Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 76 (1935)
- Issue
- Heft 4 (24.1.1935)
- Date
- 1935-01-24
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
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Seite 6 Nr. 4 Der Israelit 24. Januar 1935 Ueber die Pirchim-Arbeit Von der Bundesleitung der P. A. J. Der agudistische Erziehungsbund wurde vor etwa 5 Jahren aus der Ueberlegung heraus geschaffen, daß für eine bewußte agudistische Arbeit in den Aelteren-Gruppen ein Erziehungsbund vorhanden sein muß, dessen einzige und ausschließliche Aufgabe darin besteht, die zu Erziehenden in die Aelterenorganisationen der A. J. einmünden zu lassen. Da sich ein solcher Bund mit dieser eindeutigen Festlegung nicht vorfand, bildete man in einzelnen Städten, in denen die Möglichkeit bestand, Gruppen der heutigen P. A, «L Obwohl die Gruppen aus einer äußeren Notwendigkeit heraus entstanden, nahmen die P. A. J. -Gruppen im Laufe ihres Bestehens eine Grundhaltung ein, die in einigen Sätzen herausgestellt werden soll. Es wird in nächster Zeit unser Bestreben sein, diese Grundhaltung der P. A. J.-Gruppen stärker in unserer Arbeit zu betonen, so daß mit Berechtigung von einer festgefügten Gemeinschaft gesprochen werden darf, die von einem obersten und allgemein gültigen Erziehungsziel gestaltet und beherrscht ist. Im folgenden wollen wir zunächst das Allgemeingültige der Erziehungsarbeit der P. A. J. herausstellen. I. Vom Wesen der Erziehung. Erziehung setzt das bildungsfähige Objekt voraus. Jüdische Erziehung, unter dem Blickpunkt des Objektes betrachtet, bedeutet, daß wir alle ständige Erziehungsobjekte der Tauroh sind. Insofern in der allgemeinen Erziehung, Milieu und Nebenmensch erziehungsbildende Faktoren sind, die ihre Ausdrucksform im Elternhause, in der Schule und im Bund finden, ergibt sich für die jüdische Erziehung die unbedingte Notwendigkeit, diese Erziehungsfaktoren im Vorhinein taurohgemäß zu gestalten. Beim Elternhaus freilich ist uns dies nicht möglich, in der Beziehung zu ihm ergeben sich daher auch 'die häufigsten Widerstände oder Schwierigkeiten. Um söbetonter müssen die beiden' anderen Faktoren vollendet jüdisch gestaltet sein. "s- Neben dem Objekt der.; Erziehung und den sich uns bietenden Erziehungsfaktoren, die keineswegs in unserer Wahl stehen, sondern gewissermaßen ohne uns da sind und derien wir uns unterordnen müssen, steht nun der Erzieher mit dem Rüstzeug der Erziehungsmittel und der Kenntnis um das Erziehungsziel, zu dem er, *fäs Kind hinführen muß. Dieses Ziel kann nicht etwa ein frei gewähltes sein, s^adern muß ein objektiv gegebenes sein. Bewegend ist der Erziehende, kann zu einer gewissen Grenze das Erziehungsmittel sein, ruhend ist das Ziel. Da* Wesen der Erziehung fordert nun'von uns aus der bisher angedeuteten Konstellation ein tiefes Einfühlungsvermögen, ein Abwägen, inwieweit der Individualität des Kindes Rechnung getragen werden muß oder darf, ohne dieses zu schädigen oder das Ziel aus dem Auge lassen zu müssen. In eben dem gleichen Maße aber muß der Erzieher selbst in jedem Augenblick von dem Erziehungsziel selber erfüllt sein. Ergriffenheit von der Erhabenheit des Zieles, stetes Wachsein, um es nie aus dem Auge zu verlieren, verbunden mit der tiefen Hingegebenheit zum Kinde, es um seinetwillen,.um seines objektiven Glücksweges willen, zu diesem Ziele hinführen zu wollen, das ist es, was den rechten Erzieher kennzeichnet. Für die agudistische Jugend ist diese Aufgabe zugleich mit dem Bewußtsein verbunden, daß in jedem Erziehungsmoment ein Stückchen der Gestaltung am Volksganzen liegt. Arewus bedeutet so, sich vervollkommnen, um dem Anderen dadurch zu dienen. Hereinwachsen in den taurohtreuen Klall, um durch ihn noch einmal geformt, zum Glied der Knesses Jisroel zu w'erden. Grundsätzlich gilt die F ü h r u n g in der agudistischen Erziehung, weil das Tauro-Gesetz uns alle führen muß. Der Interpret des G'ttesgesetzes, der es zugleich lebt, er wird der beste Erzieher sein, Emunas-Chachomim hat, auch vom erzieherischen Gesichtspunkt aus gesehen, eine gewaltige Bedeutung, im Begriff der Emuno liegt etwas von fast blindwütigem Vertrauen zum Worte G'ttes, dieses Vertrauen auf Gedaulim übertragen bedeutet: Emunas - Chachomim Unrüttelbar muß ihr Wille und ihr Wort in uns eingehen. Selbstische Formungu eines Weg^s muß abgründig sein, weil das Ich zu klein ist, um eindringen zu können in die Tiefe des G'ttes wortes. Absolutheit des G'tteswortes muß als oberstes Prinzip in der Erziehung gelten, an dem zu zweifeln schon zum Gefahrenmoment in der Erziehung werden kann. II. Vom Weg der Erziehung. Der Weg der Erziehung muß vornehmlich vom Wesen und vom Ziel der Erziehung bestimmt sein, Zu diesem Weg gehört eben all das, was erziehungsmäßig betrachtet, allgemein als Mittel der Erziehung bezeichnet wird. Geistesbildung und Charakterformung, Vernunft und Gefühl, alles muß im Kinde geformt und gebildet, geweckt und gestaltet werden, Heranführen an alle Partien des jüdischen Schrifttums, um seiner selbst willen sowohl, wie auch, um aus dem Wissen heraus das Kind reifen zu lassen, Agada und Midrasch, je nach Altersstufen, um das Gefühl für das Schöne im Kinde zu wecken, Einordnung in die Organisation um der Bindung willen, und um den Begriff des thoratreuen selbständigen Klall frühzeitig wachzurufen, politische Erziehung, um die Lehre vom Religiösen und Sittlichen zu wecken, denn das allein ist Politik der Agudas Jisroel, die als Kunstlehre geübt, in vollendetstem Maße, uns zur g'ttgewollten Höhe bringen wird; Erez Jisroel als G'ttesstaat der Zukunft und G'ttesstaat der Vergangenheit begreifen lernen, um Geschichtlich-Einmaliges erlebnisreif und real erscheinen zu lassen, dies und noch manches sind Wegstücke der Erziehung. III. Ziel der Erziehung. Nicht' um ewig gültige Definitionen geht es uns hier, sondern darum, in aller Einfachheit das 'darzustellen, was notwendig,.istv..zu wissen. Ziel der Erziehung kann nichts anderes, sein, als sieh selbst als ein Etwas des Ganzen begreifen, in sich wissen, daß Jeder ein Mitgestalter der jüdischen Zukunft ist, daß er es ist, der in der Zeit, zwischen dem G'ttesstaat der Vergangenheit und dem G'ttesstaat der Zukunft lebt, daß darum alleine schön ein thoratreuer Klall vorhanden : sein muß, der nur und nur dem G'ttesgesetz sich unterordnet, der nichts neben sich duldet, keinen Begriff der „Awoda" als koordiniert, keine organisierte Gemeinschaft, die über sich selber herrscht, anstatt die Thora herrschen zu lassen, keine Jugendgemeinschaft anerkennen kann, die von einem ,,Zwischen dem alten und neuen Jischuw" spricht, die vielmehr nur G'ttes gekeiligten Boden anerkennt und kennt, nienials sieh verbindet mit dem Bruder aus Mitleid, weil Mitleid Schwäche wird, wenn sie G'tt perhorresziert, kurzum: Ziel der Erziehung muß sein, die Jugend völlig dem Begriff der h'flXI^Yllri zuzuführen und überdies den Stolz zu wecken versuchen, für jene unabhängige Orthodoxie, die sich bewußt isoliert, um Jisroel zu retten. Nach all dem Gesagten ist es klar, daß die P. A. J.-Gruppen der Bestrebung nach Gemeinsamkeit und Einheitlichkeit (größtes Mißtrauen im Hinblick auf eineZusammenlegung mit den anderen Bünden entgegenbringen müssen," da tmser Erziehungsziel weder Kompromisse, noch Umdeutungen, hoch Verengungen erfahren darf. Das bedeutet nicht eine enge Perspektive haben, das bedeutet nicht, organisatorische Momente zum Selbstzweck erheben, denn uns ist die ^Organisation ja geradezu. Wesensausdruck der Bewegung, sondern es bedeutet nichts anderes, als in aller Deutlichkeit, Wesen, Weg und Ziel der durch die PirchimgrUppen zu leistenden, agudistischen Erziehungsarbeit skizziert zuhaben. (Wir glauben, daß den „Pirche Agudas Isroel" von den obersten Organen der „Agudas Isroel" keinerlei Verleugnung ihres hundertprozentigen Agudismus zugemutet werden wird, und daß sie als disziplinierte Agudis.tenr.sich den Beschlüssen und Wünschen dieser Leitung im* Sinne ihrer eigenen Prinzipien unterordnen sollten, ohne das „Mißtrauen" gegen Gesinnungsgenossen zu weit zu treiben. ' R.ed.). Korrespondenzen. Deutsches Reich. Ein Angriff des „Angriffs" auf den „Israelit". Frankfurt a. M., 21, Jan. Unter der Ueberschrift „Neue Unverschämtheiten, edner jüdischen Zeitung" (auf der Titelseite mit rotem Querbalken unterstrichen) schreibt der in Berlin erscheinende „Angriff" vom 18. Januar folgendes:; „Die Zeitung der orthodoxen Judenheit „Der Israelit", Frankfurt a. M., hat neue Wege gefunden, um an der nationalsozialistischen Weltanschauung". Kritik üben zu können, ohne sich der Gefahr einea Zusammenstoßes mit den Gesetzen des Dritten Reiches auszusetzen. Einerseits hat diese Zeitung die Gewohnheit angenommen, die schärfsten judengegnerischen Auslassungen nationalsozialistischer Redner und Parteiinstanzen im Wortlaut,, ganz ohne jeden Kommentar, zu veröffentlichen; so z. B. jüngst eine neue Kampfansage des stellvertretenden Gauleiters von Franken gegen die jüdischen Warenhäuser, eine Rede des Pg. Pfarrer Münchmeyer usw. Da nichts so unwahrscheinlich ist, als daß „Der Israelit" durch solche Weiterverbreitung seine. Zu-: Stimmung zu den Gedankengängen der Judengegner bekunden wolle, kann seinem Handeln nur die Absicht zugrundeliegen, den chronischen Haß seiner „thoratreuen" Leser und „Auserwählten Je . . gegen den Nationalsozialismus dadurch aufzuputschen; d. h. sie zur Mobilisierung aller Kräfte anzuregen, die geeignet sein könnten, dem Dritten- Reiche und dem deutschen Volke ' Schwierigkeiten; zu bereiten und Schaden anzutun. Außerdem gelingt es dem Judenblatt, mit diesen aus dem Zusammenhang herausgerissenen scharfen Angriffen der auslandsjüdischen Propaganda gut .yer-y wendbare Stoffe ,zur Greuelmärchen-Verbreitung.. za„ liefern. Nunmehr hat „Der Israelit"'noch einen an-;.- dern, zum gleichen Ziele führenden Weg beschritten: Er benützt seine Rubrik ,,B ü c h e rhe s pr e\- chungen", üin den ihm unangenehmen■ national-' sozialistischen Wahrheiten entgegenzutreten.. Wasj> - muß '■' man sich vernünftiger.. Weise fragen,.' hat Heinr 1 ch* y*o h T r e i t s c, h k es ^Deutsche? Geschichte im 19. Jahrhundert" in einem; orthodoxen: Judenblatt zu suchen? In! einem.. Blatte, das .sich; früher.':;stets darauf beschränkt hat, sich mit'jüdischen . und» judendxenerischen Autoren zu beschäftigen? — .Wenn man. dann aber liest* wie def./angeb-' lieh unberechtigten Voreingenommenheit Treitschkes-, gegen die Juden zu widersprechen versucht wird,, dann wird es einem sofort klar, daß „Der Israelit'" mit dem großen toten Historiker i nur deshalb die Klingen »kreuzti um die Vertreter der nationalsoziaV listischen Weltanschauung mit .Degenstichen / zu r durchsieben. Man höre, was da ein Jude K ajj f.ei n s; schreibt:-, ,\Ahm. auch «eine Rechtfertigung für/den Juden-; haß I hält einer näheren Kritik, nicht stand, denn sie".: beruht . .auf-'mangelhafter Kenntnis' des. Judentums;' Daß er. den Talitiud-in der Ursprache nicht hat lesen« , können, wird man ihm füglich nicht zum Vorwurf