in die Heimat. Eine Erzählung aus unseren Tagen.; (Fortsetzung.) Wieder, ein neues Wort,/wunderte sich Herr Wilde. Wo der Junge nur all die neuen Dinge her hatte? Er war im Begriffe, sich eine Zigarre anzustecken,"aber irgend eine! dunkle Empfindung — war es der Ton" des Jüngsten oder die Erinnerung an das geschlossene Geschäft — zwang ihn, die Zigarre unangezündet Wieder beiseite zu legen/ ' ' " ' ' ". '• . ' / ' ' „Was ist. das, Hachschara?" fragte er. „Hachschara ist eine landwirtschaftliche Vorbereitungsschule," dozierte Baruch. tiEine Le.hrfarm und doch noch etwas anderes, ist doch im Worte das hebräische ,,koscher" enthalten." „Koscher!" Es gab Herrn Norbert Wilde einen kleinen Stich ins Herz. Er liebte das Wort nicht. Nicht etwa, daß er Verschmäher einer guten Koscherkost war, aber „Koscher" war für ihn Inbegriff all dessen, wovon er sich von Jugend her zu befreien suchte und wovon er nicht loskam. Er hatte seiner Ida nie Vorschriften gemacht, wie sie das Haüs führen sollte. Sie führte vielleicht die .Küche rituell; er machte sich keine Gedanken darüber, ab.er er nahm es an, denn sie war aus. religiösem Hause, Für seine. Person bewahrte er eine Art freundliche Neutralität zu all diesen Dingen. Auf Reisen sah er darauf, daß ihm kein "Schweinefleisch in den Mund kam. Am liebsten verzichtete er ganz auf Fleisch, beim Fische genügte ihm die Versicherung des Ober, daß er in reiner Butter zubereitet sei . . . An den Hohen Feiertagen und zur Seelenfeier an den anderen Festtagen besuchte er die Synagoge — aber dann eine,;Solche mit ältjüdischem Ritus, Theatralik liebte er nicht, und wenn einmal^ dann-nur im Theater.;. . . In „Koscher" sah er den Namen für das, wasdie Welt im Juden haßt, was ihm heute' den Weg ins Büro verstellte. Er -verspürte wieder Lust nach dem beruhigenden ßampf ein^r Havanna. James hatte seine weiße dünne Zigarette schon bis zum Goldrande geraucht/ •- '• „Wenn ich sage, daß Hachschara von „koscher", kommt,"- belehrte Baruch, „so ist damit noch nicht gesagt^ daß es in allen Hachscharoth damit so in voller Ordnung sei. Koscher heißt dem ursprünglichen-. Sinne: des Wörtesr: tfach? V o r b e r e i"t u rr g, r;Rüstung. .Hachschara ',, ist' eine Vorschule für Palästina." ..Du scheinst, möhr* Sohri, auch fleißig Hebräisch zu treiben.''" v L ' 4 4 \ ..Am Ende mit Hilfe jghes^p^his^teh^'Maha- | radscha, der Schmuhl heißt und wie ein Isak i aussieht," lachte'James geistvoll. Er hatte jenes Erlebnis seines Bruders nicht vergessen und grub es immer von neuem aus, um daran die barocken Ideen seines Bruders zu demonstrieren. „Beinahe geraten, lieber Bruder," parierte Ba- , ruch:' „Jeher vortreffliche* Mann, der seinen Na-' menrmit so vielem Stolze trägt, ist noch hier,! \Virkt als Rabbi in der kleinen Klaus und ich : lerne bei ihm, Abend für Abend eine Stunde, j Aber nur atjs demr alten Schrifttum, 'Hebräisch lerne ich.-andersw.ö/'' ' f;4 »'Und dü ■wÜlst.Ba^et'.'wcrden?" Norbert Wilde ^sah fast-,aniü'^e^ ins Gesicht. 4>ie Zigarre nahm |er min,.doch nicht, „Warum auch nicht, Vater?";.: ,,: „Und deine Gymnasiälbildung, die vielen Kurse, die gesellschaftlichen Allüren?" „Ich fürchte, lieber Vater, es wird viel leichter sein, all dieses 211 vergessen, als das Neue zu erlernen." Norbert Wilde schüttelte den Kopf. Man verstand die neue Jugend nicht mehr, in der Welt draußen nicht und erst recht nicht im eigenen Hause. Nun griff er doch nach der Zigarre. Aber sie blieb kalt. IL Seit drei Monaten weilte Baruch auf einer jüdischen Lehrfarm, oder wie er lieber sagte, einer Hachschara in einem Dorfe des Rhöngebirgjes. Mutter Ida hatte, seitdem der Aelteste nicht wiedergekehrt war, keine Kraft mehr, ihren beiden Kindern Widerstand zu bieten. Und Vater Wilde meinte schließlich, es könnte nicht schaden, wenn der Junge auch einmal was anderes sehe und lerne. In seinem Geschäftsbereiche lag aüch Verwaltung von Grundstücken und Hofgütern, ergo dürfte der zweite Jungchef auch Erfahrung auf einem Hofgute sammeln. Hofgut! Etwas anderes konnte sich Herr Wilde unter einer Hachschara nicht vorstellen, nachdem ihm zur Kenntnis gekommen war, daß es eine Schule oder Fabrik für Roscher-Artikel nicht sei. Gegen Sommerende beschlossen Herr und Frau Wilde, ihren Jüngsten auf dem „Hofgute" aufzusuchen. James schüttelte zu der Einladung, mitzukommen, verneinend den Kopf. „Ich danke, mein Bedarf an koscherem Kuhmist ist gedeckt ..." Baruchs Schreiben auf die Absicht der Eltern, ihn zu besuchen, war nicht eitel Entzücken. Gewiß, er freue sich sehr, die ganze Farm freue sich . < , Aber sie möchten sich ja keine Illusionen machen, um keine Enttäuschungen zu erleben. Es sei alles mehr als einfach, sehr primitiv, aber gerade so wie e.r es wünschte und erwartete . . . Zum Schlüsse noch eine Bitte. Sie möchten nicht im Auto anfahren. Es würde dies zu sehr von der spartanischen Einfachheit auf der Farm abstechen, und er möchte nicht das verwöhnte reiche Bankiersöhnchen herausspielen, da wo alles eine Gemeinschaft von Brüdern und Schwestern bildete ... Die Reise mußte hinausgeschoben werden, wegen James. Er ging eines Abends aus,'wie er es seit einem Jahre immer tat — und kehrte nachts und auch morgens nicht w i e d e r h e im. Ein Freund brachte gegen Mittag ein verschlossenes Brieflein und entfernte sich sofort. j.Liebe Eltern/' schrieb James kürz und eilig-,-„Ihr dürft nicht schlecht von mir denken. Ich habe nichts Unrechtes getan, jedenfalls nichts anderes und mehr, als ich sonst unter Eurer stillschweigenden Duldung tat und alle meine Freunde bis jetzt! täten;!;•.,."•KaiöeVmer%;'/'5%h0;i aäs' Gericht, ich | wurde '. frei, von ,1 Schuld; uhd;.TadeL gesprochen ■ werden. Da, aber .nun —-r'Ihr> kennt ,'die blonde Käröline ein; Skandah'dröhii^hdi'die Zeiten unruhig sind, verschwincfe J'rch lieber zunächst, | schön -um Euretwegen Macht Ettch -keine | jSorgen um .mi,ch,aich habe, ä'us 'der Säöhe etwas i gelernt, und gehe nicht ohne Mttel von dannen. Wenn Ihr in nächster Zeit nichts von mir hört, so wisset, Euer James ringt' irgendwo um eine neue Paseinsform, und er wird es schon schaffen .; ,"' ' ." . ' ' In Mütter Idas Gesicht legte sich eine neue Falte';; '"Und wenn siein wertender, und suchender Pein zum TEckf ehster Mnausspähte,. gingen 'jetzt die verlorenen Blicke, nach zwei Richtungen. Nun hielt' es Herr Norbert Wilde erst recht an der Zeit, sic^ nach dem Jüngsten; Boris-Baruch umzuschauen.' .:, .Am Freitag vormittagv Korbert Wilde stellte ^eradd-an'.',seiner schweren goldenen Taschenuhr iest>; daß er noch eine volle Stunde bis zur Börse hatte, meldete ihm Philipp, der Bote und Portier, einen Mann, der ihn dringend zu sprechen wünsche, „Namen?" fragte der Chef» „Sagt er nicht," berichtete Philipp in wegwerfendem Tone, den er eigens für Leute hatte, die nichts brachten. „Schnorrer?" — Seitdem ihn Boris-Baruch flehentlich gebeten hatte, den Namen „Pollak" nicht zu gebrauchen, begnügte er sich mit „Schnorrer", was in seinen Augen das gleiche war. '! : „Aussehen und Sprache nach ja," entschied Philipp mit der ..treffsicheren Menschenkenntnis eines Portiers. Herr Wilde war heute, in Gedanken an das Wiedersehen mit dem Sohne, in weicher Stimmung und opferte eine halbe Mark, es war mehr als das Doppelte der üblichen Gaben in alltäglichen Fällen. ' Der Portier kam zurück. „Der Mann nimmt's nicht." „Zu wenig? Also eine ganze Mark und Schluß!" Philipp kam wieder zurück mit der Mark in der Hand. „Der Fremde sagt, er möchte unbedingt Herrn Wilde sprechen." Das kostet mehr, dachte Herr Wilde, Aber, er ließ den Fremden ins Chefzimmer treten, Gut; daß Herr Direktor Klingenball und Herr Aufsichtsrat Dr. Bumke heute ihren Besuch absagten, dachte Herr Wilde. Das wäre keine Attraktion für diese Herren. Auf der Schwelle stand ein Mann im langen schwarzen Rocke, mit einer Samtkappe auf dem Kopfe und dem breitrandigeri'Filzhut in der Hand. Herr Wilde kannte den Typ, Was ihm auffiel, waren die klaren, wasserblauen Augen des. in den mittleren Jahren stehenden bärtigen Mannes, die frei und geradeaus auf ihn gerichtet Waren. „Ich heiße Schmuhl Karpfenteich," führte sich der Fremde ein. „Ich komme wegen Eures Sohnes Baruch." Herr Wilde zündete sich eine Zigarre an, als wollte er sich in einer Wolke vor etwas Neuem und Unbekanntem verbergen. „Schmuhl Karpfenteich," dämmerte es in Herrn Wilde auf. „Ja, ich erinnere mich. Isak, nein, verzeihen Sie, Schmuhl, Herr öder Rabbi Schmuhl. Was verschafft mir das Vergnügen?" 1 „Es wird Herrn Wilde bekannt sein, daß ich;hit Ihrem Söhne lernte." y a ' , Herr Wilde, blies erleichtert eine dicke Rauchfahne von sich. ,,Nun begreife ich, $er Junge ist das Stundenhonörar schuldig geblieben. So ist die Jugend, müssen schon verzeihen, Herr Karpfenteich. Wieviel macht es?. . ]/ / ,-,Es :g^aX'iucht daf^uni^iwehrtc^Schmiihl' Karpfenteich!, ab'. „Baruch ist mir /.auch'' nichts schuld <lig. Ab er -Sie gedenkeq,"Herr Wilde, ihn zu ^besuchen und.ich habe einen Brief .von ihm erhalten ..." Der Bankier bot dem fremden Rabbi Platz an. Also sah der Mann aus, der auch seinen Sohn schon halb zum Rabbi gemacht hatte, aus einem Boris einen Baruch?! '"■ „Sie rauchen eine Zigarre, Herr Karpfenteich." .; . ' ,, . ■ ., . „Nein, ich danke, ich rauche nur Zigaretten. Wenn Sie gestattet . . Und er holte eine einfache Blechdose aus der Tasche und steckte sich eine schmale weiße Zigarette an. Das kleine dünne, sich ringelnde Rauchfähnchen schien gegen die dicke duftende Rauchwolke der schweren Zigarre hart anzu- (Förtsetzung folgt.) *>

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