Mannheim
Compact Memory

Der Israelit · 1935-01-24 · Heft 4 (24.1.1935) · page 5

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Israelit
Volume
76 (1935)
Issue
Heft 4 (24.1.1935)
Date
1935-01-24
Page
– (sequence 5)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
97% known words query
IRI
…/2446951-2450858-2450862--81012-2538860
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

24. Januar 1935 _■■ . - linken Flügel der Partei, nicht dazu angetan, -die Parteii als ganzes verhandlungsfähig erscheinen zu lassen. Auch die Art und Weise, in der der Führer des rechten Flügels, Rabbiner Amiel, in weit ausgesponnenen Artikelreihen abwechselnd nach rechts und nach links ausholt, läßt eine zielbewußte politische Linie vollkommen Der Israelit vermissen. Unter diesen Umständen bleibt der Agudas Jisroel Wirklich nichts anderes übrig, als ihren Weg in vollem Bewußtsein der unendlichen Schwere des Kampfes, vor den sie sich einem übermächtigen Gegner gegenüber gestellt sieht, auch ohne Bundesgenossen furchtlos weiter zu gehen. Zur Lage des gesetzestreuen Judentums in Deutschland. Von Rabbiner Dr. Unna in Mannheim.*) Der Einfluß des gesetzestreuen Judentums nach außen, in der Gesamtheit des deutschen Judentums, entspricht nicht seiner Bedeutung. Es besteht zwar heute nicht mehr wie in früheren Perioden eine feindselige Gegnerschaft, das gesetzestreue Judentum wird auch nicht mit Geringschätzung behandelt; man ist im Gegenteil in der Praxis bemüht, auf die Gesetzestreuen weitgehend Rücksicht zu nehmen. Dennoch nimmt es nicht die ihm gebührende Stellung ein. Die Ursache liegt vor allem darin, daß die Orthodoxie nicht geschlossen auftritt, daß sie vielmehr in Richtungen gespalten ist, die sich gegenseitig bekämpfen. Auch die Erstarkung des Zionismus hat dabei mitgewirkt. Der Zionismus hat in den ersten Jahren seines Bestehens das gesetzestreue Judentum vielfach wirksam unterstützt; es sei nur an den Gebetbuchkampf in Baden erinnert. Er hatte zu jener Zeit das Streben, alle positiven Kräfte im Judentum zu fördern und stand deshalb naturgemäß auch in den Gemeinden auf der Seite der Gesetzestreuen. Je mehr aber seine Tendenz dahin ging, die jüdische Gemeinde zur Volk'sgemeinde zu machen, desto mehr suchte er alle Richtungen auf der Grundlage der nationalen Forderungen zu vereinigen. Die jüdische Volkspartei hat dadurch viele Liberale an sich gezogen, hat aber in noch höherem Maße die konservativen Elemente aufgesogen. So wurden in Berlin und in Preußen überhaupt die Konservativen immer mehr zurückgedrängt und konnten ihre Forderungen nur mehr durch die Vermittlung der jüdischen Volkspartei vertreten, deren Führung aber nicht in ihren Händen lag. Und so sind auch bei den neu gebildeten Vertretungskörpern (Reichsvertretung, Beirat, Organisationsausschuß) die Konservativen nicht so vertreten, wie es nötig wäre. Die unab- *) Aus dem Referat auf der Tagung der „Traditionell-gesetzestreuen Rabbinervereinigung in Leipzig". hängige Orthodoxie aber, die aus prinzipiellen Gründen eine Mitarbeit in diesen Körperschaften ablehnt, ist für sich allein zahlenmäßig und finanziell, zu schwach, um einen wirksamen Einfluß ausüben zu können. Die neueren politischen Ereignisse haben den Gegensatz zwischen der deutsch-jüdischen und der national-jüdischen Auffassung mit besonderer Schärfe hervortreten lassen, und so entstand bei den inner jüdischen Auseinandersetzungen häufig der Eindruck, als ob nur diese beiden Richtungen maßgebende Bedeutung hätten; von der wichtigsten, der thoratreuen Richtung, ist sehr wenig die Rede. Wenn die orthodoxen Gruppen ungeachtet ihrer inneren Meinungsverschiedenheit wenigstens nach außenhin geschlossen auftreten würden, so würde ihr Gewicht ganz anders in die Wagschale fallen. Die inneren Zustände in den Gemeinden hinsichtlich der praktischen Erfüllung der Thora lassen auch viel zu wünschen übrig. Drei Gebote sind es hauptsächlich, die den Prüfstein bilden für die Treue gegenüber dem überlieferten Judentum: Der Sabbat, das Kaschruth und die Ehegesetze. Die Beobachtung der letzteren, der n"I3 TT hat schon in den letzten Jahrzehnten in erschreckender Weise abgenommen. Die Rabbinervereinigung hat vor einigen Jahren :n einem besonderen Aufruf auf die Wichtigkeit dieser Vorschriften, deren Erfüllung nur geringe Opfer erfordert, deren Uebertretung aber der Entweihung des Jomkippur gleichgestellt wird, hingewiesen. Im Zusammenhang damit ist auch das „Uebel aller Uebel", das Ein- und Zweikindersystem zu erwähnen, das bis tief in die Reihen der Gesetzestreuen hineinreicht und das nach der Statistik den Untergang des deutschen Judentums in greifbare Nähe rückt. — Die Beobachtung des Sabbat hat ebenfalls in betrübender Weise abgenommen. Die Auflösungen der großen Firmen, die früher hunderten von sabbattreuen jungen Leuten Unterkunft boten, hat ' _Nr. 4 Seite 5 die Lage wesentlich verschlimmert. Auch bei der Umschichtung und der Ueberführung junger Leute in Landwirtschaft und Handwerk wird auf die unendliche Wichtigkeit des Sabbat nicht die gebührende Rücksicht genommen. Auf das Kaschruth aber, das bis zum vorigen Jahre in den meisten religiösen Familien festgehalten wurde, hat das Schächtverbot eine verheerende Wirkung ausgeübt, wobei auch die Verarmung der Juden, die die Kosten für das rituelle Fleisch nicht aufbringen können, von wesentlichem Einfluß ist. Die Ereignisse des vergangenen Jahres hätten einen Anlaß geben können zu einer wirklichen« Umkehr. Die Ideale der Assimilation waren vernichtet, der Liberalismus hatte sich als Irrtum erwiesen; ein in sich geschlossenes orthodoxes Judentum hätte hier große Möglichkeiten gehabt. Auch hier hat die Zerklüftung der Orthodoxie sich als verhängnisvoll erwiesen, Nur wenige fanden den Weg zurück; statt des religiösen Judentums trat der Zionismus auf den Plan, und wenn er auch zweifellos das Verdienst hat, vielen verzweifelnden Menschen einen Halt gegeben zu haben, so hat er doch auch bewirkt, daß manche auf halbem Wege stehen geblieben sind, und sich mit den nationalen Werten, die weniger Opfer erfordern, begnügt haben. Aber wenigstens ist das Interesse für das Judentum durch diese Entwicklung erstarkt, das Streben, das Judentum und sein Schrifttum kennen zu lernen, ist in Kreise gedrungen, die früher vollkommen assimiliert waren, und außerdem ist durch die bekannten Bestimmungen für die Schulen die Möglichkeit eröffnet worden, der Jugend den Sabbat wiederzugeben. Unser Streben muß dahin gehen, in diese neue Sabbatfeier den Geist der flWHp' der ihr noch fehlt, einzuführen, sie mit der Weihe des traditionellen Sabbat zu erfüllen. Auch das neuerwachte Interesse für die jüdischen Schulen muß als ein Positivum für das gesetzestreue Judentum bewertet werden. Wenn auch das Bild im Ganzen kein erfreuliches ist, so ist dennoch kein Grund zur Verzweiflung. Vor allem muß die Jugend, die heute nach neuen Idealen sucht, an den unversiegbaren Quell der Thora geführt, es muß ihr gezeigt werden, daß nur in der Thora die Lebenskraft und die Zukunft des jüdischen Volkes liegt. Und wenn alle, die auf dem Boden der Thora stehen, sich zur Erreichung dieses Zieles vereinigen, dann dürfen wir hoffen, daß hier wie im heiligen Lande, das ja heute die Sehnsucht so vieler bildet, ein neues, lebenskräftiges thoratreues Judentum erblühen wird. ihm aber nicht vertraut, der stützt sich nur auf sich selber und glaubt, alles nur sich zu verdanken. Seit hundert Jahren hat der Rhythmus des Lebens sich in stets schnellerem Tempo vermehrt und die Ruhe weggenommen. Seit hundert Jahren hat eine Periode fortgesetzter technischer Vervollkommnungen und wirtschaftlichen Aufschwungs eingesetzt und die Genügsamkeit geraubt. Mit der entschwundenen Genügsamkeit sind aber auch die materiellen Lebensziele so sehr gesteigert worden, "daß Optimismus und G'ttvertrauen leiden mußten. In dieser Atmosphäre entstand auch bei einem großen Teil der Thorajuden eine tiefe Kluft zwischen ihrer Wirklichkeit und dem Thorajudentum. An dem krassen Mißverhältnis der Welt der Wirklichkeit zur Welt der Thora büßte aber die Erziehung der Thora viel von ihrer Kraft ein. Denn keine Erziehung kann die beabsichtigte Wirkung erreichen, sobald ihr die Wirklichkeit entgegengesetzt ist. Der von dem Zeitgeist beeinflußte Thorajude — nur wenige hielten sich fern — trat nicht mehr, um innere Sammlung zu gewinnen, vor G'tt hin. Er empfand auch nicht mehr mit wachem Bewußtsein und frohem Dankgefühl die ununterbrochene Kette der Gaben eines jeden Tages als Spenden der Güte G'ttes. Durch seine Adern strömte nicht mehr die warme Glut der Telilloth, und er sagte die Berachoth nur gewohnheitsmäßig als Vorschrift. Ein Regenbogen erscheint, also muß. man eine Berachah sagen; man zieht ein neues Kleid an, als muß man G'tt mit einer Berachah danken; -— und so stets mit einem „Muß" wie bei Kindern, die den Zweck der Erziehung nicht begreifen. ' Die Anpassung auch aus ihren Reihen an die ,?M?^örau'ngen Tiat der Thorajudenheit" vielen Verlust gebracht.' Jedes Aufgeben ihres Gegensatzes in Denken und Tun zur Umwelt muß ihr stets zur Tragik werden. Nicht umsonst haben die großen Lehrer der Thora gemahnt, darauf bedacht zu sein, sich selbst im Nebensächlichsten — und sei es nur ein Schuhriemen — zu unterscheiden und zwar stets nach der Seite des Bescheidenen, Einfachen hin. Die Parole „Heilig sollt ihr sein!" soll den Lebenskreis des Thorajuden umgrenzen, soll ihn trennen von all dem Unheiligen außerhalb dieses seines ihm von G'tt bestimmten Lebenskreises. Ein Jahrhundert hindurch hatte eine Scheinemanzipation in Verbindung mit einer gewaltigen Hebung und Vervielfältigung . der materiellen Lebensmöglichkeiten der Bestimmung des Thorajuden eine schwere Prüfung bereitet. Die fetten Jahre sind heute vorüber, aber die Sehnsucht nach ihnen ist bei all den Oberflächlichen geblieben, die auch aus großen Ereignissen keine Lehre zu ziehen wußten. Erst mit dem Schwinden dieser Sehnsucht, erst mit der Erkenntnis der Nichtigkeit der früheren Bewertung der Lebenserfordernisse wird der Weg für das Erziehungswerk des Thorajttdentums wieder frei. Bemerkung zu Mischnat: Nasir IV, 6. Die Bestimmung, daß Verwandte berechtigt sind, ein vom Vater über seinen minderjährigen Sohn ausgesprochenes nvwa aufzuheben,"wird im TtöWi z,, St. motiviert: Nach '""> ist auch diese Bestimmung wie die des nvvuselbst nafcv nach gehört das nvwa» das der Vater dem Sohne auferlegt, zu iwn mxnn- Die Verwandten sind al,so nach VS berechtigt! in das Erziehungswerk' des Vaters ^einzugreifen, weil — siehe auch?zu Tfl»^ 'Ha&r 2%7^*Hiescs Erziehungsmittel dem Sohne unzuträglich ist und weil in allen solchen Fällen "b >a»Em kVt -pJ'n So. Verwandte Einspruch erhet»n können. — Vom pädagogischen Standpunkte könnte si«h die Bestimmung, daß „Hebe" Verwandte dem Vater in *»ine Erziehungsmethode dreinzureden haben, recht unliebsam», auswirken und die väterliche Autorität untergraben, wit es natürlich auch denkbar wäre, daß den zur Erziehung iKrer Kinder untauglichen Vätern das Erziehungsrecht entzogen werden kann und muß. — Die Verallgemeinerung von dem Falle des WTM zu "V 'ansm tt)n -Jim io läßt den Schluß ZU, daß noch andere Fälle im *rwaVn behandelt werden. Für diesbezügliches Quellenmaterial wäre ich dankbar. L. L. Wochenkalerider. Vom 26. Jan. bis 2. Febr. 1935 / Vom 22. — 29. Schebat 5695 vif 26 22 snpsaa Samstag no Sonntag 27 1 23 io Montag 28 24 TO Dienstag Jan. 29 oiv 25 no Mittwoch 30 26 OD Donnerstag 31 27 » Freitag Febr 1 28 K9 Samstag 2 29 M nn» ]Bj? TID3 OV Vinn panao o'oawn Mauled'.'Sonntag nachm. 5 Uhr 4'/n Min.'

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.